Das Cover von "I Feel The Everblack Festering Within Me" von Lorna Shore

Review Lorna Shore – I Feel The Everblack Festering Within Me

Sind LORNA SHORE nun das „nächste große Ding“ oder sind sie diesem Status inzwischen längst entwachsen? Seit dem Einstieg von Sänger Will Ramos im Jahr 2021 ging es für die Deathcore-Überflieger aus New Jersey steil bergauf, mit dem vierten Album „Pain Remains“ erreichte der kometenhafte Aufstieg seinen vorläufigen Höhepunkt. Vor allem die großartige 20-minütige „Pain Remains“-Trilogie hat – auch in Verbindung mit den aufwendig inszenierten Musikvideos – die Szene im Sturm erobert. Als Supportact für PARKWAY DRIVE in Europa und bei umjubelten Festivalauftritten (u. a. auf dem Summer Breeze 2022, als LORNA SHORE den Platz vor der Mainstage wie ein Headliner füllten) haben die Fünf zudem zahlreiche neue Fans gewonnen, was nun in ausverkauften Hallen wie dem ca. 5.500 Menschen fassenden Zenith in München gipfelt – und das fast fünf Monate vorab! Das ist noch bemerkenswerter, weil Deathcore nach wie vor nicht das massentauglichste aller Subgenres ist.

Dieser Umstand lässt das Standing von LORNA SHORE umso beeindruckender wirken. Sie sind dem Deathcore entwachsen, zugleich sind sie das inoffizielle Gesicht des Genres und nebenbei zu schillernden Stars der Metalszene aufgestiegen. „I Feel The Everblack Festering Within Me“ heißt das nun fünfte Album – gemäß dem Titel behandeln die allesamt von Ramos geschriebenen Texte düstere Themen wie Depression, Isolation, Einsamkeit und Angst. Der Opener „Prison Of Flesh“ über die Gefangenschaft des Geistes im eigenen, nutzlos gewordenen Körper bietet zum Start direkt alles, was LORNA SHORE ausmacht: viel technische Raffinesse beim wüsten Blastbeat-Riff-Gewitter, ein ganz groß geschriebenes „Symphonic“ im Blackened Symphonic Deathcore mit ergreifenden und großen Melodien, viel Abwechslung und viele Rhythmuswechsel und von all dem einfach „viel“.

LORNA SHORE bauen wie gewohnt ihre dichte, laute Wall of Sound auf und hier zeigt sich eine bedeutende Verbesserung zu den Vorgängeralben: Der Sound auf „I Feel The Everblack Festering Within Me“ ist grandios differenziert und lässt alle Elemente von Orchestrierung über Instrumente bis zum Gesang gleichberechtigt nebeneinander existieren und harmonieren. Wo auch auf „Pain Remains“ Strukturen noch schwammig und lärmig wirkten, ist hier alles perfekt ausbalanciert und dennoch mächtig druckvoll. Wenn zum Ende des Songs der erste Breakdown des Albums einsetzt – stilsicher nach einer kurzen, typischen Deathcore-Pause – wummst und drückt das extrem angenehm auf die Gedärme. Gerade der an sich hohe Symphonic- und Melodie-Anteil in den Songs lässt die Breakdowns, die komplett ohne Melodien auskommen, noch einmal roher und zerstörerischer wirken.

LORNA SHORE hätten es sich einfach machen können: härter, bösartiger, schockierender. Doch das war nie das Ziel. Stattdessen legt die Truppe mehr denn je Wert auf ausgefeiltes Songwriting, große Melodien und Emotionen. Der Härtegrad ist nach wie vor erwartbar hoch, nur sind LORNA SHORE eben nicht hart der Härte wegen, womit sie sich auch von vielen Genrekollegen abheben. Die ruhigen Momente, die Pausen, die berührenden Melodien und das alles in Kombination mit einem dichten Blastbeat-Teppich und technischer Qualität und Spielfreude. Dass LORNA SHORE ihre Stärken inzwischen nicht nur ganz genau kennen, sondern gezielt umsetzen und verbessern, zeigt sich etwa im fokussierteren Songwriting. Zerfahrene Momente oder wirre Strukturen, wie es sie vor allem bis zum 2020er Album „Immortal“ noch häufig gab, gehören endgültig der Vergangenheit an. So brillieren LORNA SHORE vor allem in den Momenten, in denen die Mischung aus pathetischen, orchestralen Klängen mit ultrabrutalem Deathcore gemischt wird. Daneben überzeugt der überragende Will Ramos erneut mit seiner Bandbreite an leidenden Screams, tiefen Growls und melodischem Keifen. Dass Ramos einer der besten Sänger des Genres ist, muss kaum noch erwähnt werden. Hier schlägt ihn wohl nur WHITECHAPEL-Frontmann Phil Bozeman, der seine Growls etwas besser akzentuiert und im Klargesang vorne liegt.

Die Weiterentwicklung zeigt sich auch in den Breakdowns, die weniger tragend eingesetzt und vor allem nicht erzwungen, sondern gezielt an passenden Stellen eingewoben werden. „Unbreakable“ etwa kommt mit nur einem kleinen Breakdown-Moment aus, der komplett passend beginnt und sich natürlich wieder auflöst. Ganz organisch, keine Härte um der Härte willen. Highlights gäbe es viele zu erwähnen, wie auch die heldenhaften Wikinger-artigen Chöre mit einer mitreißenden, vor Aufbruchstimmung strotzenden Melodie beim überwältigenden „Lionheart“ oder die Gänsehaut erzeugenden Screams im Refrain des polyrhythmischen „Death Can Take Me“. Einzelne Höhepunkte gab es bei LORNA SHORE schon immer, auf „I Feel The Everblack Festering Within Me“ schaffen sie es aber auch endlich, diese auf Albumlänge in stringente Songs zu bündeln. Wo früher Füller und Technik-Show-offs standen, stehen jetzt zehn akribisch durchkomponierte Songs.

LORNA SHORE klingen nach LORNA SHORE, daran ändert sich auch 2025 nichts. Sie bleiben nach wie vor die erste Wahl für Deathcore-Einsteiger. Kritiker der Band werden es weiterhin leicht haben zu sagen, jeder Song wäre nach demselben Schema aufgebaut. Das ist nicht komplett falsch – die Elemente orchestrales Intro, Blastbeats und brutaler Breakdown wiederholen sich fast immer. Dennoch schaffen LORNA SHORE es besser denn je zuvor, in sich schlüssige Songs zu schreiben und diesen mehr Eingängigkeit und memorable Momente zu verleihen. Zum stumpfen Nebenbeihören ist „I Feel The Everblack Festering Within Me“ freilich nicht geeignet, da wirkt das Album mit Sicherheit monoton. Die Platte will gespürt und erlebt werden, mit allen Sinnen, mit voller Aufmerksamkeit. Erst dann kann „I Feel The Everblack Festering Within Me“ seine emotionale und brutale Wucht entfalten und erweist sich nicht nur als Deathcore-Meisterwerk, sondern auch als eines der wohl eindringlichsten Metalalben des Jahres.

Du siehst gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicke auf die Schaltfläche unten. Bitte beachte, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Wertung: 9 / 10

Stefan Popp

Publiziert am von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert