DIMMU BORGIR haben es nicht eilig. Nachdem bereits von „Abrahadabra“ (2010) bis „Eonian“ (2018) acht Jahre verstrichen, haben sich die Norweger für ihr zehntes Studioalbum „Grand Serpent Rising“ erneut ganze acht Jahre Zeit gelassen. „Qualität muss immer über Quantität stehen“, sagt Silenoz dazu nur ruhig. Ob das mit der Qualität noch gegeben ist, darüber streiten sich spätestens seit „Eonian“ die Fans: Zu viel Orchester und Bombast, zu wenig Black Metal, zu wenig Struktur – oder eben gelungene Weiterentwicklung und Horizontöffnung weit über Black-Metal-Wurzeln und -Genregrenzen hinaus? Und wie soll das erst werden, nachdem nun Galder weg ist, um sich auf OLD MAN’S CHILD zu fokussieren?
Nahezu erschlagend wirkt die Spielzeit von über 69 Minuten – und dann fühlen sich die ersten zwei, drei Durchgänge auch noch an, als würde das Album so vorbeiplätschern wie ein gemächlicher Bach an einer norwegischen Hütte. Während gerade „Eonian“ sich schnell offenbart hat, präsentiert sich „Grand Serpent Rising“ sperrig, verschlossen, herausfordernd. Mit der ersten Single „Ulvgjeld & Blodsodel“ haben es sich DIMMU BORGIR auch noch unnötig schwer gemacht, haben sie damit doch den lahmsten Track des Albums ausgesucht. „Ascent“ klingt dagegen nach dem überlangen Intro „Tridentium“ ganz anders: Der Song ist wild, ungezähmt, erweckt die Aggressivität von „Puritanical Euphoric Misanthropia“ (2001) wieder und begeistert mit rasender Wut, orchestralem Bombast und zahlreichen Breaks.
Die aufkeimenden Gedanken an die DIMMU BORGIR der frühen 2000er Jahre rühren eventuell auch daher, dass Frederik Nordström wieder als Produzent an Bord ist: Neben der „Puritanical Euphoric Misanthropia“ war er auch bei „Death Cult Armageddon“ (2003) und „In Sorte Diaboli“ (2007) dabei. Dem aggressiven Sound zugute kommt auch das punktuell reduzierte Klangbild, die Orchesterpassagen werden nämlich wieder gezielter eingesetzt. So fühlen sich die Bombast-Momente tatsächlich wieder bombastisch an und geben den Instrumenten endlich wieder mehr Raum. Trotz des Strebens nach klanglicher Perfektion klingt „Grand Serpent Rising“ wenig klinisch und überraschend organisch und greifbar, teilweise sogar luftig.
Dass sich „Grand Serpent Rising“ teilweise wie eine Zeitreise durch das musikalische Ouevre voller Reminiszenzen anfühlt, zeigt sich in Tracks wie „The Qryptfarer“, wenn DIMMU BORGIR mit „Stormblåst“-artigen Keyboardteppichen, Breitwandsound und düsterer Atmosphäre jonglieren. Auch „The Exonerated“ fühlt sich wohlig old-schoolig an und beweist, dass Shagrath und Silenoz auch ohne Galder das Gespür für Raserei, ruhige Passagen und die Balance der Elemente haben.
Ein gewichtiges Stichwort auf „Grand Serpent Rising“ ist dann auch „Passagen“: Die Songs sind so vollgestopft mit Ideen, Wendungen und Elementen, dass sie sich oft schwerlich wie in sich geschlossene Songs anfühlen. Einzelne Momente und Melodien prägen sich immer wieder ein, doch es passiert ständig so viel, dass die Lieder an sich nicht komplett memorabel ausfallen. Dadurch lassen sich einzelne Elemente oft nicht direkt den jeweiligen Songs zuordnen – ein Problem, dass auch die vorherigen Alben schon hatten. Auch das macht es schwierig, in „Grand Serpent Rising“ reinzufinden und es fällt leicht, das Album nach ein oder zwei Durchläufen enttäuscht beiseite zu legen. Das Dranbleiben lohnt sich aber definitiv – als Gesamtwerk entfesselt der 70-Minüter unfassbar viel kreative Kraft und stilistisch freien Dark Metal. Der musikalische Horizont beschränkt sich nur noch durch die selbstgesteckten Grenzen, echte Genre- und vor allem Black-Metal-Grenzen sind längst passé.
„Grand Serpent Rising“ könnte das Album sein, das Fans der aggressiven Phase mit „Puritanical Euphoric Misanthropia“ und „Death Cult Armageddon“ wieder ins Boot holen kann. Die ausufernden Orchesterarrangements von „Abrahadabra“ und „Eonian“ sind gezielt eingesetzten Orchestrierungen und dramatischer, symphonischer Wucht gewichen. Pathetisch und melodiös überbordend bleiben DIMMU BORGIR aber weiterhin und das mit vollem Bewusstsein. Dass in den pompösen Sound wieder mehr Black-Metal-Elemente einfließen – aber eben nur nuanciert – zeigt im Grunde eben erst recht Black-Metal-Attitüde. DIMMU BORGIR lassen sich von der Szenekritik an ihrer stilistischen Ausrichtung kein Stück beeindrucken, Shagrath und Silenoz wirken musikalisch so fokussiert und zielgerichtet wie lange nicht. Das alles macht „Grand Serpent Rising“ zum besten DIMMU-BORGIR-Album seit zwei Dekaden.
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Wertung: 8 / 10


