CD-Review: The Hirsch Effekt - Eskapist

Besetzung

Nils Wittrock – Gesang, Gitarre
Ilja John Lappin – Gesang, Bass
Moritz Schmidt – Schlagzeug, Gesang

Tracklist

01. Lifnej
02. Xenophotopia
03. Natans
04. Coda
05. Berceuse
06. Tardigrada
07. Nocturne
08. Aldebaran
09. Inukshuk
10. Autio
11. Lysios
12. Acharej


(Progressive / Mathcore / Punk / Indie) Holon ist Vergangenheit: Nach drei Alben beenden THE HIRSCH EFFEKT ihre aus „Holon : Hiberno“, „Holon : Anamnesis“ und „Holon : Agnosie“ bestehende Trilogie. Ihr viertes Album trägt den Namen „Eskapist“ – und der Titel ist Programm: Unter der entsprechenden thematischen Klammer beleuchtet das Trio das Thema Flucht von unterschiedlichen Seiten. Dabei führen THE HIRSCH EFFEKT ihren Stil konsequent weiter und klingen doch anders als vorher. Ein Grund dafür liegt sicherlich darin, dass „Eskapist“ von allen Bandmitgliedern zu gleichen Teilen komponiert wurde, während früher Nils Wittrock für den musikalischen Löwenanteil verantwortlich zeichnete.

Nachdem auf den Vorgängern persönliche Texte dominiert haben, sind THE HIRSCH EFFEKT auf ihrem vierten Langspieler so politisch und sozialkritisch wie nie: In „Berceuse“ wird die Zunahme rechtspopulistischer Tendenzen kritisiert und „Natans“ behandelt gedanklich das Schicksal von Flüchtlingen. Auf „Aldebaran“ rechnet das Trio mit Reichsbürgern ab, während das Mammutstück „Lysios“ brutal mit den Folgen von Alkoholmissbrauch ins Gericht geht. All das wird in poetische Worte gepackt, die sich nicht beim ersten Hören entschlüsseln.

Auch wenn die Holon-Reihe sich nicht gerade durch gute Laune ausgezeichnet hat, macht sich die düstere Thematik auch musikalisch bemerkbar: Mit „Eskapist“ liefern THE HIRSCH EFFEKT ihr sperrigstes und musikalisch härtestes Album ab. Das bereits genannte „Aldebaran“ präsentiert sich als astreiner Metalcore-Song mit quietschenden Gitarren und massivem Geballer, während sich „Tardigrade“ mit reichlich Djent schmückt. Die brachiale Ausrichtung hat das Ruder auf „Eskapist“ fest im Griff, sodass mit einer Spielzeit von über einer Stunde an manchen Stellen regelrecht Überforderung eintritt.

 Selbstverständlich bedeutet das aber nicht, dass die drei Hannoveraner auf „Eskapist“ gänzlich auf ruhige Momente und das Spiel mit Dynamiken verzichten würden – ganz im Gegenteil. Bereits der Opener „Lifnej“ ist unverkennbar THE HIRSCH EFFEKT: Zwischen harmonischem Refrain, treibenden Punkrhythmen, Mathcore-Gitarren-Gefrickel, Riffgewittern und Gekreische ist immer noch Platz für sehnsüchtigen Gesang und Momente zum Durchschnaufen. Auf „Natans“ verneigen sich THE HIRSCH EFFEKT unüberhörbar vor den Indierockern Delbo, was die Gitarrenläufe, den Synthieeinsatz und die einfach klingenden, tatsächlich aber hochkomplexen Rhythmiken betrifft. Schade, dass das atmosphärische und nachdenklich Ende „Acharej“ nach bewegendem Auftakt ein wenig unspektakulär im Nichts verläuft.

 „Eskapist“ erschließt sich nicht beim ersten Durchgang und selbst beim zehnten Hören tun THE HIRSCH EFFEKT vieles dafür, sich nicht wohl mit ihrem vierten Album zu fühlen. Ein Grund dafür ist sicherlich der weitestgehende Verzicht auf Streicher und die eindeutige metallische Ausrichtung. Hartnäckigkeit wird allerdings belohnt: So vielschichtig – sowohl musikalisch als auch textlich – haben sich THE HIRSCH EFFEKT bisher noch nicht gezeigt. Ein weiteres fabelhaftes Album in der hochklassigen Diskografie der Band.

Bewertung: 9 / 10

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