Interview mit Martin Hamiche und Marion Bascoul von Aephanemer

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Hört man AEPHANEMER zum ersten Mal, ordnet man die Band automatisch nach Finnland ein. Der symphonische Melodic Death Metal der Franzosen ist eindeutig skandinavisch geprägt, das dritte „A Dream Of Wilderness“ macht dabei keine Ausnahme. Gitarrist und Songschreiber Martin Hamiche und Sängerin Marion Bascoul erzählen uns im Interview von diesen Einflüssen, zwischenzeitlichen Lähmungen und der Hoffnung auf mehr Harmonie mit der Natur.

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Hallo und danke für eure Zeit für das Interview. Wie geht es euch?
Martin: Hallo, danke dass du uns interviewst? Uns geht es gut, wir sind recht beschäftigt, so wie jede andere Band, die gerade ein Album veröffentlicht. (lacht) Zum Glück ging bisher alles gut.

Ihr habt euer Debütalbum „Memento Mori“ und den Nachfolger „Prokopton“ selbst veröffentlicht. Was hat sich für euch geändert, seit ihr bei Napalm Records unterschrieben habt?
Martin: Das stimmt, wir haben unsere ersten beiden Alben über unser eigenes Label Primeval Records veröffentlicht, daher mussten wir alles selbst machen. Ein Album über Napalm Records zu veröffentlichen, ist wesentlich weniger stressig, da wir für viele Dinge nicht mehr verantwortlich sind. Bei Napalm Records unter Vertrag zu stehen hat uns außerdem mehr Reichweite und Glaubwürdigkeit gebracht. Unsere Alben kann man nun in Geschäften auf der ganzen Welt finden und wir haben die Möglichkeiten, Menschen zu erreichen, die wir selbst nie erreicht hätten.

Euer Bandname AEPHANEMER ist eine Kombination der französischen Wörter „éphémère“ und „fanée“, was so viel wie „flüchtig“ und „vergänglich“ bedeutet. Warum habt ihr diesen Namen gewählt und was bedeutet er für euch persönlich? Anfangs hatte ich schon Probleme, ihn mir zu merken, da er etwas ungewöhnlich ist, aber auch einzigartig.
Martin: „éphémère“ und „fanée“ sind zwei Worte, die mit dem Herbst verbunden sind, den ich liebe. Ich muss aber zugeben, dass ich nicht selbst auf den Bandnamen gekommen bin. Das war meine Schwester und ich muss das in jedem Interview sagen, sonst gibt es Konsequenzen für mich…

Aephanemer Bandfoto

Wir habt ihr euch selbst als Musiker seit dem Debüt weiterentwickelt, was macht ihr auf eurem aktuellen Album besser?
Martin: Nun, wenn du dir unsere Discografie anhörst, von unserer EP „Know Thyself“ bis zu unserem neuen Album „A Dream Of Wilderness“, wirst du wahrscheinlich feststellen, dass unser technisches Level langsam besser geworden ist. Wir waren 2014 nicht wirklich gute Musiker, haben uns über die Jahre aber verbessert. Ich denke, das selbe gilt für unser Songwriting – ich liebe unsere alten Songs nach wie vor und würde auch nicht sagen, dass sie im Vergleich zu unserem aktuellen Material minderwertig sind, aber ich habe früher wesentlich weniger musikalische Elemente genutzt als heute.

Wie funktioniert das Songwriting bei euch? Seid ihr alle involviert, wie entstehen die Songs?
Martin: Normalerweise schreibe ich die Musik alleine – Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboards und andere Instrumente – und schicke dem Rest der Band die fertigen Songs. Marion schreibt dann die Texte und Gesangslinien, während Mickaël (Schlagzeug) und Lucie (Bass) ihre Parts verbessern oder umschreiben, wenn ich etwas unspielbares schreibe. Das kommt tatsächlich öfter vor, als ich eigentlich zugeben möchte. Ich weiß nicht, ob wir immer so arbeiten werden, aber bisher ist jeder glücklich damit!

Gitarrist Martin Hamiche von Aephanemer

Gitarrist Martin Hamiche von Aephanemer

Seit dem ersten Hören finde ich, dass eure Musik sehr finnisch klingt, etwa nach frühen Ensiferum, Wintersun und Kalmah. Wie siehst du das, gehören finnische Melodic-Death-Metal-Bands zu euren Einflüssen? Dazu passt ja auch, dass das Album in den Finnvox Studios in Finnland gemastert wurde.
Martin: Skandinavischer Metal ist tatsächlich ein großer Einfluss für uns! Ich denke, der Kern unserer Musik ist skandinavischer Melodic Death Metal gemischt mit verschiedenen Einflüssen. Children Of Bodom, In Flames und Amon Amarth sind die Bands, die mich dazu gebracht haben, selbst Musik zu schreiben. Heutzutage höre ich sie mir nicht mehr täglich an, da ich die Songs schon ziemlich gut kenne und es befriedigender ist, neue Musik zu hören und dadurch neue Elemente zu entdecken, die ich in unsere Musik einbauen könnte. Zum Beispiel liebe ich Barockmusik, patriotische sowjetische Märsche, ein paar religiöse Lieder und viele Soundtracks von Videospielen und Filmen.

Jeder Song fühlt sich wie eine eigene kleine Reise mit seiner eigenen Geschichte an. Das Interlude „Vague à l’âme“ teilt das Album in zwei Hälften, ganz wie bei einer Schallplatte. Was ist die Idee dahinter und ist das Album dafür gemacht, als Ganzes gehört zu werden?
Martin: Wenn ich ein Album schreibe, schreibe ich auch gerne Interludes. Sie erlauben mir, die Intensität für eine kurze Zeit runterzuschrauben, was meiner Meinung nach wichtig für unsere Art Musik ist. Das Album ist dafür gemacht, in seiner Gänze gehört zu werden. Es ist nicht wirklich ein „Singles und Filler“-Album, sondern eher ein in mehrere Parts aufgeteilter langer Track. “Vague à l’âme” hat eine eigene Hintergrundgeschichte, da ich ursprünglich vorhatte, mehrere Noten und schwierigere Dinge zu spielen, als nun in der finalen Version. Ich muss momentan eine fokale Dystonie in meiner linken Hand behandeln, die sie über die Jahre langsam gelähmt hat. Als ich das Interlude aufnehmen und das Album zu Ende bringen musste, war meine ganze linke Hand gelähmt, abgesehen vom Mittelfinger. Deswegen konnte ich nur einfache Sachen aufnehmen. Mit dem Ergebnis bin ich aber immer noch sehr glücklich! Das macht den Song für mich nur noch spezieller.

Das Album wurde von Dan Swanö gemixt. Warum habt ihr euch für ihn entschieden, warum war er die beste Wahl für euren Sound?
Martin: Dan Swanö ist extrem kompetent und es ist sehr einfach, mit ihm zu arbeiten. Durch seine Erfahrung kann er alles mixen, solange wir ihm erklären können, was wir wollen. Er ist kein Typ, der deine künstlerischen Entscheidungen nicht respektiert oder seine eigene Vision durchsetzen will. Er gibt sein bestes, den speziellen Sound zu kreieren, den die Band haben will. Wir schätzen es außerdem, dass er nach wie vor vor allem mit kleinen Underground-Bands arbeitet. Er ist ein sehr bescheidener Mensch und sowas ist und wichtig.

Sängerin und Gitarristin Marion Bascoul von Aephanemer

Sängerin und Gitarristin Marion Bascoul von Aephanemer

Der Albumtitel, das wundervolle Coverartwork, die Texte und eure Videos deuten darauf hin, dass ihr naturverbundene Menschen seid. Ist das so und was bedeutet der „Dream Of Wilderness“ für euch?
Marion: Wie für die meisten Leute in dieser Zeit, sind umweltbezogene Themen für mich eine Quelle der Angst und Traurigkeit. Ich bin auch sehr sensibel, was den Tierschutz angeht, so wie auch meine Bandkollegen, die fast alle Vegetarier sind. Für mich steht „A Dream Of Wilderness“ für die Hoffnung, dass wir gemeinsam die Art und Weise ändern können, wie wir die Natur betrachten, was die Voraussetzung dafür ist, dass wir aufhören, sie zu zerstören und vielleicht einen Weg finden, in Harmonie mit ihr zu leben.

Neben der Natur scheinen Fortschritt und Erneuerung große Themen in euren Lyrics zu sein. Welche Themen inspirieren dich beim Songwriting?
Marion: Im Allgemeinen lasse ich mich von dem inspirieren, was ich gerade lese, um die Geschichten in meinen Songs zu vertiefen. Das Schreiben von Texten ist für mich aber auch eine Möglichkeit, Themen zu reflektieren, die mich interessieren oder die ich verarbeiten muss. Hinter jedem Song steckt immer eine philosophische Idee, die ich in Verbindung mit dem Thema entwickeln will.  “Le Radeau de La Méduse” zum Beispiel basiert auf einem Buch, das von den Überlebenden eines Schiffsunglücks geschrieben wurde. Ich versuche aber nicht nur, einfach diese Geschichte zu erzählen, außerdem will ich ihre moralischen Dimensionen behandeln: Wie die verschiedenen Protagonisten dieser tragischen Ereignisse sich verhalten haben und inwieweit sie überhaupt eine Wahl bei dem hatten, was sie getan haben.

Aephanemer - A Dream Of Wilderness - CoverartworkIch finde, das Album ist viel symphonischer als die Vorgänger, würdest du mir zustimmen? War das von Anfang an der Plan für „A Dream Of Wilderness“?
Martin: Nicht wirklich. Als ich „A Dream Of Wilderness“ geschrieben habe, habe ich nicht besonders an die symphonischen Parts gedacht. Es hat sich natürlich entwickelt. Mir ist schon aufgefallen, dass die symphonischen Parts in unserer Musik immer und immer wichtiger wurden, aber das war so nicht wirklich beabsichtigt. Ich denke, mit diesem Album haben wir für uns das richtige Maß gefunden, zumindest für unsere Geschmäcker. Ich möchte eine gewisse Balance zwischen den Gitarren und den symphonischen Elementen wahren, weil beide wichtig sind. Wenn wir diese Balance für unser nächstes Album anpassen würden, dann würde das wahrscheinlich zugunsten der Gitarren gehen.

Wie habt ihr die Orchestrierungen und symphonischen Elemente erstellt und wodurch wurden sie beeinflusst? Manchmal haben sie mich an Dimmu Borgir erinnert.
Martin: Die Orchestrierungen wurden mit virtuellen Orchestern erstellt und stammen leider nicht von einem echten Orchester. Es wäre großartig, mit einem echten Orchester zusammenzuarbeiten, das sprengt unser Budget aber bei weitem. Dieses mal jedenfalls habe ich eine Menge verschiedener Bibliotheken benutzt anstatt nur ein paar. Ich habe viele verschiedene Instrumente gemischt, um den Sound zu bekommen, den ich wollte. Um ehrlich zu sein, ist es nicht gerade kompliziert… Das Songwriting ist das Komplizierte. Die richtigen Melodien, die richtigen Akkorde und Riffs zu finden, das ist hart. Aber wenn der Song erstmal geschrieben ist, ist es ganz einfach, die Orchestrierungen zu schreiben und Spaß macht das auch! Die symphonischen Parts sind vermutlich vor allem von den „Nicht-Metal“-Sachen beeinflusst, die ich höre.

Habt ihr schon drüber nachgedacht, das Album mit einem echten Orchester live zu spielen? Würdet ihr das gerne machen?
Martin: Das wäre großartig und wir hoffen wirklich, dass wir das eines Tages umsetzen können!

Ihr habt “Le Radeau de La Méduse” in Englisch und Französisch aufgenommen. Warum habt ihr gerade diesen Song dafür ausgewählt?
Marion: Ich wollte schon lange Lyrics auf Französisch schreiben und singen. Als ich an den Lyrics zu “Le Radeau de La Méduse” gearbeitet habe, dachte ich es wäre eine gute Möglichkeit, das auszuprobieren, da der Song auf einem historischen französischen Ereignis basiert und der Name von einem berühmten französischen Gemälde stammt. Also habe ich Martin vorgeschlagen, dass wir den Song in zwei Versionen schreiben und aufnehmen: Eine Version in Englisch als Teil der Tracklist des Albums und eine Version in Französisch als Bonustrack. Es war das erste Mal für mich und ich hatte keine Ahnung, was daraus werden würde. Diese französische Version zu machen war also eine Möglichkeit, das auszuprobieren und Feedback dazu zu erhalten, und das ohne zu hohes Risiko, da es nur ein Bonustrack ist.

Kannst du dir vorstellen, in Zukunft mehr auf Französisch zu singen?
Marion: Das werde ich auf jeden Fall machen! Zuerst dachte ich, Englisch wäre als Sprache viel geeigneter für Deathgrowls als Französisch. Nun, da ich einen Song auf Französisch geschrieben und es ausprobiert habe, habe ich diese Meinung nicht mehr und ich freue mich darauf, mit französischem Gesang zu experimentieren!

Aephanemer Bandfoto

Kommen wir zum Abschluss zu unserem traditionellen Brainstorming. Was fällt dir zu folgenden Begriffen zuerst ein…

Aktuelles Lieblingsalbum:
Marion: 1914 – Where Fear And Weapons Meet.
Martin: Dark Tranquillity – Moment.

Streaming:
Marion: Sowohl umstritten als auch eine wichtige Einnahmequelle für Künstler.
Martin: Großes Promotion-Potential.

Bestes Film-/Serien-/Buch-Universum:
Marion: “Der Herr der Ringe”.
Martin: “Dune”.

Videospiele:
Marion: Jedes “Zelda”-Spiel.
Martin: Jedes “Total War”-Spiel.

Haustiere:
Marion: Ich bin ein Katzenmensch.
Martin: Ich liebe Ziegen und Schweine. Die sind großartig.

Etwas, das jeden schlechten Tag besser macht:
Marion: Mit Katzen chillen.
Martin: Musik, Schokolade, üben, Freunde, laufen.

AEPHANEMER in zehn Jahren:
Marion: Zurück mit unserem achten Album!
Martin: Lebendiger und energiegeladener denn je!

Danke nochmal für eure Zeit. Die letzten Worte gehören euch. Wollt ihr unseren Lesern noch etwas sagen?
Martin und Marion: Vielen Dank fürs Lesen des Interviews, wir hoffen euch gefällt unser neues Album „A Dream Of Wilderness“!

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