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The Erkonauts – I Shall Forgive

Sybreed dürften manchem Metal-Fan noch ein Begriff sein. Nachdem die Band sich 2014 offiziell aufgelöst hatte, gründeten die verbliebenen Mitglieder neue Projekte, darunter die Industrial-Metal-Band Obsydians und die Progressive-Metal-Band THE ERKONAUTS. Während Ales Campanelli in letzterer die Rolle des Sängers und Bassisten und Kevin Choiral die des Schlagzeugers übernahm, wurde Samael– und Ex-Sybreed-Gitarrist Drop kein festes Mitglied der Band, produzierte aber deren Album. So auch „I Shall Forgive“, das nun gerade einmal ein Jahr nach dem Debüt „I Did Something Bad“ erscheint und das laut der Band in gerade einmal drei Monaten komplett komponiert wurde.

Wer deshalb nun aber halbgare Songs erwartet, der irrt: Das zweite Album der Schweizer ist ein derart kreatives und verspieltes Werk, dass man sich umgekehrt riesig freuen darf, endlich mal wieder etwas frischen musikalischen Wind abzubekommen. Als hätten Gojira während ihrer “The-Way-Of-All-Flesh”-Phase eine Abzweigung Richtung Boogie-Metal im Stile von Diablo Swing Orchestra und Trepaliums aktueller EP „Voodoo Moonshine“ genommen (abzüglich der Bläser), zocken sich die vier Musiker durch neun der groovigsten und fetzigsten Metal-Songs, die man dieses Jahr zu hören bekam.

Der Opener „Little Mary“ legt gleich rasant los und setzt damit den Startschuss für eine Reihe von unverschämt eingängigen Prog-Hymnen, die man in derartiger Professionalität zuletzt bei Mastodons „Emperor of Sand“ bestaunen konnte. Campanelli legt dabei eine vielseitige Gesangsperformance hin, die von Joe-Duplantier-Gebrülle über raue Lemmy-Vocals, sanften Sprechgesang so ziemlich alles Mögliche abdeckt. Dass er dabei eine fantastische Gesangslinie nach der anderen in den Ring wirft, ist eine der zahlreichen Stärken des Albums.

Den Höhepunkt erreicht das Album pünktlich zur Mitte, wenn THE ERKONAUTS mit „Chaos Never Fails To Appeal“ den wohl tanzbarsten Prog-Song 2017 präsentieren. Der im Shuffle-Rhythmus gehaltene Song groovt ebenso sehr, wie er sich im Gehörgang festsetzt. Doch auch wenn die anderen Stücke des Albums dessen Qualität nicht ganz erreichen und nicht jeder Song ein absoluter Überhit ist, stehen sie ihm nicht in Vielem nach. „Seven Macaw“ geht rhythmisch ähnlich vor, steigert sich aber gegen Ende immer weiter, während Choiral am Schlagzeug komplett ausrastet. Das seltsam betitelte „Globlebl“ klingt mit seiner thrashig-punkigen Herangehensweise ein wenig wie Motörhead, nimmt dann aber harmonisch düstere Wendungen, die eher an Enslaved erinnern. „The Groove Of The Sorry“ hingegen hat einen der besten Refrains des Albums zu bieten.

Obwohl „I Shall Forgive“ generell auf hohem Tempo gehalten ist, finden sich mit dem fantastischen, fast schon meditativen „The Snick“ und „Tales Of A Thousand Lives“ zwei gemäßigtere Songs auf dem Album. Letzteres ist mit seinen über acht Minuten Laufzeit leider aber etwas lang(atmig) geraten und demonstriert damit, dass sich ihre Entscheidung, sich ansonsten eher im Drei- bis Vier-Minuten-Bereich aufzuhalten, als sehr klug erweist. Mit Blastbeats, einigen Melodeath-Anleihen und einem Gastbeitrag von Mumakill-Sänger Tom Mumagrinder in „Sappy“ beendet das Quartett dann schließlich ihr Album noch mal mit einem riesengroßen Knall.

Mit THE ERKONAUTS haben die beiden ehemaligen Sybreed-Musiker Ales Campanelli und Kevin Choiral eine der vielversprechendsten Modern-Prog-Formationen seit langem gegründet. Dank ihrer vielseitigen, von Drop exzellent produzierten und vor Energie berstenden Musik dürften sich die vier Schweizer mit ihrem neuen Album „I Shall Forgive“ in die Herzen vieler Metal-Fans spielen. Was momentan noch ein absoluter Geheimtipp ist, wird hoffentlich bald den verdienten Weg auf die großen Metal-Bühnen weltweit finden.

Emerson, Lake & Palmer – Brain Salad Surgery

Von allen mehr oder weniger obskuren Progressive-Rock-Bands, die Anfang der Siebziger Erfolge feierten, waren EMERSON, LAKE & PALMER (kurz: ELP) vielleicht die bemerkenswerteste. Die von Keith Emerson (The Nice) und Greg Lake (King Crimson) gegründete Supergroup feierte in kürzester Zeit Erfolge, welche in diesem Sektor beispiellos waren und die sich schlussendlich wohl nur durch die innere Zerstrittenheit und die haarsträubende Gigantomanie der Band nicht mehr einstellten – die Touren in Kanada und den USA 1977 und 1978 bestritt man zum Teil mit 75 handverlesenen Orchestermusikern, eine Investition, die der Band etwa drei Millionen Dollar an Verlusten bescherte.
Dennoch: Diese Band füllte einst Hallen und Stadien. Aber eben mit Musik, die sich damals wie heute beim besten Willen nicht als angepasst bezeichnen lässt. „Brain Salad Surgery“ bringt vielleicht am treffendsten auf den Punkt, was ELP ausmachte, doch das musikgeschichtliche Phänomen des riesigen Erfolgs der Band und dieses Albums wird dadurch nur rätselhafter.

Gerade verglichen mit der groben Heavy-Metal-Schnittmenge, die man als Leser zurecht auf dieser Seite erwarten dürfte, fällt der Erstkontakt mit ELP wahrscheinlich doch eher irritierend aus: Gitarren gibt es auf diesem Album annähernd gar keine, stattdessen dominieren grelle, ausgeflippte Synthesizer- und Orgelsounds das Klangbild. Majestätisch bis pathetisch wirkt das im getragenen „Jerusalem“, schon in „Toccata“ wird man aber nicht nur einmal die Stirn runzeln müssen. Hierbei handelt es sich um eine (wie immer bei ELP sehr eigenwillige) Klassik-Adaption eines Satzes eines Klavierkonzertes von Alberto Ginastera – nichts für schwache Nerven. Hier kreischen die Tasteninstrumente an allen Ecken und Enden, von einprägsamen Melodien fehlt zumeist jede Spur und das Schlagzeug verstärkt diesen stressigen Eindruck durch hektische Rhythmen weiter. Geht es dann doch mal etwas melodiöser zu, bekommt man es immer noch mit aggressiv drängenden Riffs bei schnarrendem Bass zu tun, die auch keine Zeit zum Durchatmen lassen und ohnehin bald wieder von scheinbar unzusammenhängendem Sirenen-Geschwurbel abgelöst wird. Weit vom Drogenalbtraum ist die Gesamtstimmung dieser Nummer nicht mehr entfernt und man fragt sich doch, wie so ein Song nicht ein totaler kommerzieller Killer für ein Album sein konnte, ist die hier gebotene Musik doch selbst nach heutigen Maßstäben über alle Maßen extrem und avantgardistisch. Auch als Liebhaber des Experiments kapituliert man vor so einem Song, der in seinen verständlichsten Momenten an eine verspulte Version des Star Wars-Soundtracks erinnert.
Gemäßigter geht es da in „Still… You Turn Me On“ zu, einer typischen Rock-Ballade, in der man dann doch mal ein wenig Gitarrengezupfe zu hören bekommt. Trotz gefährlicher Nähe zum Kitsch kann Greg Lake hier doch demonstrieren, warum er in diesen Jahren ein gefragter Sänger war: Weniger der tatsächliche Stimmumfang als die helle Klangfarbe mit ihrer getragenen, leicht klagenden Note war es wohl, die den Mann zu einem der prägenden Frontmänner des Progressive Rock machte.
„Benny The Bouncer“ wirkt nach dem vorangegangenen Schmachtfetzen wiederum äußerst skurril: Was zur Hölle hat ein einfältig klingender Honkey-Tonk-Song mit comichaftem Text auf einem Album neben einer Hymne wie „Jerusalem“ und dem verqueren „Toccata“ zu suchen?

Nicht so wichtig, stellt man mit Beginn von „Karn Evil 9“ fest. Nicht nur, weil dieser Song mit seinen knapp 30 (von insgesamt 45 Minuten) mit Abstand den größten Teil des Albums ausmacht, sondern weil er auch zeigt, weswegen die Musik ELPs trotz aller Absurdität groß ist: In drei mehr oder minder unzusammenhängende „Impressions“ aufgeteilt, gibt es hier wirklich spektakuläres Songmaterial, gerade „1st Impression“ überzeugt mit beschwingter, energetischer Instrumentierung, die sich immer wieder zu einem Leitthema aufschaukelt, dessen euphorischer, überschwänglicher Charakter den Song auch heute noch zu einem der großen Momente zumindest der Siebziger macht – Positiv, charmant und stilvoll. Schon wieder etwas abgedrehter wirken die anderen beiden Impressions, der dramatische bis kriegerische Charakter lässt aber auch sie plausibler wirken als vieles andere auf dieser Platte. Hier spielen die Instrumente genial zusammen und Greg Lake kann sich auch als Sänger effektvoll in Szene setzen.

Auf „Brain Salad Surgery“ hat man also fünf grundsätzlich verschiedene Songs, die sich einer qualitativen Einstufung weitgehend entziehen. Ob das nun an der eher skizzenhaften Ausarbeitung („Jerusalem“, „Benny The Bouncer“), der Sperrigkeit („Toccata“) oder der Länge („Karn Evil 9“) liegt, die ganze Herangehensweise an die Musik ist hier so ungewöhnlich, dass es doch schwerfällt, sich vorzustellen, dass 1973 Zehntausende in die Plattenläden stürmten, um solch ein Monstrum von Album zu erwerben und es dann tagein tagaus anzuhören. Und irgendwie ist es doch passiert.

