Britta Görtz ist als Sängerin von HIRAES und zuvor CRIPPER in der deutschen Death-Metal-Szene wohlbekannt. Seit sie spontan für Marcus Bischoff bei HEAVEN SHALL BURN eingesprungen ist und den Jungs aus Thüringen die Festival-Saison gerettet hat, kennt sie wohl jeder Metalhead in ganz Europa. Im ersten Interview zu dieser irren Aktion berichtet Britta, wie sie an den Job gekommen ist, welche Hürden es zu nehmen galt und womit ihr Udo Dirkschneider (indirekt) den Arsch gerettet hat.

Deine letzten Wochen waren ziemlich vollgepackt: Du hast die HSB-Shows gespielt, hast Shows mit HIRAES gespielt, gibst Gesangs-Workshops … das klingt ziemlich stressig. Bist du so ein umtriebiger Mensch oder war das jetzt doch eigentlich ein bisschen viel?
Das ist schon ein Zeitplan nach meinem Geschmack, wenn ich ehrlich bin. Meine Mutter sagt immer, ich habe eine Batterie im Po. Nur für die erste HEAVEN-SHALL-BURN-Show hätte ich gerne ein bisschen mehr Zeit gehabt, um die Songs zu lernen. Das war also ein bisschen stressiger, als es dann hätte sein müssen. (lacht) Aber das ist schon total geil. Ich freue mich auch, wenn ich dann mal wieder ein oder zwei Tage habe, an denen ich nichts mache, aber wenn ich mich zwischen nichts machen und so geile Sachen machen entscheiden kann, dann mache ich immer so geile Sachen. (lacht)
Das Abenteuer HEAVEN SHALL BURN ist für dich ja jetzt im Großen und Ganzen vorbei. Hast du überhaupt schon realisiert, was da in den letzten Wochen in deinem Leben passiert ist, oder kommt das erst mit etwas Abstand?
Ich glaube, so halb-halb. Ich bin jetzt die ganze Woche in Augsburg und mache hier jeden Tag Workshops und Einzelcoachings. Dazwischen habe ich aber immer mal wieder so ein, zwei Stunden für mich und habe Ruhe. Natürlich lasse ich das da Revue passieren. Ich glaube, wäre ich jetzt Mitte 20, hätte ich noch nicht angefangen, das zu realisieren. Aber ich glaube, dass ich mittlerweile die Momente bewusster erlebe, und dann geht das schon einigermaßen. Aber ich freue mich auf jeden Fall darauf, mal so ein, zwei Tage gar keine Termine zu haben und das dann noch mal ganz in Ruhe Revue passieren zu lassen. Das ist schon echt krass, was da spontan passiert ist – das ist auf so vielen verschiedenen Ebenen cool!
Wenn du sagst, dass du solche Momente sehr bewusst genießt – hast du dann einen Moment im Kopf, der bei diesem Abenteuer für dich von zentraler Bedeutung war?
Ja, absolut. Es ist nicht unbedingt ein Moment, aber dass ich von den Fans von HEAVEN SHALL BURN und von den Leuten, die diese Konzerte besucht haben, so unfassbar viel Support und Vorschussvertrauen bekommen habe, hat mich wirklich überwältigt. HEAVEN SHALL BURN ist auch dahingehend eine besondere Band: Sie sind ja sehr nahbar und haben eine hohe Transparenz und auch eine geile Message. Die verarschen ihre Fans nicht, sondern kommunizieren immer sehr offen. Und das kommt eben zurück: Die Leute waren ultra supportive und haben Marcus die ganze Zeit alles Gute gewünscht – aber sie haben mir auch einfach zugetraut, dass ich das hinbekomme, haben mich das spüren lassen und haben mir so viel Rückendeckung und Support gegeben, das war Wahnsinn! Ich muss ganz ehrlich sagen, bei diesem ganzen Weltschmerz, den ich im Moment so habe, wegen all der Sachen, die global passieren, bei denen man immer denkt, was macht ein Mensch hier eigentlich auf diesem Planeten, hat mir das ganz viel Kraft und Sonne im Herzen gegeben. Das ist was ganz Besonderes.
