
Mit „Übercode Œvre“ legten PANZERBALLETT 2025 ihr bis dato eindrucksvollstes Album vor. Im Rahmen der dazugehörigen Tour kehrt Mastermind Jan Zehrfeld auch dorthin zurück, wo in gewisser Weise alles angefangen hat: Ins Kulturzentrum Gasteig München, wo der Gitarrist dereinst seine Diplomarbeit eingereicht hat. Gespielt wird heute freilich nicht im stillgelegten Konzertsaal, sondern im Pop-up-Club Live-Evil.
Wenngleich Jazz-Metal in einer temporären Location ohne Stammpublikum eine ziemliche Nieschenveranstaltung ist, ist das Live-Evil mit gut 100 Leuten ansehnlich gefüllt, als PANZERBALLETT um 20:30 Uhr mit ihren Interpretationen von „Jadoo“ (PASSPORT) und „Pick Up The Pieces“ (AVERAGE WHITE BAND) in den ersten Teil ihres Sets starten. Schon diese zwei Darbietungen enthalten mehr Noten als so manches andere Konzert – von den Rhythmen ganz zu schweigen. Spätestens die Adapation (= Verkrassung) des MESHUGGAH-Hits „Bleed“ sorgt für offene Münder (währenddessen) und erleichterten Jubel (danach) – vornehmlich darüber, dass sich keiner der Interpreten die Finger verrenkt hat: Als sei das erklärte Ziel der Band, Mathematik hörbar zu machen, spielen PANZERBALLETT hier ein schlichtweg verrücktes Spiel mit verschiedenen N-Tolen und gefühlten Tempowechseln.
Mit den musiktheoretischen Erklärungen dessen, was da zu hören ist, stößt Jan Zehrfeld zwar schnell an Grenzen – seiner didaktischen Fähigkeiten einerseits, aber auch des musiktheoretischen Verständnisses des Publikums (Ausnahmen bestätigen die Regel). Mit der Trivialfassung („Schneller geht nicht; langsamer ist lame. Also machen wir es schneller und langsamer“) ist aber irgendwie auch alles gesagt. Überhaupt sind grade die meist etwas unbeholfen-verplanten Ansagen des Fronters mit der vertrauenserweckend seriösen Schlauch-Dreadlock-Mütze, die dem Abend seinen Spin geben. Ob anekdotisches (wie die Geschichte eben jener Dimpomarbeit, über eben jene MESHUGGAH) oder Kalauer – wenn „Andromeda“ heute eben „Andromedaaron“ heißt, weil nun Aaron Thier zum Ensemble gehört (ja, der Aaron Thier, der von 2015 bis 2019 bei der ERSTEN ALLGEMEINEN VERUNSICHERUNG hinter den Kesseln saß, aber eben auch seit 2009 in der Liste der Top 500 der einflussreichsten Drummer auf der Website drummerworld.com vertreten ist).
Wer dachte, in den ersten 45 Minuten schon alles gehört zu haben, der oder die dürfte nach der 30-minütigen Pause schnell mit den Ohren schlackern: Verkrasst wird alles – von Klassik-Klassikern („Die vier Jahreszeiten – Sommer“ von Antonio Vivaldi, oder auch die während der Corona-Pandemie als Balkon-Ballade (noch) berühmt(er) gewordenen „Ode an die Freude“ von Ludwig van Beethoven) über Pop-Klassiker („Careless Whisper“ von George Michael in der erst zweiten Live-Aufführung durch PANZERBALLETT) hin zu Popkultur-Klassikern („The Pink Panther Theme“). Und dann sind da noch die PANZERBALLETT-Klassiker für die langjährigen Fans: „Mit weißglühendem Morgenstern in Omas frischgebackene Rüblitorte“ (von „Starke Stücke“, 2008, und mit der begleitenden Information dargeboten, dass es korrekterweise „Rüblichueche“ heißen müsste) und dem noch älteren „Zehrfunk“ (vom selbstbetitelten Debüt aus dem Jahr 2005).
Die Performance aller fünf Musiker, insbesondere bei diesen ohne Klicktrack dargebotenen Nummern ist atemberaubend – allerdings verlangt ihnen das Material auch nicht weniger als ihre Bestleistung ab. Wenn etwa Bassist Anton Davidyants später auf Instagram schreibt, es handle um „das rhythmisch herausforderndste Material, das er je spielen musste“, glaubt man das angesichts der unglaublichen Fingerfertigkeiten, die schon der Song-Korpus erfordert, gerne – von den Soli gar nicht erst zu reden. Dass speziell die alten PANZERBALLETT-Nummern sogar diese Virtuosen an ihre Grenzen (und bisweilen sogar darüber hinaus) treiben, macht die Darbietung im Ganzen nicht schlechter, sondern höchstens etwas weniger übermenschlich.
- Jadoo (PASSPORT-Cover)
- Pick Up The Pieces (AVERAGE-WHITE-BAND-Cover)
- Seven Steps To Hell
- Andromedaron
- Bleed (MESHUGGAH-Cover)
— - The Four Seasons – Summer (Antonio-Vivaldi-Cover)
- Careless Whisper (George-Michael-Cover)
- Ode To Joy (Ludwig-van-Beethoven-Cover)
- Mit weißglühendem Morgenstern in Omas frischgebackene Rüblitorte
- Pink Panther (Henry-Mancini-Cover)
— - Zehrfunk
Wer immer schon wissen wollte, wie sich Bruchrechnen mit Saxophon, Gitarre, Bass und Schlagzeug anhört, oder was Aaron Thier macht, seit er nicht mehr „Fata Morgana“ mit der EAV spielt, oder wer, ganz pragmatisch, einfach alle Töne, die andere in einem Jahr zu hören bekommen, in gut 90 Minuten in die Ohren soliert bekommen möchte, sollte PANZERBALLETT auf dieser Tour (wie auch sonst) keinesfalls verpassen.
Facebook Instagram Bandcamp


