Interview mit Seuche von Fäulnis

Seit sich FÄULNIS im Dezember 2017 in der bis dahin aktiven Besetzung verabschiedet haben, war der Name nurmehr in Erinnerung der Fans aktiv. Nun lebt das Projekt, dessen Kopf unterdessen mit KRACHMUCKER TV (als Ernie Fleetenkieker) YouTube mit Metal befüllt und mit MARSCHLAND (als Ernie Fleetenkieker) Dark Folk spielt, zumindest auf dem heimischen Plattenteller wieder auf. Denn nach „Letharg“ erfährt nun auch „Cholerik – Eine Aufarbeitung²“ einen Re-Release. Wie es dazu kam, und was das für eine mögliche Zukunft von FÄULNIS bedeutet, erklärte Seuche im Interview.

Du hast FÄULNIS schon vor Jahren mehr oder weniger offiziell zu Grabe getragen – wie fühlt es sich für dich an, für den Re-Release noch einmal so weit an den Anfang deiner musikalischen Karriere zurückzukehren?
Moin! Ein merkwürdiges Gefühl ist es, weil die Zeit damals sehr verquer und wild war. 1998 bis 2006 habe ich Flensburg überlebt, aus der Kleinstadt in die, naja, Großstadt. Flensburg ist natürlich auch nicht groß, aber plötzlich hatte ich Kneipen und Partys direkt vor der Tür. Rückblickend habe ich die Zeit immer wieder als die schwarze Party bezeichnet, bin in jeden Haufen Scheiße gesprungen, habe Grenzen ausgelotet und überschritten. Schon relativ klischeehaft, Drogen, Rock ´n´ Roll. Sex auch, aber da bin ich immer sehr schnell fertig. Als ich 2006 weggezogen bin, war das ein Schlussstrich unter diese Episode, in die eben auch „Cholerik“ und „Letharg“ fallen.

Vermutlich hast du die Songs sehr lange nicht gehört, aber im Rahmen des Re-Releases wieder vergleichsweise oft. Was löst das Material in dir aus – nur Nostalgie, oder eine bestimmte Emotion?
Stimmt, ich habe zumindest die Demo-Songs lange nicht gehört. „30. Juli, bewölkt“ schon, dazu kommen wir noch, weil VRDRBR den Song gecovert haben. Kleine amüsante Randbemerkung zum Song selbst, nach diversen Auftritten damals habe ich mir das Original mal wieder angehört und war ziemlich erstaunt, um wieviel schneller wir das Stück live spielen. Zu deiner Frage: Nostalgie, die Zeit Angang der Zweitausender. Und auch, wenn ich im Booklet in den Liner-Notes sehr kritisch mit den Stücken umgehen mag, ich musste für mich einfach feststellen, dass ich die Songs mag. Sie sind ein Teil von mir und einfach mal hemmungslos übertrieben formuliert: Es war der Anfang von allem, was ich tue und wer weiß, was ich heute tun würde, hätte ich damals nicht den Mut gehabt, die Sache durchzuziehen. Ahnungslos, naiv …

Was war für dich der konkrete Anlass oder Auslöser dafür, „Cholerik – Eine Aufarbeitung²“ nun noch ein drittes Mal neu zu veröffentlichen?
Eisenwald hat mir die Möglichkeit in Aussicht gestellt, das alte Material auf Vinyl zu veröffentlichen.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Eisenwald, warum war es das perfekte Label für dieses Unterfangen?
Weil ich mich bei Nico und Eisenwald schlichtweg gut aufgehoben fühle. Was er macht, was er anbietet, macht er aus Überzeugung und das Gefühl, FÄULNIS in seine Hände zu legen, fühlt sich gut an.

Im Re-Release steckt viel Liebe für Details wie Karton, Vinlyfarbe und Liner-Notes – was war dir bei der visuellen und haptischen Neupräsentation von „Cholerik“ besonders wichtig?
Cover und Layout einmal richtig zu machen. Ich bin ja selbst kein Freund davon, wenn Bands Albencover verändern, das verwirrt mich immer. Aber mit diesem Photoshop-Cover von „Letharg“ war ich nie sehr glücklich und die Idee, einfach das originale Photo ohne viel Veränderung zu benutzen, habe ich bei „Cholerik“ weiterverfolgt. Und ich mag, wenn das Vinylcover auf die raue Seite gedruckt wird.

Als Basis dient der Re-Mix der Musik von 2007, versehen mit einem neuen Vinyl-Master. Wäre ein Re-Release in Originalfassung mit dem ursprünglichen Mix, nicht authentischer gewesen?
Ja, klingt aber scheiße. Es wurde ja auch nichts neu gemischt, Temple Of Disharmony, beziehungsweise Patrick Engel hat das Demo damals für das erste Re-Release über Karge Welten gemastert und das Ergebnis war eine absolute Aufwertung. Und Vinyl-Master ist mehr Fingerspitzengefühl, den Sound optimal für Vinyl anzupassen, „mehr nicht“.

