Konzertbericht: Slipknot w/ Polaris, Soft Play

23.06.2025 Berlin, Waldbühne

Erst im Dezember 2024 feierten SLIPKNOT das 25-jährige Jubiläum ihres Debüt-Albums – kaum ein halbes Jahr später ist die Band zurück in Europa: Zu sehen sind die Maskenmänner auf fast allen größeren Open Airs, sowie bei einigen Headliner-Shows – so auch in der Waldbühne Berlin. Die Präsenz auf den Festivals, der ungünstige Montags-Termin und vielleicht auch die etwas enttäuschenden Shows der Jubiläumstour haben zur Folge, dass so mancher der rund 22.000 Plätze heute leer bleibt.

Dass viele andere erst spät belegt werden, liegt am Wetter: Die Vorhersage mit Regen und Sturmböen am Nachmittag dürfte so manchen Fan zu einer späteren Anreise verleitet haben. Bis zum Einlass um 15:45 Uhr herrscht vor den Schleusen (von der Schlange der Fans mit Early-Entry-Ticket abgesehen) überraschend wenig Andrang, und auch nach dem Einlass tröpfeln die Fans eher ein, als die Venue zu fluten. Das gilt zum Glück auch für den Regen, der ganz getreu der Vorhersage noch vor Konzerstart einsetzt: Während andere Teile Berlins von schweren Unwettern getroffen werden, müssen die Fans in der Waldbühne nur einen kurzen Schauer über sich ergehen lassen – und im Innenraum aus Sicherheitsgründen zwischenzeitig auf Abstand zur Bühne gehen. Wer erst jetzt oder noch etwas später in der Waldbühne eintreffen wollte, bekommt derweil Schwierigkeiten mit der Anreise im öffentlichen Nahverkehr, da auf sämtlichen S-Bahn-Linien wetterbedingt der Verkehr eingestellt ist!

Als es um 17:45 Uhr losgeht, scheint bereits wieder die Sonne – das ist dann aber auch schon das Positivste, was sich über den Auftritt von PLAY SOFT sagen lässt: Das Gespann aus England hat insgesamt mehr von einem Clowns-Duo als von einer Band. Die räudigen Punk-Rock-Nummern – dargeboten mit nur einer Gitarre und einem rudimentären Drumkit – wirken eher wie eine Beigabe zur leider mäßig unterhaltsamen Performance. Da hilft es auch nur bedingt, dass Sänger/Drummer Isaac Holman ins Publikum kommt, um einen Mosphit anzuregen. Dass eine erste Vorband musikalisch nicht mit dem Headliner mithalten kann, ist wenig überraschend – dass PLAY SOFT es gar nicht erst versuchen, ist nicht nur eine Bankrotterklärung der Band, sondern auch ein Schlag ins Gesicht für jede ernst zu nehmende Band, für die diesem Slot eher gerecht geworden wäre.

Ganz anders gehen POLARIS im Anschluss an ihre Show heran. Nicht nur gegen das bisher Gehörte kann der Metalcore der Australier überzeugen: Der wuchtige Mix aus harten Breakdown-Riffs und cleanen Gitarren, rohen Screams und Klargesang erfüllt alle Kriterien des Genres. Zwar lässt das Tageslicht die Show recht unspektakulär aussehen und auch das Bühnenbild mit dem unter Folien abgedeckten SLIPKNOT-Aufbauten mutet wie eine Baustelle an. Dennoch gelingt es POLARIS, den wie Fronter Jamie Hails sagt „einzigen Job“, den sie heute haben, zu erfüllen: das Publikum für SLIPKNOT in Stimmung zu bringen. So tobt im Innenraum schon bald ein Circlepit, der ordentlich Staub aufwirbelt. Vor allem aber kommt die Band extrem sympathisch rüber: Mehrfach betont Hails, dass mit diesen Shows für jeden in der Band ein Kindheitstraum in Erfüllung geht. Das leicht von den Lippen abzulesende „wow“, das er am Ende seinem Stage-Tech zuwirft, unterstreicht, wie ernst er das meint: Mag die Waldbühne auch nicht bis auf den letzten Platz gefüllt sein – die Kulisse ist für jeden noch nicht völlig routinierten Musiker wohl wirklich ein „Wow“.

