CD-Review: Shining (Nor) - Blackjazz

Besetzung

Jørgen Munkeby – Gesang, Gitarre, Saxophon
Hermansen – Gitarre
Kreken – Bass
Lofthus – Schlagzeug
Moen – Keyboard, Synthesizer
Gastmusiker:
Grutle Kjellson - Gesang

Tracklist

01. The Madness And The Damage Done
02. Fisheye
03. Exit Sun
04. Exit Sun
05. Healter Skelter
06. The Madness And The Damage Done
07. Blackjazz Deathtrance
08. Omen
09. 21st Century Schizoid Man (King Crimson-Cover)


Wie es klingen würde, wenn ein Ausnahmemusiker, der Seinesgleichen sucht, damit betreut würde, für ein völlig abgefahrenes und so düsteres wie verstörendes Gameboy-Spiel einen Soundtrack zu schreiben? Wer sich SHININGs „Blackjazz“ anhört, könnte eventuell einen Eindruck davon gewinnen. Denn auch, wenn der gute alte Super-Mario wohl so einige Probleme hätte, sich zu diesem Sound auf das Ausrotten von Schildkröten und deren Konsorten zu konzentrieren – gänzlich von der Hand zu weisen ist die Gameboyparallele nicht. Auch wenn man natürlich sogleich energisch zurückrudern muss, um kein falsches Bild entstehen zu lassen – klingt „Gameboy-Musik“ doch zunächst nach billigen 5-Ton-Midispuren. Und „Blackjazz“ ist alles andere als das.

Genauer gesagt ist es das wohl komplexeste und dabei doch (mit Einschränkungen) am leichtesten zu konsumierende Extreme-Prog-Album seit langem. Denn wo Panzerballett den Bogen in Richtung musikalischem Abgedrehtheit stellenweise fast überspannen und ihre Progressivität über alles, bisweilen auch über die Genießbarkeit ihres Schaffens stellen, ist „Blackjazz“ über seine komplette Länge am Stück hörbar, ohne dass sich der Gehörgang verknotet.

„Genießbarkeit“ sollte an dieser Stelle jedoch etwas präzisiert werden. Denn wer bisher noch keinen oder nur wenig Kontakt zu Jazz-Metal hatte, dem werden wohl bereits die ersten Tönen von „Blackjazz“ die Sprache verschlagen: Mit einer Energie, die ich auf anderen CD ach so brutaler und aggressiver Genres wie Black, Death oder Thrash Metal nur selten gehört habe, gehen SHINING bereits beim Opener „The Madness And The Damage Done“ gnadenlos in die Offensive: Zwischen groovenden Riffs, völlig abgefahrenen Arrangements und dem extremen Geschrei von Fronter Jørgen Munkeby wird man zwischen der Faszination für die wahnwitzigen Kompositionen, der Begeisterung für die Musik und dem Bedürfnis, sich in Mitten eines Moshpits zu befinden, hin- und hergerissen.

Denn bei aller Progressivität weiß „Blackjazz“ vor allem dadurch zu beeindrucken, dass es eben nicht nur nerdiges Gefrickel durchgedrehter Musikgenies beinhaltet, sondern extrem groovendes nerdiges Gefrickel durchgedrehter Musikgenies, so dass man sich zwar in die Ecke setzen, das Album anhören und in Bewunderung für das musikalische Talent der Herren erstarrt verhungern, genausogut jedoch dazu abgehen könnte, bis man aus Erschöpfung bewegungsunfähig zu Boden geht.

Interessant ist auch der Aufbau des Albums: Sind die ersten Tracks noch trotz aller Progressivität sehr eingängig, zeigt spätestens das passenderweise „Healter Skelter“ betitelte fünfte Stück, dass SHINING auch anders können: Knappe fünf Minuten wird hier für den nichtstudierten Musiker halbwegs unnachvollziehbar dargelegt, dass man durchaus auch zu anderem befähigt ist – von Synthsizer bis zum SHINING-typischen Saxophon, welches Jørgen Munkeby derart überwältigend beherrscht, dass es wohl niemanden wundert, dass sich auch Progressive-(Black)-Metal-Ikone Ihsahn für sein neues Album „After“ der Fertigkeiten dieses Mannes bediente. Ebensowenig verwunderlich ist im Gegenzug Grutle Kjellsons (Enslaved) Gastbeitrag bei „Omen“, sowie im schlichtweg genial umgesetzten King Crimson-Cover „21st Century Schizoid Man“, bedenkt man, dass SHINING und Enslaved bereits neben einer Europatour so manchen gemeinsamen Jam-Gig absolviert haben.

So entwickelt sich das Album über seine Spielzeit vom Groove-Monster hin zum verstörten, sinistren Exzess in dessen Vielschichtigkeit sich erst die wahre Genialität hinter der Kreation offenbart – alles in allem nicht ganz leichter Tobak, zugegeben; aber im Endeffekt hat man es ja schon vorher gewusst.

Easy Listening ist anders – das ist klar. Und doch SHINING mit „Blackjazz“, was von einer derart extremen Band wohl kaum jemand erwarten würde: Die Songs sind mitreißend und (zumindest nach einigen Durchläufen) stellenweise richtiggehend eingängig, sodass das Album, auch wenn man sich nicht jeden Takt behalten kann, dennoch ein nicht zu unterschätzendes Suchtpotential entwickelt – der beste Beweis dafür, dass SHINING es geschafft haben, nicht nur zu faszinieren, sondern auch zu begeistern. Ob man nun Gefallen daran findet oder nicht, ist wie immer Geschmackssache – eines jedoch ist gewiss: „BlackJazz“ setzt Maßstäbe, nicht nur in Sachen Progressivität im Extrem-Metal-Bereich, sondern ebenso sehr in Sachen Extreme im gesamten Metal-Bereich.

Bewertung: 10 / 10

Geschrieben am

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: