Archives

Motorowl – Atlas

Mit ihrem Debüt „Om Generator“ gelang den Newcomern von MOTOROWL ein echter Überraschungserfolg. Der Erstling des Quartetts strotze nur so vor Spielfreude, psychedelischen Elementen, Doom und einer ordentlichen Portion Rock. Seit dem Release ihres Erstlings sind MOTOROWL ganz schön rumgekommen und spätestens seit der ausgedehnten Tour im Vorprogramm der Apokalyptischen Reiter, sind die Jungs definitiv kein Geheimtipp mehr. Die Erwartungen an die neue Scheibe „Atlas“ sind dementsprechend hoch.

Eines kann man gleich vorwegnehmen: MOTOROWL liefern kein „Om Generator II“ ab, sondern erweitern ihren Klangkosmos um eine gehörige Schippe Spacigkeit. Dafür wurden aber die Wildheit und Ungezügeltheit des Debüts recht deutlich zurückgefahren. „Atlas“ klingt deutlich reifer und ausgeklügelter als der Vorgänger und trotzdem überrascht die Scheibe mit immer wieder mit unerwarteten Wendungen und raffinierten Kompositionen. So drischt „The Man Who Rules The World“ nach dem sphärischen Intro nicht mit einem fetten Riff los, sondern schwebt und wabert scheinbar schwerelos über die gesamte Spielzeit. Bei „To Take“ ist es dagegen wieder genau anders herum, hier bricht über den Hörer eine schwere Wand aus Gitarren und Schlagzeug herein.

Dieses Spiel aus sphärisch und hart, laut und leise, schleppend und flott zelebrieren MOTOROWL auf „Atlas“ auf hohem Niveau und in Kombination mit dem gesteigerten Einsatz der Synthies und der Orgel, zeigen die Musiker damit eine ganz neue Seite von sich. Am ehesten an „Om Generator“-Zeiten erinnern wohl einige Parts des Titelsongs. Nimmt man nun noch die warme und erdige Produktion der Scheibe hinzu, so fühlt sich der Hörer direkt in die 70er teleportiert. Dieses Kunststück gelingt MOTOROWL leichter und besser als so manch anderer Retro-Kapelle.

Ganz ohne Haken kommt aber auch „Atlas“ nicht daher. Bei aller Raffinesse und Verspieltheit, wünscht man sich stellenweiße doch etwas mehr von der rohen Energie des Debüts. Gerade Stücke wie „To Give“ oder „Cargo“ hätten etwas mehr Energie durchaus vertragen können. Auch der Gesang von Fronter Max Hemmann kommt teilweiße etwas dünn daher, auch wenn die epische Performance bei „To Take“ mehr als beachtlich ist.

An sich ist MOTOROWL mit „Atlas“ aber ein ziemlich überzeugendes zweites Album gelungen. Die musikalische Reife und Entwicklung die die Band seit ihrem Debüt vollzogen hat, sucht definitiv ihresgleichen und macht neugierig auf das, was die Jungs in den kommenden Jahren noch vollbringen werden.

Devin Townsend Project – Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv

Die Meldung, dass Devin Townsend in irgendeiner Art und Weise neue Musik auf den Markt bringt, führt schon lange nicht mehr zu Jubelstürmen; zu regelmäßig veröffentlicht der Kanadier in Form von The Devin Townsend Band, unter seinem eigenen Namen oder mit dem DEVIN TOWNSEND PROJECT. Diese regelmäßige Veröffentlichungsrate gehört wohl schon eher zum guten Ton unter seinen Jüngern.

Und als ob das dem Prog-Tausendsassa nicht schon reichen würde, scheint Townsend auch noch Fan von Live-Alben zu sein; zuletzt mit „Devin Townsend Presents: Ziltoid Live At The Royal Albert Hall“ oder „The Retinal Circus“ in aller Munde, zeigte das DEVIN TOWNSEND PROJECT aber besonders mit „By A Thread: Live in London 2011“, dass sie eine Vorliebe für ausufernde Live-Darbietungen haben.

Die Ankündigung, dass Townsend und Co. mit „Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv“ auch 2018 ein Live-Album präsentieren werden, dürfte bei seinen Fans somit zu routiniertem, zustimmenden Kopfnicken geführt haben. Auch, weil der zwanzigjährige Geburtstag von „Ocean Machine“ somit gebührendlich gefeiert werden kann. Dennoch folgt nach dem coolen Kopfnicken ein offener Mund und weit aufgerissene Augen, denn „Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv“ ist das letzte Stück Musik, was das DEVIN TOWNSEND PROJECT (vorerst) veröffentlichen wird.

Anfang das Jahres verkündete Townsend „[to] take a break from this band and focus on a number of other projects„. Nach einem kurzen Moment des Sackenlassens mag man froh sein, dass uns der Kanadier also weiterhin in irgendeiner Form erhalten bleiben wird, etwas traurig darf man allerdings dennoch sein, schließlich gestaltete sich das DEVIN TOWNSEND PROJECT als hervorragender melting pot all der kreativen Ideen, die Townsend umhertreiben. Und nun, „Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv“ als finales i-Tüpfelchen des Schaffens?

Nur bedingt. Kein einziger Song von „Sky Blue“ sowie „Dark Matters“ oder „Epicloud„, „Addicted„, „Deconstruction“ und „Ki“ findet sich auf der ersten Hälfte des Live-Albums, dem by request-Teil. Lediglich vier Tracks vom letzten Studioalbum „Transcendence“ schafften es in die Setlist, die zum Großteil aus alten mehr-oder-weniger-Hits von The Devin Townsend Band besteht. Der Fakt, dass der Blick auf selten gespielten Tracks liegt, führt dazu, dass der Fan nun ein weiteres Live-Album im Schrank stehen hat, was immerhin gewisse Raritäten beherbergt. Allerdings gestalten diese Raritäten „Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv“ in den ersten 90 Minuten als zähen Brocken, der sich aus zwölf langen, vergleichsweise gering verspielten und nur bedingt mitreißenden Songs zusammensetzt; eben das typische Townsend-Material kurz vor der Jahrtausendwende bis 2007. Allenfalls „By Your Command“ und „Bad Devil“ bringen den Esprit ins bulgarische Plovdiv, für den das DEVIN TOWNSEND PROJECT die letzte Dekade stand.

Dass der sympathische Kanadier für den zweiten und eigentlichen Teil dieses Konzertabends, der kompletten Darbietung von „Ocean Machine“, aus dem Gespräch mit der Fans gerissen werden muss, ist typisch Townsend: Publikumsnah und voller Feuer für seine treuen Anhänger. Apropos Feuer: Dieses wird mit „Seventh Wave“, dem Opener von Townsends Debüt, nun auch endlich entfacht! Und das nicht ganz überraschend, schließlich ist das zwanzig Jahre alte Material noch immer ein benchmark für progressiven Metal. Ein „Night“ hat nichts an seiner Ziehkraft eingebüßt, geschweige denn ein „Regulator“. Und dass das nahezu alleine durch Townsends Stimme getragene „The Death Of Music“ noch immer Gänsehaut bereiten kann, zeigt sich auf „Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv“ eindrucksvoll!

Nach 160 Minuten endet das, was sich schwer bewerten lässt. Die Aufnahmen profitieren von der großartigen Kulisse und einem spielwütigen wie tief dankbaren Townsend, dessen Drummer ihm mitunter die Show stiehlt – mit seiner Leidenschaft für sein Spiel steht Van Poederooyen Townsend in Nichts nach. Seine Band ist in Höchstform, was sich von dem eingesetzten Orchester und Chor allerdings nur vermuten lässt, denn sie wurden schlichtweg zu leise abgenommen, um ihren Beitrag für „Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv“ vollends einschätzen zu können. Der by request-Teil punktet demnach weder mit der Setlist noch mit den zusätzlichen Gästen auf der Bühne. Tatsächlich ist es lediglich die Darbietung von „Ocean Machine“, die mit Überraschungsgast und damaligen Bassisten Harder sowohl personell als auch musikalisch überzeugen, berühren und faszinieren kann.

 

Between The Buried And Me – Automata II

Cleverer Marketing-Trick oder eine bewusste Entscheidung zum Wohle des Hörers: Wie auch immer man den Split eines Albums in zwei finden mag, BETWEEN THE BURIED AND ME haben mit diesem Vorgehen die beste Wahl getroffen, um ihr anspruchsvolles Material auf den Markt zu bringen.

Zuerst mag man denken, dass die Mühe, die zehn Songs auf zwei Platten aufzuteilen, nicht nötig gewesen wäre. Schließlich kommen die Tracks auf eine Spielzeit von 68 Minuten, nahezu zu gleichen Teilen auf „Automata I“ und nun „Automata II“ gepackt. Dennoch war dieser Schachzug wohl gewählt, denn untergebracht auf lediglich einem Album wirken diese 68 Minuten schnell wie ein wahnwitziger Ritt auf einem unberechenbaren Gaul, der einem jeden Moment aus dem Sattel werfen kann: Im einen Moment noch wohlich sanft trabend, im nächsten aufbrausend und unkontrolliert galoppierend.

Mit der Teilung des Materials bewirken BETWEEN THE BURIED AND ME hingegen eine intensive Auseinandersetzung mit ihren Songs – wohl der größte Dank, den ein Zuhörer einer Band zukommen lassen kann. Und eben jener Zuhörer darf sich vier Monate nach „Automata I“ vier neuen Songs stellen. Falls er noch den Vorgänger im Ohr hat, besticht „Automata II“ auf Anhieb mit einem (instrumental betrachtet) experimentelleren und weniger düsteren Charme als die Veröffentlichung vom März diesen Jahres.

Gestaltete sich ein „Condemned To The Gallows“ ebenso straight wie ein „Millions“ fragil, wirken die Tracks auf „Automata II“ durchweg aufbauend und erhellend, ihr Grundtenor ist einheitlich positiv und die starken Stimmungsschwankungen auf dem Vorgänger wurden nicht mit auf „Automata II“ übertragen. Vielleicht ist auch genau das der Grund, weswegen Songs wie „The Proverbial Bellow“ und „Voice Of Trespass“ zwar schnell zünden, aber BETWEEN THE BURIED AND ME ihnen nicht diese Eingängigkeit verleihen konnten wie es ihnen auf „Automata I“ gelang. Darin trafen Kontraste aufeinander, die auf „Automata II“ weniger brachial bis nur bedingt vorhanden sind. „The Grid“ lässt die „Automata“-Reihe so unspektakulär enden, dass man nicht glauben mag, dass zu dieser ein „House Organ“ und „Blot“ gehören.

Leicht betrübt möchte man diese Platte nun weglegen, auf der sich vier Tracks befinden, von denen einer ein Interlude ist und der letzte Song wohl der schwächste der Reihe. Mit nur zwei guten Songs ausgestattet, die allerdings auch nicht an die Hitqualitäten des Vorgängers herankommen, lässt sich „Automata II“ zwar noch immer als ein kleiner Ohrenschmaus für Prog-Fans bezeichnen; diese können ihn allerdings nur dann richtig genießen, wenn sie zuvor nicht in „Automata I“ hörten.

Ghostbound – All Is Phantom

Wenn Musikgruppen in ihrem Schaffen die verschiedensten Genres ineinander greifen lassen wollen, kann dabei entweder eine höchst spannende Neukreation oder ein heilloses Durcheinander herauskommen. GHOSTBOUND, die mit „All Is Phantom“ ihr erstes vollumfängliches Album herausgebracht haben, fallen jedoch weder in die eine noch in die andere Kategorie. Der Grund ist schnell erklärt: Von all den Stilrichtungen, die sich die Amerikaner großspurig an die Brust geheftet haben – unter anderem Black Metal, Post-Punk, 80er-Jahre-Rock und Ambient –, ist auf deren Debüt wenig bis gar nichts herauszuhören. Doch was steckt denn nun hinter dem Etikettenschwindel, den das Duo schon so früh in seiner Bandgeschichte betreibt?

