Interview mit Arthur Brown von Arthur Brown

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Seit den 1960er-Jahren prägt der „God Of Hellfire“, ARTHUR BROWN, die Welt der Rockmusik. Mit „Nature“ ist nun sein wohl letztes Album erschienen. In einem alles andere als gewöhnlichen Interview philosophiert der mittlerweile 84-Jährige über das Zusammenspiel von Bäumen und Sternen und erklärt, wie ihn Feuer und Wasser inspiriert haben – aber auch, wie er zu KI steht und warum sein Theater-Rock perfekt auf Extreme-Metal-Festivals passt. Mit dabei: seiner Managerin Claire Waller, als, wie Arthur es ausdrückt, „Stimme der industriellen Weisheit“ aus dem Off. Willkommen in der (meist alles andere als) verrückten Welt von ARTHUR BROWN!

Du bist vor ein paar Jahren aus den USA zurück nach England gezogen. Was hat dich auf die Idee gebracht, zurückzuziehen?
Vor etwa 15 Jahren bin ich in England in ein Café gegangen. Dort habe ich Claire kennengelernt, sie war die Besitzerin des Cafés. Und wir wurden Freunde. Vor ungefähr zehn Jahren hat Claire mich gefragt: Was würdest du gern mit dem Rest deines Lebens machen? Und ich sagte: Ich möchte, dass meine Vergangenheit – was ich wann getan habe – in die Musikgeschichte eingeht. Da sagte sie: Warum packen wir nicht einfach und dann brechen wir auf? Und genau das haben wir gemacht. In dieser Zeit haben wir über alle möglichen Dinge im Leben gesprochen und sind durch viele Länder gereist. Nach und nach hat sich die Idee der Show zusammengefügt. Als wir damit fertig waren, waren wir einmal quer durch Amerika gereist, auf gemeinsamer Tour mit YES und Carl Palmer. Diese Tour, die glaube ich 69 Locations in Amerika in verschiedenen Bundesstaaten bespielt hat, war Teil unserer Reise. Und dann haben wir nach und nach unseren Weg zurück nach England gefunden. Und wir …

[Arthur bekommt einen Tee gereicht] Oh, danke, eine Tasse Tee ist angekommen. Großartig! Das ist mal gute englische Verpflegung, oder? (lacht) Am Ende sind wir jedenfalls wieder in Yorkshire gelandet, wo wir bei Claires Schwester gewohnt haben. Claire war zu dem Zeitpunkt bereits meine Managerin und Creative Director der Show. Als Creative Director in der Musik hast du heute eine unglaubliche Menge an Aufgaben und Rollen. Sie hat das fantastisch gemacht: Sie hat meine ins Stocken geratene Karriere wieder ins rollen gebracht und sie dahin hochgezogen, wo wir heute stehen.

ARTHUR BROWN auf dem BRUTAL ASSAULT 2026Welche Verbindung hast du zu dem Ort, was hat dich genau dorthin gezogen?
Claire und ich haben uns ungefähr acht Meilen von dem Ort entfernt niedergelassen, wo mein Vater, mein Großvater und die Linie der Eltern meines Vaters begraben sind: Dieser Friedhof ist vom Haus aus in der einen Richtung. Und auf der anderen Seite liegt Whitby, wo ich geboren wurde. Ich bin mit meinen Eltern das erste Mal aus Whitby weggezogen, als ich sieben war, runter nach Cardiff. In Cardiff gehörte zum Lehrplan, dass man ein Stück Land zugeteilt bekam. Und eine unserer Unterrichtsstunden war Pflanzen, Graben und wie man sich um Pflanzen kümmert und all so was. Als ich da weg bin und von Wales nach Leeds gegangen bin, konnten sie das nicht glauben: Du willst mir erzählen, du hast Kartoffeln in die Erde gesteckt und dafür Noten bekommen? (lacht) Also hat sich wieder alles verändert. Aber ich war wieder in Yorkshire, bis ich ungefähr 18 war. In den Whitby Moors anzukommen war etwas Wunderschönes. Wir haben es genossen, einfach herumzufahren und ein kleines Dorf zu finden, uns umzuschauen, zu sehen, was für eine Art Natur es dort gibt. Und ich habe mich sehr willkommen gefühlt. Das wollte ich zurückgeben.

Um das Haus herum gibt es viel Land und Bäume und Tiere. Sie gehören nicht alle uns, aber sie sind alle da. Wir uns daran gewöhnt, verschiedene Arten von Bewuchs und Vögeln zu suchen. Wir haben beispielsweise einmal im Jahr einen Fischadler zu Gast. Er landet bei uns und macht hier Zwischestation: Er bleibt etwa sechs Wochen, ehe er nach Afrika weiterfliegt. Das ist wirklich ein bemerkenswerter Vogel!Und wenn wir morgens aufwachen, und in der Morgendämmerung raus auf das Grün neben dem Haus gucken, sitzen da ungefähr 50 Kaninchen, alle in einer Reihe, schauen zur Sonne und beten das Licht an. Außerdem bringen verschiedene Bauern ihre Schafe – besonders wenn sie lammen – in einen Teil des Geländes. Dann gibt es noch ein Naturschutzgebiet, wo man Hunde in der Zeit, in der die Vögel da sind, an der Leine halten muss. Und wir haben ein Pony, Claire liebt es. Es ist so eine Art Pflegepony, weil jemand anderes es nicht behalten konnte und es nicht einschläfern lassen wollte. Also haben wir das Tier aufgenommen. Außerdem ist da noch der große Hund von Claires Schwester … das ist so ein Hund, der denkt, er wäre ein Mensch. (lacht) Und Hühner, die auch denken, sie hätten ein Anrecht darauf, in unserem Haus zu sein. Das ist natürlich sehr nett, aber es gibt Dinge, die sie erledigen müssen. Wenn ein Stapel mit Notizen für etwas Wichtiges herumliegt, springen sie gerne mal auf den Tisch und kacken drauf. (lacht) Es ist also ein Zusammensein mit der Natur in einem sehr wörtlichen Sinn – einfach mit ihr zusammen im Raum zu sein.

Es gibt hier auch einen Fluss, der zu bestimmten Jahreszeiten bräunlich gefärbt ist. Zur Zeit der industriellen Revolution in unserer Geschichte lagen die Bergwerke ganz in der Nähe von hier. Das Eisenerz und das alles wäscht immer noch aus dem Boden in die Flüsse. Außerdem gibt es hier so etwas wie prähistorische Grabhügel. Man bekommt hier also eine Menge zu sehen …

Hat dich also diese ganz besondere Umgebung zurück zur Natur gebracht, oder fühlst du dich dein ganzes Leben lang mit derselben Intensität mit der Natur verbunden?
Diese Verbindung ist wirklich nochmal viel tiefer geworden. Als ich in der Schule war und ins letzte Jahr dort kam, haben sie zu mir gesagt: Du musst nicht in die Schule kommen – solange du dir deinen eigenen Lehrplan zusammenstellst und den offiziellen Vorgaben folgst, was die zu lesenden Bücher und solche Sachen angeht – die Prüfungen werden sich daran orientieren. Das hat dazu geführt, dass ich viel in den Hügeln und so spazieren gegangen bin.

Das hat bestimmte Funktionsweisen meiner Psyche und meines Körper hervorgebracht. Ich war in der Pubertät, also sind alle Hormone durch die Gegend geflogen, und das hat dazu geführt, dass ich in den Hügeln und im hohen Gras gelaufen bin. Was in meinem Kopf passiert ist … da war so ein Gefühl, in meinem Körper eingesperrt zu sein. Und dann kam eine Art Schub, und ich hatte das Gefühl, als würde ich oben durch den Scheitel aus mir herauskommen. Dabei kam manchmal einfach spontan Poesie heraus. Ein Teil dieser Poesie steckt in meinen früheren Werken in meinen 20ern, also THE CRAZY WORLD OF ARTHUR BROWN. Und ein Teil davon ist auf diesem neuen Album, „Nature“, das wir heute veröffentlichen – ich, zusammen mit Dan Smith, der übrigens ein unglaublicher Musiker ist.

Die Grundlage dieses Albums ist die Beziehung zu den Elementen um uns herum, und zu ihren verschiedenen Formen: Vogelgesang, Flussgesang und Rhythmen, auf die ich schon als Kind gestoßen bin, als ich dort in den Mooren gelebt habe. Und die Rhythmen der Farben und die Rhythmen der Geräusche des Meeres, des Windes und all dieser Dinge. Also, an manchen Tag hätte passieren können, dass du uns dort beim Spazierengehen dort antriffst, wo wir ein kleines Feuer angezündet haben. Und dann prasselt dieses Feuer und verströmt Düfte und all die Dinge, die wir nutzen können, um die ganze Landschaft in Klang und Musik zu übersetzen.

ARTHUR BROWN auf dem BRUTAL ASSAULT 2026
ARTHUR BROWN live auf dem BRUTAL ASSAULT 2026

Die Texte enthalten aber auch viele soziopolitische Aspekte: Du singst über künstliche Intelligenz, die Medienblase und so weiter. Wie wichtig ist es dir, politisch und technisch bei solchen Themen auf dem Laufenden zu bleiben?
All das beeinflusst natürlich, wie wir leben. Claire und ich überlegen oft: Wie werden wir leben? Wie leben wir im Einklang mit der Natur, aber auch mit all den vom Menschen dem Leben hinzugefügten Komponenten, beispielsweise Geld? Es ist alles eins. Wir stehen hier oben zwischen den Bäumen, aber unter der Erde gibt es die Pilze und all das unterirdische Leben. Der gesamte Wald bildet ein einziges Lebewesen. An diesem Punkt hören wir normalerweise auf – aber wenn du von da aus den Blick noch weitest: Wie beziehst du dann einen Stern mit ein? Ist er getrennt von diesem Wald, oder ist ab einem bestimmten Punkt eigentlich alles ein und dasselbe?

Oder auch der Unterschied zwischen einem lebenden Wesen, wie wir es nennen, und etwas, das nach unserer Definition nicht lebt. Lebt ein Berg? Das kann man nicht sagen, wenn man in der Wissenschaft nicht so weit wie möglich geht. Tatsächlich kommt man dabei dem sehr nahe, was einige der großen Meister auf andere Weise erreicht haben, nämlich durch Meditation eine andere Sichtweise auf das Leben zu erlangen. Man findet das Äquivalent des Bewusstseins, das die Wurzel der Materie ist. So löst sich auf einer tieferen Ebene die Grenze zwischen dem auf, was lebt, und dem, was nicht lebt.

ARTHUR BROWN 2022 in MünchenWie finden wir also Leben und wie erkennen wir, dass Aktivität stattfindet? Denn sobald man beispielsweise das Bewusstsein als Teilchen betrachtet – auch wenn es sich in etwas auflöst, mit dem wir das nicht tun könnten –, können manche Menschen mit den Schwingungen in Resonanz treten, die von beiden ausgehen und von dem, was unter beidem liegt. Daher könnte man sagen, dass in allem eine Einheit besteht. Wie leben wir nun damit? Was ist mit Geld? Was ist mit dem Recht auf Land? Das Recht, so viele Leute in einem Land leben zu lassen, wie man will, obwohl das bedeutet, dass sie Essen und Ressourcen aus einem anderen Land holen müssen? Das alles kommt nah an alte Religionen und verschiedene magische Kulturen.

Ein Beispiel: Auf meiner Reise mit Claire sind wir durch unterschiedliche Natur-Umgebungen gekommen. In Texas gibt es etwa die „moving lights“: Es sind Farben. Und es sind Schwingungen. Aber wie stehen wir dazu? Gibt es da eine Verbindung zwischen uns, sodass wir es in eine Sichtweise aufs Leben einbeziehen können, die zumindest einer wissenschaftlichen Herangehensweise entspricht?

In unserem Fall hat Claire eine sehr direkte Verbindung zu den Energien der Natur und deren Zusammenwirken, zu ihren Energien, die durch ihren Körper fließen und die natürlichen Energien ihres Körpers sind, aber es sind auch die natürlichen Energien in den Lichtern, die manche Menschen außerirdischen Präsenzen und ähnlichen Dingen zuschreiben. Eine ganze Reise mit ihr zu machen, war für mich eine sehr präsente Verbindung zu ihr. Ich hatte ein paar Sachen darüber gelesen, aber jemanden zu haben, der … ihre Hände könnten plötzlich in der Erde verschwinden, aber nicht, weil sie gräbt, sondern einfach so – wusch. Und viele andere Abenteuer dieser Art! Möchtest du dazu ewas sagen, Claire? Nein? (lacht)

ARTHUR BROWN beim Prophecy Fest 2022Glaubst du, dass diese Art, ans Leben und an die Natur allgemein heranzugehen, für die Kunst und Rockmusik der jüngeren Generation verloren gegangen ist?
Ich würde sagen, dass sich diese Entwicklung gewissermaßen angedeutet hat oder sogar offen thematisiert wurde, als die Underground-Szene immer weiter in den Mainstream rückte. Das lag zum Teil daran, dass die Plattenfirmen und die restliche Unterhaltungsbranche enorme Summen Geld in das System gepumpt haben. Und natürlich daran, dass die Regierungen weltweit zu dem Schluss gekommen sind, dass das [Natur-Bezogenheit] als Basis des Zusammenlebens von Menschen nicht mehr so funktioniert, wie es früher der Fall war. Die Menschen [die noch so dachten], zogen sich aus der breiten Gesellschaft zurück, einige gründeten Gemeinschaften auf Basis der Vorstellung, dass Pflanzen und Menschen auf einer sehr tiefen Ebene kommunizieren und dass auf irgendeiner Ebene alle Materie gleich ist, egal ob es sich um einen Planeten oder um ein Zeitungsblatt handelt. Auf einem bestimmten Level ist das alles dasselbe.

Dorthin also wurden diese Ideen verdrängt, die die Gesellschaft komplett verändert hätten. Aber eigentlich war das immer da, in der einen oder anderen Form. Und nun bringen sie es jetzt wieder nach vorn … und zwar im großen Stil. Es ist noch nicht so publik, aber es wird wieder die breite Masse erreichen. Junge Leute interessieren sich dafür – trotz der Art, wie die älteren Generationen sie behandeln. Sogar sowas wie die Handykultur, und die hat ihre Probleme, oder künstliche Intelligenz, die manche Leute schon abgeschrieben haben, hat einen Bezug dazu. Weißt du, KI … du kannst sie danach fragen, und sie gibt dir eine großartige Antwort, die besser ist als das, was die meisten Leute dazu sagen können.

ARTHUR BROWN 2024 auf dem PROPHECY FEST
ARTHUR BROWN live beim PROPHECY FEST 2024

Einerseits wirkst du wie ein Mann, der tief in der Natur und im inneren Frieden verwurzelt ist, andererseits bist du jetzt seit ungefähr 60 Jahren als der „God of Hellfire“ berühmt – dieser Name ist dir dein ganzes Leben lang anhaften geblieben. Ist das etwas, das du manchmal bedauerst, oder bist du immer noch stolz darauf, der „God of Hellfire zu sein“, der uns Feuer bringt?
Als Claire und ich beschlossen haben, diese lange Reise zu machen und einzuordnen, was mein Platz in Musik und Performance gewesen ist, sind wir in einer Sache überein gekommen: Woran die meisten Leute denken, wenn sie überhaupt etwas von mir wissen, ist „God of Hellfire“. Darauf sind die Leute mein ganzes Leben lang angesprungen, vor allem, wenn sie langjährige Fans sind. Darum haben wir entschieden: Wir wollen klar machen, wofür der God of Hellfire wirklich stand. Ich frage mal Claire, ob sie dazu was sagen will!

ARTHUR BROWN auf dem BRUTAL ASSAULT 2026Claire [aus dem Off]: Allein die Tatsache, dass du stolz bist auf dein Gesamtwerk, auf THE CRAZY WORLD OF ARTHUR BROWN – aber auch diese Idee von Kreativität und davon, ein Künstler zu sein: Ist es nur ein einzelner Hit, oder ist dein Leben der Musik gewidmet? Und was du machen wolltest, war festzuschreiben, dass in so einem One-Hit-Wonder etwas steckt – ein Song, der die ganze Zeit überdauert, hat eine Bedeutung, erreicht Leute und macht Spaß, aus welchem Grund auch immer – aber er ermöglicht dir, weiter aufzutreten. Die Leute, die tiefer schauen und weitergehen wollen, werden sehen: Da ist ein komplettes Gesamtwerk, da gibt es eine riesige Menge an Alben.

Im Grunde ging es darum, eine unverwechselbare Identität für Arthur zu erschaffen – nämlich als der God of Hellfire – aber gleichzeitig zu vermitteln, dass das nicht dieses Dunkle und Satanische ist, eigentlich ist es weit davon entfernt. In seinem Leben ging es darum, Spiritualität, Natur, Sein und Kreativität zu erforschen und das mit diesem Album zu einer Art Abschluss, zu einem Gipfelpunkt zu bringen: Wenn du noch etwas zu sagen hast – was ist es? Wir wollten eine Präsenz aufbauen, indem man Arthurs Bildsprache nutzt, weil sie einzigartig ist, sie macht Spaß. Arthur steht gerne dazu, dass er, wie man so sagt, ein Exzentriker ist, aber er hat noch so viel mehr zu bieten. Und gleichzeitig auch festzuhalten: Nimm dich selbst nicht zu ernst – wir sind hier, um Kunst und Musik zu machen, damit Menschen tatsächlich aus sehr schwierigen Zeiten fliehen und Spaß haben können.

Praktischerweise passt „God Of Hellfire“ gut zu deinem neuen Job: In letzter Zeit spielst du immer wieder auf Metal-Festivals. Wie ist es dazu gekommen?
Wenn ein Booking-Agent gesagt hat, ihr wärt bei diesem speziellen Festival sehr willkommen, meistens oder ziemlich oft im Metal-Bereich, egal ob Heavy Metal, Dark Metal … wir haben uns dort dann auch willkommen gefühlt! Die Leute dort verstehn die Idee hinter Theater Rock! Claire, kannst du dazu etwas sagen?

ARTHUR BROWN 2024 auf dem PROPHECY FESTClaire: Das sind Leute, die wiedererkennen, was du mit deiner Stimme gemacht hast, mit der Theatralik. Es scheint innerhalb der Extreme-Metal- und Dark-Metal-Szene eine Art Anerkennung und neuen Schwung zu geben – eine Gruppe von ganz wundervollen Menschen, die Musik wirklich lieben. Deshalb haben wir die Wiederbelebung der Show an einem Ort, an dem sie wirklich geschätzt wird und der perfekt darauf ausgerichtet ist, sehr genossen. Wir können die visuelle Show umsetzen, weil die Technik dafür vorhanden ist. Wir können Rauch und Feuer einsetzen, und man kann die Bühnenpräsenz voll zur Geltung bringen, sodass die Band richtig aufblühen kann. Es ist eine großartige Verbindung.

Wie fühlt sich das an – ist das jetzt so eine Art zweiter Teil deiner Karriere, wo du anfängst, für eine komplett neue Generation von Leuten zu spielen, die gerade mit deinem Genre nicht vertraut sind?
Claire: Wir haben einen Booker gefunden, der ist in der Metal-Szene richtig etabliert ist. Er war ein absolut brillanter Agent für Europa und innerhalb dieser Szene, weil er so viel Erfahrung hat.

Ja, ja, absolut wahr. Und da gibt’s noch einen anderen Faktor: Als ich Claire kennengelernt habe, hat sie wie gesagt ein wunderbares Café geführt, das so etwas wie die treibende Energie in bestimmten Teilen des künstlerischen Lebens einer großen Stadtgemeinde war. Ich bin zufällig mit dem Koch ins Gespräch gekommen. Nach einer Weile sagte er: Ich mag deine Musik. Und ich sagte: Oh, bist du selbst vielleicht auch Musiker? Und er sagte: Ja, ja, ja. Ich spiele, was wir Metal nennen. Und ich sagte: Oh. Und dann gab er mir eines seiner Alben und ich habe es mir angehört.

ARTHUR BROWN 2022 in München
ARTHUR BROWN 2022 live in München

Was mich beschäftigt hatte, war Folgendes: Ein paar Jahre zuvor war die gesamte Underground-Szene noch wirklich „underground“. Und so entwickelte sie sich mit den Künstlern im UFO-Club und an den anderen Orten, auf die sie sich später ausbreitete, mit surrealer Lyrik. Und darin steckte eine gute spirituelle Komponente. Es gab Musik, die von dort kam, wie zum Beispiel einige Stücke, die den Anfang von EMERSON, LAKE AND PALMER bildeten. Und dann gab es da noch Dichter, die herumliefen und Gedichte vortrugen. Da waren Marc Bolan, der damals als „The Boppig Imp“ bekannt war – eine Art Elf -, und Steve Took, die einen fast schon folkigen Ansatz verfolgten, bei dem auch indische Musik eine Rolle spielte. Und dann, weißt du, SOFT MACHINE – das war der Jazz-Einfluss … und verschiedene andere Leute. Und später, als es langsam mehr zum Mainstream wurde, kam Tom Jones dorthin. David Bowie hat dort unten auch gespielt. Weißt du, es hat sich ausgebreitet.

Aber als das dann sozusagen zum Mainstream wurde und der Mainstream die Oberhand gewann, änderten sich die Texte. Und so wie ich das gesehen habe, schienen sie einfach zu verschwinden. Umso schöner war die Überraschung, als ich entdeckt habe: Oh, tatsächlich – die Texte, die mir dieser Typ, der Koch, gezeigt hat, das ist der Ort, wo die Leute, die gern über solche Sachen schreiben, immer noch sind – aber jetzt heißt es Heavy Metal. Und ihre Texte waren genau so. Sie hatten noch eine andere Seite, eine viel speziellere Seite der alten Erzähltradition, die sich mehr mit dem Tod beschäftigte und damit, wie wir die Kräfte des Bösen bekämpfen – und selbst wenn es in dieser Kultur nicht „böse“ genannt wurde, habe ich gemerkt: Oh, fantastisch! Die werden auch den Lyrik-Stil mögen, den ich hatte, weil der auf denselben Dingen beruhte! William Blake, und dann all die anderen Quellen zu der Zeit, die durch eine Geschichte der Illustration gingen, eine Geschichte des klassischen Stils, all das. Also war das, wenn du so willst, ein sehr befriedigendes Nach-Hause-Kommen. Und diese Reise, die Claire und ich gemacht haben … es war wie beim Lachs, der wegschwimmt und dann wieder nach Whitby heimkommt. (lacht) Da gab es das stilistische Nach-Hause-Kommen, im Sinne des musikalischen Stils, und philosophisch ging es tiefer in das, was früher ein Teil des Lebens meiner alten Freundin Claire gewesen war.

ARTHUR BROWN auf dem BRUTAL ASSAULT 2026Es ist beeindruckend, wie gut es funktioniert – sogar beim BRUTAL ASSAULT, das – wie der Name schon sagt – ein Extreme-Metal-Festival ist. Die meisten Bands spielen Death Metal, Grindcore, was auch immer … und dann ist da noch ARTHUR BROWN. Aber die Leute kamen scharenweise, um euch zu sehen, und sie hatten richtig Spaß an der Show … Ich hoffe, es hat dir auch gefallen?
Oh ja! Oh ja! (lacht)

Claire: Ich muss dir sagen, das Festival war mein Favorit, einer meiner absoluten Favoriten überhaupt. Was für ein Festival. Oh, meine Güte. Ich kann nicht glauben, wie brillant das war. (lacht) Das ist unglaublich. Da waren diese Dementoren auf dem Hügel, während ich PRIMUS geschaut habe, und dann sind die Feuerkanonen losgegangen – das wird für immer in meinem Herzen bleiben. (lacht)]

Hattet ihr also auch ein bisschen Zeit, ein paar der anderen Bands und das Festival an sich zu genießen? Oder ist das eher so: ankommen, eure Show spielen und dann ab ins Hotel?
Nun, manchmal passiert das schon. Aber dort nicht, nein. Wie du weißt, ist das dort in zwei verschiedene Bereiche aufgeteilt. Und wenn du dann die eine Show hörst und danach den Anfang von was anderem, das radikal anders ist – das gibt dir einen guten Vorgeschmack! Und dann denkst du dir: Ich muss hier bleiben und mir das anschauen … und dazu auf und ab springen. (lacht)

ARTHUR BROWN 2024 auf dem PROPHECY FEST
ARTHUR BROWN live auf dem PROPHECY FEST 2024

Du bist also immer noch neugierig, neue Bands zu entdecken und neue Musik zu hören?
Ja. Wo sie auch sehr präsent sind, ist in unserer Playlist. Wenn wir unterwegs sind – wir sind ja viel unterwegs – und du machst die … wie würdest du das nennen?

Claire: Na ja, wir haben so eine Library mit Songs und all den Bands. Wir teilen ständig viel World Music, viele interessante Rhythmen und so generationsmäßige Sachen: Mein Sohn schickt ganz viel rüber. Einige der Bandmitglieder sind jünger, und haben alle einen sehr eklektischen Geschmack und gehen zu Live-Gigs, Festivals. Das ist ein zentraler Teil unserer Welt.

Das ist echt cool, viele Musiker erzählen mir in Interviews, dass sie gar keine andere Musik mehr hören als das, was sie selbst machen, weil sie so sehr mit Songwriting und Konzerten beschäftigt sind, dass sie keine Zeit finden, neue Bands auszuchecken oder überhaupt noch auf Konzerte zu gehen …
Wenn man mal zurückblickt … Mozart zum Beispiel hat jeden anderen klassischen Autor von Rang gehört, in allen Ländern, in denen es möglich war. Er musste das nicht, aber er hat sich für alles interessiert, was die gemacht haben. Er war ein überragender Autor und Komponist, aber trotzdem wollte er wissen, was andere Leute mit den gleichen Noten machen. (lacht) In welche unterschiedlichen Richtungen kann sich das entwickeln? Und ziemlich oft ist er hingefahren und hat sie getroffen, um zu sehen, was dahintersteckt, warum sie es so gemacht haben, wie sie es gemacht haben. Natürlich gab es auch welche, die er überhaupt nicht mochte. Aber wenn du dich abkapselst, musst du dir das ganze andere Zeug anlesen. Wenn du hingegen die Leute findest, die diese Sachen machen, und zuhörst, geht es viel schneller.

ARTHUR BROWN 2024 auf dem PROPHECY FESTDu hast ja schon erwähnt, dass ihr viel reist. Nun ist auf Tour zu sein schon für junge Leute Stress und harte Arbeit. Aber mit 84 ist das einfach beeindruckend. Gibt’s da nicht vielleicht Momente, in denen du denkst: Heute Nachmittag hätte ich auch einen schönen Spaziergang in Großbritannien machen können, statt bei 38 Grad durch Tschechien gefahren zu werden?
(lacht) Nun, man wird schon oft sehr müde, wenn man lange Strecken reist und dann noch lange Sets spielst. Das ist schon ziemlich fordernd. Aber auf der anderen Seite bedeutet es, andere Musiker zu treffen. Es bedeutet, andere Länder zu sehen. Es bedeutet, ein paar von den Unterschieden kennenzulernen, sagen wir, zwischen Finnland und England: Das ist ein komplett anderer Zugang zum Leben. Wie sollte man das sonst herausfinden? Du kannst vielleicht ein Buch lesen, aber du würdest nicht den Geschmack davon kennenlernen, der damit einhergeht, dort zu essen und mit Leuten zu reden.

Wenn du an den Punkt kommst, dich ausgebrannt zu fühlen, ist das aus verschiedenen Gründen richtig schlimm. Denn wie gehst du damit um, eine Zeit lang nicht zu spielen und Geld zu verdienen, um am Leben zu bleiben? (lacht) In Zeiten wie diesen kommt hinzu – besonders, wenn du in England bist – dass die alten Clubs ums Überleben kämpfen. Und wohin sollen all die jungen Leute dann gehen, wenn die Tickets 180 Pfund kosten?

Es klingt, als würdest du nicht ans Aufhören denken. Wirst du dich auf Konzerte konzentrieren, oder auch weiter Alben machen?
Nun, diese Frage gebe ich mal an meinen Manager und Creative Director weiter!

Claire: Ich glaube nicht, dass Arthur jemals aufhören wird – das ist die Antwort darauf. Ich denke, angesichts der Zeit, die es braucht, ein Album zu machen, herrscht da auch ein Realismus: Wir haben mit diesem Album 2021 angefangen – in dem Sinne, dass Arthur die Texte geschrieben hat – und jetzt ist es gerade rausgekommen. Ich glaube, Arthurs Lebenselixier ist es, auf der Bühne zu performen, mit einem Publikum in Verbindung zu treten. Wir bauen die Show weiter aus, wir kreieren weiter, überarbeiten ständig Kostüme, Licht, berücksichtigen neue Technologien und so weiter. Das werden wir fortsetzen. Und solange die Leute Arthur sehen wollen und Shows noch möglich sind … aber für alle Künstler wird es immer schwieriger, eine Live-Show auf Tour am Laufen zu halten. Was es also braucht, ist Sichtbarkeit, weil es eine großartige Show ist. Sie ist etwas ganz eigenes, in welchem Genre auch immer, und sie spricht die Leute an. Solange das so ist und Arthur das machen kann … wir haben eine jüngere Band. Wir sind alle jünger als Arthur, mit einem starken Commitment zu Kreativität in den Künsten. Also machen wir einfach weiter, so lange wir können und Arthur es machen will und es relevant ist und etwas auslöst und die Leute es genießen.

ARTHUR BROWN 2022 in München
ARTHUR BROWN mit Claire Waller in München (2022)
Moritz Grütz

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

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