Interview mit Gary Holt von Exodus

Read the English version

Mit „Goliath“ veröffentlichen EXODUS das erste Album mit dem zurückgekehrten Sänger Rob Dukes seit dem vor 16 Jahren erschienenen „Exhibit B: The Human Condition“. Wie sich die Rückkehr von Dukes auf das Bandgefüge ausgewirkt hat, warum EXODUS diesmal vom Produzenten bis zum Label auf neue Partner gesetzt haben und wie er zu KI-Kunst im EXODUS-Kontext steht, erklärt Gitarrist und Bandleader Gary Holt im Interview.

Das Cover stammt erneut von Pär Olofsson. Was für ein Briefing hast du ihm gegeben, dass er mit dieser verrückten Idee von einem Riesen mit Augen auf den Armen und einem Mund in seiner Hand kam … was war die Idee, die du ihm gegeben hast, aus der er dieses Bild gemacht hat?
Was ich an der Arbeit mit Pär liebe, ist: Ich gebe ihm den Titel und die Texte, und er schickt immer eine fast fertige Skizze zurück. Mehr habe ich nicht gemacht: Ich habe ihm die Lyrics geschickt, diese Fantasy-Comicbuch-Geschichte über eine unterirdische Gottheit, die nach Jahrhunderten des Schlafs geweckt wurde, und er hat mir dieses Ding geschickt. Für die Hand habe ich ihm ein Bild von einem Neunauge geschickt, diesem Fisch, der sich mit seinem Maul an andere Fische festsaugt. Und daraus hat er den Mund in der Hand gemacht. Später hat dann jemand gesagt, das sehe aus, als würde es dem VIO-LENCE-Cover Tribut zollen, und ich dachte mir: Oh mein Gott, stimmt! Also: Hut ab vor meinen Bay-Area-Brüdern! Aber eigentlich war das von einem Fisch mit mehreren Reihen von Zähnen inspiriert, fast wie bei einem Blutegel. Aber die erste Skizze war im Grunde fertig – ich habe nur gesagt: Macht mehr Leute rein, die sich vor ihm verbeugen, und das war’s.

Exodus Goliath CoverartworkAuf mich wirkt das Bild ziemlich modern – das ist nicht automatisch das, was man mit einer Thrash-Metal-Band verbindet, vor allem mit einer traditionsreichen Thrash-Metal-Band wie EXODUS, oder?
Bisher fanden die meisten Leute, dass es super old school aussieht! (lacht) Für mich sieht es wie ein Old-school-Metal-Cover aus. Viele Leute fanden, es sieht cool aus. Und dann gibt’s ein paar, die sagen: „Oh, das ist KI!“ Nein, ist es nicht. Das ist derselbe Künstler. Das ist sein viertes Albumcover für uns. „Das ist KI! Das ist nicht so cool wie das letzte.“ Es ist derselbe Künstler, das kann man doch erkennen! Aber weißt du, KI ist inzwischen das neue „Auto-Tune-Argument“: Wenn dir etwas nicht gefällt, heißt es sofort, es sei AI. Und wenn dir ein Sänger nicht gefällt, heißt es: „Oh, das ist Auto-Tune!“ Dabei wissen die meisten Leute gar nicht, wie Auto-Tune klingt, weißt du?

„Manche Leute glauben, jede digitale Kunst sei KI“

Vielleicht liegt’s daran, dass das Monster mit Augen auf den Armen und so weiter sehr skurril aussieht. Um ehrlich zu sein, habe ich zunächst auch an KI gedacht. Aber würdest du in Erwägung ziehen, KI für irgendeinen Teil eurer Kunst zu nutzen?
Nein, niemals. Nicht direkt für uns. Ich weiß, das Label hat im Webstore ein paar solcher Shirt-Motive, weil das jeder Plattenvertrag beinhaltet: Das Label bekommt immer ein paar Shirts, und da haben sie KI-Zeug benutzt. Das ist für mich OK. Aber das ist nicht meins. Wenn wir ein neues Shirt mit Wrex machen, unserem kleinen Maskottchen, zeichnet Mark DeVito das. Und das geht dann gefühlt 1000 Mal hin und her, bis ich damit zufrieden bin. Insofern, was mich angeht: Nein, ich werde kein KI-Cover benutzen. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen KI und digitalen Künstlern! Manche Leute glauben, jede digitale Kunst sei KI. Meine Tochter arbeitet im Bereich Animation – das wird immer noch von Menschen gemacht, egal ob es Dinosaurier in „Jurassic Park“ sind oder Sachen für eine Band!