Was GHOSTBOUND nicht spielen, ist zwar einfach festzustellen, korrekt kategorisieren lässt sich ihre Musik hingegen gar nicht so leicht. Die zahlreichen, auf Stimmungsmache getrimmten, cleanen Gitarrenspuren deuten auf Post-Rock hin, die zum Teil durchaus vertrackten Rhythmen und der theatralische Gesang eher in die progressive Richtung – und ganz vereinzelt gibt es dann doch den einen oder anderen Blast-Beat oder ein rau verzerrtes Riff als schwarzmetallenes Echo („Roof And Wall“). „All Is Phantom“ hält somit zwar nahezu nichts von dem, was es verspricht, doch damit muss nicht zwangsläufig eine Enttäuschung einhergehen.

Tatsächlich kann man GHOSTBOUND für ihren Stilmix durchaus Potential attestieren: „The Wildest Of Rivers“ erinnert mit seinem Akustik-Intro und seinen abgehackt-groovenden Gitarren sogar an Opeth in ihrer Hochphase und die gefühlvolle Geige, die in den meisten Tracks zumindest unterstützend zum Einsatz kommt („Earthen Ground“), vertieft deren emotionales Ausdrucksvermögen – obgleich die Streicher nicht allzu spannend arrangiert sind. Was „All Is Phantom“ letztlich ruiniert, ist jedoch nicht die irreführende Bewerbung, sondern Alec A. Heads völlig missratener Gesang.

Nicht nur gibt sich Head in seiner Performance massiv übertrieben pathetisch, er scheint auch nicht sonderlich viel Wert darauf zu legen, die korrekten Töne zu treffen. Hinsichtlich des Stimmenklangs bietet sich ein Vergleich mit Roy Khan an – mit dem entscheidenden Unterschied, dass ebenjener während seiner Zeit bei Kamelot nicht einfach wahllos an den Noten vorbeigesungen hat. Die Beliebigkeit und stellenweise Ungenauigkeit, die GHOSTBOUND in ihrer Instrumentalisierung vorzuwerfen sind, verstärken zusätzlich den Eindruck, dass die Amerikaner als Musiker noch viel Nachholbedarf haben.

„All Is Phantom“ hätte ein wirklich schönes, bewegendes Album werden können. Stattdessen haben sich GHOSTBOUND auf ihrer ersten Veröffentlichung derart viele Ausrutscher geleistet, dass man sich Song um Song zu der Frage veranlasst fühlt, wie das Duo – das in der Zwischenzeit zum Quartett angewachsen ist – bloß auf die unglückliche Idee gekommen ist, ein solches Machwerk herauszubringen. Dass sich GHOSTBOUND missverständlich vermarkten, wäre durchaus verzeihlich, die gesangs- und spieltechnischen Mängel lassen sich jedoch nicht so leicht beschönigen. Letztlich gibt es somit kaum Anreize, sich ihr Debüt zuzulegen.

Deafening Opera – Let Silence Fall

Wow, was für ein edles Digipak! Das Artwork von „Let Silence Fall“, dem dritten Longplayer der Münchener Progger DEAFENING OPERA, ist wirklich sehr geschmackvoll – und ein Vorbote für den Inhalt. Denn auch musikalisch geht das Sextett auf dem Konzeptalbum äußerst ambitioniert zu Werke.

Schon der Einstieg ist nicht von der leichten Sorte: Auf ein schwermütiges Piano-Intro folgt eine Ouvertüre mit kompletter Besetzung, bei der die Motive und Soli für drei Minuten nur so am Hörer vorbeifliegen. Mit „Down The River“ nimmt die Band das Tempo aber direkt wieder raus und überlässt Sänger Adrian Daleore die Bühne. Das klingt düster und zerbrechlich, wird jedoch nach zweieinhalb Minuten in einem wiederum flotten Part aufgelöst. Etwas zerfahren, dieser Beginn.

Was DEAFENING OPERA hier in 70 Minuten und 11 Songs bieten, zeugt von einem ziemlich progressiven Selbstverständnis. Die Münchener wollen detailverliebt und vielschichtig sein; traditionell und zugleich modern; technisch anspruchsvoll, aber auch eingängig und emotional tiefgehend. Die Platte hat viele mitreißende und geschmackvolle Passagen zu bieten. Die Band ist instrumental ziemlich fit und hat enormes Potenzial. Wenn da nicht der eigene hohe Anspruch wäre: Er hängt wie eine dunkle Gewitterfront über dem Album und macht es schwerer zugänglich, als die Musik eigentlich ist.

Man spürt, dass DEAFENING OPERA etwas Großes schaffen wollten und sich verzettelt haben. „Let Silence Fall“ ist irgendwie alles, aber nichts davon wirklich konsequent. Das ist vor allem deshalb schade, weil den sechs Jungs etwas sehr Bemerkenswertes gelingt: In all ihrer Zerfahrenheit sind sie sehr originell. Mit Ausnahme von einigen kurzen Momenten, die in ihrer Dramaturgie an ruhigere Pain Of Salvation erinnern, klingen sie erfrischend eigenständig.

Das führt dann soweit, dass der Hörer zwischen dem noisigen Ende von „Amber Light“ und den Neoprog-Keyboards des darauffolgenden „The Tempest“ von einem seltsamen Einschub mit deutschsprachigem Operngesang überrascht wird. Soll das jetzt lustig, innovativ, überraschend oder gebildet sein?

Sänger Adrian Daleore weiß vor allem in den ruhigen Momenten zu gefallen. Der Beginn von „As Night And Day Collide“ oder „Amber Light“ zeigt, wie berührend und ausdrucksstark er singen kann. In dynamischeren Passagen fällt es ihm öfters schwer, sich gegen die Instrumente durchzusetzen und diesen Ausdruck zu bewahren. Im sehr gelungenen „Sweet Silence“ hingegen beweist er eine erstaunliche Spannbreite und Variabilität.

DEAFENING OPERA haben viele gute Ideen und das Können, diese auch zu verwirklichen. Wenn die Band sich von der Bürde des eigenen Anspruchs befreit und etwas weniger „will“, könnte das in ihrer Musik ungeahnte Energien freisetzen. Schon jetzt eine spannende Combo – aber da geht noch was. Wer sich für die deutsche Progszene interessiert, sollte reinhören!

Haken – L-1VE

Die ersten Töne erklingen, die Freude im Publikum schwillt langsam an, die Zurufe werden lauter. Backstage formiert sich das Sextett um Sänger Ross Jennings, die Blicke konzentriert. Die Instrumentalfraktion von HAKEN betritt nun die Bühne und der Schlagzeuger trommelt sich in den Beginn des Konzertes, welches Jennings, eingetaucht in grasgrünes Licht, mit glasklarer Stimme zu „affinity.exe/ Initiate“ eröffnet. Es ist das Jahr 2017, wir befinden uns in Amsterdam im legendären Melkweg am letzten Abend von HAKENs Jubiläumstour anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens und dank „L-1VE“ können wir live dabei sein.

Auf dem heutigen Programm steht eine knapp zweistündige Setlist, deren Fokus auf den zwei umjubelten letzten Alben „Affinity“ (2016) und „The Mountain“ (2013) liegt. Dazwischen streuen die spielfreudigen Engländer den Titeltrack ihres 2011er Albums „Visions“ sowie ein Medley ihres Debüts „Aquarius“ (2010). Besonders dieses „Aquamedley“ getaufte Stück ist eine kleine Sensation, schließlich haben HAKEN hier sechs der auf dem Debüt befindlichen sieben Tracks zu einem Song zusammengefügt. Ihnen gelingt es, sechs Kompositionen zu einem 23-minütigen Guss zu formen. Für jeden Fan, der die Briten bei dieser Tour nicht live erleben konnte, sollte allein dieses Medley den Kauf von „L-1VE“ Wert sein!

Liebe zum Detail wird erstmalig beim dritten Track „1985“ deutlich, der das Videomaterial ab dem Keyboard-Intermezzo von Diego Tejeida in die Qualität bringt, die für Videomaterial der 1980er Jahre nur allzu bezeichnend war: alles andere als hochauflösend und schummerig. Ein gelungener Gag!

Bei „Red Giant“ macht sich die brilliante Tonabnahme der Songs bezahlt, denn die sich aufbauende Atmosphäre bis hin zum ausbrechenden Finale gelingt vor allem durch all die fein herausstechenden Zwischentöne. Gleiches gilt für Jennings‘ Gesang, der auf „L-1VE“ durchweg überzeugt: Jeder Ton sitzt, hebt sich von den Instrumenten ab und beweist einmal mehr, dass HAKEN sowohl instrumental als auch gesanglich mit Talenten aufwarten. Besonders das ruhige „As Death Embraces“ erzeugt Gänsehaut, obgleich es sich bei „L-1VE“ lediglich um ein Sofa-Konzert handelt.

Mit „Atlas Stone“ und „Cockroach King“ präsentieren die Engländer dann zwei Nummern, die sich als HAKEN-Hits etablieren konnten und auf dem Live-Album ebenso treibend und gefühlvoll aus den Boxen schallen, wie sie es auf „The Mountain“ erstmalig taten. Schade allerdings ist, dass die ersten Reihen des vollgefüllten Melkweg eher verhalten auf „Atlas Stone“ reagieren und sich nur vereinzelt bewegende Köpfe ausmachen lassen. Für den Genuss des Zuschauers vor dem Bildschirm ist das allerdings nicht weiter hinderlich, im Gegenteil: Nun heißt es die Anlage bis zum Anschlag aufzudrehen, sobald die ersten Töne des genialen „Cockroach King“ ertönen!

Im letzten Viertel des Konzertes trauen sich die Zuschauer nun auch endlich aus ihren Schneckenhäusern, sodass die Performance von „The Architect“ ebenso passend bejubelt wird wie das quirlige „The Endless Knot“. Im Anschluss folgen Backstage-Aufnahmen von den Augenblicken, in denen sich HAKEN auf den finalen Track des Abends, den Encore von „Visions“, vorbereiten. Das Publikum belohnt die Darbietung mit sichtlich mitgerissenen Gästen, denen dieser würdige Abschluss von „L-1VE“ sichtlich Gefallen bereitet.

Einzig die vereinzelten unscharfen Aufnahmen trüben wortwörtlich das Bild. Dass der Sucher zu lange zum Fokussieren benötigt, ist nicht ungewöhnlich, allerdings ist es fraglich, warum diese Momente nicht geschnitten und durch die Aufnahmen ersetzt wurden, an dem tatsächlich ein scharfes Bild im Kasten war. Da dieser Punkt allerdings das einzige Manko in einem ansonsten rundum gelungen Mitschnitt darstellt, der mit einer gut zusammengestellten Setlist überraschen kann, stellt „L-1VE“ genau das Geschenk dar, welches HAKEN ihren Fans zum Jubiläum machen wollten. Pflichtkauf für Fans und moderne Prog-Hörer!