Was das alles für einen im Heavy Metal verwurzelten Hörer bedeutet, ist schwer zu beurteilen. Ich persönlich habe es geschafft, mich für ELP zu begeistern und inzwischen halte ich deren Alben für extrem lebendige Energiebündel, aber dafür musste ich doch ganz anders an die Musik herangehen, als ich an ein Metal-Album herangehe, wo ich ja weitgehend weiß, was kommt. „Brain Salad Surgery“ würde ich Hörern empfehlen, die das Gefühl haben, ihre Genres totgehört zu haben und sich nach einer neuen Hörerfahrung sehnen – denn diese bietet dieses Album auf jeden Fall. Entweder man wird von der seltsamen Faszination gepackt, die man kaum wirklich erklären kann, oder man versichert sich zumindest nachhaltig, dass es Musik gibt, mit der man definitiv nichts anfangen kann. Am bedenkenlosesten sollten wohl Leute zugreifen, die sich einfach nur mal darüber informieren wollen, wie skurril und extrem Musik in Zeiten Led Zeppelins und Deep Purples sein durfte und dabei trotzdem erfolgreich sein konnte. Den angenehmeren Einstieg findet man im ELP-Kosmos aber wohl mit „Trilogy“.

Bleeding

Nur zwei Jahre nach ihrem durchweg gelungenen Debüt „Behind Transparent Walls“ haben die deutschen Prog-Metaller von BLEEDING mit „Elementum“ ein erneut erstklassiges Album veröffentlicht, das gekonnt Härte, musikalische Komplexität und eine Prise Witz vereint. Wir sprachen mit Gitarrist Jörg von der Fecht über die neue CD, Trash-Filme und die Mini-Tour mit Psychotic Waltz.

 

Hallo und vielen Dank dafür, dass ihr euch für dieses Interview Zeit genommen habt. Wie geht es euch?
Moinsen Manuel! Alles schick so weit. Wir konnten unser neues Album endlich veröffentlichen, wir bekommen tolle Reviews, was will man mehr?

Ihr habt mit BLEEDING vor wenigen Tagen euer neues Album „Elementum“ veröffentlicht, das, wie mir scheint, in Songwriting und Produktion härter als der Vorgänger ausgefallen ist. Die Riffs wirken thrashiger, die Produktion rauer. Teilt ihr diesen Eindruck?
Eine ordentliche Thrashkante hatten wir ja vorher auch schon. Vielleicht rührt der Eindruck daher, dass das Songwriting mehr auf den Punkt kommt. Tatsächlich ist das auch ein Aspekt, auf den ich beim Songwriting geachtet habe. Auch wenn es so scheint, als ob in ein, zwei Songs alle Gäule mit uns durchgehen, hat das tatsächlich Methode.

Da ich gerade die Produktion angesprochen habe: Wo wurde „Elementum“ aufgenommen?
All across the world. Die moderne Technik machts möglich. Heiko hat bei sich zuhause aufgenommen, Theo (Andreas, unser Drummer) bei seinem Kumpel Koopie. Gesang und Gitarren haben wir bei mir zuhause aufgenommen.

Der Titel des neuen Albums „Elementum“ scheint einen Bezug zu dem kultigen Trash-Film „Roboter der Sterne“ zu haben, zumindest wird dies durch die kurze Audio-Sequenz zu Beginn des Titelstücks suggeriert. Welche Bedeutung hat der Titel – und wie seid ihr auf diesen Film gestoßen?
Diese Suggestion ist dann irreführend. Elementum hat tatsächlich keine besondere tiefschürfende Bedeutung, sorry. Es ist aber ein verdammt sexy aussehendes Wort. Iconic würde der Englisch Sprechende dazu sagen und damit prädestiniert für einen Albumtitel. Auf „Roboter der Sterne“ sind Marc und ich gestoßen, als wir uns mal wieder über miese Trashfilme ausgetauscht haben. Dass wir „Elementum“ damit einleiten, hat eigentlich mehr mit der Gesamtdramaturgie des Albums zu tun. An der Stelle musste einfach eine kleine Auflockerung her.

Beim Hören hatte ich den Eindruck, dass das Titelstück – ein Instrumentalstück – Elemente der Filmmusik von „Roboter der Sterne“ aufgreift und variiert. Täusche ich mich da?
Nein, auch hier muß ich reingrätschen. Sollte dem tatsächlich so sein, fordere ich hiermit den Videobeweis, weil siehe eine Frage vorher.

Wo wir gerade bei Filmen sind: Wenn ihr die Chance bekommen würdet, für einen Film eurer Wahl die Filmmusik zu schreiben, für welchen würdet ihr euch entscheiden – und warum?
Als Band BLEEDINGvvielleicht für ein psychotisches Roadmovie. Mit Aliens. Und Gemetzel. Psychotischen Aliens! Das spiegelt so ziemlich die Themen unserer Bandtreffen wieder (lacht). Ich persönlich habe in meinen wildesten Weltherrschaftsträumen tatsächlich schon des öfteren über Soundtracks nachgedacht. Das würde aber wahrscheinlich eher in Richtung SciFi gehen, weil ich auch ziemlich in elektronischer Musik verhaftet bin. SynthPop und EBM sind meine anderen Spielwiesen neben Metal und die bieten sich einfach perfekt für sowas an.

Die meisten eurer Songs weisen eine eher komplizierte Struktur auf, kombinieren verschiedene Tempi und eine Vielzahl an Riffs. Gab und gibt es eigentlich Momente, in denen ihr Songideen aufgeben müsst, weil sie euch entgleiten oder zu komplex werden?
Nee, bei uns wird ohne Rücksicht auf Verluste rausgehauen, was wir geil finden. Selbst wenn ich, wie eingangs erwähnt, auch ein Auge darauf habe, macht es keinen Sinn, dass wir uns in irgendeiner Art und Weise selbst beschränken. Aus den anfangs grenzwertigsten Ideen entwickeln sich mitunter richtig coole Sachen! Oder man hört es sich ein paar Wochen später wieder an, denkt OMG und schmeißt es in die Tonne. That’s it. Und das können wir uns auch leisten, weil wir Ideen ohne Ende haben.

Nahezu alle Songs auf „Elementum“ dauern – Standard in der Prog-Szene – fünf Minuten oder länger. Ist es schwieriger, einen guten kurzen Prog-Metal-Song zu schreiben?
Kommt auf die (persönliche) Definition von Prog an. Aber ‚historisch‘ gesehen bringt jeder Prog-Song nun mal ein gewisses Gewicht mit sich. Am besten Intro, zwei, drei Strophen, Refrains, Breaks, Soli, whatever. Wie soll man das in Pop-typischen drei Minuten unterbringen? Abgesehen davon sollte man sich nicht täuschen lassen, auch im Popbereich gibt es viele bekannte Songs, die locker fünf Minuten knacken. Aber es ist halt für ein anderes Publikum gedacht und oft auch für eine andere Distribution, soll heißen Radio. Da ist halt nichts mit fünf Minuten gespannt vor der Röhre hocken. Da ist schneller Konsum gefragt. Anyway; Notiz für mich selber: Drei Minuten Prog-Song schreiben (lacht).

In dem Song „Science And Sense“ lautet eine Zeile „Truth can not be found in books“ – als Textwissenschaftler interessiert mich hier natürlich, nach welcher Form von Wahrheit dieser Song fragt und sucht.
Das könnte Dir Haye wahrscheinlich besser beantworten. So wie ich es verstehe, ist es wohl ‚die‘ Wahrheit, also etwas Universelles. Die Zahl 42. Keine Ahnung. Ich denke, dass sich der Song aber eher auf die Suche bezieht, also dem ewigen Wissensdurst, der trotz aller erlangten Antworten und Wahrheiten eben nie endet, sodass sich kein Frieden einstellen kann. Daher wohl auch der Verweis zu Prometheus. Dem Titanen, nicht dem Film. Der ist aber geil! Hast Du gesehen?

Eines der atmosphärisch dichtesten Stücke auf „Elementum“ ist „Paranoia“. Was war der Anlass, einen Song zu diesem Thema zu schreiben – und wie weit hatte das Thema Auswirkungen auf die Musik?
Den Anlass kann Dir nur unser Chefparanoide selber erzählen. Einfluss auf die Musik hatte das nicht, weil die Musik bei uns immer zuerst entsteht. Und dann muss Haye leider immer sehen, wie er zurechtkommt. Eventuell wird sich das auf dem nächsten Album aber schon ändern, man weisset nicht.

Gerade im Bereich komplexerer Musik stößt man immer wieder auf Konzept-Alben, die versuchen, teils geradezu kosmologische Gedankengebäude auf CD zu bannen. Habt ihr selbst schon einmal mit der Idee gespielt, einer CD ein kohärentes Konzept zu unterlegen? Welche Themen kämen für euch infrage?
Ja, eventuell für das nächste Album. Was dieses Konzept alles umfasst, wissen wir noch nicht. Texte, Musik, Layout, keine Ahnung. Aber wir alle lieben natürlich Konzeptalben. Thema könnte alles mögliche sein, so lange es nicht total abgelutscht ist und uns in irgendeiner Weise anspricht. Nein, keine Irrenanstaltsgeschichten, keine Texte von Massenmördern, keine Schwertkämpfe mit Drachen. Laaaangweilig …

Seit einigen Jahren kann man eine neue Prog-Metal-Welle beobachten, hier und da konnten einzelne Akteure teils beachtliche Erfolge für sich verbuchen. Verfolgt ihr diesen Trend? Und wo würdet ihr euch darin verorten?
Dediziertes Verfolgen ist es wohl nicht, aber was man halt so mitbekommt. Uns selber zähle ich ehrlich gesagt nicht dazu, das wäre wohl doch etwas anmaßend. Aber es ist cool, dass nicht nur Stumpf Trumpf ist. Nur eine bunte Szene kann auf Dauer überleben.

Vor zwei Jahren habt ihr in unserem letzten Interview von euren Plänen gesprochen, für einen eurer Songs ein Musikvideo zu drehen. Was ist aus diesen Plänen geworden? Und gibt es Ansätze, es mit einem der Songs von „Elementum“ noch einmal zu versuchen?
Keine Kohle, kein Video. Ganz einfache Rechnung. Ansätze gibt es immer wieder mal, bisher ist es aber bei Americas funniest homevideos geblieben. Das ist auf jeden Fall ein Punkt, wo wir noch eine Schippe drauflegen müssen/könnten/sollten.

Ihr habt im Vorfeld der Veröffentlichung eures neuen Albums einige Konzerte mit Psychotic Waltz in Deutschland gespielt. Wie war das für euch? Ist da ein Traum in Erfüllung gegangen?
Definitiv! Ich hatte die Anfrage erst gar nicht verstanden. Wie jetzt, Psychotic Waltz??? Dann ratterten gleich die anfallenden Kosten und die Logistik vor unseren inneren Augen vorbei, aber so eine Gelegenheit darf man sich nicht entgehen lassen. Was willste denn später deinen Enkeln erzählen? Wir wären mal fast mit Psychotic Waltz getourt… Toll, Opa! Fuck, nein, wir SIND mit Psychotic Waltz auf einer Minitour gewesen und es war verdammt noch mal ein Highlight in unserer Bandhistorie und im persönlichen Bereich. So, wie wir sie vor Jahrzehnten als Fanboys kennengelernt haben, sind sie tatsächlich immer noch. Einfach coole, völlig normale Typen. Nach unseren Auftritten schnell die Sachen zusammengerödelt und dann wieder ab vor die Bühne, den Großmeistern bei der Arbeit zuschauen. Ein Traum! Jederzeit wieder!

Gibt es bereits konkretere Pläne für kleinere oder größere Touraktivitäten in den kommenden Monaten?
Nein, leider nicht. Es ist sauschwer mit so einer speziellen Mucke und mit unserem ‚Bekanntheitsgrad‘ einen Slot zu bekommen. Ein Gig im November hat sich leider zerschlagen. Im Dezember treten wir mit unseren Kumpels von Lanfear, Endseeker und einigen anderen Bands in unserer Heimat Stade auf. Das dürfte ein ziemliches Fest werden. Darüber hinaus sind noch zwei, drei Sachen angedacht, aber leider noch nichts Konkretes.

Wir sind am Ende unseres Interviews angekommen, das ich gerne mit dem obligatorischen Metal1-Brainstorming beschließen würde. Sagt uns einfach, was euch bei den zu Folgendem einfällt.
Lieblingsalbum 2017: Gibt es bis jetzt nicht. Für 2016 könnte ich Dir Fates Warning und Evergrey nennen, aber 2017… Nö.
Europa: Besuchen Sie Europa, so lange es noch steht?
BLEEDING in fünf Jahren (Wunschvorstellung): Zwei weitere Alben veröffentlicht, Musik als Vollzeitjob, eigenes Studio.
BLEEDING in fünf Jahren (realistische Einschätzung): Zwei weitere Alben veröffentlicht, Musik als Hobby, ein Gitarreninterface für 200€.
Paranoia: Angenehm.

Herzlichen Dank für das Interview.
Wir haben zu danken! Vielen Dank für die coolen Fragen! See you!

Van der Graaf Generator – The Least We Can Do Is Wave To Each Other

VAN DER GRAAF GENERATOR waren 1970 noch jung. Nach dem etwas unbeholfenen Debüt „The Aerosol Grey Machine“ gilt „The Least We Can Do Is Wave To Each Other“ als das Album, auf dem der markante Sound der Briten sich erstmals entfalten konnte. Was es dennoch von den Nachfolgern unterscheidet, ist der Umstand, dass hier zum letzten mal in der Karriere der Band ein Bassist zu hören war. Nicht zuletzt aber, weil Peter Hammill & Co. sich auf dieser Platte noch nicht derart waghalsig in Experimente stürzten wie später, dürfte sie die für Einsteiger angenehmste sein.

„Darkness (11/11)“ beginnt, als wäre es ein Heavy-Metal-Album, mit Windrauschen und undefinierbaren hintergründigen Klängen. Doch spätestens nach dem groovigen Bass-Einstieg, den Einsätzen psychedelischer Synthie-Sounds und des labilen, jazzigen Saxophons grenzt man sich dann auch schon wieder gründlich von allem ab, was dem Hörer bekannt vorkommen mag. Die bedeutungsschweren, unheilvollen Melodien im Kontrast zum rockigen Rhythmus schaffen eine Atmosphäre, welche gleichermaßen befremdet wie fasziniert. Der noch eher verhaltene Einsatz der verstörenden Komponenten sorgt dennoch dafür, dass das Songbild flüssig bleibt, VAN DER GRAAF GENERATOR agierten hier häufig noch vergleichsweise oberflächlich – dafür aber auch auf Anhieb einigermaßen verständlich. Dazu passt auch, dass Peter Hammill noch eher zurückhaltend singt, von den Großtaten einer Scheibe wie „Still Life“ sind hier zwar bereits Ansätze zu hören, doch hatte sich merklich weder die Stimme entsprechend entwickelt noch das zugehörige Selbstbewusstsein eingestellt. Dafür gibt es noch etwas mehr Gitarre – man merkt jedoch, warum Hammill damit nach diesem Album weitgehend Schluss machte, ein im Kontext dieser Band doch verzichtbares Element.
Clean und gemäßigt, das sind Stichworte, die wohl auf annähernd alles zutreffen, was auf „The Least We Can Do…“ zu finden ist. Man wäre fast geneigt, die Scheibe als eine leicht krude, vor allem aber poetische Mischung aus Hard Rock, Jazz und Prog zu bezeichnen, wären da nicht Songs wie „White Hammer“. Nachdem dieser wiederum sechs Minuten lyrisch geschwelgt ist, findet er sich, nachdem die Orgel, unversehens von den anderen Instrumenten alleingelassen, ebenfalls verstummt ist, plötzlich in einem Saxophon-Gewitter wieder, das sich vollkommen verstörend über einem walzenden Doom-Death-Metal-Riff entfaltet. Die freejazzigen, dröhnenden Bläser gegen die donnernde Kirchenorgel – ein Weltuntergangsszenario, wie man es von einer mit der Materie vertrauten Band kaum besser zu hören bekommen könnte; und das 1970!

Hin und wieder zeigen VAN DER GRAAF GENERATOR also doch Ausbrüche, die einen Teil der späteren Prachtentfaltung vorwegnehmen. Trotzdem traut sich die Band auf „The Least We Can Do…“ noch zu wenig zu, das ist alles ganz schön und nett anzuhören, aber der richtige atmosphärische Kick fehlt, dafür ist vieles zu beliebig und unkonzentriert. Da viele Neueinsteiger aber gerade die Unzugänglichkeit am Sound der Folgejahre bemängeln, ist der etwas selbstvergessene Charakter der Scheibe vielleicht zur Erschließung der Band dennoch wichtig. Und Fans kommen mit der Über-Ballade „Refugees“, „White Hammer“ und der abgedrehten Achterbahnfahrt „After The Flood“ ebenfalls auf ihre Kosten.

Kansas – Leftoverture Live & Beyond

„Good evening and welcome to KANSAS!“ – mit dieser Begrüßung beginnt seit 45 Jahren jede Show der amerikanischen Progrocker. Auch auf „Leftoverture Live & Beyond“ ist das nicht anders. Aber ist das wirklich noch KANSAS? Schließlich sind mit Phil Ehart und Richard Williams nur noch zwei Gründungsmitglieder mit dabei.

Fest steht: Kaum eine Prog-Band aus den Siebzigern hat sich so gut gehalten wie die Jungs aus Topeka. Die meisten gibt es nämlich schlichtweg nicht mehr. KANSAS hingegen touren seid jeher unermüdlich – vor allem in ihrem Heimatland – und haben sich damit jung gehalten. Nur mit der Arbeit im Studio wollte es nicht so recht hinhauen; bis letztes Jahr, als mit „The Prelude Implicit“ das erste Album nach 16 Jahren erschien. Zu verdanken hatten wir das vor allem den Neuen an Bord: Gitarrist Zak Rizvi, Keyboarder David Manion und Sänger Ronnie Platt.

Hört man „Leftoverture Live & Beyond“, wird schnell klar: Genau diese neuen Mitstreiter sind es, die KANSAS eine wahre Frischzellenkur verpasst haben. Die Band klingt wunderbar vital und knackig. Das fällt vor allem im Vergleich mit den letzten beiden Livealben „There’s Know Place Like Home“ (2009) und „Device – Voice – Drum“ (2003) auf. Die Amerikaner haben sich nicht nur personell verjüngt, der entscheidende Unterschied ist, dass KANSAS jetzt endlich wieder einen zweiten Gitarristen haben – so wie in den Anfangszeiten mit Kerry Livgren. An die hochenergetischen Tage von „Two For The Show“ (1978) kommen die Jungs natürlich nicht mehr ran, in den besten Momenten fehlt dazu aber nicht viel. Und das, obwohl drei der Herren schon 65 Jahre oder mehr auf der Uhr haben!

Den schwersten Job hat Ronnie Platt, schließlich muss er in die Fußstapfen von Steve Walsh treten. Doch er meistert die Herausforderung mit Bravour: Sein Gesang passt sehr gut zur Musik, und seine warme und weiche Stimme weckt Erinnerungen an längst vergangene Zeiten, als der blutjunge Walsh noch kristallklar singen konnte. Hut ab!

Schon in den ersten Sekunden von „Leftoverture Live & Beyond“ fällt der wunderbar dynamische und druckvolle Sound auf. Verantwortlich dafür ist einmal mehr Jeff Glixman, langjähriger Produzent der Band. Die Songauswahl ist natürlich über jeden Zweifel erhaben: „Leftoverture“ ist eine der besten KANSAS-Platten und wird hier in Gänze dargeboten, ergänzt durch Klassiker wie „Dust In The Wind“ und „Carry On My Wayward Son“. Mit „Rhythm In The Spirit“, „The Voyage Of Eight Eighteen“ und „Section 60“ gibt es darüber hinaus immerhin drei Songs der neuen CD zu hören. Statt der Kitschballade „Section 60“ hätte ich mir allerdings eher amtliche (Prog-)Rocker wie „Summer“ oder „Crowded Isolation“ gewünscht. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau!

