Interview mit Dominik Goncalves dos Reis von Downfall Of Gaia

Mit „Ethic Of Radical Finitude“ haben die deutschen Post-Black-Metaller DOWNFALL OF GAIA das wohl zugänglichste Album ihrer bisherigen Bandgeschichte kreiert und damit zugleich ein Werk geschaffen, dessen immense emotionale Wirkung ohne Umschweife ihren Weg in das Empfinden des Hörers findet. In unserem Interview beantwortete uns Frontmann Dominik Goncalves dos Reis dazu einige Fragen, unter anderem zu der stilistischen Entwicklung der Band, der visuellen Komponente der neuen Platte und seiner bewussten Entscheidung, diesmal kein Konzeptalbum herauszubringen.

Ihr habt euch mit der Zeit einen markanten Stil angeeignet, von den Crust-Punk-Einflüssen eurer Anfangstage hört man allerdings nicht mehr allzu viel. Wie hat sich das entwickelt?
Ich würde mal sagen, das Ganze war ein normaler Entwicklungsprozess, zumindest in unseren Augen. Es ist klar, dass du dich zehn Jahre später nicht mehr anhörst, wie noch einige Jahre zuvor. Zumindest im besten Fall. Vieles ist aber auch eher unterbewusst passiert, bzw. wir haben nie gesagt, dass wir jetzt „so und so“ zu klingen haben. Wir haben uns immer eher treiben lassen und „step by step“ neue Einflüsse mit einbezogen. So ist dann alles über die Jahre gewachsen.

In eurer Musik vereint ihr extreme Kontraste, es gibt ruhige, ausgedehnte Post-Rock-Passagen und intensive Black-Metal-Ausbrüche. Was ist deiner Ansicht nach der Kern eures musikalischen Ausdrucks, der diese Extreme verbindet und jeden einzelnen eurer Songs auszeichnet?
Wie du schon meintest – ich denke, es ist das Spiel der Kontraste, die unterschiedlichen Stimmungen. Ich finde, das eine funktioniert nicht ohne das andere… zumindest bei Songs, die gerne mal Überlänge haben. Eine gewisse Art von Atmosphäre würde ich uns ebenso zuschreiben.

Post-Black-Metal ist inzwischen ein ziemlich überlaufenes Genre und viele Bands wiederholen bloß bereits Bekanntes. Was muss man deiner Meinung nach als Band auf den Tisch bringen, um in dieser Stilrichtung mehr als nur ein austauschbarer Klon zu sein?
Das ist schwer zu sagen. Am Ende ist natürlich alles relativ und die einen mögen Dinge, die andere furchtbar finden. Das Rad neu erfinden kann eh keiner mehr, jedoch kann man sich bemühen, die Dinge interessant zu gestalten. Ist natürlich auch wieder total subjektiv, aber wie auch schon erwähnt, finde ich das Zusammenspiel von Kontrasten total wichtig. Das macht für mich wirklich den Unterschied, Höhen/Tiefen und Abwechslung in der Songstruktur.
Fünf Minuten straightes Geballer kann ich mir nicht wirklich anhören. Die Zeiten sind dann doch vorbei…

Wenn du auf eure bisherigen Alben zurückblickst: Welches davon war deiner Meinung nach das bedeutsamste für eure Entwicklung als Band und aus welchem Grund?
Ich würde schon sagen „Suffocating In The Swarm Of Cranes“. Es war das erste Album auf Metal Blade und hat uns eine Menge Türen geöffnet.
Vielleicht würde ich sogar noch etwas weiter gehen und sagen, es war die Split-LP mit In The Hearts Of Emperors 2011. Es waren zwar nur zwei Songs, allerdings hat sich von da an unser kompletter Schreibstil geändert. Wir hatten einen neuen Schlagzeuger, haben neue Rhythmen mit einfließen lassen und haben nach der Veröffentlichung den Deal mit Metal Blade bekommen.
Ich denke mal, diese zwei Platten waren rückblickend definitiv die wichtigsten für uns als Band.

Für euer neues Album „Ethic Of Radical Finitude“ habt ihr euch mehr Zeit für die Vorproduktion genommen als zuvor. Was war euer Ziel, das ihr damit erreichen wolltet?
Wir wollten uns einfach mehr auf Details konzentrieren und uns im gleichen Atemzug nicht stressen müssen. Wenn man jetzt natürlich auf den Veröffentlichungstermin schaut, wird man keinen großen Unterschied feststellen können und es sieht so aus, als wären wir unserem Zwei-Jahres-Rhythmus treu geblieben. Allerdings hat das Songwriting für die neue Platte ziemlich zeitnah nach der Veröffentlichung von „Atrophy“ begonnen und am Ende sind es dann halt doch insgesamt 16 Monate geworden.
Es wird ja auch nicht einfacher mit jedem neuen Album. Natürlich hat man einen gewissen Sound, den man auch weiterführen und beibehalten möchte, jedoch will man natürlich auch nicht stillstehen.

Würdest du sagen, dass ihr dieses Ziel tatsächlich in sämtlichen Aspekten erreichen konntet oder gibt es rückblickend doch etwas, das du anders gemacht hättest?
Das lässt sich so früh nach Veröffentlichung gar nicht so genau beantworten, finde ich. Momentan steckt man noch viel zu sehr drin und kann die Dinge noch gar nicht so recht von außen betrachten. Aber eigentlich gibt es am Ende und mit dem nötigen Abstand immer noch etwas, was man vielleicht lieber anders gemacht hätte.

Ich habe den Eindruck, dass „Ethic Of Radical Finitude“ vielleicht euer bisher zugänglichstes Album geworden ist. War das so von euch beabsichtigt?
Definitiv nicht beabsichtigt, aber zustimmen würde ich dir auf jeden Fall. Das ist vielleicht auch so eine Sache mit dem Entwicklungsprozess. Man kriegt mit den Jahren ein ganz anderes Gefühl für Melodien, kann viele Dinge ganz anders umsetzen, als halt eben noch vor ein einiger Zeit… und will dieses natürlich auch. Hätte mir vor zehn Jahren jemand gesagt, dass wir ein Gitarrensolo oder Clean-Vocals jemals auf einer Platte haben, den hätte ich wahrscheinlich ausgelacht.

Nach „Atrophy“ ist euer neues Album bereits die zweite Platte mit einer Laufzeit von „nur“ 40 Minuten. Findest du rückblickend, dass eure ausschweifenderen Alben wie „Suffocating In The Swarm Of Cranes“ zu lang waren?
Die Albumlänge zu reduzieren war definitiv eine bewusste Entscheidung. Ich habe das Gefühl, dass gerade in Zeiten von Spotify, YouTube und Co. die Aufmerksamkeitsspanne der Hörer halt einfach nicht mehr so gegeben ist, wie es mal der Fall war. Das kenne ich ja auch von mir. Ich bin mir gerade nicht mehr sicher, wer es genau gesagt hat, aber ich finde, dieses Zitat hat schon seine Berechtigung: „Musik ist zu Fastfood verkommen“. Die nächste Band und der nächste Song sind halt nur einen Mausklick entfernt. Das ist ziemlich schade, aber genau aus dem Grund wollten wir lieber eine Platte produzieren, die man vielleicht einfach gerne nochmal wiederholt, als dass einem auf halber Strecke der Atem ausgeht.

Laut eurem Label beschäftigt ihr euch auf dem Album thematisch mit der Sehnsucht nach einem seelischen Zuhause, einem Gefühl des Ankommens. Kannst du ein bisschen genauer erläutern, worum es dabei geht?
Im Grunde geht es um die persönliche Unzufriedenheit und die damit verbundene, niemals versiegende Gier nach mehr. Ich denke, der Mensch hat von Grund auf das Bedürfnis, ab einem gewissen Punkt in seinem Leben, angekommen zu sein, sich sein Nest geschaffen zu haben.
Diese Suche bestimmt den Großteil unserer Zeit, allerdings scheinen die Wenigsten wirklich anzukommen und manchmal muss man sich vielleicht einfach eingestehen, dass dieser erwünschte Punkt im Leben niemals eintritt. Vielmehr ist das Leben an sich ein Buch mit unterschiedlichen Kapiteln, welches mit den verschiedensten Geschichten gefüllt wird.

Im Gegensatz zu früheren Veröffentlichungen handelt es sich jedoch nicht um ein Konzeptalbum. Inwiefern stehen die einzelnen Tracks jeweils für sich?
Um ehrlich zu sein, waren wir einfach müde, das neue Album schon wieder unter den Deckmantel „Konzeptalbum“ zu packen und am Ende genau darauf festgenagelt zu werden.
Wir wollten bewusst genügend Raum für die eigene Interpretation lassen, auf der anderen Seite erzählen die Lyrics aber natürlich schon eine Art Geschichte, bzw. ein roter Faden ist vorhanden. Zumindest aus Bandperspektive. Was jeder für sich mit den Texten macht, das steht komplett offen.

In der Vergangenheit habt ihr schon öfter zwischen deutschen und englischen Texten gewechselt. Diesmal beschränken sich die deutschen Texte auf einen einzigen Song. Wonach entscheidest du, welche Passagen oder ganze Tracks du in welcher Sprache singst?
Das passiert total intuitiv. Meist ist es ein Satz oder Wortspiel, welches im Kopf herumgeistert und damit fange ich dann an zu arbeiten. Der Entstehungsprozess ist wie eine Art Puzzle, welches Stück für Stück zusammengesetzt wird.

Auf „Of Withering Violet Leaves“ setzt ihr diesmal auch kurz klaren Gesang ein. Was brachte euch auf die Idee, gerade an dieser Stelle Clean-Vocals zu nutzen?
Um ehrlich zu sein, hatten wir Clean-Vocals schon länger mal geplant, wie tausend andere Dinge auch. Hat sich bis dato allerdings einfach nie ergeben, bzw. nie so wirklich gepasst. Und bevor wir nur halbgare Sachen produzieren, lassen wir es lieber direkt bleiben. Diesmal war es einfach stimmig und hat sich richtig angefühlt. Es war quasi der letzte Feinschliff an der Platte.

Auf „We Pursue The Serpent Of Time“ hat Nikita Kamprad (Der Weg einer Freiheit) einige Gast-Vocals beigesteuert. Hattet ihr schon vorab geplant, ihn einen Teil der Texte singen zu lassen und wie kam es dann zu eurer Zusammenarbeit?
Der Weg einer Freiheit und wir sind gute Freunde seit der ersten gemeinsamen Tour in 2015. Wir haben uns direkt gut verstanden und den Kontakt aufrechterhalten. Was wahrlich nicht mit jeder Band passiert, mit der man unterwegs ist. Das ist schon eine schöne Sache. Clean-Vocals, Spoken-Words, wie halt auch Guest-Vocals waren alles Dinge, die aus dem Bauch heraus entstanden sind. Die Platte war fertig geschrieben und ich habe an den Lyrics gearbeitet. Wie auch beim Rest der Platte wurde sich diesmal einfach mehr Zeit gelassen und verstärkt auf Details geachtet, sprich, gezielt versucht, eine gewisse Art von Facettenreichtum unterzubringen. Nikita war direkt der Erste, der mir in den Kopf gekommen ist. In meinen Augen definitiv einer der besten deutschen Sänger im Metal. Seine Stimme verleiht dem Part eine komplett neue Dynamik und wir sind sehr dankbar, dass er sofort dabei gewesen ist.

Einige der Texte werden außerdem im Spoken-Word-Stil vorgetragen. Aus welchem Grund habt ihr diese Herangehensweise gewählt?
Wir hätten den Text natürlich auch schreien können, aber der Grund hierfür ist eigentlich relativ simpel: Spoken-Words verleihen der Nummer eine komplett andere Grundstimmung, als hätten wir es wie immer getan. Es verleiht dem Part viel mehr „Tiefe“ und eine komplett andere Art von Emotion.
Da wir, wie gesagt, mehr an den Details geschraubt haben, war dieses eine weitere Neuerung, die einfach Sinn ergeben hat und die wir vor allem auch ausprobieren wollten.

Auf dem Artwork dominieren abermals dunkle Grautöne. Würdest du sagen, dass dieser visuelle Aspekt ein wichtiger Teil eurer Ästhetik ist oder könntest du dir in Zukunft auch eine gänzlich andere optische Stilistik für eines eurer Alben vorstellen?
Ich denke schon, wir haben da unseren Stil gefunden. Für mich persönlich geht das Musikalische immer mit dem Visuellen einher und ist definitiv Teil des Ganzen. Was die Zukunft bringen wird, kann ich nicht sagen, aber es muss auf jeden Fall stimmig sein/bleiben.

Ihr werdet demnächst mit The Ocean und einigen Support-Bands auf Tour gehen. Was erwartet die Fans auf euren kommenden Shows?
Wir probieren eigentlich immer, die Musik für uns sprechen zu lassen. Das wird sich auf der kommenden Tour auch nicht ändern. Wir werden aber auf jeden Fall eine gute Menge neuer Songs präsentieren, worauf wir uns schon sehr freuen.

Kommen wir nun noch zu einem abschließenden Brainstorming. Was kommt dir bei den folgenden Begriffen in den Sinn?
Sludge: Kann man schon machen. Für mich manchmal nur etwas undurchsichtig – wo hört Sludge auf und wo fängt es an?
Greta Thunberg: Ziehe ich meinen Hut vor. Wenn ich an mich selbst in dem Alter denke… ich hatte definitiv andere Sorgen, wie so viele Menschen in so jungen Jahren.
Hoffnung: Oftmals das einzige Licht im Dunkel und überlebenswichtig.
Wall Of Sound: Besser mit als ohne.
Extremismus: Den Gesamtkontext sollte man nie aus den Augen verlieren.
Streaming: Viele Vorteile, viele Nachteile.

Dann nochmals vielen Dank für deine Zeit. Gibt es noch ein paar letzte Worte, die du an die Leser richten willst?
Vielen Dank für das Interview! Wir sind im März und April viel unterwegs, vielleicht sieht man ja den ein oder anderen bei einer Show!

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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