Periphery gründen eigenes Label

Mitglieder von PERIPHERY haben ein eigenes Label mit dem Namen „3DOT Recordings“ gegründet. Auf diesem Label werden alle zuküntigen Veröffentlichungen der Progger, der einzelnen Nebenprojekte der Bandmitglieder aber auch Scheiben anderer Bands erscheinen. PERIPHERY-Gitarrist Misha Mansoor kommentiert enthusiastisch:

„Wir sind sehr aufgeregt, uns endlich einen Traum erfüllen zu können, den wir bereits seit einiger Zeit haben. Mit der starken Vision, die wir alle teilen, ist es nur sinnvoll, diese Perspektive auf die Sichtweise eines Labels auszuweiten. So haben wir eine Vertriebsstelle, die perfekt an unsere Veröffentlichungen angepasst ist. Außerdem gibt es uns die Möglichkeit, andere musikalische Projekte und Bands zu fördern, die wir wirklich lieben.“

Die erste Veröffentlichung auf dem neuen Album erscheint am 28.09.2018. Es ist die neue Scheibe „Vacancy“ des Nebenprojekts Four Seconds Ago der beiden PERIPHERY-Gitarristen Jake Bowen und Misha Mansoor.

Gazpacho – Soyuz

Das Weltall und seine Weiten sind schon lange im Fokus des menschlichen Interesses und Nährboden für allerlei Mythen oder Verschwörungstheorien. Gerade jetzt, wo Alexander Gerst seinen zweiten Raumflug zur internationalen Raumstation ISS unternimmt, ist das Interesse wieder massiv gestiegen. Mit der Sojus MS-09 startete er in Kasachstan in Richtung der in 400 km Höhe den Erdorbit umkreisenden Raumstation. Die norwegischen Art-Rocker GAZPACHO nehmen sich vordergründig diesem Thema auf ihrem zehnten Album an und haben es schlicht „Soyuz“ getauft. Das Cover wurde entsprechend dazu mit einem stimmungsvollen Artwork versehen, dass einem seine eigene Winzigkeit im Universum aufzeigt. Doch es geschieht noch mehr auf dem Longplayer als bloßes Space-Rock-Gefrickel.

Als Herzstück der Platte kann man dennoch die Geschichte des sowjetischen Kosmonauten Wladimir MIchailowitsch Komarow bezeichnen, der sein Leben 1967 beim Absturz der Rückkehrkapsel des Raumschiffs Sojus 1 ließ. Die Geschichte erstreckt sich über zwei Titel: „Soyuz One“ macht dabei Hoffnung, vertont den Aufstieg der Raumfähre und die damit verbundenen Hoffnungen von Menschen in gekonnter Weise und wechselt mehrmals zwischen soften Passagen inkl. Streichern und härteren Progressive-Rock-Anteilen. Das ausufernde 13-minütige „Soyuz Out“ ist dagegen eine Ansammlung aller wichtigen Elemente, die die Norweger auf „Soyuz“ augreifen und verbindet sie zu einer intensiven Suite, die als Abschluss des Longplayers perfekt gepasst hätte. Eindeutig das Highlight der Platte.

Die kürzeren Songs sind dagegen geradliniger und leichter greifbar, was in ihrer Natur liegt. Dennoch versprühen sie ganz eigenen Charme, der von GAZPACHO auch variiert wird. „Exit Suite“ beginnt als Ambient-Stück und entwickelt sich in Richtung Chamber Pop, „Sky Burial“ ist ein wabernder und berückender Song über eine buddhistische Bestattungsform. Zwischen Folk und Electro bewegt sich „Emperor Bespoke“, während „Rappaccini“ eine Kurzgeschichte von Nathaniel Hawthorne aus dem Jahr 1844 aufgreift.

GAZPACHO haben sich und ihren Stil scheinbar gefunden, der getragen vom Progressive Rock und Art-Rock in viererlei Richtungen ausströmt: Sei es Jazz, Klassik, Ambient oder ähnliches – die Stimmung und Zusammensetzung passt. Größtenteils agieren die Musiker im getragenen Tempo, daher ist „Soyuz“ eher für intensive Momente unter dem Kopfhörer zu empfehlen, davon gibt es nämlich zuhauf. Sehr melodisch und erinnernd an Coldplay, Porcupine Tree oder Pink Floyd setzten GAZPACHO zwar auf Experimente, gehen aber kein zu großes Risiko ein. Trotzdem ein rundum stimmiges Werk für verträumte Rocker. Der Band jedenfalls bleibt die harte Landung des Hauptprotagonisten Komarow erspart.