Auf „Leftoverture Live & Beyond“ darf man zwei Stunden einer Band lauschen, die es geschafft hat, ihren Spirit und ihre Fingerfertigkeit über fast ein halbes Jahrhundert aufrecht zu erhalten. Das muss man erstmal schaffen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Jungs ihre im letzten Jahr abgesagte Europatour irgendwann doch noch nachholen. Damit es auch bei uns heißt: „Good evening and welcome to KANSAS!“

Adimiron – Et Liber Eris

In einer Zeit, in der es hip ist, den Metal frisch klingen zu lassen, könnte ADIMIRON eine große Zuhörerschaft erreichen, denn mit ihrer Vermischung trendiger Subgenres wie Metalcore, Prog und Djent pressen die Italiener Musik auf ihr Fünftwerk, die es einem schwer macht, dieser nicht weiter zuhören zu können.

Dies ist allerdings nicht einem markanten Stil zu verdanken, sondern eher den sich stellenweise anbiedernden Songs, die das Quartett auf „Et Liber Eris“ präsentiert. Sie gestalten sich als so harmlos, dass der Hörer keinen Schaden daran nimmt, den Italienern einfach weiter zu lauschen – im Hintergrund, beiläufig. ADIMIRON spielen kaum so, dass sie überraschen oder begeistern könnten, kaum eine Spannung oder eine kantige Ecke treten in einem der acht Songs auf. Wenn es zu einem Ausbruch kommt, steuern die Südeuropäer definitiv die Route gen Prog Metal an, verfahren sich dabei aber heillos. „As Long As It Takes“ zeigt eindrucksvoll, wie sehr sich ADIMIRON in Ideen verlieren und dadurch schnell ziellos wirken.

Wesentlich schlimmer wirken allerdings ein „The Coldwalker“ oder „The Unsaid“, die sich dem zuvor erwähnten Stilmittel der Anschmiegsamkeit bedienen, in dem die musikalisch unspektakulären Songs im Refrain mit geschmeidigen Melodien versehen werden. Kein Tiefgang wurde zuvor erschaffen, dem es gelingt, diese zu sehr gewollte Intensität zu rechtfertigen. Unabhängig davon, ob sich ADIMIRON entweder im Gerüst ihrer Songs verheddern oder dort mitreißend sein wollen, wo sie die Grundlage dazu nicht geschaffen haben, krankt „Et Liber Eris“ prinzipiell daran, dass es den Liedern an Motiven, an roten Fäden mangelt. Leiten sie oftmals stimmig in ihre Songs ein („The Sentinel“), schwächt die Spannungskurve schnell wieder ab, da ADIMIRON ihren Songs viel zu schnell die Kraft rauben.

Das Quartett lässt die Songs nicht reifen, gibt einzelnen Parts keinen Raum sich zu entfalten, sondern grätscht entweder vorschnell mit einem – in den meisten Fällen nicht sonderlich gut platzierten – Solo dazwischen oder lässt Sänger Sami vom Klargesang zum Growlen übergehen. Die Masche ist bereits nach dem ersten Song deutlich erkennbar.

Unharmonische Übergänge, wenig Spannung, Ziellosigkeit auf knapp 40 Minuten: ADIMIRON schaffen es mit „Et Liber Eris“ davon zu überzeugen, dass alle ihr Handwerk beherrschen, aber sie ihre Ideen in keinen bemerkenswerten Song unterbringen können. Die Tracks wirken eher zusammengewürfelt als stringent komponiert und dieses nicht recht Zusammen-passen-wollen eint die Songs darin, sich nicht voneinander abheben zu können.

Leprous

  • Englische Version

    Metal1.info does have several Leprous fans among their staff and of course we keep the tradition alive to report about them as often as possible. Thus we caught up with Einar Solberg before their gig in Cologne on October 30, 2017, to have a brief chat about the recent incidents.

     


    Your first full-lenght album from 2009, „Tall Poppy Syndrome“, has just been re-released. I believe I remember you once said, Leprous do not very much relate to the music anymore. So, why did you re-release it?
    Because I didn’t release it for me to listen to it. (laughs) There are people who like it. And who am I to tell them „You shouldn’t listen to it“, you know.

    But the fans also request the reissuance of „Silent waters“ and „Aeolia“, the first two demos. So, can we hope for that as well?
    None of them were ever intended to be officially released. They were just more home-made. But „Tall Poppy Syndrome“ was made to be our debut album, the first album with a label. So, even though I think the album was a very important step in our carrier, you are right that I don’t appreciate the music anymore. We started to make songs for „Tall poppy syndrome“ in 2007, that was 10 years ago. I was in my twenties and a lot of things have happened since then, with my personality and with who we are as a band. And that’s why we don’t really relate or to it anymore. I really think we hadn’t found our own thing yet, back then. I don’t mind that it’s out there, I just don’t want to play anything or at least very rarely anything from that album, because it doesn’t feel right.

    Is it a remastered version? Or is it the original?
    It’s the original, just as a digipak version. We just wanted to reprint it, because it was out of print. And a lot of people were asking for it. We were always intending to get it back, but our old record deal has exceeded. So it took us a while to get it back up for sale.

    Did you see that on Amazon the original some time ago was for sale for 200 EUR, one even for 600 EUR?
    Yeah, that’s 10 times more than I would pay for the album. (laughs) It always happens with stuff that is rare. These kinds of things will always be out of our control. People who have bought something, are allowed to sell it at whatever price they want. Even though I think it’s ridiculous, I think nothing can really be done about it. The weird thing is that people buy it for that price.

    Is there absolutely nothing new on TPS, like maybe something new in the booklet, a look back to the past or suchlike?
    No, not on this version. We don’t have any bonus songs or anything. We were looking for „What can we include here?“, but we were thinking „Let’s keep it like it was“, because we don’t really have anything to add. We didn’t want to remaster it, because honestly I don’t like how it sounds now, but I don’t think I would like it with a remastering either. So we kept it like it is, how people like it. Some people are really into that album and it’s better to keep it like they prefer it.

    How many copies have you produced now?
    500. So it’s very limited. It’s been produced by the band. You can buy it during this tour and on Omerch, for now. For the future, we’ll see. It’s a temporary thing at the moment. We’ll see if we do something more with it later.

    The setlist is constantly changing during this tour. You are driving your fans crazy with this. Whose idea was it?
    That was my idea. We have done the complete opposite in the past and it’s much safer and yes, the show is more bullet-proof. But it’s less magical in a way. When you dare to challenge yourself like that, I mean when I go on stage being a tiny bit nervous, that’s how you can create magic between you and the audience. When there’s excitement, when people really don’t know what we’re gonna do, it can go both ways: it can be a disappointment, but it can also be something good for people and for us as well. We prefer to try this way and to have a much more dynamic tour, a much more exciting tour. When we do it like that, the highs are higher and the lows are lower than before.

    So when did you decide about each setlist?
    Months ago actually.

    So all setlists are already fixed until the end of the tour?
    Yes. Sometimes during the tour we’re thinking „Okay, we can have a break from this song, it wasn’t that cool on the last show.“ Sometimes we cross out something. We can do that, but normally we don’t. Normally we stick to the setlist that we have created.

    Are the setlists repeating after a certain amount of gigs, or is every setlist new?
    Every setlist is new. But in every list there is „Bonneville“ and „Stuck“ in the beginning. Because we need something stable every night. Or else it’s going to be complete chaos. I remember in Helsinki when we were going on stage, I thought „Damn it, this is a super risky setlist“, because there were a bunch of songs that we either had never played live before, or we haven’t played them live in ages. But it went great, so it was a really, really special performance, even though it was a super unexpected setlist.

    But you rehearsed…
    Of course. But that’s another thing. To rehearse and to play live is a different thing. It’s a very different feeling. Once we start to play songs like „The flood“ and „The price“, then it’s like „Okay, let’s roll“. It’s easy because we have done it thousands of times. But when we do songs from „Malina“ (some of them we’re not playing every night) or if we play older songs that we haven’t really played before, then it’s different.

    Are you aware that some fans might be disappointed or think they have a disadvantage when their favorite song is not on the setlist of the gig they’re attending?
    Yeah, but that would be the same, if we had the same setlist every night. It’s just that then they wouldn’t know they had a disadvantage. That’s the only difference. Now they can be positively surprised. Yesterday, for example, was the first time that we played „Third law“, for example, and there was this one person saying „YESSS! This was the only song I was asking for!“ So we thought „Okay, cool.“ What I can see from reactions is that people are really excited about it, more than anything else. Actually I got the idea when I was at a RADIOHEAD show. I realized „Oh, they are having different setlists“ and I got really obsessed with it. I wondered if they played a song that I wanted to hear in another show. It was very exciting in a way to pay attention and I thought „Hm, this is something that we’re really missing“. We’re super predictable. And then I tried to convince the guys in the band for a while. Some were on the idea right away, others were more like „Ah, sounds like a lot of work“. Because, we don’t only play the songs, but also the lights are programmed to every song. We have 30 or 32 songs in rotation for the whole tour, and that’s 3 and a half hours music that we have programmed, we have programmed visuals, we have programmed lights, and I need to sit down for at least one and a half hour every day to program my keyboards, program effects, then I have to program the computer with a click track for each night, so it’s a lot of work. But it’s paying off.

    Raphael has joined the band as a guest musician on the Cello. Where do you know him from? Does he play only a few songs, or all evening long?
    He actually joins in quite a lot. He’s a pretty big part of the show. He is one of the greatest musicians I’ve ever played with, to be honest.

    Where does he come from? Should I have heard about him before?
    No. Because he’s pretty young, 25 or so. We met him by coincidence. They were local support for us in Canada. And I thought „Wow, this guy is amazing!“ I knew that I had written a lot of string arrangements for the new album „Malina“ and I knew that I need to hire a cellist or several people to play it. So I reached out to him right after the show and asked him if he wants to play on our new album, and he said yes. I asked him later if he wanted to join the tour and he said yes. He turned out to be one of the best musicians and nicest guys I’ve ever toured with. It’s a very lucky thing that we’ve found him.

    „The Last Milestone“ is on some of those setlists. I’ve read somewhere that you don’t want to talk about the song, as it’s too sad. But then you sing it every 4th or 5th night and go through the pain. How is this possible then?
    It’s much easier to go through emotions through music than through words, to my opinion. It’s definitely the hardest song to perform live for me, that’s why I don’t do it all that often. It’s super emotional for me. It doesn’t always work in the context, you know. Maybe some people are out there to have fun and they laugh and drink, then they are not in the same place as I am at that moment. So I want to be careful of where to put it. It’s definitely not there every night for that reason. I feel in a way very weird after performing the song, so that’s not a feeling that I want to have in the show every night. Still it’s a very strong emotional song for me personally, so I need to perform it also in a way.

    How’s the tour going so far?
    In general the tour is going fantastic in that sense that we are selling out venues, and there are so much more people than before. Today we have a capacity of 500, and it’s sold out a long time ago, so they could have definitely booked a bigger club. I think the shows in Germany we haven’t done that well before. But it changed with „Malina“. We feel a big difference now. Germany is suddenly the highest selling country for us, from being on the lowest selling. It took us a while, but now finally we’re there. Next time they’re probably putting us in a bigger venue.

    There were heavy storms in Germany in the last nights. I was worried if the tour bus comes through without Problems.
    We had some struggles. There was a bridge in Denmark that was closed, so they needed to take the ferry instead.

    The tour in general is very long. Aren’t you afraid to get exhausted?
    Yeah. So far, so good. But we’re pretty early in the tour. We’re a bit skeptical about the lack of off-days, to be honest. We wanted a day off each week. But it didn’t work out like that, because all the shows were already booked and we didn’t want to remove any shows either. So we thought „Let’s try and see if it works“.

    So you still enjoy?
    Of course. But I realized that Leprous need bigger stages than for instance the „Logo“ in Hamburg has. The stage there was not made for the production we have. The shape of it is very weird and there’s a pillar in the middle of the stage. So it was really hard to interact with the audience like we did on the other shows. So, Leprous work better on bigger stages like that. We don’t need massive stages, but bigger than „Logo“.

    How come that you offer VIP tickets now?
    That was something that we all discussed together. A lot of bands are doing that these days.

    So, the VIP tickets were not established as part of a plan to be able to live only from the music in general?
    The VIP tickets we did, because there has been a request. A lot of people asked for it. We never really did it before. But friends of us have done that and it worked out well for them before. Some people always want to have more than a regular ticket and we just wanted to provide that option for people.

    Will you anyway try to meet your fans outside of that? At the merch stand after the gig or suchlike?
    We do that, but not every day. Because I’m completely done after the gigs and I need to shower and everything. So, for the super patient people, yes, we’ll meet them. But it’s not that I run straight out to the fans. Even though we like to interact with the fans, it can be a bit overwhelming sometimes, if it’s too many people. It’s hard to get to speak to everyone. So, we need some time after the gig, at least I do. Baard is normally running straight out to the people, hahaha, because he has a different personality than me.

    You recently were live on Facebook with your fans and they could ask you questions for about one and a half hour. This was great fun for us to watch. I liked the relaxed atmosphere, your sense of humor and the good relation between your fans and you. How was it for you? Will you do that more often now?
    It was a lot of fun, actually. It was really funny. It’s funny to answer directly to the fans and completely unfiltered. We will probably do that again. Yeah. On the tour we didn’t really have time to do anything like that.

    Did you have time to visit some sights?
    No. Not at this tour, because of this setlist thing. It takes a lot of time to prepare. When I’m on tour, it’s mostly about the music for me. When I want to do tourism, then I go on a trip with my wife.

    On your new album „Malina“ you have written more lyrics than on the previous albums. When you sing a song live on stage, does it make a difference feelingwise, if you have written the lyrics or if Tor has written them?
    It depends. Some lyrics go deeper than others. I feel more emotional about some lyrics. On others it doesn’t really matter much if it’s me or Tor. It depends on how deep it goes. Not all lyrics are supposed to go very deep in the emotional register, and I don’t think it should be like that, because then everything becomes all of a sudden to heavy.

    Do you have a favorite from your own songs?
    You mean musically? Or lyrically?

    I mean the overall feeling.
    I think „Bonneville“ is my favorite actually from „Malina“, and maybe from all the songs, at the moment.

    Did you ever think about doing a cover version of any song from your befriended prog bands?
    I would never cover a prog song. If we were to cover something, that would probably be some other style. Because when things become too close to what you’re doing yourself, it’s not really an interest or challenge in doing that, in a way. I don’t really listen that much to prog myself. It’s the same like with the Agent Fresco guys. We were just put in that genre. I’m a huge fan of Radiohead or Massive Attack and stuff like that, just gloomy music. Music that is melancholic and pretty gloomy. I listen a lot to classical stuff and electronic.

    Have you ever considered to be all frontman live on stage? What I mean is: you could let someone else play the keyboards live on stage, then you could concentrate on singing and „performing“ when the music demands it. Or are you incomplete on stage without your keyboards?
    I AM all frontman! With the keyboards! For me it’s a good balance now. I would be really bored by only doing that. I wouldn’t feel that I was part of the band in the same way. I’m not really only like an instrumentalist for keyboards, for me it’s all about making soundscapes and I love to do that. But it needs to be the right kind of keyboards. I can do one or two full songs without playing keyboard, no problem, but in general I like to play, you know.

    Which songs from the current setlists are without you being on the keys?
    „The Last Milestone“. „Malina“ mostly, it’s the bass player who plays the keyboards there. Simen does a good job on the keyboards, he was learning it. Like for instance in „Malina“ as an example, I feel that I need to focus on the vocals.

    I have read that you made a crowdfunding campaign to be able to produce your live DVD „Live at Rockefeller Music Hall“. I was completely surprised to hear that. You collected money from your fans? Why did your label not pay for it?
    Firstly, it’s something that mostly WE wanted to do. And we asked the label if they thought that was a good idea, and they said „yes“, so we got some funds from the label as well, but that was nearly nothing. To do a live album businesswise is one of the most stupid things that you can do, because it’s twice as expensive as a regular album, but it sells much, much, much less. But we are so much a live band, and we wanted to do a manifestation of that, so we did that. We wanted to try that crowdfunding option once. It was a lot of work. It was nice, but don’t expect us to do a new one in the near future.

    Whose idea was it to bring both drummers on stage for that?
    I think it was my idea. The funny thing is, we announced a special guest, but at that moment we didn’t really have a special guest. So when we discussed about those „special guests“, we thought „Let’s ask Tobias“. We thought it would be nice to do something with him again. And of course Ihsahn, he’s the very obvious special guest.

    How long had they rehearsed the songs to be so synchronic?
    They didn’t have to rehearse very much. Because they are very good, both of them. They had a couple of rehearsals together.

    I read that you are a vegetarian and care for animal welfare. Have you ever considered to go a step further? Like to give your voice or your face for a campaign of any animal protection association?
    I could definitely do that under the right circumstances. But I don’t want to be moralizing either, you know. Sometimes some of these organizations can be too moralizing, which normally has the opposite effect on most people, feeling pushed. I could certainly do it under the right circumstances. But I don’t really long to be a public figure outside of the music. People only recognize me when I’m at Leprous shows. Outside of that I’m not recognized anywhere and that’s comfortable.

    I have collected a few questions from your fans. Some things that seemingly have remained unanswered in the past (or wasn’t fully answered to your fans‘ satisfaction). Here we go:

    What was the lyric you accidentally wrote in „Norwegian English“ and had to re-record? What’s the story behind that?
    That was „Stuck“. We knew that this was going to be one of the singles as well. But for instance we recorded „Only time will show“ instead of „Only time will tell“. Not a big mistake, but it’s a very typical direct Norwegian translation. I was so annoyed every time I heard it. There were a couple more things. So I flew to the studio. It was the shortest stay in the studio ever. I flew to Stockholm from Oslo, went straight to the studio, recorded for about 10 minutes, and then went back to Oslo again.

    Regarding future shows, will you strive to do more open air concerts and keep the indoor club scene available or are you moving away from it?
    I don’t think any band in the world is moving away from either of those things. That’s a weird question. All bands that I know, they do both. We’ll continue to do both.

    Maybe that fan is afraid that little club gigs like today will not take place anymore once you’re more famous…
    They will take place, but in bigger clubs, because it’s nicer. Then the show is going to sound and look better. It doesn’t need to be massive. I really like to play clubs, and I like to play open airs. I like the combination. I don’t like too small places, I have to be honest about that. It doesn’t work with the atmosphere and attitude that Leprous are creating. We’re not this intimate kind of band, you know. It works better for Agent Fresco. It works for them in both ways, on big stages and on small stages, and they interact with the fans. It’s a bit hard to describe it, but for us, we have a kind of distance from us to the audience. We don’t really interact that much. It’s more like a show. And that works so much better at the larger venues.

    As a vocalist, do you have any personal rules for maintaining your voice healthy? Any routines or habits in order to keep your singing sounding at its best?
    I’m warming up for quite a while before every show for half an hour or 40 minutes. That’s pretty much it. If my voice gets completely croaky, then I need to do more than that, like inhaling etc. etc. For now, it’s not perfect, but after warming up I can do the show properly so far.

    And at home, when there’s no Show?
    Then I definitely don’t warm up my voice, hahaha.

    I mean, do you practice singing every day?
    No, not really. Not anymore. Because we are rehearsing so much with the band. I’m spending so much time, making vocal lines and so on. Sometimes it’s nice for progression also to have a break. And then when you go back to it, you’re really into it.

    It seems that you have a Surprise Egg in store for us in the video for Illuminate. You filmed this in Romania. It’s „Hotel Mirage“ which you can see very shortly at minute 1:29. Is there a story behind it?

    That was a big coincidence. We were filming „Illuminate“ with Costin and then I saw in the background „Hotel Mirage“ and I just thought it was funny and somebody definitely is going to notice that, and we just did it for the fun of it, actually.

    I wonder if you have some music recommendations for us that have nothing to do with prog (or Radiohead or Massive Attack)?
    No. I don’t really have much time to check out new stuff anymore. I should definitely pay more attention than I do.

    Is there any question you would like to be asked but never have been yet?
    No. It’s not like me sitting at home, hoping for questions all the time.

    Done with the fans’ questions!

    Traditional metal1.info brainstorming time! What comes in your mind when hearing this?

    Wacken Open Air: leather waist coats and new Rock boots

    Fans with Leprous tattoos: dedication

    You favorite „Game Of Thrones“ character: I think actually Ramsey Bolton is the nicest character there, hahaha. No. Just kidding. I don’t have a favorite.

    Nordic Gods: totally uninterested

    True Norwegian Black Metal: Been there, done that!

     

  • Deutsche Version

    Gleich mehrere Metal1-Redakteure sind Fans von Leprous und wir haben die Band seit Jahren begleitet. So nutzten wir auch bei der aktuellen, sehr erfolgreichen Tour die Gelegenheit, uns vor der Show am 30.10.2017 in Köln Sänger, Songwriter und Keyboarder Einar Solberg zu schnappen, um ihn zur laufenden Tour und der Neuauflage des ersten Albums „Tall Poppy Syndrome“ zu befragen.

     


    Für euer 2009er Album „Tall Poppy Syndrome“ gibt es seit Tourbeginn eine Neuauflage. Wie kam es dazu? Ich dachte, ihr wärt rückblickend nicht mehr so begeistert von den Songs dieses Albums?
    Ich habe es ja nicht neu rausgebracht, um es selbst anzuhören (lacht). Aber es gibt Leute, die es mögen. Und wer bin ich denn, dass ich ihnen vorschreibe, was sie anhören sollten?

    Aber dann müsstet ihr auch die ersten beiden Promo-Alben neu rausbringen, denn das wünschen sich die Fans ja auch schon lange.
    Aber bei diesen zwei Alben war es nie angedacht, sie offiziell zu veröffentlichen. Wir haben sie privat zuhause produziert. „Tall Poppy Syndrome“ jedoch war unser offizielles Debüt-Album bei einer Plattenfirma. Es stimmt allerdings, dass ich die Musik nicht mehr wirklich mag, obwohl das Album ein wichtiger Schritt in unserer Karriere war. Wir haben die Songs hierfür 2007 komponiert, also vor zehn Jahren. Da war ich gerade mal 20+ und seitdem ist viel passiert, sowohl was meinen Charakter betrifft als auch, wohin wir uns als Band entwickelt haben. Somit fühlen wir uns dem Album nicht mehr so sehr verbunden. Damals hatten wir unseren Weg noch nicht richtig gefunden. Ich habe kein Problem damit, dass es das Album gibt, aber ich möchte live nichts mehr von dem Album spielen, weil es sich nicht richtig anfühlt.

    Wurde etwas remastered? Oder ist es 100%-ig wie das Original?
    Es ist genau wie das Original, nur in der Verpackung eines Digi-Paks. Wir wollten es neu rausbringen, weil es vergriffen war und eine Menge Leute danach gefragt haben. Aber unser Plattenvertrag war ausgelaufen. Es hat also eine Weile gedauert, bis wir die Sache in Angriff nehmen konnten.

    Hast du gesehen, dass das Album damals bei Amazon für 200 bzw. einmal sogar für 600 EUR angeboten wurde?
    Ja, und das ist zehnmal so viel, wie ich dafür bezahlen würde (lacht). Aber das passiert immer mit raren Veröffentlichungen. Das liegt einfach außerhalb unserer Kontrolle. Wer etwas gekauft hat, darf es zu jedem Preis weiterverkaufen. Das ist natürlich lächerlich, aber man kann nichts dagegen tun. Das Verrückte daran ist, dass es manche Leute zu diesem Preis kaufen.

    Ist auch am Booklet usw. nichts neu? Ein paar rückblickende Worte oder dergleichen?
    Nein, nicht in dieser Version. Es gibt keine Änderungen oder Bonus-Tracks. Wir hatten überlegt, was wir hinzufügen können, dann aber entschieden, es so zu lassen, wie es war. Und wir haben es deshalb nicht remastered, weil ich es sowohl in der originalen als auch in einer überarbeiteten Version nicht sonderlich mögen würde. Also haben wir es so gelassen, wie die Fans es offensichtlich mögen. Und manche sind echt verrückt nach dem Album.

    Wie viele Kopien habt ihr produziert?
    500. Es ist also sehr limitiert. Die Band hat es auf eigene Kosten produziert. Wir verkaufen es während der laufenden Tour und über den internationalen Vertrieb Omerch. Ob es in der Zukunft weitere Neuauflagen geben wird, werden wir später entscheiden.

    Während dieser Tour treibt ihr eure Fans fast in den Wahnsinn, weil bei jedem Gig die Setliste geändert wird. Jetzt hofft jeder Fan, dass sein Lieblingssong bei seinem Konzertbesuch auf der Setliste sein wird. Wer kam denn auf die Idee?
    Das war meine Idee. In der Vergangenheit war es genau anders, und mit immer der gleichen Setliste waren wir natürlich auf der sicheren Seite und uns konnte im Prinzip nichts passieren. Aber dadurch hat die Show auch an Magie verloren. Nun ist es so, dass wir uns einer Herausforderung stellen und sehr nervös die Bühne betreten, aber dadurch können wir eine ganz besondere Magie zwischen uns und unseren Fans erschaffen. Durch diese Aufregung und die Spannung der Zuschauer, was wir wohl spielen werden, kann natürlich beides passieren: Es könnte eine Enttäuschung werden, aber es kann auch großartig für uns und die Fans werden. Auf diese Weise werden sowohl die Höhepunkte als auch die Tiefpunkte intensiver.

    Wann wurde den die jeweilige Setliste beschlossen?
    Das ist schon Monate im Voraus passiert.

    Also stehen alle Setlisten bis zum Ende der Tour schon fest?
    Ja. Manchmal streichen wir den einen oder anderen Song während der Tour raus, weil wir denken, dass er nicht so cool rüberkam bei den letzten Gigs. Das steht uns also frei, aber wir greifen nur selten darauf zurück. Im Normalfall spielen wir die festgelegte Auswahl.

    Wiederholen sich die Setlisten nach einer gewissen Anzahl?
    Nein, jede ist einmalig. Aber einige Songs sind immer dabei, wie „Bonneville“ oder „Stuck“ als Eröffnungssongs. Denn etwas Beständiges braucht man schon, damit es nicht im Chaos endet. Ich erinnere mich, dass wir vor unserem Auftritt in Helsinki dachten, dass die Setliste verdammt riskant ist, denn einige Songs hatten wir noch nie oder sehr selten live gespielt. Aber es lief hervorragend und es war ein spezieller Auftritt mit einer sehr überraschenden Songauswahl.

    Aber geprobt habt ihr doch…
    Natürlich. Aber proben und live auftreten sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Auch das Gefühl dabei ist anders. Bei Songs wie „The Flood“ oder „The Price“ können wir es leicht durchziehen, weil wir sie schon viele Male live gespielt haben. Aber bei den Songs vom neuen Album „Malina“ oder ganz alten Songs ist wieder alles anders.

    Ist dir bewusst, dass einige Fans enttäuscht sein könnten und einen Nachteil für sich sehen, wenn ihre Lieblingssongs nicht bei ihrem persönlichen Konzert dabei sind?
    Ja, aber das wäre auch so, wenn sich die Setliste nie ändern würde. Dann würden sie es nur nicht wissen, dass sie einen Nachteil hatten. Aber nun können sie zumindest positiv überrascht werden. Eigentlich kam mir die Idee bei einem Konzert von Radiohead. Als ich erkannte, dass sie verschiedene Setlisten spielen, war ich sofort Feuer und Flamme dafür. Es war so aufregend und ich dachte mir, dass das bei LEPROUS tatsächlich fehlt. Wir waren immer so vorhersehbar. Also habe ich eine ganze Zeit lang in der Band Überzeugungsarbeit geleistet. Einige Musiker waren sofort dabei, andere wieder scheuten sich vor der vielen Arbeit. Denn es geht ja nicht nur um die Songs, sondern auch um das ganze Drumherum. So muss die Lichtshow für jeden Song anders programmiert werden, wir haben schließlich 30 oder 32 Tracks auf Rotation während der Tour, somit mussten wir dreieinhalb Stunden Musik programmieren. Wir mussten visuelle Effekte programmieren. Außerdem muss ich jeden Tag anderthalb Stunden damit verbringen, mein Keyboard zu programmieren, usw. Aber es zahlt sich aus.

    Ihr habt Gastmusiker Raphael Weinroth-Browne am Cello im Gepäck. Wie kam es dazu? Spielt er nur bei bestimmten Songs?
    Er kommt tatsächlich bei relativ vielen Songs zum Einsatz. Er ist einer der großartigsten Musiker, mit denen ich je live auftreten durfte. Wir haben ihn durch Zufall kennengelernt. Er war unser lokaler Support-Act während einer Show in Kanada und ich fand ihn sofort faszinierend. Und da ich für unser neues Album „Malina“ eh viele Streicherparts geschrieben hatte, schnappte ich ihn mir sofort nach der Show und fragte ihn, ob er auf unserem neuen Album spielen möchte. Er sagte zu, und so fragte ich ihn später auch noch, ob er bei der Tour dabei sein möchte. Auch da sagte er ja. Er ist einer der besten Musiker und freundlichsten Menschen, mit denen ich je auf Tour war. Wir hatten wirklich Glück, dass wir ihn getroffen haben.

    „The Last Milestone“ ist ab und an auf einer eurer Setlisten zu finden. Nun habe ich gelesen, dass du über den Song nicht sprechen magst, weil der Hintergrund zu traurig ist. Aber wie kommt es dann, dass du jeden vierten oder fünften Abend den Song live spielst und dabei ja auch durch die Traurigkeit hindurch musst?
    Es ist einfacher, sich mit den Emotionen auseinanderzusetzen, wenn es durch Musik geschieht. Durch Worte ist das viel schwerer. Es ist wirklich das Lied, was für mich am schwierigsten ist. Daher spiele ich es auch nicht oft live. Es ist unwahrscheinlich emotional. Leider passt es auch nicht immer in den Kontext, weil manche Leute bei unseren Auftritten sind, um Spaß zu haben und zu trinken. Dann bewegen wir uns auf völlig verschiedenen Ebenen. Daher bin ich vorsichtig damit, wann und wo ich es spiele. Ich fühle mich danach auch immer eigenartig, und dieses Gefühl möchte ich nicht so oft haben.

    Wie läuft die Tour denn ansonsten?
    Es läuft hervorragend, denn wir sind fast immer ausverkauft und es kommen viel mehr Leute als bei den letzten Touren. Aber früher lief es in Deutschland auch nicht so gut. Das hat sich seit „Malina“ geändert, wir nehmen einen großen Unterschied wahr. Auf einmal ist Deutschland das Land, in dem wir am meisten verkaufen. Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt sind wir an dem Punkt. Und bei der nächsten Tour wird man uns hoffentlich in größeren Locations spielen lassen. Auch heute in Köln war es schon seit langem ausverkauft und man hätte eigentlich in eine größere Halle umbuchen können.

    Die Tour ist ja auch unglaublich lang. Hast du keine Angst vor Erschöpfung?
    Bisher läuft es gut, aber wir sind ja auch erst im ersten Drittel der Tour. Wir machen uns Sorgen, weil wir keinen einzigen freien Tag haben. Eigentlich hatten wir uns gewünscht, jede Woche einen freien Tag zu haben. Aber dann sagte man uns, dass schon alles gebucht ist, und wir wollten dann auch keine Shows absagen. Also versuchen wir es jetzt nach dem Motto „Mal sehen, wie weit wir damit kommen“.

    Also macht es Spaß?
    Natürlich. Aber ich habe auch erkannt, dass wir für die ganz kleinen Bühnen nicht gemacht sind. Gestern zum Beispiel waren wir im „Logo“ in Hamburg und die Bühne dort war für unsere Show überhaupt nicht geeignet. Die Bühne war eng und es gibt Pfeiler mitten auf der Bühne. Wir konnten daher nicht in gewohntem Maße mit dem Publikum interagieren. Wir brauchen nicht unbedingt riesig große Bühnen, aber etwas mehr als beim „Logo“ in Hamburg darf es schon sein.

    Ihr bietet ja nun VIP-Tickets an (diese beinhalten ein Meet & Greet, dass man den Soundcheck anschauen darf und evtl. noch eine Überraschung wie ein T-Shirt).
    Ja. Das haben wir alle zusammen beschlossen. Viele andere Bands machen das ja auch.

    Aber versucht ihr trotzdem, den anderen Fans ebenfalls die Chance zu geben, euch persönlich zu treffen?
    Das versuchen wir, aber nicht jeden Tag. Denn nach den Auftritten bin ich fix und fertig und muss erst mal duschen und ausruhen. Also gilt, dass man sehr geduldig sein muss, um uns zu treffen. Aber ich persönlich renne nicht direkt nach dem Gig zu den Fans raus. Obwohl wir es mögen, Kontakt zu unseren Fans zu haben, kann es auch zu überwältigend sein, wenn du verstehst, was ich meine. Wenn da zu viele Leute sind, ist es schwierig, mit jedem zu reden. Ich persönlich brauche also nach dem Auftritt immer erst mal etwas Zeit. Baard (Schlagzeuger, Anm. der Red.) ist da anders, der rennt direkt zu den Fans raus (lacht).

    Ihr wart letztens live auf Facebook für anderthalb Stunden und die Fans konnten euch Fragen stellen. Das war ziemlich amüsant anzuschauen. Wie war es für euch? Werdet ihr das jetzt öfter machen?
    Das war tatsächlich lustig. Es macht Spaß, den Fans direkt zu antworten, ungefiltert quasi. Wir machen das bestimmt noch mal. Jetzt auf Tour hatten wir aber keine Zeit dafür.

    Hattest du Zeit, ein paar Sehenswürdigkeiten anzuschauen?
    Nein. Das liegt auch an den langen Vorbereitungen wegen der Setlisten. Wenn ich auf Tour bin, konzentriere ich mich auf die Musik.

    Für „Malina“ hast du mehr Songtexte geschrieben als für die vorherigen Alben. Macht es vom Gefühl her einen Unterschied für dich beim Auftritt, ob du die Lyrics geschrieben hast oder Tor (Gitarrist, Anm. der Red.)?
    Das kommt darauf an! Einige Texte sind berührender als andere. Manche Lyrics sind emotionaler für mich als andere. Bei anderen Songs wiederum ist es egal, wer sie geschrieben hat, weil die Texte nicht dazu gedacht waren, einen tieferen Sinn zu ergeben. Und ich denke, das ist auch gut so, denn sonst würde alles zu schwermütig werden.

    Welches ist dein Lieblingssong von euren eigenen Liedern?
    Ich denke, „Bonneville“ ist mein Favorit von „Malina“, vielleicht sogar von allen Alben. Zur Zeit zumindest.

    Habt ihr schon mal darüber nachgedacht, einen Song einer eurer befreundeten Prog-Bands zu covern?
    Ich würde niemals einen Prog-Song covern. Wenn, dann würde ich einen komplett anderen Stil wählen. Denn wenn man sich etwas aussucht, was dem zu nahe kommt, was man selbst macht, dann stellt es keine Herausforderung mehr dar. Außerdem höre ich selbst privat gar nicht wirklich Prog. Ich glaube, Agent Fresco (Co-Headliner derselben Tour, Anm. der Red.) haben das gleiche Problem. Sie wurden einfach in dieses Genre reinkategorisiert. Ich bin ein großer Fan von Radiohead und Massive Attack und dergleichen. Ich mag Musik, die melancholisch und sehr düster ist. Des Weiteren höre ich gerne klassische Musik und elektronische Musik.

    Hast du es schon mal in Erwägung gezogen, das Keyboard jemand anderem zu überlassen und ganz Frontmann zu sein? Oder fühlst du dich unvollständig ohne dein Keyboard?
    Ich BIN ganz Frontmann! Frontmann mit Keyboards! Für mich fühlt es sich ausgeglichen an. Für mich wäre es zu wenig, nur zu singen. Es gäbe mir das Gefühl, zu wenig zur Band beizutragen. Es geht auch nicht einfach darum, das Keyboard zu bedienen, sondern ich erschaffe Klanglandschaften und ich liebe das. Natürlich braucht man das richtige Instrument dafür. Ich kann natürlich ein oder zwei Songs ohne Keyboard performen, „The Last Milestone“ und „Malina“ z.B., bei denen ich mich auf die Lyrics konzentrieren muss, aber im Allgemeinen fühle ich mich am Keyboard wohl.

    Ihr habt eure Live-DVD „Live at Rockefeller Music Hall“ über eine Crowdfunding-Kampagne finanziert. Mich hat es überrascht, dass ihr Geld von euren Fans gesammelt habt. Warum hat euer Label nicht dafür bezahlt?
    Zuallererst darum, weil das etwas war, was WIR unbedingt realisieren wollten. Wir haben die Plattenfirma natürlich gefragt, ob sie das für eine gute Idee halten, was sie taten, und sie haben etwas beigesteuert, aber das war nicht viel. Aus Sicht eines Geschäftsmannes ist es die dümmste Idee, die man haben kann, ein Live-Album zu machen, denn es ist in den Produktionskosten doppelt so teuer wie ein normales Album, aber es verkauft sich viel, viel schlechter. Aber da wir uns als Live-Band fühlen, wollten wir das festhalten, also haben wir es selbst in die Hand genommen. Wir hatten natürlich verschiedene Optionen, aber wir wollten das mit dem Crowdfunding mal versuchen. Es war eine Menge Arbeit. Aber des Ergebnis ist toll. Aber erwartet bitte nicht, dass wir das bald wieder machen!

    Wie kam es dazu, dass bei diesem Gig beide Schlagzeuger (Ex- und aktueller) auf der Bühne zusammen spielten?
    Das war meine Idee. Das Lustige ist, wir hatten Gastmusiker angekündigt, obwohl wir eigentlich keine hatten. Als wir das Thema dann diskutierten, beschlossen wir, Tobias (Ex-Drummer) zu fragen. Wir stellten es uns cool vor, mal wieder was mit ihm zu machen. Und natürlich war da noch Ihsahn, unser immerwährender „Special-Guest“!

    Wie lange haben die beiden zusammen geprobt für diese Show?
    Sie mussten gar nicht viel proben, weil sie beide unglaublich gut sind. Sie hatten nur ein paar Proben zusammen.

    Du bist ja Vegetarier und Tierfreund. Hast du schon mal in Betracht gezogen, deinen guten Namen oder dein Gesicht für eine Kampagne eines Tierschutzvereins herzugeben?
    Das könnte ich tatsächlich machen, aber dann müssten die Umstände stimmen. Denn ich möchte auch nicht den Moralapostel spielen. Manche dieser Organisationen können nämlich zu sehr die Moralkeule schwingen, was dann oft den gegenteiligen Effekt hat, dann fühlen sich die Leute genötigt. Aber unter gewissen Umständen könnte ich es mir vorstellen, wenngleich ich es genieße, außerhalb von Leprous nicht erkannt zu werden.

    Ich habe ein paar Fragen von euren Fans gesammelt. Los geht’s:

    Es gab mal eine Art Lyric-Schlamassel. Ihr habt etwas in „Norwegischem Englisch“ aufgenommen und musstet es dann neu aufnehmen. Was war da los?
    Ja, das war „Stuck“. Wir hatten ihn aufgenommen und wussten, dass er unter den ersten Single-Auskopplungen sein würde. Aber wir haben einiges falsch aufgenommen, z.B. „Only time will show“ anstelle von „Only time will tell“, ein typischer Übersetzungsfehler aus dem Norwegischen. Nichts Tragisches, aber es hat mich jedes Mal aufgeregt, wenn ich es gehört habe. Also bin ich noch mal ins Studio geflogen, was der kürzeste Studioaufenthalt überhaupt für mich war. Ich flog von Oslo nach Stockholm, bin direkt ins Studio, habe 10 Minuten lang aufgenommen und bin zurück nach Oslo geflogen.

