Interview mit Mannevond und Kvass von Koldbrann

Viel hat sich getan im Hause KOLDBRANN, seit 2006 mit “Moribund” das zweite und bis vor Kurzem noch “aktuelle” Album der Norweger erschien – und ebenso lang ist es her, dass wir uns mit Bandkopf Mannevond das letzte Mal unterhalten haben. Im Kontext der Veröffentlichung des neuen Albums “Vertigo” baten wir ihn und Gitarrist Kvass nach 7 Jahren wieder um ein Gespräch, welches zumindest an einem Fakt keinen Zweifel lässt: KOLDBRANN sind immer noch die sympathische Band von damals …


Hallo ihr beiden, danke, dass ihr euch die Zeit zu diesem Interview genommen habt. Wie gehts, wie stehts?
Mannevond: Alles top – es fühlt sich gut an, wieder im Sattel zu sitzen!

Gratulation zu eurem neuen Album “Vertigo”. Ich nehme an, ihr könnt das Medienecho schon abschätzen – wie ist es bislang ausgefallen? Wie erwartet?
Mannevond: Danke dir. Die Reaktionen waren bislang wirklich sehr zufriedenstellend. Season Of Mist haben bei der Promotion einen super Job gemacht und wir bekommen großartige Reviews von überall her. Naja, ausgenommen deinem vielleicht, Moritz. Ha ha!

Ihr habt sechs Jahre gebraucht, um dieses dritte Album zu veröffentlichen. Was hat euch aufgehalten?
Kvass: Wir waren in der Zeit von 2006 bis 2009 sehr beschäftigt, ständig auf Tour, haben das Mini-Album “Stigma – På Kant Med Livet” und die 7”-Single “Russian Vodka” veröffentlicht. Danach gab es ein paar Spannungen in der Band, die dazu führten, dass sich das Lineup etwas geändert hat und wir eine kurze Auszeit genommen haben. Als wir dann zwei neue Mitglieder gefunden hatten, Voidar und Folkedal, haben wir quasi von Null an mit einem neuen Kreativprozess begonnen, weil wir der früheren Ausrichtung der Band müde geworden waren und musikalisches Neuland betreten wollten. Wir haben das ganze Jahr 2010 und einen Teil von 2011 damit zugebracht, neue Songs zu schreiben, der Aufnahmeprozess dauerte dann bis 2012. Danach hat es noch ein paar Monate gekostet, den Deal mit Season Of Mist klar zu machen, eine Menge Papierkram zu erledigen und schlussendlich das Album zu veröffentlichen. Jetzt ist das Album endlich frisch veröffentlicht – das ist echt ein sehr gutes Gefühl.


Ihr habt, wie erwähnt, in der Zwischenzeit ein paar Vinyl-Singles und EPs veröffentlicht – ist das etwas, was die Leute heute noch so interessiert, dass sie es kaufen?

Mannevond: Wir waren immer schon Fans solcher Formate, und es ist fast schon zur Tradition geworden, 7”-Vinyls zu veröffentlichen. Klar, das ist nicht jeder Manns Sache, aber es ist definitiv ein Leckerbissen für die Vinyl-Fans und Die-Hard-Fans. Wie schon bei der “Totalt Sjelelig Bankerott”-Single (2012) wollten wir einen kleinen Vorgeschmack darauf geben, was wir da in der Mache hatten. Und anstatt das einfach über eine mp3 laufen zu lassen, die man online stellt, wie das heutzutage ja jeder macht, wollten wir es eben gescheit machen, als eine echte Single – inklusive exklusiver B-Seite. An dieser Stelle kann man schon auch mal noch sagen, dass das gute Stück schon am Tag der Veröffentlichung bei Season Of Mist ausverkauft war.

Ok, dann lass uns doch mal näher auf euer neues Album eingehen. Wenn du “Vertigo” in einem Satz beschreiben müsstest – wie würde er lauten?
Kvass: Obwohl es unverkennbar nach KOLDBRANN klingt, ist “Vertigo” versierter, hat mehr Groove, mehr doomige Passagen und mehr progressive Elemente als unserer früheren Alben.

Unbestreitbar habt euren Style, verglichen mit eurem letzten Album, ja eklatant geändert. Gab es hierfür einen bestimmten Auslöser, oder hat sich das einfach während des Songwritings ergeben?
Kvass: Die Hauptursache dafür liegt wohl darin, dass wir jetzt enger als Band agieren als früher, und die Songs auf dynamischere Art und Weise entstehen. Früher haben entweder Mannevond oder ich komplette Songs zu Hause geschrieben und dann im Proberaum vorgestellt, und damit war der Prozess abgeschlossen. Jetzt ist das ein viel dynamischerer Prozess, mit Jammen, Diskussionen über die Songstruktur, über Details und so weiter.
Einen Drummer wie Folkedal in der Band zu haben, hat auch viel dazu beigetragen, weil er einfach sehr verschiedene Schlagzeug-Stile drauf hat und sehr begabt ist, was technische Details, Tempowechsel und dergleichen angeht. Es fühlt sich an, als wären eine Menge Einschränkungen weggefallen, während die Spannung und Freude am Musik machen zurückgekehrt sind.Auch als Musiker sind wir jetzt in ein Alter gekommen, in dem wir wissen, was wir mögen, und wir kümmern uns weniger um Genregrenzen. Wenn uns danach ist, analoge Synthesizer zu verwenden, um die Atmosphäre auszubauen, machen wir das. Es ist einfach sinnlos, sich selbst und der Musik Verbote aufzuerlegen, um sie in irgendein engstirniges System zu pressen, oder um irgendwelche Genre-Kriterien zu erfüllen.

Also würdest du sagen, dass ein direkter Zusammenhang zwischen dem neuen Stil und dem Ausstieg von Fordervelse und Gitarrist Geir Antonsen besteht?
Kvass: Ja, zu einem gewissen Grad sicher. Fordervelse und Antonsen hatten nie großen Anteil am Kreativprozess, da Mannevond und ich wie gesagt diejenigen waren, die über Jahre hinweg alle Riffs, Songstrukturen und Texte geschrieben haben.
Als wir Folkedal und Voidar 2009 als neue Mitglieder aufgenommen haben, haben wir ihr kreatives Talent natürlich bemerkt, und so wurden sie recht schnell auch komponierende Mitglieder der Band. Voidar hat einige seiner Drone- und Doom-Elemente in die Songs eingebracht, im Stile seines eigenen Projektes Hjarnidaudi. Folkedal ist neben seiner Tätigkeit als Schlagzeuger auch ein talentierter Gitarrist, und hat beispielsweise “Inertia Corridors” geschrieben, der ja einige ziemlich progressive Elemente enthält. Zweifelsohne hat der kreative Einfluss der beiden der Band also sehr gut getan …


Wie entsteht denn der typische KOLDBRANN-Song?

Kvass: Es gibt da kein Standard-Procedere, nach dem das abläuft … das kann also ganz unterschiedlich laufen. Manchmal jammen wir einfach, um ein Gefühl für den Moment zu bekommen, manchmal schreiben wir auch jeder für sich Riffs und nehmen ein paar Pre-Production-Takes am PC auf, an denen wir dann herumbasteln und versuchen, verschiedene Instrument-Spuren übereinander zu legen, um zu schauen, wie gut dieses oder jenes funktioniert. Manchmal brauchen wir sehr viel Zeit, bis die Songstruktur steht – “Phantom Kosmonaut” ist da ein gutes Beispiel – und manchmal, wie bei “Drammen”, geht das auch sehr schnell. Generell denke ich, ist es gut, wenn man beim Songwriting verschiedene Arbeitsweisen verwendet; das lässt das Material am Ende vielseitiger klingen, und Vielseitigkeit ist immer gut.
Mannevond: Wie Kvass vorher schon gesagt hat, lief das dieses Mal mehr wie bei einer “echten Band”. Wir haben mehr Zeit in Proben und das Aufnehmen von Demo-Versionen investiert, und haben auch während der finalen Aufnahmen noch viel mit den Songs gearbeitet. Wir haben den kompletten Aufnahmeprozess selbst gemacht und das ohne Eile – insofern hatten wir dieses Mal mehr Zeit, die Songs reifen und wachsen zu lassen.

Schreibt ihr nur so viele Songs, wie ihr für ein Album braucht, oder gibt es bei euch auch “Song-Ausschuss”?
In den Kreativ-Sessions zu “Vertigo” haben wir 14 Songs geschrieben, von denen wir dann acht ausgewählt haben, von denen wir fanden, dass sie auf einem Album am besten zusammen funktionieren und dennoch das nötige Maß an Vielseitigkeit aufweisen.

Macht ihr euch bei alle dem Gedanken darüber, ob eure Fans mögen werden, was ihr schreibt? Und glaubt ihr, sie werden es mögen? Ich meine, verglichen mit “Moribund” oder gar “Necrotic Inkvisition” ist “Vertigo” ja ziemlich modern …
Mannevond: Wir sind sehr glücklich darüber, dass die Leute unser altes Material mögen, aber wir hätten nie im Leben ein “Moribund Part II” schreiben können, nur um bestimmte Fans zufrieden zu stellen. Wir machen das für uns selbst, weißt du … ich kann auch all diese Bands nicht verstehen, die immer nur das tun, was von ihnen erwartet wird, und ein Album nach dem anderen veröffentlichen, die alle auf den gleichen schlechten Riffs basieren. Wie auch immer, um deine Frage zu beantworten: Ich glaube, alle, die uns längere Zeit begleitet haben, werden “Vertigo” definitiv mehr als nur interessant finden, ja. Es gab definitiv eine gesunde Weiterentwicklung, aber es klingt immer noch unverkennbar nach KOLDBRANN.

Wie sieht es mit dem lyrischen Konzept des Albums aus? Wofür steht der Albumtitel?
Kvass: Schwindel (engl.: vertigo) ist eine Krankheit, bei der es sich anfühlt, als würde sich die ganze Welt unkontrolliert um dich drehen. Unsere Interpretation des Begriffs ist, dass es die unsichtbare Kraft repräsentiert, mit der die Welt dich nach unten drückt und schwächt. Das ist die Kraft, die du nie überwinden kannst. Das wird beispielsweise durch unterdrückende Regime, totalitäre Systeme und die allgegenwärtige Angst vor dem Tod repräsentiert … all diese Themen tauchen auf die ein oder andere Art in den Texten des Albums auf.


Wie setzt ihr das in den Texten dann genau um?

Kvass: Alle Texte drehen sich um diese unsichtbaren Kräfte, die durch „Vertigo“ repräsentiert werden, und darum, wie der Geist auf sie reagiert. Songs wie “Totalt Sjelelig Bankerott” und “Stolichnaya Smert” beispielsweise sind sehr direkt gehalten und bieten eine sehr nihilistische Lösung an. Songs wie “Goat Lodge” und “Phantom Kosmonaut” sind hingegen sehr düster und beschreiben einen Prozess der Abkapselung von der Welt, der Suche nach einem Ort absoluter Einsamkeit. “Introvertigo” und “Drammen” hingegen befassen sich unter anderem mit dem Gefühl, ziellos durchs Leben zu irren. Alle Texte sollen so auf ihre Art und Weise die Musik unterstützen, zu der sie jeweils gehören.

Wie wichtig ist es deiner Meinung nach, sich mit den Texten zu beschäftigen? Sind sie für dich eher eine Dreingabe, oder essenziell, um die Musik in ihrer Gänze zu erfassen?
Kvass: Ich glaube, dass die Musik für sich genommen dazu ausreicht, dass die meisten Leute auch ohne die Texte zu kennen Freude daran haben, wenn sie sie hören. Aber die Texte sind durchaus wichtiger Bestandteil des Gesamtwerkes. Die Worte sind sorgfältig gewählt und wir haben eine Menge Metaphern und Bezüge eingebaut – der Text zu “Drammen” beispielsweise enthält einige Passagen, die eine sehr persönliche Bedeutung für uns haben.
Um es kurz zu machen: Ich glaube schon, dass alle, die sich mit den Texten beschäftigen, dann auch mehr von der Musik haben. Das ist natürlich schade für alle, die kein Norwegisch verstehen, aber wir werden versuchen, ein paar anständige Übersetzungen ins Englische anzufertigen und online zu stellen.

Werdet ihr das Album auch mit einer Tour promoten und dabei auch in Deutschland vorbeikommen?
Mannevond: Wir sind ziemlich scharf drauf, das neue Material live zu spielen und wieder bisschen rumzukommen. Abgesehen von ein paar exklusiven Konzerten haben wir in den letzten Jahren nicht viel gespielt, ist ja klar – aber das wird sich jetzt wieder ändern. Wir haben einen Vertrag mit der deutschen Booking-Agentur ICS Booking unterschrieben und die werden hoffentlich was auf die Beine stellen. Ein paar Festival-Gigs sind bisher bestätigt, aber wir arbeiten definitv an einer Tour. Du wirst uns zu sehen bekommen!

Ok, das war meine letzte Frage – wenn ihr noch was los werden wollt, habt ihr dazu jetzt die Gelegenheit:
Mannevond: Hört nicht auf Moritz, hört auf “Vertigo”! Ha ha. Danke für das Interview!

Ok, dann würde ich vorschlagen, das Interview an dieser Stelle mit dem traditionellen Metal1.info-Brainstorming zu beenden. Was fällt dir ein, wenn du folgende Begriffe liest?
Zingultus:
GRAUPEL
Facebook: .com/koldbrannofficial
Trondr Nefas: URGEHAL! ANGST SKVADRON! BEASTCRAFT! ANGELN! BÄREN! ALIENS! SATANIC BLACK METAL.
Deutschland: Bier.
Politik: Nein.

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Bandphotos von: Marius Kristofferse

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