CD-Review: The Hirsch Effekt - Holon : Agnosie

Besetzung

Nils Wittrock – Gesang, Gitarre
Ilja Lappin – Bass, Gesang
Moritz Schmidt – Schlagzeug

Tracklist

01. Simurgh
02. Jayus
03. Agnosie
04. [Chelicera]
05. Bezoar
06. Tombeau
07. Emphysema
08. [Defeatist]
09. Fixum
10. Athesie
11. [Tischje]
12. Dysgeusie
13. Cotard


(Progressive / Screamo / Punk / Pop) Leicht bekömmlich waren THE HIRSCH EFFEKT noch nie. Ihre Mischung aus Progressive Metal, Screamo, Punkrock, Metalcore, Mathcore und Indie-Pop (etliche andere Genreeinschübe beiseitegelassen) kombinierten sie auf ihren bisherigen beiden Alben mit intelligenten, bildhaften deutschsprachigen Texten und bauten ihre Veröffentlichung entlang stimmiger thematischer Konzepte packend auf. Mit „Holon : Agnosie“ steht nun das dritte Album in den Regalen, welches im Entstehungsprozess zunächst kein weiterer Teil der Holon-Reihe werden sollte, sich dann allerdings thematisch und motivisch doch noch als Abschluss der Trilogie herausstellte. Ohne eine durchgehende Geschichte zu erzählen, bleiben sich THE HIRSCH EFFEKT auch auf ihrem dritten Album treu und schaffen es, eine packende Atmosphäre zwischen Wahnsinn, Kontrollverlust und zerbrechlicher Schönheit zu kreieren.

„Simurgh“ eröffnet den Reigen mit ruhigen, sphärischen Tönen, Klargesang und atmosphärischen Bläsern noch sehr harmonisch, bereits das daran anschließende „Jayus“ ballert dafür ohne Rücksicht auf Verluste in bester Mathcoremanier mit manischen Gitarren, brutalen Riffs und rhythmisch verschobenen Elementen ungestüm aus den Boxen. Der Titeltrack schlägt daran anschließend in dieselbe Kerbe und wartet zusätzlich zum irren Gekreische von Nils Wittrock mit tiefen Growls auf – der unwiderstehlich melodische Refrain zeigt dabei ein weiteres Mal die Stärke von THE HIRSCH EFFEKT auf: Scheinbar unvereinbare Teile so zu einem Ganzen zu fügen, dass es wie aus einem Guss wirkt.
Auf Albumlänge lässt sich feststellen, dass die Hannoveraner auf „Holon : Agnosie“ wesentlich rabiater und wütender als bisher zu Werke gehen. So verwundert es auch nicht, dass sich die bisher härtesten THE-HIRSCH-EFFEKT-Songs auf dem Album finden, wobei besonders der nahezu an Grindcore/Powerviolence erinnernde Beginn in „Bezoar“ heraussticht, der durch sein elektronisches, disharmonisches Intro „Chelicera“ am stärksten an The Dillinger Escape Plan erinnert. Gleichzeitig findet sich das an Sometree angelehnte, ruhige und ganz zart elektronisch angehauchte „Tombeau“ auf diesem Album, während „Emphysema“ sich Elemente von At The Drive-In borgt und vollständig neu zusammensetzt.  Zwischendrin wird in „[Tischje]“ ein hasserfülltes „Halt einfach deine verfickte Fresse“ gezischt, im abschließenden „Cotard“ alle Tonarten härterer und emotionaler Musik einmal durchgespielt, um mit einem Rückgriff auf den Beginn des Albums wieder in die Wirklichkeit zurückzukehren. Mund abwischen, weitermachen.

Ob es daran liegt, dass die durchgehende Geschichte nicht vorhanden ist oder einige Momente nicht zu 100% funktionieren: „Holon : Agnosie“ erreicht um Nuancen nicht ganz die Stimmigkeit seiner Vorgänger. Das ändert aber nichts daran, dass THE HIRSCH EFFEKT auch mit ihrem dritten Album locker in der obersten Liga mitspielen und eine weitere großartige Scheibe veröffentlichen, die nicht weit vom Klassikerstatus entfernt ist und einige der stärksten Songs der Bandgeschichte aufweist. Der Abschluss der Holon-Trilogie ist definitiv ein Stück Musik, das jeder offene Fan härterer Musik besitzen sollte.

Bewertung: 9 / 10

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