Nach über 30 Jahre im Geschäft noch hungrig zu sein und Lust auf Neues zu haben, gelingt nicht jeder Band. IN EXTREMO aber haben sich diesen Hunger bewahrt und legen nun nach dem starken „Wolkenschieber“ und der ausgiebigen Feier des 30. Bandgeburtstags ein neues Akustik-Album nach. „Tranquilo II“ schließt an den ersten Akustik-Ausflug von 2010 an und hält, wie auch schon der erste Teil, einige Überraschungen bereit. Denn einfach nur Band-Klassiker ohne E-Gitarre zu spielen, kommt für IN EXTREMO natürlich nicht in Frage.
Die erste Überraschung ist aber die illustre Gästeschar, die IN EXTREMO für „Tranquilo II“ gewinnen konnten. Direkt beim Opener „Stoertebeker“ drücken Sänger Jan „Monchi“ Gorkow und Trompeter Max Bobzin von FEINE SAHNE FISCHFILET dem Song einen deutlichen Ska-Stempel auf. Dudelsack und Trompete im Duett klingen anfangs etwas ungewohnt, harmonieren aber überraschend gut. Bei „Liam“ erhält Frontmann Micha Unterstützung von Laura Fella (FAUN). Michas raue Stimme und der glockenklare Gesang von Laura ergänzen sich sehr schön, schade ist nur, dass sich die Band für den deutschen Songtext entschieden hat. Diskutabel ist das Feature von Doro Pesch bei „Feine Seele“, haftet der Performance der Metal-Queen inzwischen doch häufig etwas Gekünsteltes an.
Oliver „SaTyr“ Pade und Niel Mitra von FAUN und Geiger Justin Ciuche liefern nicht einfach Gastbeiträge zu einem bestimmten Song, sondern unterstützen IN EXTREMO auf dem gesamten Album und auch auf der anstehenden Akustik-Tour. Besonders die Geige erweist sich als ungewohntes Element, das immer wieder aufhorchen lässt. So etwa beim einzigen wirklich neuen Track „Heute wird der Himmel brennen“, der stark von der Geige geprägt ist, im Refrain gewohnt eingängig klingt und auf einem Flamenco-Unterbau fußt.
Die restliche Tracklist zeigt, wie viele Hits IN EXTREMO inzwischen geschrieben haben, denn eigentlich handelt es sich bei jedem Song um einen Fan-Liebling. Kracher wie „Spielmannsfluch“, „Weckt die Toten“ oder „Troja“ sind auch im akustischen Gewand recht nah am Original und haben nichts von ihrer Energie verloren. Wie auch bei den „Nackt“-Projekten von SUBWAY TO SALLY ist es immer wieder überraschend, wie viel Wucht in akustischen Songs stecken kann.
Nicht jedem Fan dürften die gewagteren Neuinterpretationen einiger Songs gefallen: „Nur ihr allein“ klingt nun nach Jazz mit Chanson-Gesang und hätte so auch in Berliner Clubs der 20er-Jahre laufen können. „Mein rasend Herz“ schielt in Richtung Orient, „Lebensbeichte“ atmet staubige Westernluft und „Quid Pro Quo“ mischt Reggae mit Ska. Mutiges, manchmal aber auch herausforderndes Songwriting.
Auf der Bonus-EP findet sich mit „Amontilado“ ein weiterer semi-neuer Track, haben IN EXTREMO diesen zwar schon vor einer Weile geschrieben, aber bisher nicht veröffentlicht. Im Kern handelt es sich um ein weiteres Sauflied mit treibendem Rhythmus. „Ave Maria“ wird mit der kroatischen A-Capella-Band METAKLAPA als reine Gesangsnummer neu umgesetzt und sorgt für Gänsehaut. Mit der XXL-Version „Sternhagelvoller“ haben es IN EXTREMO vielleicht etwas übertrieben, denn bis alle elf Gäste aus der Folk-Szene ihre Gastparts beigesteuert haben, nutzt sich das Konzept doch ab.
Die Songs mögen größtenteils schon bekannt sein, doch genau wie bei SUBWAY TO SALLY ist der Akustik-Ausflug von IN EXTREMO nicht einfach nur ein Best-Of, sondern eine eigenständige Veröffentlichung. „Tranquilo II“ ist mindestens genauso mitreißend wie die regulären Rock-Alben der Band, manchmal herausfordernd, aber immer voller Herzblut und Spielfreude. IN EXTREMO mögen schon über 30 Jahre im Geschäft sein, gehören aber noch lange nicht zum alten Eisen.
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Wertung: 9 / 10


