Festival Mediaval IV Tag 2

  • Selb
  • 10. September 2011

Der Samstag in Selb begann wie jedes Jahr mit dem Nachwuchsbandwettbewerb um den „Goldenen Zwerg“. An diesem Contest nahmen in der Vergangenheit bereits Gruppen wie Ignis Fatuu, Zwielicht oder Das Niveau teil. Im Jahr 2011 stritten sich SARSEL, FREMITUS und SKALJAROUH um die Gunst der Jury und des Publikums in der Kategorie Spielmann. Nachhaltig überzeugen konnten jedoch alle drei nicht. Der Award ging schließlich an Fremitus, die im Vergleich zu Skaljarouh weniger virtuos an ihren Instrumenten wirkten, dafür allerdings mit Publikumsinteraktion entscheidend punkteten.

Mit den Flensburgern ATTONITUS eröffneten die Gewinner des letztjährigen Awards in der Kategorie MA-Rock den zweiten Festivaltag auf der Burgbühne. Zwar war die Zuschauermenge überschaubar, doch der Mittelalterrock mit gehörigen Metalanleihen bewegte sich auf einem sehr soliden Niveau. Nach dem qualitativ überschaubaren Bandcontest zuvor waren die härteren Klänge vom neuesten Attonitus-Werk „Opus II: Von Lug und Trug“ für einige ein willkommener Start in den Tag. Lediglich das kurze Feuerspucken verpuffte am frühen Mittag spurlos.

Ungewohnt früh betraten anschließend OMNIA in Form von Steve und Jenny die Hauptbühne, um ihr neues Projekt „Musick & Poetree“ vorzustellen. Diese Nachricht hatte sich unter den Festivaljüngern scheinbar herumgesprochen, denn der Platz war sehr gut gefüllt – ebenso wie der Fotograben. Und der akustische Omnia-Ableger mit Harfe, Klavier und Gesang hatte die Aufmerksamkeit verdient. Neben Coverversionen von Tenacious Ds „Fuck Her Gently“, „Hurt“ von Nine Inch Nails und dem Klassiker „Lili Marleen“ präsentierte das niederländische Duo auch neue Eigenkompositionen: Besonders hervorzuheben dabei „I Don’t Speak Human“. Die (ultragrünen) politischen Botschaften von Sic zwischen den Songs ließen sich je nach Gusto entweder lautstark unterstützen oder komplett ignorieren. Abseits davon war der Auftritt der abgespeckten Omnia-Formatio ein poetischer Genuss.

Weniger poetisch, dafür auf andere Art und Weise unterhaltsam gestalteten DES KÖNIGS HALUNKEN und TROLL BENDS FIR ihre jeweiligen Auftritte im Nachmittagsprogramm. Während die Halunken erst einmal furios instrumental loslegten, schlugen die Russen sofort die Polkaklänge an. Jene erinnern an Elekälaiset, wirken auf Dauer aber ungleich weniger ermüdend und eintönig. Die Halunken verstanden es wiederum, ihre Bandidee rund um König Neidhelm der 69ste samt Hofstaat in einer folkigen Märchenshow zu verpacken. Die beiden rundum gelungenen Alben „Irrfahrt“ und „Spieglein“ halfen dabei, die gute Stunde ungemein kurzweilig zu gestalten. Mit Leerlauf hatten Troll Bends Fir ebenso wenig zu kämpfen, doch gesellten sich zu den Eläkeläiset-Anleihen noch eine gute Portion Korpiklaani. Den Vergleich zu den in die Jahre gekommenen Szenegrößen müssen die Osteuropäer dabei keinesfalls scheuen. Ob auf russisch oder finnisch, der Alkoholgenuss kann gleichsam erfolgreich und euphorisch ohne jede Textbotschaft besungen werden.

Mit Sauf- und Raufliedern hielten sich IGNIS FATUU wenig auf. Bei den Nürnbergern wurden statt dessen der „Nordwind“, „Wächter der Nacht“ und die „Wahre Schönheit“ besungen. Zwar blieben die Musiker wieder einmal nicht vor technischen Problemen verschont, doch diese waren weit weniger gravierend als auf dem Schlosshof Festival wenige Wochen zuvor. Entsprechend geriet das Heimspiel der Franken mit der kräftigen Unterstützung vieler Hardcore-Fans in den ersten Reihen schnell zu einer Art Selbstläufer: Doch auch Neulingen verweilten länger bei den flotten Mittelalterrock-Kompositionen und selbst die ruhigen Momente mit „Stille Wasser“ fügten sich nahtlos in den Auftritt ein. So rundeten Ignis einen insgesamt starken Samstagnachmittag ab, bei dem lediglich die griechischen DAEMONIA NYMPHE nicht so recht in das ansonsten folkig-flotte Soundbild passen wollten.