Das Album heißt „Goliath“, was einen natürlich an die antike Geschichte von David gegen Goliath denken lässt. War das die Idee dahinter, oder was war deine Inspiration, das Album „Goliath“ zu nennen?
Nein, es ist einfach … der Song selbst war einfach riesig und düster und monströs, also wollte ich einen Song über ein enormes Monster schreiben. Und das war einfach der Name, der mir einfiel. Also bin ich dabei geblieben. Als das Album fertig war und wir die Songs ausgewählt haben, war es einfach verdammt riesig, einfach enorm. Da dachten wir, dieses Wort passt zum ganzen Album. Außerdem hatten EXODUS bisher immer eine bestimmte Kadenz bei all unseren Titeln: „Bonded By Blood“, „Pleasures Of Flesh“, „Fabulous Disaster“ und so weiter. Wir hatten noch nie einen Albumtitel mit nur einem einzigen Wort! Das ist das erste Mal … „Impact Is Imminent“, „Force Of Habit“ … wir hatten immer so eine Art Balance im Titel. Darum hat es uns gefallen. Wir fanden „Goliath“ sehr kraftvoll.

Das Album kommt über Napalm Records raus. Seit über 20 Jahren haben Nuclear Blast alle EXODUS-Alben veröffentlicht. Warum habt ihr Nuclear Blast verlassen und seid zu Napalm Records gewechselt?
Wir hatten einen wirklich tollen Lauf mit Nuclear Blast, und ich habe nur Liebe für Nuclear Blast. Aber die Leute, bei denen wir bei dem Label 2003 unterschrieben haben, sind nicht die Leute, die heute dort arbeiten. Die sind alle weg. Es war noch eine Person übrig, und das ist einer meiner engsten Freunde. Und jetzt arbeitet er bei Napalm. Darüber sind wir happy. Als Jaap rüberkam, haben wir eine Gruppen-SMS rausgeschickt, so zum Feiern, weil er unser Bruder ist. Aber Nuclear Blast ist heute ein anderes Label. Sind sie großartig? Ja. Sind sie fähig? Ja. Aber kenne ich sie persönlich? Nicht mehr. Bei Napalm bekommen wir jetzt den selben Vibe wie damals, als wir zum ersten Mal bei Nuclear Blast unterschrieben haben: Die kommen alle zu den Shows und wir hängen gemeinsam ab. Ich habe das Gefühl, ich bin wieder bei einem Label aus Fans unter Vertrag. So war es bei Nuclear Blast früher auch.

„Es klingt immer noch nach EXODUS, aber es klingt anders“

Seit eurem Nuclear-Blast-Debüt „Tempo Of The Damned“ hat Andy Sneap alle eure Alben produziert – auch das hat sich mit „Goliath“ geändert. Warum habt ihr den Produzenten gewechselt und mit Mark Lewis gearbeitet?
Wir haben Andy angesprochen, weil er für uns wie ein Bandmitglied ist. Er ist einer meiner besten Freunde auf der Welt. Aber er war zu beschäftigt mit JUDAS PRIEST, darum hat er keine Projekte angenommen. Darum wussten wir, wir müssen jemand anderen nehmen. Aber dann hat er es selbst gesagt: Er meinte, es sei Zeit, dass wir mal etwas anderes ausprobieren, weil wir seit 1997 jedes Album zusammen gemacht haben: Er hat schon das Live-Album mit Paul Baloff gemischt, und er hat jedes Album, das wir gemacht haben, entweder gemischt oder zumindest in irgendeiner Form produziert. Also was es Zeit, etwas anderes zu versuchen.
Für uns ist es immer wichtig, mit jemandem zu arbeiten, den ich kenne. Mark ist seit langer Zeit ein guter Freund von mir und ein großartiger Produzent. Also haben wir ihn gefragt, ob er das macht, und er war begeistert und total happy. Wir wussten, wir wollten bei diesem Album ein fetteres Low-End, mehr Bassgitarre, mehr Tiefen, und den Fokus nicht nur darauf setzen, dass es perfekt tight ist und bei lauten Pegeln alles okay ist … es war uns egal, ob die Speaker verzerren oder nicht. Wir wollten einen Low-End-Mix wie bei einem großen klassischen Metal-Album, wie bei einer Hard-Rock-Platte. Und Jacks Bass-Sound ist so verdammt krass – wir haben das jetzt im Mix richtig nach oben gezogen. Es ist einfach unglaublich. Es klingt immer noch nach EXODUS, aber es klingt anders.

Aber war es ungewohnt, mit jemand anderem zu arbeiten? Hatte das Einfluss darauf, wie ihr aufgenommen habt oder sogar darauf, was ihr aufgenommen habt?
Nein, nein, weil er es nicht produziert hat. Er hat es nur gemischt. Wir haben es selbst produziert und ihm dann die Spuren gegeben.

„Es ist ein Luxusproblem, zu viele tolle Songs zu haben“

EXODUS auf dem BRUTAL ASSAULT 2024
EXODUS auf dem BRUTAL ASSAULT 2024

Wenn man in der Geschichte von EXODUS zurückschaut, lief die Band immer wie eine gut geölte Maschine. Bis zu eurer Trennung 1993 habt ihr alle paar Jahre ein Album veröffentlicht, und genauso war es auch nach eurem Comeback mit „Table Of The Damned“. Nach der Trennung von Rob Dukes habt ihr dann ein bisschen verlangsamt – in den zehn Jahren seiner zweiten Runde bei EXODUS habt ihr mit Steve „Zetro“ Souza nur zwei Alben gemacht. Warum wurde die Band langsamer?
Naja, ich war irgendwie beschäftigt mit dieser anderen Band, SLAYER (lacht). Das hat mich ein bisschen ausgebremst, da will ich nicht lügen. Aber jetzt haben wir schon 80 % des nächsten Albums fertig! Wir haben für dieses Album18 Songs aufgenommen, und die sind alle großartig. Ich bekomme immer noch Panikattacken darüber, welche Songs wir ausgewählt haben. Weil einiges von meinem Lieblingszeug erst auf dem nächsten Album sein wird. Die Hälfte meiner Lieblingssoli ist auf dem nächsten Album. Nach dem Motto: Wow, der ist so gut … aber die Leute müssen eben warten. Lee und ich hatten bei diesem Ding von Anfang an ein Ziel: das nächste Album fertigzukriegen, damit wir es schnell veröffentlichen können, wenn wir mit dem Touren durch sind. Und am Ende haben wir dieses Ziel nur um zwei Songs verfehlt. Aber bis wir an den Punkt kommen, schreiben wir wahrscheinlich noch zehn weitere Songs. Wir nehmen sie alle auf und wählen dann aus. Aber es ist ein Luxusproblem, zu viele tolle Songs zu haben!

Wonach habt ihr entschieden, was auf „Goliath“ kommt und was nicht? Habt ihr das selbst gemacht, oder habt ihr diese Entscheidung dem Produzenten oder dem Label überlassen?
Nein, das ist komplett eine Bandentscheidung. Wir haben das Label nichts hören lassen, bevor das Album fertig war. Vorher bekommen sie keinen einzigen Song zu hören. Weil wir das für uns schreiben, wie wir es immer getan haben. Auch „Bonded By Blood“ haben wir damals nicht für irgendwen anders geschrieben, weil wir nicht wussten, ob irgendwer sonst diese Art Musik überhaupt mag. Wir haben einfach die Musik geschrieben, die wir selbst spielen wollten.

Die Songauswahl war nicht einfach, aber wir haben sind dabei sehr diplomatisch vorgegangen: Lee hat viele wirklich großartige Songs geschrieben und wir wollten die auf diesem Album. Ich habe zwölf Songs geschrieben, wir haben sechs davon draufgepackt. Und nimm zum Beispiel „Summon Of The God Unknown“: Ich habe noch einen zweiten epischen Acht-Minuten-Song geschrieben. Wir wollten nicht beide auf das Album packen. Ein achtminütiges Epos reicht. Der andere ist komplett anders, der klingt, als würde dir acht Minuten lang mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen. Der prügelt richtig drauf los, brutal as fuck. Während „Summon Of The God Unknown“ super heavy ist, aber viele unterschiedliche Vibes und Layer und Texturen hat. Also solche Sachen waren entscheidend: Alles klar, den heben wir uns auf. Wir haben andere Songs, einige meiner Lieblingssongs, die heben wir uns auf. Die Hälfte von meinem schnellen Zeug wird erst auf der nächsten Platte zu finden sein!

Diese Songs sind auch schon komplett aufgenommen und ihr müsst nur noch ein paar hinzufügen, wenn ihr mit dem Touren fertig seid?
Wir brauchen zehn Songs und wir haben acht geschrieben. Also im brauchen wir im absoluten Minimum noch weitere zwei Songs. Aber wahrscheinlich schreiben wir bis dahin zehn, weil wir uns nicht auf zwei beschränken. Wir werden wahrscheinlich neue Ideen haben, also nehmen wir alles auf und aus all dem stellen wir dann die nächste Platte zusammen.

… und danach ist die Platte danach auch schon wieder fast fertig!
Ja, wir werden nicht jünger, also ist das, wie schon gesagt, ein gutes Problem, wenn wir uns damit an einem späteren Zeitpunkt ein bisschen Arbeit sparen. Wir waren super kreativ, als wir dieses Album gemacht haben. Jeder war motiviert. Jeder hat rund um die Uhr gearbeitet. Während ich an einem Song gearbeitet habe, hat Lee an seinem gearbeitet, Rob hat an Lyrics gearbeitet … jeder hat bei diesem Ding hart gearbeitet. Und das Ergebnis war, dass wir 18 Songs fertig haben.

„An diesem Punkt unserer Karriere interessiert es niemanden,
wer was geschrieben hat“

EXODUS in München 2025

Im Pressetext wurdest du mit dem Satz zitiert, das sei das bislang gemeinschaftlichste Album von EXODUS. Welcher Beitrag hat dich am meisten überrascht?
Naja, dass Lee sechs Songs geschrieben hat. (lacht) Weil Lee der Erste ist, der dir sagen wird, dass er faul ist! Ich meine, er ist eine Legende! Auch all die Jahre bei HEATHEN … er ist ein legendärer Songwriter, vor allem mit wirklich melodischem Bay-Area-Thrash. Bei früheren Alben war das so: Ich habe acht Songs geschrieben, weil acht Songs nötig waren, weil Lee nur zwei beisteuern würde. Aber er hat so viel großartiges Material geschrieben – und einige meiner Lieblingssongs. An diesem Punkt unserer Karriere interessiert es niemanden, wer was geschrieben hat: Wir wollen einfach das beste Album machen, das wir machen können. Tom hat Lyrics geschrieben, Lee hat ein paar Lyrics geschrieben. Jack hat großen Anteil an den Arrangements und allem, selbst wenn er nicht wirklich ein Songwriter ist. Und Rob und ich haben den Rest der Lyrics geschrieben. Jeder hat 24 Stunden am Tag an diesem Ding gearbeitet!

