Exodus Goliath Coverartwork

Review Exodus – Goliath

  • Label: Napalm
  • Veröffentlicht: 2026
  • Spielart: Thrash Metal

Die Geschichte ereignet sich immer zweimal: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Dass diese zum geflügelten Wort gewordene Aussage von Marx sich jedoch nicht zwangsläufig auf Band-Historien übertragen lässt, zeigt der Werdegang von Sänger Rob Dukes bei EXODUS. Im Hinblick auf den qualitativen Studio-Output der Bay-Area-Institution war es rückblickend alles andere als tragisch, dass Dukes 2005 in die Fußstapfen von Steve „Zetro“ Souza trat. Nach einer weiteren Personalrotation im Jahr 2014 sahen sich die Fans zwei Alben und elf Jahre später erneut mit dieser Konstellation konfrontiert. Auch diesmal ließ sich beobachten: Dukes Rückkehr war vieles, aber sicher keine Farce – das machten die energetischen Live-Shows deutlich. Wie die erneute Zusammenarbeit des Line-ups, das bereits die „Exhibit“-Ära prägte, im Studio-Kontext ausgefallen ist, soll nun „Goliath“ zeigen.

Im Vorfeld als das kollaborativste Werk der Bandgeschichte angepriesen, präsentiert sich „Goliath“ tatsächlich mit einer stilistischen Bandbreite, die man von EXODUS zuletzt kaum mehr gewohnt war. Doch diese Vielfältigkeit hat ihren Preis, den nicht zuletzt die Hörer zahlen müssen.

Da sind zunächst die verhältnismäßig typischen Thrash-Songs: „3111“ etwa – nicht nur Opener, auch als Vorab-Single erster Vorgeschmack auf „Goliath“ – versprüht zwar erst mal unheilvolles Doom-Metal-Flair, hetzt dann jedoch innerhalb von nur etwas mehr als einer Minute durch zwei rasante Strophe-Refrain-Durchläufe, um in einem nicht minder formelhaften Stakkato-Stampf-Part auszuklingen. Wo frühere Alben seit der Reunion in den 2000ern an zweiter Position unumstrittene Knaller wie „War Is My Shepherd“, „Deathamphetamine“ oder „Funeral Hymn“ präsentierten, findet sich hier mit „Hostis Humani Generis“ lediglich eine generische Uptempo-Nummer. Diese profitiert primär von der galligen Performance von Rob „I choose hate!“ Dukes, der noch mal klarmacht, dass er zurück und wütender denn je ist.

Auch die übrigen vergleichsweise klassischen EXODUS-Tracks lassen die notwendige Durchschlagskraft vermissen, um sich nachhaltig im Gedächtnis festzusetzen. „Beyond The Event Horizon“ etwa bleibt gesichtslos und rauscht, wenn nicht wegen des Riffings, dann doch wegen des uninspirierten Refrains und der Allerweltsstrophen an einem vorbei. „2 Minutes Hate“ und „Violence Works“ versprechen mit ihren Songtiteln mehr, als sie einlösen: zum einen ein cooles, aber unoriginelles Midtempo-Stück, zum anderen eine locker-lässige, fast schon funkige Nummer mit subtilem Jam-Charakter, die letzten Endes aber überwiegend zahm und gewaltfrei vor sich hindümpelt. Eine rühmliche Ausnahme bildet „The Dirtiest Of The Dozen“, das die angestrebte Vielseitigkeit perfekt mit dem bandtypischen Aggressionspotenzial verschmilzt.

Auch die experimentelleren Momente hinterlassen ein gemischtes Bild. „Promise You This“ groovt im zackigen Tempo und bietet vor allem mit seinem mehrstimmigen, semi-cleanen Refrain definitiv Hörvergnügen; dabei erinnert der Track jedoch eher an einen der Hard-Rock-Ausflüge der „Force Of Habit“-Phase. Der Titeltrack kommt unfassbar schleppend und heavy daher: Er bietet neben heimsuchendem Riffing einen cineastischen Violinen-Part von Gastmusikerin Katie Jacoby, erkundet zähflüssige Tempo-Gefilde und … verbleibt dort. Das ist atmosphärisch durchaus konsequent, wirkt bei einer Band mit der DNA von EXODUS jedoch wie ein Spannungsaufbau, dem die letztliche Entladung verwehrt bleibt. Es ist ein Song wie ein Jucken, das sich nicht kratzen lässt.

„Summon Of The God Unknown“ verbindet diesen Eindruck mit den zuvor dargelegten Unzulänglichkeiten: ein Acht-Minuten-Epos, das an einem langatmigen Einstieg krankt, dann zwar an Intensität zulegt und auch eine Art Spannungsbogen zu bieten hat – aber leider nicht mit Wiedererkennungswert punkten kann. Es stellt sich bei diesen letztgenannten Tracks angesichts ihrer Schwächen vor allem die Frage: Braucht man solche Experimente auf einem EXODUS-Album? Oder hätte die Band lieber bei ihrem konsolidierten Stil bleiben sollen?

Diese Frage stellt sich weniger bei „The Changing Me“, der Kollaboration mit Peter Tägtgren (HYPOCRISY, PAIN): Hier zeigen Gary Holt und seine Mitstreiter, dass sie keinen Lehrbuch-Thrash spielen müssen, um glänzen zu können. Allein der Einstieg lässt mit seinen mehrstimmigen Lead-Gitarren traditionelle Heavy-Metal-Herzen höher schlagen, während die facettenreichen Gesangsleistungen von Dukes und Tägtgren (und Drummer Tom Hunting!) sowohl in den Strophen als auch im großartigen Refrain überzeugen. Auf einer Platte, die mit Highlights leider geizt, ist dieser Track einer der rar gesäten Lichtblicke.

EXODUS agieren anno 2026 als eng verzahntes Kollektiv, was auf „Goliath“ jedoch zulasten des roten Fadens und der Eingängigkeit geht. Auch der angriffslustige Signature-Stil der Band bleibt auf der Strecke. Dabei liegt es explizit nicht am zurückgekehrten Rob Dukes, der eine Variabilität zeigt, die sein Vorgänger nicht bieten konnte. Es ist zwar ehrenwert, dass eine Band nach über vier Jahrzehnten noch immer neue Musik veröffentlicht und dabei auch nach neuen Ausdrucksformen sucht – doch von EXODUS ist man angesichts ihrer Diskografie schlagkräftigeres, markanteres Material gewöhnt. Da schon fast genug Stücke für eine weitere Platte geschrieben sind (mehr dazu im Interview mit Gary Holt), hatte die Band womöglich einfach bei der Auswahl der Songs für „Goliath“ ein weniger glückliches Händchen? Ob dem so ist, wird die Geschichte zeigen.

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Wertung: 6.5 / 10

Markus Frey

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