
Klimawandel und Krieg, Rassismus, Hass und Ausbeutung: Tagtäglich werden wir mit negativen Nachrichten aus aller Welt bombardiert. Doch so wichtig es ist, sich mit diesen Problemen auseinanderzusetzen, so wichtig ist es auch, das Positive im Blick zu behalten. Neben dem oft bitter nötigen „Eskapismus durch Musikgenuss“ bietet die Metal-Szene hierfür (bei allen nicht zu leugnenden Problemen) jede Menge tolle Projekte. In unserer Interview-Serie „HEAVY … aber herzlich!“ stellen wir euch sozial, ökologisch oder politisch engagierte Vereine, Veranstaltungen und Personen vor, die uns Mut und die Welt zu einem besseren Ort machen.
In Teil 10 sprechen wir mit Birgit und Horst Lohmeyer, die seit 2007 mit ihrem Festival JAMEL ROCKT DEN FÖRSTER der nationalsozialistischen Einwohnerschaft ihres Heimatorts Jamel engagiert entgegentreten.
Mehr Informationen zu JAMEL ROCKT DEN FÖRSTER findet ihr unter www.forstrock.de, sowie auf Facebook und Instagram.

Bitte stellt euch kurz vor: Wer seid ihr und wie seid ihr zur „harten Musik“ gekommen?
Ich, Horst, bin selbst Rockmusiker. Und ich, Birgit, bin jahrelang als Fan, Groupie und Roadie in Personalunion mitgereist.
Ihr seid 2004 nach Jamel gezogen, einen Ort, dessen Einwohnerschaft in den Folgejahren zusehends nach rechts abgedriftet ist. Ist Jamel ein „Extrembeispiel“, oder in der Gegend ein Ort wie viele andere?
Es gibt in ganz Deutschland immer mehr von diesen Orten, in denen sich Rechtsextreme gezielt und massiv ansiedeln und versuchen, die Deutungshoheit im Gemeinwesen zu erlangen. Jamel ist deshalb speziell, weil hier, in diesem kleinen 11-Häuser-Dorf, mittlerweile zu 95% Rechtextreme leben und auch in den Nachbardörfern die völkische Siedlungsbewegung um sich greift.
Die auf dem Gebiet der ehemaligen DDR komplett blau gefärbte Deutschlandkarte nach den Bundestagswahlen gingen durch alle Medien – worin seht ihr die Hauptursache dafür, dass „der Osten“ in den letzten Jahren immer weiter nach rechts abgerutscht ist?
Es gibt sicherlich nicht die Ursache. Es hat viel mit der Lebensrealität der Menschen nach 1989 zu tun. Viele haben ihre gesicherte Existenz – wenn auch unter diktatorischen Bedingungen – gegen ein unsicheres, fremdes Leben unter kapitalistischen Bedingungen eingetauscht gefunden. Die einen haben sich schnell assimiliert und Verantwortung für ihr Leben ergriffen. Andere trauern dem alten, sorgenfreien Leben in der DDR nach, wo doch alles für einen geregelt wurde. Hinzu kamen die Erfahrungen der Abwertung der eigenen Lebensleistungen. Manche Ausbildungen waren nichts mehr wert, Arbeitslosigkeit wurde als Kränkung erlebt. Das Gefühl „Bürger*in 2. Klasse“ zu sein hat viele ergriffen.
Diese Erfahrungen kulminierten in dem Vertrauensverlust in die Gesellschaftsform Demokratie. Die Erkenntnis, dass jede*r von uns seinen Teil zu unserer freiheitlichen, pluralistischen Gesellschaft betragen sollte, ist für viele fremd. Es ist einfacher, sich über „die da oben“ aufzuregen, als sich aktiv in gesellschaftlichen Gremien zu engagieren. Und die Politik hat es leider versäumt, die Ex-DDRler*innen in demokratische Prozesse einzuführen und zu begleiten. Dazu kommt: Fremdenfeindliche Einstellungen, ja eine rechtextreme Szene, gab es natürlich schon in der DDR. Diese Tradition ist ungebrochen. Westdeutsche Politiker*innen haben einfach unterschätzt, wieviel Rassismus und Rechtsextremismus in der DDR existierte und dass dieser sich nicht von selbst in Luft auflöst, nur weil die Staatform jetzt Demokratie heißt.

Seht ihr noch Hoffnung, einen relevanten Teil der Bevölkerung wieder hinter demokratischen Grundwerten zu versammeln und aus den populistischen Fängen von AfD und Co. zu befreien?