SLIPKNOT im Juni 2025 in BerlinDer Zeitplan ist straff, und so erklingt bereits um 20:15 Uhr das „Knightrider“-Theme, gefolgt vom Intro für SLIPKNOT. Und während Tortilla-Man Pfaff noch Kopf steht, legen seine Kollegen bereits heftig los. „(Sic)“ eröffnet einen Abend, der alles ist, was die Jubiläumstour nicht war.

SLIPKNOT im Juni 2025 in BerlinObwohl Mastermind Shawn „Clown“ Crahan aus familiären Gründen nicht auf Tour dabei ist, bekommen die Fans die volle Energie von SLIPKNOT zu spüren. Angetrieben von Kraftpaket Eloy Casagrande am Schlagzeug wirkt heute jeder einzelne der acht Musiker bis in die Haarspitzen motiviert. Auch das Set kann sich sehen lassen: In kraftvollem Sound bekommen die Fans heute immerhin 16 Songs geboten, darunter Raritäten wie das 2025 erstmals ins Set aufgenommene „Gematria (The Killing Name)“ oder das zwischen 2000 und 2024 gar nicht gespielte „Scissors“ als düsterem Rausschmeißer, der durch die nun endlich heraufziehende Nacht nochmal an Atmosphäre gewinnt.

SLIPKNOT im Juni 2025 in BerlinDer Fokus liegt zwar mit fünf Songs auch heute auf dem selbstbetitelten Debüt. Dazwischen jedoch haben SLIPKNOT so ziemlich alle großen Hits gestreut: „Psychosocial“ und „Duality“, „People = Shit“ und „Heretic Anthem“, „The Devil In I“ und „Unsainted“, um nur einige zu nennen. Dass am Ende jedes der sieben Alben mit mindestens einem Song abgedeckt ist, tut der Show gut. So stark das Debüt auch ist, sorgt das doch unüberhörbar für Abwechslung im Set.

SLIPKNOT im Juni 2025 in BerlinDazwischen vergeuden SLIPKNOT nur wenig Zeit: Nur zweimal verschwinden alle Musiker kurz von der Bühne, und auch bei den Ansagen hält sich Corey Taylor wie gewohnt zurück. Für ein ausführliches Dankeschön an die Vorbands, aber auch die Fans nimmt sich der Sänger trotzdem einen Moment. Das ist als kleines „Bonding-Erlebnis“ zwischen Band und Fans aber auch essenziell. Denn wie gewohnt verschwindet die Band nach dem letzten Song, aber immerhin knapp 90 Minuten Spielzeit, grußlos und in Sekundenschnelle von der Bühne.

  1. (Sic)
  2. People = Shit
  3. Gematria (The Killing Name)
  4. Wait And Bleed
  5. Nero Forte
  6. Yen
  7. Psychosocial
  8. Tattered & Torn (Sid Wilson Remix)
  9. The Heretic Anthem
  10. The Devil In I
  11. Unsainted
  12. Duality
  13. Mudslide
  14. Spit It Out
  15. Surfacing
  16. Scissors

SLIPKNOT im Juni 2025 in BerlinWie viel Glück SLIPKNOT und Fans heute hatten, wird erst beim Verlassen der Waldbühne beziehungsweise dem Blick ins Handy deutlich: Die Feuerwehr behebt auch an der Glockenturmstraße kleinere Sturmschäden – und das ist nur einer von 500 Einsätzen der Berliner Feuerwehr an diesem Abend. Der S-Bahn-Verkehr in Berlin ist eingestellt, drei Menschen wurden schwer verletzt, eine Person starb. Dass die Show nur knapp an einer Absage entgangen ist, dürfte angesichts des Ausmaßes dieses Unwetters klar sein. So jedoch bekommen die Fans alles geboten, was man sich von einer SLIPKNOT-Show erhoffen kann.

SLIPKNOT im Juni 2025 in Berlin

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Moritz Grütz

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