Ein Beitrag, der mich sehr überrascht hat, war die Geige im Titeltrack, die ja für ein Thrash-Metal-Album ziemlich speziell ist. Wie kam euch diese Idee?
Katie ist eine sehr enge Freundin von uns. Sie ist wie eine kleine Schwester. Sie stand schon früher mit EXODUS auf der Bühne, so mit 14, 15 Jahren. Sie hat auf der Geige mit uns „A Lesson In Violence“ gespielt. Als ich mir die Aufnahmen von „Goliath“ angehört habe, hat mein Kopf eine Orchestrierung „gehört“. Ich konnte es nicht vermeiden, konnte mich nicht davor verstecken. Katie ist Geigerin für THE WHO und Roger Daltrey, und sie war auf Tour, also zu der Zeit nicht verfügbar. Darum haben wir jemand anderen engagiert, eine nette Dame, und sie hat es gemacht. Ihre Performance war leider nicht gut genug, aber sie hat mir gezeigt, dass die Idee gut ist. So nach dem Motto: Wenn es richtig gemacht wird, wird das fantastisch. Also haben wir gewartet, bis Katie wieder zuhause war, ich habe ihr eine Nachricht geschickt, und sie war Feuer und Flamme, das zu machen. Sie hat dann wie eine komplette Streicher-Sektion zurückgeschickt, 18 Spuren. Die andere Dame hatte nur eine Spur gemacht, und das war nicht gut genug. Katie hatte ich nur gesagt: Ich will maximale Traurigkeit, mach es traurig, bring die Leute zum Weinen. Es muss wunderschön sein. Und sie hat es einfach … es war grandios. Wir haben buchstäblich Tränen vergossen, als wir uns das angehört haben, weil es so besonders ist. Als wir das Video drehen wollten, habe ich mit ihr gequatscht, und es stellte sich heraus, dass sie zwei Tage bevor wir anfangen wollten in L.A. sein würde. Also ist sie einfach von L.A. nach Arizona geflogen, und so haben wir sie auch ins Video bekommen. Sie als Teil von allem, bis zum Schluss, dabei zu haben, ist wirklich etwas besonderes.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Ihr habt außerdem einen Gast-Sänger auf dem Album: Peter Tägtgren von HYPOCRISY. Wie kam das zustande?
Peter ist seit langer Zeit einer unserer engsten Freunde … seit wir 2006 zusammen in Europa getourt sind. Das war eine wahnsinnig tolle und lustige Tour. Lee hat den Song „The Changing Me“ geschrieben, und das war von Anfang an seine Vision: Er wusste, dass er da eine bestimmte Art von mehrspurigen Clean-Vocals haben will, wie Overdubs. Er hat Peter eine E-Mail geschickt, und Peter hat es einfach perfekt gemacht. Dann hat Tom Hunting auch noch ein paar Clean-Vocals draufgelegt … und dann am Ende des Songs schreien sich Peter und Rob einfach nur gegenseitig an. Es war einfach perfekt. Peter hat das in einem Tag gemacht, das war unglaublich.

„Wenn du Rob neue Elemente reinbringen hörst,
inspiriert dich das natürlich“

EXODUS in München 2025

Rob klingt auf „Goliath“ im Vergleich zu den älteren Alben etwas reifer, dabei aber nicht weniger aggressiv. Er hat seinen Gesangsstil in den letzten Jahren wirklich weiterentwickelt. Hat dich das einerseits überrascht und hatte es andererseits Einfluss darauf, wie ihr Songs geschrieben habt?
Ja, als wir gemerkt haben, dass da all diese verschiedenen Elemente in seiner Stimme sind … und wenn du GENERATION KILL hörst, seine andere Band, hörst du, dass er da Sachen macht, die er bei EXODUS früher nicht gemacht hat. Aber so, wie wir aufnehmen, konnten wir jederzeit alles ändern: Wir haben das Studio die ganze Zeit komplett geblockt, mit aufgebautem Schlagzeug. Wir bauen die Drums nie ab. Wir könnten am letzten Tag noch neue Songs aufnehmen, wenn wir wollen. Wenn du Rob neue Elemente reinbringen hörst, inspiriert dich das natürlich, manches ein bisschen anders zu schreiben. Und dann gab es Sachen, wie beim Song „Promise You This“: Wenn ich Texte schreibe, mache ich immer so eine „Gesangsskizze“. Das klingt furchtbar, das willst du nie hören, aber es ist nur dazu da, zu veranschaulichen, wo die Wörter hinmüssen. Rob hat mich gefragt: Wie gehe ich an diesen Song ran? Und ich habe gesagt: Pack da so einen Southern-Rock-Flair rein, weißt du, geh ran wie ein verdammter Hard-Rock-Sänger aus dem Süden, und er hat es perfekt gemacht. Bei „Summon Of The God Unknown“ wiederum konnte er so viel Bandbreite und Melodie reinbringen. Wir wussten, er kann aggressiven, gewalttätigen Thrash besser als jeder andere. Aber jetzt wissen wir, er kann auch viele andere Dinge. Das ist einer der Gründe, warum das Album so vielfältig geworden ist.

Wenn du sagst, Rob ist besser als jeder andere da draußen: War er nach der Trennung von Zetro eure erste und einzige Wahl, oder habt ihr auch andere Optionen in Betracht gezogen, als ihr den Sängerposten wieder neu besetzen musstet?
Er war unsere einzige Wahl. Ich meine, wir haben darüber gescherzt, jemanden zu suchen, der 28 ist, einen flachen Bauch hat und vom Drumriser springen kann, ohne mit gebrochenem Bein im Krankenwagen zu landen. Aber das war nur Spaß. Wir wollen mit unseren Freunden zusammen sein, und Rob ist einer unserer engsten Freunde geblieben. Und im Moment sind der Vibe und die Energie in dieser Band besser als je zuvor. Wir haben so viel Spaß. Jeder grinst den ganzen Tag. Wir verbringen unsere gesamte Zeit zusammen, sogar an den freien Tagen. Wir sind immer zusammen – wie eine Band aus Brüdern.

War das das Gefühl, das ihr auch hattet, als ihr ab Tag eins nach der Reunion wieder zusammen im Proberaum wart?
Ja … es war, als wäre der bessere Teil seiner ersten Ära in der Band nie zu Ende gegangen. Wir sind sofort an einen noch besseren Punkt gekommen als damals. Ich meine, wir sind jetzt älter und klüger, und du lernst, die Dinge zu schätzen, die du hattest, und die Dinge, die du künftig haben wirst. Wir sind alle wirklich sehr glücklich, dass wir das immer noch machen können – und davon leben können! So verdiene ich mein Geld. Ich bin nicht reich, aber es ist mein Job. Und ich liebe meinen Job. Es ist unglaublich. Aber ich nehme das nicht als selbstverständlich. Tom musste gegen Krebs um sein Leben kämpfen, und er sagt: Jeder Tag ist ein Geschenk. Und das ist er! Jeder Tag, an dem du lebst, ist ein Geschenk, und du solltest das schätzen.

„Wir sind alle klüger und glücklich, ihn zurück zu haben“

Aber gab es einen Punkt, an dem ihr darüber sprechen musstet, was 2014 schiefgelaufen ist, um die Situation zu klären? Denn als ihr euch damals getrennt habt, war die Stimmung ja nicht wirklich gut …
Ja, wir mussten über alles reden. Für Rob war es natürlich scheiße, als er rausgeschmissen wurde. Und, weißt du, wir wollten ihn nicht rauswerfen. Ich habe ihm seitdem gesagt, dass er diese Tür für Steve aufgemacht hat, zurückzukommen, und er versteht auch warum. Wir sind alle klüger und glücklich, ihn zurück zu haben. Und wir haben so viel Spaß. Wir reden ständig, wir schicken uns gegenseitig offensive Memes, den Scheiß, den Bros halt machen, weißt du: Du schickst dir Sachen, die niemand sonst sehen soll … sonst wirst du vielleicht gecancelt. (lacht)