Die Einführung von ganz praktischen Bürgerbeteiligungen an politischen Prozessen ist ein richtiger Schritt. Nur wer sich als Expert*in für seine Lebensrealität von Politiker*innen gehört fühlt, erkennt seinen eigenen Wert und fühlt sich ernst genommen. Ob das ausreicht, der faschistischen Propaganda der Rechtsextremen etwas entgegen zu setzen? Wichtig ist es, mit denen im Gespräch zu bleiben, die noch nicht völlig indoktriniert sind. Leider werden das immer weniger. Wichtig wäre es, ihnen aufzuzeigen, was sich durch die Beteiligung der AxD in den Parlamenten ganz konkret für ihre Lebenssituation verschlechtert.
Wie steht ihr generell zum Thema AfD-Verbot – seht ihr darin ein erfolgsversprechendes Mittel der wehrhaften Demokratie, oder würde das die Politikverdrossenheit und rechte Gesinnung der Menschen nur weiter zementieren?
Wir sind große Fans eines Verbots dieser faschistischen Partei. Wir haben lange genug zugesehen, wie es diese Partei mit ihren Lügen und populistischen Kampagnen geschafft hat, Menschen dazu zu bringen, Menschenrechte mit Füßen zu treten und unsere Heimat zu einem diktatorischen Staat umzuformen. Die Demokratie darf kein zahnloser Tiger sein!
2007 habt ihr mit JAMEL ROCKT DEN FÖRSTER ein eigenes Festival initiiert. Gab es einen bestimmten Auslöser oder ein Ereignis, das euch motiviert hat, ein Festival zu veranstalten?
Wir wurden von den neu zugezogenen, rechtsextremen Dorfbewohner*innen gemobbt und zum Wegziehen aufgefordert. Das hat uns motiviert, ihnen etwas entgegenzusetzen. Wir haben unsere öffentlichen Veranstaltungen auf unserem Hof und die Information der Öffentlichkeit über das, was in Jamel geschehen ist, als Schutz vor den Nazi-Übergriffen empfunden. Da wir beide Künstler*innen sind, Horst selbst Musiker, lag es nahe, auch ein Musikfestival zu veranstalten.
Wie sah die erste Ausgabe des Festivals aus, und wo steht ihr im Vergleich dazu heute?
30 zahlende Gäste im Jahr 2007, 3.500 zahlenden Gäste heute. Damals nur regionale Bands auf der Bühne, heute die Stars der deutschen Musikszene. In den ersten Jahren haben wir beide alles allein organisiert: das Booking, die Werbung, die Bühne selbst gebaut, Helfer*innen akquiriert, die Finanzierung und die Buchführung etc. Inzwischen unterstützen uns über das Jahr hinweg rund zehn Leute ehrenamtlich bei der Organisation des Festivals. In den Wochen rund ums Festival haben wir für die vielfältigen Aufgaben etwa 100 Ehrenamtler*innen hier vor Ort.

Seid ihr damit bereits am Limit, oder soll das Festival weiter wachsen?
Da das Infield auf unseren privaten Grundstück liegt, das leider nicht „mitwächst“, sind wir mit 3.500 Besucher*innen am Limit. Größer wird’s nicht und das erhält auch den Charme der Veranstaltung, die manch einer schon als „Little Woodstook“ bezeichnet hat.
Wie finanziert ihre euch – allein durch Spenden, oder bekommt ihr auch staatliche Förderung?
In den Jahren seit 2007 haben wir die eine oder andere, unterschiedlich hohe staatliche Förderung erhalten. Das letzte Mal während der Corona-Zeit. Doch wir verzichten inzwischen gern auf den damit verbundenen Bürokratieaufwand und finanzieren das Festival nur durch die Ticketeinnahmen und Spenden. Das funktioniert erstaunlich gut.
Viele der auftretenden Bands tun dies soweit ich weiß umsonst oder zumindest zu besonderen Konditionen – dasselbe gilt für andere Partner in der Produktion. Die mediale Aufmerksamkeit dürfte euch sehr geholfen haben, um auch bekanntere Acts in euren Unterstützerkreis zu bekommen. Aber wie einfach oder schwierig war das in den Anfangsjahren, wie hat sich das entwickelt und wer waren eure wichtigsten Unterstützer?
Am Anfang bekamen wir einige Absagen aus der Region. Im Stil von „Wir wollen nicht schon wieder von den Nazis auf die Fresse bekommen.“ Im Jahr 2014 hatten wir über die Vermittlung der Amadeu-Antonio-Stiftung zum ersten Mal einen international bekannten Headliner: Alphaville. Seit dann unsere riesige Scheune 2015 einer Brandstiftung zum Opfer fiel und Die Toten Hosen einen Benefizauftritt bei uns gespielt haben, werden wir von deren Agentur beim Booking unterstützt. Deshalb spielen die ganzen bekannten Acts nun vor 3.500 Leuten und nur für ihre Produktionskosten. Denn als nicht kommerzielles Festival mit gemeinnützigem Trägerverein könnten wir uns deren reale Gagen in keiner Weise leisten. Die Musiker*innen spielen gern in Jamel, um eine gesellschaftspolitische Zeichen zu setzen. Immerhin wird das Festival medial in ganz Deutschland wahrgenommen. Herbert Grönemeyer hatte sich sogar selbst angeboten, um bei uns aufzutreten.
Normalerweise braucht es für ein Festival immer auch die Unterstützung der regionalen Politik und Bevölkerung – darauf könnt ihr wohl eher nicht zählen. Was bedeutet das für eure Organisation, die Abläufe im Hintergrund?
Wir sind immer häufiger auf anwaltliche Unterstützung angewiesen. Die rechte Szene hat sich darauf verlegt – übrigens nicht nur bei uns – Veranstalter*innen zu diskreditieren und das Leben mit juristischen Winkelzügen schwer zu machen. Durch Anzeigen, Auflagen, kleine Anfragen an die Landesregierung und aktuell bei uns völlig überzogene Pachtkosten für eine Wiese durch die hiesige Gemeindevertretung. Unser Unterstützer*innenteam kommt aus ganz Deutschland, sodass wir unter dem weitgehend fehlenden regionalen Engagement nicht leiden. Traurig ist es aber schon, dass in unserer Region sich nur wenige aktiv und offensiv mit uns und dem Festival solidarisieren.

Musikalisch bietet JAMEL ROCKT DEN FÖRSTER einen so bunten Stilmix, wie man ihn auf anderen Festivals nur selten erlebt. Nach welchen Kriterien sucht ihr die Bands für euer Programm aus?
Bei uns geht alles außer Schlager und Folk. Auf der kleinen Bühne spielen regionale Acts. Einzige Bedingung: eigene Songs, no cover. Für die große Bühne macht das Booking die Agentur der Toten Hosen. Wir haben uns vor ein paar Jahren ausbedungen, selbst erst am Festivalwochenende zu erfahren, wer spielen wird. So werden wir genauso überrascht wie das Publikum.
JAMEL ROCKT DEN FÖRSTER ist nicht nur Musik-Event, sondern ein Festival mit gesellschaftspolitischem Informations- und Workshopprogramm. Was ist eure Motivation hinter JRDF, was ist euer „Ziel“?
Politische Bildung sollte Spaß bringen. Wir finden, das geht am besten mit einem exquisiten Musikprogramm und Zeit für gesellschaftspolitische Initiativen, ihre Arbeit vorzustellen und die Besucher*innen weiterzubilden. Wir möchten uns nicht auf ein „Anti-Nazi-Festival“ reduziert sehen.
Politisch habt ihr Unterstützung von oberster Stelle, seit 2016 hat die Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns, Manuela Schwesig, die Schirmherrschaft übernommen – und seit 2021 ist auch Birgit Hesse, die Landtagspräsidentin von Mecklenburg-Vorpommerns, Schirmherrin. Was bedeutet das ganz konkret für das Festival?
Die Landepolitik ist auf unserer Seite, versucht bei Schwierigkeiten an einer Lösung des Problems mitzuarbeiten. Wenn die untere kommunale Ebene jedoch auf stur stellt, sind die Einflussmöglichkeiten begrenzt.
Die Union hat unlängst mit ihren unsäglichen 551 Fragen zu NGOs das antifaschistische Engagement von Bürgerinnen und Bürgern gegen rechts in Frage gestellt. Was erwartet ihr von der neuen Regierung in Anbetracht dieser Vorzeichen im Kampf gegen den Rechtsruck?
Nichts Gutes. Beziehungsweise gar nichts. Wenn sich eine Partei, die das Christliche im Namen trägt, in die populistischen Niederungen der AxD begibt, ist das Schlimmste zu befürchten.

Wie ihr sagt, stellen bekennende Nazis mittlerweile 95% der Bevölkerung von Jamel. Nüchtern betrachtet dürfte es schwer sein, mit einem antifaschistischen Event noch jemanden aus diesem Personenkreis zu erreichen, oder? Seht ihr Jamel also eher als abschreckendes Beispiel, eine Art „Freilichtmuseum“, um auf die Situation in eurer Region hinzuweisen? Oder habt ihr noch die Hoffnung, dass sich in der Region wirklich etwas ändert?
Genau so: Wir nutzen dieses „nationalsozialistische Musterdorf“ mit seinen optischen Marksteinen als Beispiel dafür, was die Rechtsextremen aus einem Gemeinwesen machen, wenn man sie nicht in ihre Schranken weist. Die Dorfbewohner*innen – Männer, Frauen und deren Kinder – sind voll indoktriniert und man kann sich die Mühe sparen, sie zum Ausstieg aus der rechtsextremen Szene bewegen zu wollen … reine Zeitverschwendung.
Vor zehn Jahren gab es den bereits angesprochenen Brandanschlag auf eure Scheune – der scheint aber neben dem medialen Interesse vor allem euren Widerstandsgeist befeuert zu haben. War das eine einmalige Extremsituation, oder fühlt ihr euch auch heute noch direkt gefährdet?
Wir sind permanent gefährdet. Erst in der letzten Silvesternacht wurden wir durch mehrere Vermummte mit Silvesterraketen auf unserem Grundstück direkt angegriffen.
Während des Festivals erhaltet ihr Unterstützung und Aufmerksamkeit von Bands, Fans und Medien aus ganz Deutschland – aber wie geht ihr die anderen 363 Tage im Jahr, in eurem privaten Alltag damit um? Woher nehmt ihr die Kraft, diesem Umfeld tagtäglich die Stirn zu bieten?
Manchmal ist es hart, manchmal trägt uns die Woge der Solidarität, die wir verspüren. So schicken uns „Omas gegen rechts“ aus ganz Deutschland seit Wochen ganz liebe Postkarten und Briefe, um zu zeigen, dass sie an uns denken. Das erwärmt uns die Herzen. Und ein paar Leute, die nicht vor den Faschist*innen einknicken, haben wir auch in der Umgebung von Jamel. Die sind bei uns, passen auf uns auf und bilden für uns so etwas wie ein mentales und auch ganz praktisches Basecamp.

Wie kann die Metal-Community euch und euer Event unterstützen? Was braucht ihr – Helfer, Sachspenden, Geldspenden, Aufmerksamkeit?
Eigentlich von allem etwas. Spenden sind natürlich besonders wichtig. Wir sammeln auf der Crowdfunding-Plattform Betterplace Geld für die Festivaldurchführung [hier könnt ihr spenden!]. Wer tatkräftig beim Aufbau, Abbau und an den Festivaltagen helfen möchte, kann sich per per E-Mail bei uns melden. Sachspenden könnt ihr unter derselben Adresse anbieten. Hat zum Beispiel vielleicht jemand einen gebrauchten Radlader abzugeben?
Was würdet ihr mit dem Festival gerne noch erreichen? Was ist die ideale Zukunft für JAMEL ROCKT DEN FÖRSTER?
Wir würden uns wünschen, dass die Menschen in unserer Region den Wert anerkennen, den es hat, wenn die Größen der deutschen Musikszene hier gastieren und man für vergleichsweise wenig Geld teilnehmen kann. Wir tun etwas für unsere Gemeinde, auch wenn viele das anders sehen.
Mach nochmal Werbung in eigener Sache: Wann findet die nächste Ausgabe statt und was erwartet Besucher:innen?
22. und 23. August 2025. Das Zielpublikum von JAMEL ROCKT DEN FÖRSTER besteht in erster Linie aus politikinteressierten Demokratieförder*innen. Auch insofern ist das Festival nicht vergleichbar mit kommerziellen Musikfestivals. Wir geben seit 2017 das Line-up bis zum Festivaltermin nicht bekannt, damit alle, die nicht nur an den fantastischen Bands, sondern auch an der politischen Aussage des Festivals interessiert sind, die Chance haben, Tickets bekommen. Um den Termin des Vorverkaufsstarts als erste zu erfahren, abonniert den Festival-Newsletter!
Eure Message an die Metalheads da draußen:
Lasst euch von den Faschist*innen nicht für dumm verkaufen!
Fotos: © wie angegeben (Nutzung mit freundlicher Genehmigung)
Alle weiteren Teile dieser Serie findet ihr hier:
Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.