Im abendlichen Headlinerpart standen samstags OMNIA mit Gästen sowie VERSENGOLD und Altmeister ALAN STIVELL auf dem Programm.
Die Niederländer spielten dabei auf ihrem Haus- und Hoffestival wieder einmal eine energiegeladene Show mit vereinzelten Gastauftritten von Kelvin Kalvus, Beatritsche und Ajona. Im Vergleich zum Vorjahr entwickelte sich die Stimmung im sehr gut gefüllten Auditorium bei Songs wie „Toys In The Attic“ und „Wytches Brew“ weniger explosionsartig, doch je länger Omnia auf der Bühne standen und Instrumentales mit Textbasiertem mischten, desto ekstatischer zeigte sich die Festivalschar. Dazu trugen entscheidend hervorragende Soloparts von Rob am Schlagzeug und Daphyd am Didgeridoo bei. Lediglich das neue Bandmitglied Maral erfüllt fernab ihrer Optik keinen spürbaren Zusatznutzen, da sie mit ihrem Gesang lediglich Jennis Stimme doppelt und ihre Handtrommeln keine wesentlichen Elemente beisteuern. Der kurze Rap-Part zum Auftakt als „Dance Until We Die“ ist als Alleinstehungsmerkmal etwas wenig. Abgesehen davon haben sich Omnia im Laufe der Jahre zu einem etablierten Headliner in Selb entwickelt, die auch beim wiederholten Male an selber Stätte zu begeistern wissen.

VERSENGOLD unternahmen hingegen ihren ersten Anlauf, beim Festival Mediaval ihre sehr eigene Form des Mittelalter-Folks an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Im Gegensatz zu anderen MA-Formationen verzichteten Snorre, Pinto und Co. vollständig auf Coversongs und präsentierten ausschließlich selbstgeschriebene Stücke. Das Portfolio von Versengold umfasste dabei Zünftiges wie „Drei Weiber“ oder „Einerley“, aber auch Nachdenkliches wie „Ihr So Nah“. Vereinzelt brachten die Musiker, die bei ihren Auftritten gänzlich ohne Mikroständer auskommen, sogar Lieder in elbischer Sprache ein. Auf Mittelaltermärkten dürfte diese Show noch ein wenig charmanter (da nahbarer) wirken, doch auch auf der größeren Festivalbühne hinterließen Versengold einen ungemein charmanten Eindruck.

Charme ist ebenfalls etwas, das man ALAN STIVELL attestieren muss. Der Begründer des Celtic Rock gilt nach wie vor als einer der wichtigsten Vertreter bretonischer und keltischer Musik. Vor dem Festival Mediaval IV war er rund vier Jahre lang nicht in Deutschland zu sehen. Und selbst wenn sein Name keine Massen nach Selb gelockt haben dürfte, so überzeugte der grau melierte Herr mit seiner sympathischen Art, sowohl an der Harfe als auch am Mikrofon. Unterstützt von einem Geiger und Gitarristen präsentierte er ein abwechslungsreiches Programm über rund 90 Minuten. Bei „Son Ar Chistr“ konnte sogar das Publikum zur bekannten Melodie von „Was wollen wir trinken?“ einstimmen. Sonst fiel die Interaktion bis auf ein vereinzeltes „Lalala“ eher überschaubar aus. Generell merkte man Stivell seinen musikalische Herkunft aus den 70ern an: Die Bühnenshow blieb rudimentär und er selbst präsentierte sich recht bewegungsarm im schwarzen Shirt mit schwarzer Hose. Für die älteren Semester keine Tragik, doch diese dürften sich die Folkikone eher im Nachmittag-/Abendprogramm gewünscht haben. Musikalisch war die Performance headlinerreif, doch das durchschnittliche Festivalpublikum diesseits der 30 hätte sich wohl etwas mehr Power, Schwung und Show gewünscht.

Bericht und Fotos zu Tag 3…
Bericht und Fotos zu Tag 1…

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