Review Der Weg Einer Freiheit – Innern

  • Label: Season Of Mist
  • Veröffentlicht: 2025
  • Spielart: Black Metal

Dass die Würzburger DER WEG EINER FREIHEIT zu den wohl bekanntesten deutschen Black-Metal-Bands zählen, darüber braucht man wohl nicht mehr zu debattieren. Waren ihre ersten beiden Alben noch in erster Linie vom schwedischen Black Metal der frühen Neunziger beeinflusst, verwob die Formation um Main-Man Nikita Kamprad in der Folge auch große Anteile aus dem Post-Rock-Genre sowie Sludge-, Doom- und Ambient-Einflüsse. Der daraus resultierende Sound kulminierte zuletzt 2021 in dem live im Studio eingespielten Album „Noktvrn“. Nun legen DER WEG EINER FREIHEIT dessen Nachfolger „Innern“ vor.

Auf „Noktvrn“ ließ sich die Formation von Komponisten wie CHOPIN und ARVO PÄRT beeinflussen. „Marter“, der Opener von „Innern“, lässt den Schluss zu, dass die klassische Musik bei DER WEG EINER FREIHEIT immer noch hoch im Kurs steht. Der Song startet mit einem Build-up aus Ambient und tief dröhnenden Bässen, der sich zu einer schier riesigen Klangwand auftürmt und erstmals in die tiefe Verzweiflung von „Innern“ blicken lässt. Die schweren Post-Rock-Melodielinien, hier im besten Sinne an HYPOMANIE erinnernd, sind unterlegt von rasantem Black Metal, der jedoch regelmäßig im Tempo variiert. So erschaffen DER WEG EINER FREIHEIT von Beginn an eine angenehme Wellendynamik.

Was „Innern“ sehr gut gelingt, ist, eine Art „Abstieg“ zu inszenieren – in das menschliche Selbst, in den Kreislauf von Auflösung und Erneuerung. Eine Nummer wie „Xibalba“ unterstreicht diesen Eindruck insofern, als sich der Weg destruktiver Raserei im besten Sinne mit leichtfüßigen Synthesizer-Arrangements verbindet und dadurch, gerade beim sehr verträumten Ende des Titels, eine fast transzendentale Stimmung erreicht. Wohingegen „Eos“ voller Wut und Eruptionen steckt. Während es zuerst die sanfte Schwermut von „Xibalba“ aufgreift, steigt es im Verlauf in einen abgründigen Strudel der Raserei hinab und kulminiert irgendwo an den Grenzen von „Finisterre“ und „Noktvrn“.

Die Stücke „Fragment“ und „Finisterre III“ wirken wie Gegensätze, sind aber im Sinne von Stimmung und Dramaturgie wichtige Bindeglieder zum Abschlusstitel. Ersterer Song tritt das Gaspedal in Sachen Geschwindigkeit bis zum Anschlag durch und formt über die Gitarrenarbeit eine beinahe undurchdringliche Soundwand, in die dennoch feine Melodielinien eingewoben sind, während „Finisterre III“ den Sturm auflöst und in ein tastengeführtes Stück übergeht, das klingt wie ein finsterer, entrückter Tagtraum von Thom Yorke.

Das abschließende „Forlorn“ ist nicht nur der einzige englischsprachige Titel auf „Innern“, sondern kann auch als musikalische Antithese zu beispielsweise „Marter“ verstanden werden. Die anfangs tragenden, beinahe indie-esken Gitarrenläufe werden im weiteren Verlauf von fast flehenden Vocals und Synthesizer-Arrangements ergänzt, die an „Stranger Things“ denken lassen. „Forlorn“ reminisziert „Innern“ und Umwelt – alles mit viel Melodie und einem angenehm rockigen Unterton. So ist der letzte Song des neuen Albums von DER WEG EINER FREIHEIT kein pathetisches Auf Wiedersehen, sondern vielmehr ein Schulterschlag, der sagt: „Until we meet again.“

DER WEG EINER FREIHEIT präsentieren mit „Innern“ die Schnittstelle zwischen „Finisterre“ und „Noktvrn“. Das Album bietet alles, worin die Band schon immer stark war. Allerdings kann man hier und da das Gefühl bekommen, dass zumindest für den Moment der experimentelle Mut der Vergangenheit gänzlich dem – ansonsten nach wie vor hohen – Genre-Standard weichen musste. Für den nächsten Longplayer der Band könnte daher ein großer Schritt in Richtung Innovation die Maßgabe sein. Schließlich braucht es im Zyklus von Zerfall und Erneuerung auch den Mut zum Neuen.

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Wertung: 8 / 10

Philipp Sorger

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2 Kommentare zu “Der Weg Einer Freiheit – Innern”

  1. Gefällt mir wieder deutlich besser als Noktvrn, insbesondere die erste Albumhälfte mit den 3 klassischeren Black-Metal-Tracks. Aber so ein bisschen vermisse ich ja mittlerweile schon die eingängigen ein- und zweistimmigen Melodien und Riffs im Stile der ersten 3 Alben + EP.
    Seit Finisterre treten die meinem Eindruck nach immer weiter in den Hintergrund zugunsten von eintönigem Atmo-/Post-Rock-Reverb-Geschraddel und mit den „experimentelleren“ Ausflügen (wie hier bei Forlorn) bin ich schon damals auf Noktvrn nicht so recht warm geworden. Aber hey, Meckern auf hohem Niveau, das is halt immer noch wirklich bombenstark und live hat das gestern in München auch super funktioniert. Allerdings habe ich halt auch dort gemerkt, dass mir die 3 alten gespielten Songs (Ruhe vom Debüt, Vergängnis von Unstille und Einkehr von Stellar) besser als das restliche Set gefallen haben.

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