    Werdet ihr euch in Zukunft mehr auf Open-Air-Shows konzentrieren statt auf Club-Gigs?
    Wir werden weiterhin beides machen. Alle Bands, die ich kenne, machen beides. Die Club-Gigs werden vorzugsweise in größeren Locations stattfinden. Auf größeren Bühnen wirkt unsere Show besser. Es ist schwer zu beschreiben, wir wahren eine gewisse Distanz zu unseren Fans. Wir interagieren nicht so direkt und nah mit unseren Fans, sondern wollen eine Show bieten.

    Wie hältst du als Sänger deine Stimme fit? Irgendwelche täglichen Rituale?
    Ich wärme meine Stimme vor den Auftritten für 30 oder 40 Minuten auf. Mehr eigentlich nicht. Wenn ich total heiser bin, muss ich mehr machen, wie inhalieren.

    Übst du zuhause täglich?
    Nein, nicht wirklich. Nicht mehr. Denn wir proben schon so oft mit der Band und ich investiere dort viel Zeit. Manchmal ist es sogar gut, mal eine Pause zu machen, um danach wieder voll bei der Sache zu sein und sich weiterentwickeln zu können.

    Wir danken für das Interview. Hier noch das traditionelle Metal1-Brainstorming. Was kommt dir in den Sinn, wenn du diese Begriffe hörst?

    Wacken Open Air: Lederjacken und neue Stiefel
    Fans mit Leprous-Tätowierung: Hingabe
    Dein Lieblings-Charakter aus „Game Of Thrones“: Ich denke , dass Ramsey Bolton der liebenswerteste Charakter ist (lacht). Nein, ich mache nur Spaß, ich habe keinen Favoriten.
    Nordische Götter: kein Interesse
    True Norwegian Black Metal: Ich war dabei!

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Fotos von: Uta A.

Leprous w/ Agent Fresco, AlithiA, Astrosaur


Am 30. Oktober 2017 versammeln sich im kleinen, aber geschichtsträchtigen Club „Luxor“ in Köln ca. 500 Prog-Liebhaber, um dem Tourpackage der Norweger von LEPROUS, der Isländer von AGENT FRESCO und den beiden Support-Acts ASTROSAUR und ALITHIA die Ehre zu geben.

Der Club kommt hierbei an die Grenzen seines Fassungsvermögens, denn der Gig ist seit langem komplett ausverkauft. Zwar hat der Club ein gemütliches Ambiente, aber für viele der ca. 500 Anwesenden ist es doch eher unangenehm, nicht einen Zentimeter ohne Drängelei voranzukommen. Als „Entschädigung“ parkt der Tourbus direkt vor dem Haupteingang des Clubs, so dass der eine oder andere Fan leicht mal ein Mitglied seiner Lieblingsband abpassen kann, um nach Autogrammen zu fragen.

Nach 19 Uhr betreten die Opener ASTROSAUR die Bühne. In blaues Licht getaucht und nur zu dritt schinden die Jungs mit ihrem melodischen Instrumentalrock gut Eindruck und liefern einige melodische Riffgewitter ab, so dass man auch als Nicht-Fan dieser Stilrichtung abwechslungsreich unterhalten wird. Die Herren aus Oslo bewerben mit diesem Gig vor allem ihr neues Album „Fade In // Space Out“ und können nicht unerheblichen Applaus einsacken.

Die selbsternannte „Astral space core“-Band ALITHIA aus Australien experimentiert stilistisch in viele Richtungen. Bekannt für viele Gastmusiker in der Vergangenheit, muss die Band auch bei dieser Tour improvisieren, da Sänger John krank ist. Somit übernimmt Marjana Semkina, Frontfrau der russischen Prog-Band IAMTHEMORNING, den Gesang. Nach einem langen Intro betritt sie die Bühne und hat durch ihren Charme und ihr Selbstbewusstsein sofort die anwesenden Besucher auf ihrer Seite. Hingebungsvoll und verträumt schmettert sie im Takt wiegend die psychodelischen Hymnen der Band in die bereits prall gefüllte Halle. Sofern sie gerade mal länger keinen Vocal-Part hat, sitzt sie am Bühnenrand und schaut sich zusammen mit den Fans die Band an, während die Jungs ihre Instrumente bearbeiten, um ihren abgespacten Sound bestmöglich rüberzubringen.

Alles in allem kommen sie gut an und spätestens jetzt dürfte jedem, der nicht alle Bands auf der Liste kannte, klar sein, dass es in diesem Billing keine Lückenfüller gibt, sondern dass man auf Qualität bei der Tourbesetzung geachtet hat. Und nicht nur wegen ALITHIA gilt, dass es schade ist, dass nur so kleine Clubs für die Tour gebucht wurden.

Als AGENT FRESCO als Co-Headliner die Bühne betreten, gibt es im Publikum kein Halten mehr. Ich möchte anmerken, dass die Isländer eine absolute Live-Band sind. Die Band sprüht nur so vor Energie und Hingabe und es ist ein Leichtes für Sie, die Herzen der Anwesenden im Sturm zu erobern. Einige Fans in den ersten Reihen singen von der ersten bis zur letzten Zeile die Texte von Songs wie „Dark Water“ oder „See Hell“ mit.  Frontmann Arnór Dan Arnarson kann von sanften, hohen, klaren Tönen bis hin zu enthusiastisch gekreischter Heavyness alles bieten. Zusätzlich interagiert er gerne und oft mit den Fans. Er scherzt viel, erzählt aber auch sehr Berührendes aus seinem Leben. So ist sein Vater an Krebs gestorben und ihm wird dann auch ein sehr emotionaler Song gewidmet.

Sehr zur Freude der Fans wird auch ein neuer Song gesungen, der noch keinen Titel hat. Arnórs einnehmendes Wesen zeigt sich erneut gegen Ende des Gigs, als er mal eben einfach so in die Fanmenge springt und dort weitersingt. AGENT FRESCO beeindrucken an diesem Abend so ziemlich jeden Anwesenden und stehen nach dem Gig auch am Bühnenrand ihren Fans für Umarmungen, Fotos und dergleichen zur Verfügung.

Noch vor 22 Uhr ist es endlich soweit. LEPROUS aus Norwegen, die gerne mal als Prog-Rocker gelabelt werden, aber eigentlich universell schöne Musik machen, kündigen sich durch das Verdunkeln der Bühne an. Doch zuerst betritt Gastmusiker und Cellist Raphael Weinroth-Browne die Bühne. Er spielt sich allein auf der Bühne kurz warm, aber die anwesenden Besucher belohnen jedes seiner kurzen Eskapaden bereits mit frenetischem Applaus.

LEPROUS treiben ihre Fans während dieser Tour schier in den Wahnsinn treiben, weil sie während der ganzen Tour für wirklich jeden Auftritt die Setliste ändern. Nachdem Raphael quasi inoffiziell eröffnet hatte, betreten auch die anderen Gentlemen von LEPROUS die Bühne zu „Bonneville“, einem der abwechslungsreichsten, melodischsten Songs des neuen Albums. Der Sound im Club ist sehr gut und die Lichtshow unterstreicht das Erscheinen der Band im gepflegten Stil mit Hemd und Weste, während im Hintergrund Bildschirme mit Videosequenzen für einen zusätzlichen surrealen Showeffekt sorgen.

Frontmann Einar Solberg legt viel Gefühl in die Performance des Songs und lässt die Fans genießen, bevor es mit „Stuck“ etwas grooviger wird. Im weiteren Verlauf des Gigs folgen Lieder, die zum Teil sicher schwer zu singen sind, aber dafür im Endeffekt umso mehr einen Hörgenuss darstellen, zumal Einar es schafft, trotz schon strapazierter Stimme die hohen Tonlagen satt auszusingen, so dass die Gänsehaut vorprogrammiert ist. „The flood“ sorgt für brachiale Gefühlsausbrüche, gefolgt vom nicht minder komplexen „The price“, bevor es mit „Illuminate“ wieder etwas lockerer wird. Doch die Leichtigkeit wird nur angetäuscht, denn es folgt eine ganze Reihe tiefgehender, zum Teil melancholischer Stücke, die sich wuchtig aufs Herz legen, nämlich „Leashes“, „Restless“, „Red“ und das von vielen Fans heißersehnte „Salt“. Doch damit nicht genug. Der nicht minder berührende Titelsong „Malina“ folgt direkt im Anschluss und man sieht Sänger und Keyboarder Einar bereits an, wie anstrengend dieser Parkour war.

Die Musiker haben einige Gimmicks eingebaut, wie zum Beispiel, dass Bassist Simen das Keyboard an Einars Stelle für einen Song übernimmt, so dass dieser sich ganz dem Gesang widmen kann. Oft und gerne flippen die Musiker zu einigen der schnelleren Songs aus und reißen ihre Fans emotional mit.


Der nachfolgende Titel „The weight of desaster“ ist mit seiner etwas leichter verdaulichen Art fast eine „Erlösung“ von dem vorangegangenen Marathon emotionaler Songschwergewichte, die quasi Arbeit beim Zuhören darstellten, aber gleichermaßen ein unfassbares Erlebnis von vertonter Hingabe und Herzschmerz.

Das mitreißende „From the flame“ darf natürlich nicht fehlen, bevor mit „Mirage“ als Rausschmeißer noch ein letztes Mal ein Lied zum Tragen kommt, welches die hohe Qualität der Band widerspiegelt, sowohl was bestes Songwriting, tiefgehende Texte, emotionale Hingabe der Musiker auf der Bühne als auch durchdachte Showeffekte und gesangliche Höchstleistung betrifft. Damit verabschieden sich LEPROUS und hinterlassen zufriedene Fans, die für die ca. 25 EUR Ticketpreis wirklich mehr als gut bedient wurden.

Setlist LEPROUS

  1. Bonneville
  2. Stuck
  3. The flood
  4. The price
  5. Illuminate
  6. Leashes
  7. Restless
  8. Red
  9. Salt
  10. Malina
  11. The weight of desaster
  12. From the flame
  13. Mirage


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Fotos von: Uta A.