Seuche live mit FÄULNIS (2015); © Afra Gethöffer-Grütz/Metal1.info

Im Booklet nennst du „Cholerik“ einen „naiven Anfang“ – worin besteht für dich aus heutiger Perspektive diese Naivität, und wo siehst du gleichzeitig trotzdem schon die Keimform dessen, was FÄULNIS später ausgemacht hat?
Na, ich hatte keine Ahnung von nichts. Davor habe ich für meine damalige MISFITS-Coverband zwar schon angefangen, eigene Songs zu schreiben, aber das war kaum vergleichbar. Ich konnte ja im Grunde nix. Allerdings hatte ich trotz allem auch damals schon ein Gefühl im Kopf, was ich transportieren wollte. Bis heute ist es dieses Gefühl, was ich brauche, um ein Album zu schreiben, ohne einfach nur eine Aneinanderreihung von Songs aufzunehmen. Und eben der Wille, etwas Eigenes zu schaffen, keine Kopie. So wahnsinnig viel, außer Erfahrung, hat sich vielleicht auch gar nicht verändert, vielleicht greife ich heute das A-Moll etwas sauberer.

Hätte es dich gereizt, das Album nochmal von Grund auf neu zu machen, also auch Teile anzupassen oder neu aufzunehmen? Insbesondere dein damaliger Klargesang ist ja schon ausbaufähig, sage ich mal …
Nein.

Die Originaltexte hast du seinerzeit nach den Aufnahmen vernichtet. Hast du sie tatsächlich auch vergessen, also wärst du gar nicht mehr in der Lage, die Songs neu aufzunehmen oder live zu spielen?
Wir haben „Invokation“ eine Weile live gespielt, „Gespien“, das weiß ich gar nicht mehr. Was ich vergessen habe, habe ich improvisiert. „Die Tote vom Flussufer“ könnte ich, glaube ich, heute noch spielen.

Was war damals deine Idee hinter diesem zerstörerischen Akt, und hast du es später mal bereut?
Bereut habe ich nichts, ich bezweifle, dass große Weltliteratur den Flammen zum Opfer gefallen ist. Ich muss auch ehrlich sagen, dass mir das alles damals nicht wichtig war. Nicht im Sinne, dass ich da textlich was hingeschissen habe, es stand nur in keinem Verhältnis zu dem Wert, den ich Texten heute gebe.

Den Song „30. Juli, bewölkt“ bezeichnest du selbst als Wendepunkt in der Karriere von FÄULNIS – dabei war er nur ein Bonus-Track des ersten Re-Releases. Trotzdem hat er es zu einem Klassiker gebracht. Wann ist dir das klar geworden, wann hast du gemerkt, was in dem Song steckt?
Die Frage kann ich so nicht beantworten, du musst ja beachten, dass FÄULNIS erst ab 2009 live gespielt hat. Ich selbst mochte den Song einfach. Es war so stumpf wie einfach, ich habe Gitarre gespielt, hing da so einem faden Black-Metal-Duktus hinterher, wollte das aber eigentlich gar nicht mehr und hab einfach nur D-Moll und A-Moll gespielt. Und mir dann gedacht, das ist es, das klingt gut, das wird ein Song. „30. Juli, bewölkt“ war einer dieser Songs, die sofort fertig waren.

HANGOVER IN MINSK im März 2026 in Nürnberg
Seuche live als Gast bei HANGOVER IN MINSK (2026); © Afra Gethöffer-Grütz/Metal1.info

Warum hast du den Song später nie mehr aufgenommen oder anderweitig nochmal veröffentlicht?
Warum sollte ich, klang doch gut.

Rührt der Titel vom Tag der Entstehung her, oder steckt dahinter eine tiefere Bedeutung?
Irgendwas habe ich mir da wirklich gedacht, ich hab es aber vergessen.

Neben „Cholerik“ erscheint bei Eisenwald auch ein Re-Release von „Letharg“ – der enthält neben dem Original noch eine Version mit neu aufgenommenem Klargesang. Was hat dich zu diesem Schritt getrieben?
Nicht Klargesang, ich habe den Sprachpart neu aufgenommen. Ob du den Klargesang auf „Cholerik …“ magst oder nicht, für mich ist das alles so wie es ist in Ordnung. Aber den Sprachpart bei „Letharg“ mochte ich ehrlich gesagt nie im Original.

Zwischen „Cholerik“ und „Letharg“ lag damals bekanntlich die 2-Track-EP „Kommando Thanatos“. Wäre das nicht eine sinnvolle Bonus-Material-Ergänzung zum eh nur rund 20-minütigen „Letharg“ gewesen?
Wir wollten tatsächlich ursprünglich „Letharg“ auf A und „Kommando Thanatos“ auf B pressen – „Letharg“ geht um die 23 Minuten, die EP nur 8 Minuten. Aber du kannst das wohl von der Länge her nicht einfach so machen: Wenn die eine Seite viel länger ist als die andere geht da angeblich irgendwas beim Sound schief. Ich hab davon auch noch nie gehört, dass das so ist, aber das hat mir Nico von Eisenwald so gesagt und ich vertraue ihm da. Und dann war das eben so. Dann fiel mir aber auch nichts anderes ein. Bin aber sehr glücklich mit der Zwei-Varianten-Version.

Wir hätten die EP mit auf die CD packen können, aber es hat sich dann nicht ausgemacht, wie der Österreicher sagt. Und irgendwann ist es dann einfach hinten runtergefallen. Also neu veröffentlicht wird die jetzt auch nicht. Es war aber auch nicht so, dass die damals in zwei Monaten weg war … die war schon irgendwann ausverkauft, aber das passt schon so, wie’s ist.

„Letharg“ erscheint jetzt, anders als „Cholerik“ nur auf CD neu. Warum habt ihr euch hier gegen eine Vinyl-Fassung entschieden?
Die Vinyl-Fassung gab es ja schon über Eisenwald, ist nur ausverkauft. Wir haben jetzt einfach noch die CD hinterhergeschoben.

Waren Tapes eigentlich auch eine Überlegung und wenn ja, warum hast du dich dagegen entschieden? Ganz ablehnend scheinst du dem Format ja nicht gegenüber zu stehen, dein MARSCHLAND-Debüt hast du auch stolz auf Tape präsentiert …
Ach, ich hatte mal überlegt, eine Box bis „Gehirn …“ zu machen, kam nur nie dazu.

Du selbst bist spätestens durch Krachmucker zu einer Kultfigur geworden, aber auch FÄULNIS taucht immer wieder als wichtiger Bezugspunkt für jüngere Bands im deutschsprachigen Black Metal auf – wie nimmst du selbst den Einfluss und die Nachwirkung des Projekts wahr, jetzt wo die Frühphase noch einmal so prominent aufgearbeitet wird?
Öhm … Frag mal meine Frau, wie Kult ich bin, wenn sie nach Hause kommt und nix ist gemacht. Verstehst du? Ja, klingt schön, wie du das so schreibst, aber ich sehe das nicht. Ja, mir gucken wirklich viele Leute zu, ja, ich werde auch immer wieder angesprochen, auf Konzerten. Aber ich ziehe da keine Schlussfolgerung raus. Ich stehe gern auf der Bühne, dass ich das immer wieder tun kann und vor mir nicht nur der Hausmeister sitzt, dafür bin ich sehr dankbar.

Live bist du immer mal wieder auf die Bühne gegangen, zuletzt bei VRDRBR, die klar von FÄULNIS inspiriert sind. Das war meinem Empfinden nach dann schon sehr nah an früheren FÄULNIS-Shows. Hat sich das für dich auch so angefühlt, und wenn ja, was hat das in dir ausgelöst?
Jetzt kommen die die bösen Fragen, puh. Ich mag VRDRBR sehr, ich mochte ihr Cover von „30. Juli, bewölkt“ und ich finde sie live richtig gut. Live sind sie auch viel eigenständiger, finde ich. Tja, was ich nicht so recht einkalkuliert habe, der Schalter legt sich immer noch um. Es war gleichzeitig phantastisch und emotional, weil irgendein verkackter Scheißteil von mir das alles tatsächlich vermisst hat. Weiß nicht, ob das gut ist, aber mit VRDRBR habe ich gerne zu tun.

VRDRBR im März 2026 in Nürnberg
Seuche live als Gast bei VRDRBR (2026); © Afra Gethöffer-Grütz/Metal1.info

Überraschend viele Black-Metal-Bands aus den späten 1990er, frühen 2000ern feiern derzeit eine Art Revival – ob LUNAR AURORA, GRABNEBELFÜRSTEN oder SECRETS OF THE MOON. Werden sich hier auch FÄULNIS einreihen? Kommen nochmal Musik oder Konzerte?
Wie oft habe ich heute „Ich weiß es nicht“ geschrieben? Aber es ist die ehrlichste Antwort. Erstmal spiele ich jetzt mit MARSCHLAND ein paar Auftritte. Was ich aber deutlich machen will und muss: Wer weiß, was passiert, aber ich mache nichts, absolut nichts mehr, wenn ich nicht 100 % überzeugt davon bin, dass es rund ist. Die Konkurrenzveranstaltung ist immer „Mit Katzen und gutem Film auf dem Sofa“.

Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming – was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein?
Sonnenschein: Daydrinking
Bestes Album des Jahres (bisher): Ich höre nichts aktuelles mehr
Tapes im Jahr 2026: Teurer als CDs
Erste Handlung nach dem Aufstehen: In Deckung gehen vor den Labradoren
Letztes gelesenes Buch: Chambers „Der König in Gelb“
YouTube: Läd man da Videos hoch?
FÄULNIS in 10 Jahren: Ich hoffe, ich ende nicht wie XASTHUR.

HANGOVER IN MINSK im März 2026 in Nürnberg
Seuche live als Gast bei HANGOVER IN MINSK (2026); © Afra Gethöffer-Grütz/Metal1.info
Moritz Grütz

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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