„Da wurde mir klar: Die wollen, dass ich singe. Am Mittwoch!“
Lass uns einfach mal zurückspulen und das Ganze chronologisch aufarbeiten. Am Samstag, dem 7. Juni mussten HEAVEN SHALL BURN ihre Show bei Rock am Ring nach einem Song abbrechen. Wann und wie bist du dann ins Spiel gekommen?
Das war völlig verrückt: Wir haben ja am Sonntag am frühen Nachmittag mit HIRAES auf dem Rock Hard Festival gespielt. Da hatte ich schon drei, vier Mails von Schülerinnen und Schülern bekommen, die mich gefragt haben, was dem Sänger von HEAVEN SHALL BURN da passiert ist und wie sie so etwas verhindern können. Da musste ich erstmal gucken, was überhaupt passiert ist, und klar, nach dem ersten Song abbrechen ist mega blöd. Ich konnte das gut nachvollziehen, weil mir 2008 etwas Ähnliches passiert ist. Natürlich nicht bei einer so großen Show, aber man fühlt sich dabei einfach total doof. Da dachte ich mir schon: Da kann man nichts machen, der muss wohl krank gewesen sein, der ist ja nun kein Anfänger. Eine Stunde bevor wir mit HIRAES auf die Bühne gegangen sind, habe ich eine E-Mail vom Manager von HEAVEN SHALL BURN bekommen. Ich sah das und dachte, ach guck mal, das ist ja witzig, jetzt wollen die von mir als Vocal-Coach Tipps haben, ob man da was machen kann oder so, die versuchen jetzt bestimmt alles in Bewegung zu setzen. Dann habe ich weiter gelesen und da wurde mir klar: Die wollen, dass ich singe. (lacht) Am Mittwoch! (lacht)
Ich habe dann gleich geantwortet und gesagt, dass die E-Mail ankam, dass ich jetzt aber erstmal mit meiner Band eine Show spiele und mich danach sofort melde. Was ich dann auch gemacht habe, weil ich natürlich dachte, dass die bestimmt 20 Leute oder so angeschrieben haben, ob die einspringen können, weil sie händeringend ein Team an Sängern suchen, die das irgendwie machen. Das hatte ich gedacht. Dann habe ich mich nochmal bei ihrem Manager gemeldet und der sagte mir dann, dass sie nur bei zwei Leuten angefragt hätten und eigentlich sollte ich es alleine machen. Dann habe ich geschluckt, um die Setlist gebeten und mir die nochmal angehört. Da habe ich gemerkt, dass das stimmlich kein Problem wäre, das zu machen. Aber natürlich textlich, das brauche ich dir ja nicht zu erzählen: Zehn Songs irgendwie so mal eben lernen … aber dann habe ich mir gedacht, ich muss ja jetzt ja sagen, denn wenn ich noch länger überlege, geht noch mehr Zeit ins Land. Und dann habe ich einfach ja gesagt. Ich hatte dabei natürlich einen Riesen-Köttel in der Hose, aber habe irgendwie gedacht, ich muss das machen: Das ist eine Chance, die bekommst du auch nicht zweimal. Diese Erfahrung wollte ich mir auch nicht nehmen. Und kneifen gilt irgendwie nicht. Aber dann bin ich aber natürlich erst am Montagnachmittag vom Rock Hard Festival nach Hause gekommen, bin am Dienstagnachmittag dann schon zu HEAVEN SHALL BURN nach Thüringen gefahren und am Mittwoch stand ich dann schon auf der Bühne. Also … puh.

Weißt du, warum HEAVEN SHALL BURN überhaupt bei dir angefragt haben? Wart ihr schon vorher befreundet oder haben die quasi die Szene gescreent, wer infrage käme?
Das war auch so ziemlich meine erste Frage, dafür musste es ja einen Grund geben. Ali hat daraufhin gesagt, dass sie mich irgendwie immer auf dem Schirm hatten, schon seit CRIPPER-Zeiten: Wir haben damals auf mehreren Festivals zusammen mit HEAVEN SHALL BURN gespielt. Aber man spielt auf Festivals natürlich mit vielen Bands. Doch irgendwie muss da was hängen geblieben sein. Keine Ahnung, ob es meine Art oder meine Stimme war, da kann ich jetzt den Finger gar nicht drauflegen. Aber Ali meinte dann, sie hätten immer rumgeunkt, wenn Marcus mal nicht kann, fragen wir eben Britta. Und dann war mein Name wohl mit der erste, der in dem Raum zur Sprache kam.
„Wir haben sehr schnell gemerkt,
dass wir auf einer ähnlichen Welle funken“
Natürlich spielen da noch andere Faktoren rein: Du kannst natürlich keine Leute aus sehr großen Bands fragen, weil die sehr wahrscheinlich in der Festivalsaison selbst unterwegs sind. Du kannst auch keine Leute fragen, die nicht zumindest ein bisschen Deutsch können, weil die Texte zum Teil eben nicht Englisch sind. Das schränkt es schon ein. Und ich glaube, Marcus und ich haben eine sehr ähnliche Tonlage. Das habe ich auch an den Rückmeldungen der Fans festgestellt: Von dem Frequenzmaterial, das meine Stimme in die Musik gibt, sind wir gar nicht so weit auseinander. Das passt schon ganz gut. Ich habe auch den Vibe zwischen den Bandmitgliedern und mir als extrem positiv empfunden. Wir haben sehr schnell gemerkt, dass wir auf einer ähnlichen Welle funken, auch was so Albernheiten und den Umgang miteinander so angeht. Da hatten die ein ganz gutes Gefühl, so aus der Ferne. Es hat gut gepasst.
Aber es war nicht so, dass die HSB-Jungs eine enge Freundin angerufen haben, sondern ihr kanntet euch noch gar nicht wirklich?
Ne, genau.
Du bist also am Tag vor der Show in den Proberaum der dir auf persönlicher Ebene noch fremden HSB-Jungs gekommen und dann habt ihr gesagt: Jetzt rocken wir hier Generalprobe und morgen geht’s auf die Bühne?
Ja, so ungefähr war das. Wir haben uns im Proberaum getroffen, Marcus war auch kurz da. Wir haben dann ein, zwei Songs gespielt und natürlich hat es gerumpelt und geknarzt, aber die haben dann gemerkt, OK, das klappt, die Frau macht sich da echt den Kopf und probt und probt und probt – und dann ging das Posting raus und kamen auch schon diese ganzen tollen Rückmeldungen … und dann habe ich, ich glaube, elf Stunden geübt oder so.
„Es war einfach, als ob alle gesagt hätten: Wir helfen dir“
Hat es diese Feedback-Welle dann leichter oder schwerer gemacht? Also hat diese Erwartungshaltung den Stress eher gesteigert oder hat es Druck rausgenommen, weil die Reaktionen so positiv waren?
Das hat den Druck fast komplett rausgenommen. Aber es hat natürlich nicht meine Erwartungen an mich geschmälert oder dahingehend, was eigentlich meine Aufgabe ist. Die habe ich nicht darin gesehen, die Songs perfekt zu singen, sondern eher darin, diese unglaubliche Energie, die diese Band hat, mitzutransportieren und diese Energie zwischen Publikum und Band herzustellen. Aber sie haben mir einfach so einen richtig weichen Teppich ausgerollt, nach dem Motto: Wir sind alle hier, wir passen alle auf, du kannst gar nicht hart fallen! Wir fangen dich auf und wir stellen uns in die erste Reihe und singen mit, damit du immer weißt, wo du bist! So hat sich das angefühlt. Es war einfach, als ob alle gesagt hätten: Wir helfen dir, wir helfen dir, wir helfen dir, bitte, bitte mach das. Das war total cool.
Und wie bist du das Lernen der Songs denn dann konkret angegangen? Wie schafft man sich in so kurzer Zeit so viele Songs drauf?
Es war ein Set von über einer Stunde – da hatte ich nicht die Zeit, das in Dauerschleife zu hören, um ein Gefühl für die Songs zu bekommen. Die Zeit war nicht da. Ich musste mir die Songs Stück für Stück vornehmen, sie quasi skelettieren und auszählen und die ganzen Phrasierungen und sowas alles dazu schreiben, sodass ich die Songs mehr oder weniger vom Blatt singen konnte. Mittlerweile habe ich natürlich ein viel besseres Gefühl dafür und auch für die Phrasierungen, die ganz anders sind als meine – ich würde das immer anders machen. Das war so die steilste Learning-Kurve für mich, das ein bisschen mehr aus dem Gefühl heraus machen zu können.
„Ich hätte auch das ganze Set zweimal machen können –
ich habe einfach nicht mehr reingekriegt“
Ihr habt in Kufstein dann eine andere Setlist gespielt als die eigentlich geplante, die HEAVEN SHALL BURN noch auf Rock im Park gespielt hatten. Woran lag das beziehungsweise nach welchen Kriterien habt ihr die Songs ausgewählt?
Ich habe eine Liste von 15 Songs bekommen und sollte mir davon zehn aussuchen. Sie hatten so fünf oder sechs Songs, wo sie gesagt haben, das wäre cool, wenn wir die machen könnten, und beim Rest konnte ich dann frei wählen. Da habe ich dann die genommen, die mir am ehesten im Ohr geblieben sind. In Kufstein habe ich aber nach acht Songs gesagt: „Leute, mir brennt die Birne, ich weiß gleich meinen Namen nicht mehr und wie man eine Toilettenspülung benutzt. Wir machen heute acht Songs. Wir können auch gerne einen doppelt spielen“ – weil erst war ihre Befürchtung, dass ich nicht länger singen könnte. Aber das war nicht das Problem, ich hätte auch das ganze Set zweimal machen können – ich habe einfach nicht mehr reingekriegt. Also haben wir in Kufstein acht Songs gespielt und bei den nächsten Shows dann zehn und letzte Woche dann sogar elf Songs. Das ging dann.
Da hat dich dann der Ehrgeiz gepackt oder wie? Nur das Notfall-Set durchzuziehen kam für dich nicht infrage?
Na ja, ich dachte mir: Jetzt habe ich ja noch Zeit, und bevor wir wieder einen Song doppelt spielen müssen, schaffe ich mir eben noch einen drauf. Das war cool, und wenn man erstmal die HEAVEN-SHALL-BURN-Art, Songs zu machen und auch Phrasierungen zu schreiben, ein bisschen drin hat, wird es auch einfacher, sich die Songs zu erschließen. Man macht sich da keine Vorstellung, wie anders es ist, einen Song mitzusingen oder einen Song selber zu singen. Das ist was völlig anderes vom Gefühl her, weil man dieses Mikro-Timing mit dem Sänger halt gar nicht hat, sondern man quasi immer seinen Einsatz kennen muss. Aber das ging dann für die Songs, die ich mir dann noch draufgeschafft habe, eigentlich superschnell.
Kamen dir während dieser ja extrem kurzen Vorbereitungsphase nochmal Zweifel an deiner Entscheidung, so spontan einzuspringen?
Nein, ich hatte zu keinem Zeitpunkt Zweifel, ob das richtig war. Es wurde auch von Show zu Show leichter. Ich habe ja auch wirklich von allen Seiten nur Support bekommen, auch die ganze Crew von HEAVEN SHALL BURN hat mich so herzlich aufgenommen! Du musst dir ja auch vorstellen, die haben diesen Tourbus durchgebucht, haben die Crew gebucht, die Veranstalter kriegen auf der Position, auf der diese Band spielt, nicht einfach einen neuen Headliner … das heißt, die waren auch froh, dass ich da war. (lacht) Das war ja nicht nur eine Chance für mich, sondern das war ja auch cool, dass die ihre Gage kriegen und ihre Crew bezahlen können. Das ist ja die Business-Seite davon: So geil das auch alles ist, aber da stehen ja am Ende auch Leute, die sagen: Ob ich nun arbeite oder nicht – ich war ja für euch da. Deswegen ist das für alle Beteiligten emotional wie auch geschäftlich eine gute Sache gewesen. Und weil die Rückmeldungen so positiv waren, habe ich gedacht: Was soll jetzt passieren? Die können ihr Album rausbringen, Marcus kann sich erholen, dann kann er die ganzen Sets auf der Releasetour ordentlich rausballern und der Band geht jetzt nichts durch die Lappen, weil sie die ganzen großen Festivals vorher nicht spielen konnten. Also nee, das war eine gute Entscheidung, von vorne bis hinten.
„Ich glaube, ich hatte genau einen Mutpunkt mehr als Angstpunkt“
Und dann kam der Moment, in dem du das erste Mal als Sängerin von HSB auf die Bühne gegangen bist. Wie hat sich das für dich angefühlt? Du hast mit verschiedenen Bands viele Jahre Bühnenerfahrung gesammelt, aber das war dann doch nochmal was anderes, oder?
Total! Also erst mal war ich unfassbar konzentriert auf das, was passiert. Ein lieber Freund von mir hat mir vorher noch im Messenger eine Packung Windeln geschickt. (lacht) So hat sich das ein bisschen angefühlt. Also mein Herz schlug wirklich bis zum Hals vor Aufregung und ich habe alles angewendet, was ich meinen Schülern immer sage, was sie machen sollen. Aber ich glaube, ich hatte genau einen Mutpunkt mehr als Angstpunkt. Also Kufstein war krass und dann kam das Greenfield Festival. Das war, glaube ich, die krasseste Aufregung, die ich jemals vor einer Bühne hatte. Erstmal ist die Bühne irgendwie 3000 Meter hoch und 7000 Kilometer breit, und dann stehst du da noch in diesem Alpenpanorama und die Flammen sind dann irgendwie acht Meter hoch und nicht drei, und du denkst dir einfach nur, OK, fuck it – let’s go! (lacht)
Ist das als Sängerin nochmal schwieriger, dann unter solchen Umständen auch zu performen, weil man im Körper unter Stress mehr verkrampft oder bist du da Routinier genug, um das mit Techniken auszugleichen?
Letzteres. Ich habe die Aufregung wirklich mit Erfahrung und Gesangstechnik erschlagen. Denn ich durfte natürlich nicht overpacen, weil am nächsten Tag wieder eine lange Show war. Das ging nicht und deswegen konnte ich das irgendwie ausblenden. Also meinen Gesang hat es, glaube ich, nicht negativ beeinflusst. Es hat beeinflusst, dass ich ein paar Einsätze nicht gekriegt habe, die ich beim Proben locker erwischt habe, aber ich habe nicht zu laut reingeschrien. Im Gegenteil, ich habe, glaube ich, sogar ein bisschen leiser angefangen, als ich dann im Gigverlauf weitergemacht habe. Da war ich sehr vorsichtig. Aber das hätte ich auch nicht geschafft, wenn ich nicht viel Erfahrung hätte, ganz ehrlich. Ich kann dir aber nicht sagen, ob das für einen Gitarristen oder Schlagzeuger einfacher oder schwerer ist. Wenn du als Schlagzeuger rausfliegst, kommt die ganze Band raus. Mich können die auf dem In-Ear einfach ausmachen, um nicht rauszukommen. Die haben dann stumpf weitergespielt – bis auf den armen Ali, der sich irgendwie auf beides konzentrieren musste und mich dann wie eine tapfere Metal-Souffleuse immer wieder reingeholt hat.
Du hast es gerade schon angeschnitten: Du bist eben nicht für ein paar Clubshows eingesprungen, sondern hast auf Festivals, die zu den größten der Welt gehören, vor zigtausenden Menschen als „Aushilfe“ die größten Shows deines Lebens gespielt … wie fühlt sich das an?
Ich weiß nicht, wie viele Leute da beim Graspop standen, aber geschätzt waren das so 45.000 Menschen bis ganz hinten. Ich habe bis zum Horizont nur Leute gesehen, da war kein Fleck, wo keine Leute standen. Das war schon irre. Aber es fühlt sich total super an. Ganz ehrlich muss ich aber sagen, dass mir die Publikumsgröße noch nie Kopfzerbrechen bereitet hat. Weil ich mir immer denke: Eigentlich steht da immer nur eine Person, weil ja jede Person nur aus der eigenen Perspektive guckt. Das heißt, ob das nun 500 oder 50.000 sind, das wird so gesehen nicht mehr.
„Ich sehe mich eher als Anstifter für Unfug.“
Bei Festivals ist es nochmal anders, weil die Leute zum großen Teil das Happening und sich und ihre gute Zeit feiern. Beim Metal agiert das Publikum sehr körperlich. Da sehe ich mich als Dienstleister, damit die Leute feiern können. Ich versuche, die ganzen Energiebälle loszutreten, damit die Leute ihre Wall of Death und ihre Circle Pits machen können. Das fühlt sich nicht an, als würde ich mich feiern lassen. Das ist eher so: „Come on, let’s get the party started!“ Ich sehe mich eher als Anstifter für Unfug. (lacht) Das ist natürlich geil, wenn man das mit einer Band machen darf, bei der das keine Arbeit mehr ist, weil die Leute schon anfangen, im Kreis zu rennen, wenn die Ansage noch läuft. Aber das haben sich ja HEAVEN SHALL BURN erarbeitet. Ich musste ja nur noch auf diesen Knopf drücken – ich musste ihn ja nicht machen. Von daher hatte ich, was das angeht, wirklich leichtes Spiel und auch leichteres Spiel, als wenn ich mit meiner Band HIRAES unterwegs bin, bei der wir einfach noch Aufbauarbeit machen müssen. Bei HEAVEN SHALL BURN musste ich nur gucken, dass ich nichts kaputt mache. (lacht) Das war also relativ einfach.
Wenn es jetzt um eine Headliner-Show von HEAVEN SHALL BURN ginge, bei der sie ihre neue Platte präsentieren wollen, wäre es natürlich nochmal etwas anderes. Ich glaube, es hätte ein bisschen ein Geschmäckle, wenn ich die Sängerin wäre, die das erste Mal die ganze Platte präsentiert. Das wäre irgendwie komisch, weil es sehr in die Persönlichkeit der Band eingreifen würde, und das wäre auch für die Fans, glaube ich, nicht ganz so leicht zu schlucken wie so eine Festival-Sause, bei der man dann sagt: Okay, wir unterstützen euch! Die haben ja nicht nur mich unterstützt, sondern auch ihre Band. Damit Marcus sich erholen kann, damit er kein schlechtes Gewissen haben muss. Das schwingt da ja auch alles mit. Die haben dafür schon ein gutes Fingerspitzengefühl. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Dieses Menschenmeer zu sehen und wie es sich dann bewegt und dann auch gerade auf dem Greenfield und dem Nova Rock im Dunkeln zu stehen, mit dem ganzen Feuer … da gingen schon meine Metal-Kindheitsträume in Erfüllung. (lacht) Also gerade beim Greenfield, mit diesem Alpenpanorama, habe ich gedacht, ich krieg’ die Tür nicht zu, als ich da stand. (lacht)
Du hast bei den Shows natürlich auch mit einem Teleprompter gearbeitet, was ja bei der Menge an Text und der Kürze der Zeit völlig logisch ist. Stimmt es, dass das der von Udo Dirkschneider war?
Ja! (lacht) Er hat, glaube ich, zwei, wenn ich es richtig verstanden habe. Und der Drum-Tech von HEAVEN SHALL BURN arbeitet auch für UDO, und der hat den dann schnell organisiert. Der war witzigerweise auch auf dem Rock Hard Festival, aber nur als Gast oder Besucher, glaube ich – und ich glaube, er hat ihn dann sogar von da schon mitgenommen. Aber das ist Halbwissen, was ich habe. Aber ja, da steht jetzt „Brittas Prompti“ drauf, weil ich gesagt habe, da muss „Prompti“ draufstehen – ich habe so einen Spleen, ich benenne alles mit I hinten. Aber auf dem Footswitch, den ich habe, um die Seiten umzublättern, steht UDO. (lacht)
Mit Teleprompter aufzutreten, dürfte für dich ja auch eine neue Situation gewesen sein. Wie leicht ist es dir gefallen, dich darauf einzustellen?
Das war super leicht. Ich habe ja die Songtexte von HEAVEN SHALL BURN bekommen und habe mir dann mit bunten Stiften auf meinem iPad die Einsätze und so darin vermerkt und Notizen dazu geschrieben – und genau diese Files habe ich dann auf dem Teleprompter gehabt. Und als ich wusste, ich habe einen Teleprompter, habe ich genau so auch geübt: Ich habe mir mein iPad irgendwo hingestellt und habe versucht, immer mal wieder wegzugehen, die Stelle zu finden, wo ich aufgehört habe zu singen, wieder reinzukommen. Der Teleprompter hat mir den Arsch gerettet. Also wirklich wahr, das wäre ohne gar nicht gegangen.
„Die Band ist zwar groß, aber die kochen
natürlich mit demselben Wasser.“
Was war sonst der größte Unterschied, verglichen mit deinen „normalen“ Shows – musstest du dich auch in anderen Aspekten komplett umgewöhnen?
Nein, das eigentlich nicht. Die Band ist zwar groß und seit vielen Jahren sehr erfolgreich, aber die kochen natürlich mit demselben Wasser. Gerade bei HIRAES sind wir technisch, was In-Ear-Monitoring, Backing-Tracks und Klick im Ohr und so angeht, auch up to date. Das machen wir ziemlich ähnlich. Der größte Unterschied ist, dass ich bei HEAVEN SHALL BURN gar nichts machen muss und dann mit meiner Aufregung da ganz alleine dastehe. Bei HIRAES kann ich dann wenigstens eine Kiste von rechts nach links schieben und irgendwas mit aufbauen. Aber da hast du bei HEAVEN SHALL BURN keine Chance. Da sind natürlich Leute da, die das machen. Du stehst einfach nur und denkst dir: Kann ich auch was machen? Hilfe!
Und die Backstage-Situation ist natürlich mega komfortabel: Also gerade auf den Festivals hat man dann halt mehrere Räume zur Verfügung, unter anderem halt ein Jam-Raum. Da habe ich dann keine Schwierigkeiten, mir eine Ecke zu suchen, wo ich mich in Ruhe fertig machen kann und wo ich auch laut sein kann. Das haben wir mit HIRAES manchmal, aber auch nicht immer. Da sind wir gerade an dem Punkt, wo man das manchmal schon hat und manchmal eben nicht. Aber mit HEAVEN SHALL BURN hat man dann wirklich einen tollen Bereich, der sehr geschützt ist und wo man auch ordentlich Platz hat, um sich richtig wohl zu fühlen. Aber ansonsten gibt es da keinen großen Unterschied.
Weil wir jetzt gerade schon über deine eigene Band HIRAES gesprochen haben: Du hast dann am Tag nach dem Nova Rock mit denen auch noch eine Show gespielt …
Ja, da habe ich gedacht: Das Rennen ist erst zu Ende, wenn ich diese HIRAES-Show gespielt habe. Denn ich kann natürlich nicht meine eigene Band hängen lassen, weil ich mit HEAVEN SHALL BURN auf der Bühne stehe. Die haben zwar gefragt, ob ich mir sicher bin, dass ich das machen will und ob wir das nicht absagen sollen … aber ich so: nix da. Die Kirsche hole ich mir auch noch auf der Torte. Also bin ich von Wien nach Amsterdam geflogen, mit drei Stunden Schlaf in der Mütze, und habe mich dann in einem völlig überfüllten Zug fertig gemacht. Die Leute haben mich alle angeschaut wie so ein Alien, weil ich mir plötzlich falsche Wimpern aufgeklebt und meine Haare gemacht und mir Ketten angelegt habe. Und so 30, 40 Minuten vor der Show war ich dann beim Into The Grave Festival und wir haben das Set gespielt. Und ich habe erstaunlicherweise mit meinem Muskelgedächtnis keinen Song verhauen: Ich habe keinen einzigen HEAVEN-SHALL-BURN-Text gesungen, sondern nur HIRAES-Texte! (lacht)
HEAVEN SHALL BURN haben gestern bekanntgegeben, dass Marcus wieder übernehmen kann. Das ist natürlich in erster Linie eine gute Nachricht, aber damit geht dieses Abenteuer für dich zu Ende. Hast du Angst vor diesem Nach-Adrenalin-Kick-Loch, in das viele Musiker nach einer Tour fallen – zumal das jetzt eine besonders intensive Zeit war?
Ich bin natürlich recht geübt darin, mit diesem „Tour-Blues“, wie ich das nenne, umzugehen. Das hat gar nicht unbedingt mit HEAVEN SHALL BURN zu tun, sondern mit dem vielen Dopamin, das man in den Tagen bekommt. Das ist wie nach einer Tour oder wenn man ein Album gemacht hat, das gut ankommt, da hat man dann auch so einen Rush. Ich kenne das, ich kenne die Zeichen, die mein Körper mir da sendet. Das setzt meistens so vier, fünf Tage später ein und hält dann so drei, vier Tage an. Ich bewerte das nicht über. Ich bewahre dann Ruhe und merke, ich bin so ein bisschen matt und nachdenklich und so. Aber ich habe immer das Gefühl, das sind mehr chemische Prozesse im Körper als alles andere. Was mir da am besten hilft, ist Bewegung an der frischen Luft. Ich ernähre mich gesund, verzichte auf Alkohol, mache Sport und dann geht das schon wieder. Das erste Mal, als ich das hatte, hat mich das ziemlich umgehauen. Ich wusste nicht, was das war. Ich neige eigentlich nicht zu depressiven Verstimmungen, ich bin da zum Glück auf der Sonnenseite des Lebens geboren. Als ich das das erste Mal hatte, 2010 glaube ich, habe ich mich ganz schön verjagt. Heute spricht man viel offener darüber. Und klar werde ich das haben, auf jeden Fall!
„Also dachte ich mir: Ne, da greifst du jetzt zu,
das machst du, das kommt ins Säckle.“
Bei einer normalen Tour weiß man ja in der Regel, dass irgendwann die nächste Tour kommt. Aber diese Shows mit HEAVEN SHALL BURN waren ja jetzt Shows von der Größe, wie du sie, sofern Marcus fit bleibt – was wir ihm nur wünschen – vielleicht nie mehr spielen wirst …
Ja, das kann sein. Aber ich bin einfach nur unfassbar dankbar dafür und freue mich, dass ich das in meinem Leben machen durfte. Auch wenn ich das vielleicht mit meinen eigenen Bands nicht erreicht habe oder erreichen werde, freue ich mich umso mehr, dass ich diese Chance bekommen habe und dass ich mutig genug war, sie zu ergreifen. Ich wusste natürlich: Wenn ich da nein sage, wird es wahrscheinlich nie mehr passieren. Also dachte ich mir: Ne, da greifst du jetzt zu, das machst du, das kommt ins Säckle. Da bin ich nur dankbar und habe ich nur positive Gefühle. Da ist für mich kein einziger Wermutstropfen dabei.
In dem Kontext dieser Geschichte ist es ja fast schade, dass „Heimat“ schon fertig ist und sich keine Gelegenheit für einen Gastbeitrag mehr ergeben hat. Aber habt ihr über so etwas auch mal gesprochen, ob diese Allianz eventuell auf dem nächsten Album verewigt wird?
Da haben wir nicht drüber gesprochen. Nur so nach dem Motto, dass es blöd gelaufen ist, dass es so knapp passiert ist: Sie haben gerade die Support-Bands für die Tour gebucht und meinten, dass sie natürlich auch HIRAES gerne mal als Support eingeladen hätten. Aber ich glaube nicht, dass das das letzte Mal ist, dass wir uns über den Weg laufen. Natürlich ist in der kurzen Zeiten keine Freundschaft, aber schon eine enge Verbindung entstanden. Ich mache mir deswegen jetzt gar keine Gedanken. Ich habe das Gefühl, dass HEAVEN SHALL BURN aus sehr, sehr netten, herzlichen Menschen besteht. Das ist der Metal-Flausch schlechthin! (lacht)
Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.




habe sie in leipzig gesehen, eine besondere verbindung der band mit molle und britta, da kommt nochwas, da bin ich sicher…
Richtig gutes Interview mit einer interessanten, sympathischen Person, die einen Einblick hinter die Kulissen gibt, den man so normalerweise nicht bekommt.
Danke Britta und Moritz!
Danke für das ausführliche Interview!
Was für ein tolles Interview; wie sympathisch kann eine Person sein?
JA ;-)
Tolles Gespräch!
Sehr interessant zu lesen. vielen Dank
Super interessantes Interview zu dieser besonderen Situation! Danke!