EXODUS auf dem BRUTAL ASSAULT 2024
EXODUS auf dem BRUTAL ASSAULT 2024

Wenn du auf die letzten zehn Jahre zurückblickst: War es eine gute Idee, diese „Beziehung“ mit Steve sozusagen wieder aufzuwärmen, oder wäre es besser gewesen, wenn EXODUS etwas komplett anderes ausprobiert hätte?
Nein, wieder: Ich mag keine Veränderungen. Und dasselbe ist passiert, als Rob aus der Band geflogen ist. Wir haben darüber gescherzt, einen jungen Typen zu holen, der von der Drumriser springen kann. Aber, weißt du, Steve ist vertraut und hat natürlich eine Geschichte mit der Band. Und ich bereue nichts davon. Wir haben zwei großartige Alben mit Steve gemacht und wir hatten gute Zeiten. Am Ende hat die Ehe für uns nicht mehr funktioniert, und wenn man unser aktuelles Alter betrachtet und nicht weiß, wie lange wir das noch machen werden … ich weiß es nicht, keiner von uns weiß es. Also wollen wir jeden Moment genießen, weil morgen alles vorbei sein könnte. Meine Hände könnten an den Punkt kommen, an dem ich diesen Scheiß nicht mehr spielen kann. Ich weiß es nicht. Im Moment habe ich schon mit Gelenkproblemen zu tun und Schultern und Knie und Füße und Finger: Meine Finger tun die ganze Zeit weh, aber sie tun weniger weh, wenn ich spiele. Je mehr ich spiele, desto weniger steif sind sie. Ich komme nach Hause, und nach ein paar Wochen Pause tun sie verdammt weh.

Wenn ich mich richtig erinnere, war ein Problem, dass du gesagt hast, Steve hätte keine Lust mehr aufs Touren gehabt. Warst du genauso überrascht wie ich, dass er Ende 2025 eine große Lateinamerika-Tour gemacht hat?
Was Zetos Wunsch zu touren angeht, das ist eher eine Frage für ihn. Ich will nicht dafür antworten, was er mochte und was nicht, aber wenn er rausgehen will und hier und da ein paar Touren machen will und die Songs spielen, die er gesungen hat, ist das absolut sein gutes Recht: Rausgehen und rocken! Ich hatte Kontakt mit diesem Gitarristen, er wollte wissen, ob das alles cool ist. Ich habe gesagt: Ja, ist cool. Leg los und zerleg’s. Viel Spaß. Ist mir egal. Ich freue mich total für dich. Aber ob er neun Wochen am Stück touren will, so wie wir es gleich machen, das weiß ich nicht. Das müsstest du ihn fragen. Aber ich bin nie neun Wochen getourt, als ich 25 war. Also persönlich gesprochen: Ich glaube, ich bin da ein bisschen verrückt. Mal sehen, wie ich mich nach fünf fühle. Wir haben nach den neun Wochen eine Pause, wir werden diesen Sommer keine europäischen Festivals spielen. Also habe ich etwas Zeit, mich zu erholen. Aber ja, neun Wochen, das wird hart. Wir haben gerade vier fertig und sind für zehn Tage zuhause und dann sind wir neun Wochen unterwegs. Das ist schon viel …

„Was für ein verdammtes Killer-Line-up:
wir mit KREATOR, CARCASS und NAILS“

Apropos Touren: Du warst es gewohnt, Headliner-Shows mit SLAYER zu machen, und auch mit EXODUS wart ihr meistens auf Headliner-Touren, zumindest in Europa. Jetzt kommt ihr als Support für KREATOR. Ist das anders oder vielleicht auch schwierig für dich, in diese neue Rolle zu passen?
Nein, weißt du, das wird schon passen. Die Tour wird großartig. Was für ein verdammtes Killer-Line-up: wir mit KREATOR, CARCASS und NAILS. Und, weißt du, wenn die Show vorbei ist, esse ich ein kleines Abendessen und gucke TV. Mille und die Jungs gehen dann wahrscheinlich grade erst auf die Bühne, und ich sitze in meinem Bus und schaue einen Film und mache mich bettfertig. (lacht)

Wenn es um die Setlist geht: Werdet ihr euch stärker auf die Dukes-Ära konzentrieren?
Wenn EXODUS ein neues Album macht, wollen wir neue Songs spielen. Manche Bands bringen ein Album raus, gehen auf Tour, spielen einen neuen Song und dann nur die Klassiker. Und natürlich verstehen wir, dass wir bei jeder Show ein paar der klassischen Songs spielen müssen, aber wir wollen das Album promoten. Wir wollen diese Songs spielen. Wir werden unsere freie Zeit im Sommer mit Proben verbringen, damit wir – wenn wir wollten – alles von diesem Album spielen können. Im Moment gibt es nur ein paar Songs, die wir als Band bisher überhaupt proben konnten, aber wir kommen noch an den Punkt, dass wir alles spielen können.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Moritz Grütz

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert