CD-Review: Bliss Of Flesh - Tyrant

Besetzung

Necurat - Gesang
Sikkardinal - Gitarre
Victus - Gitarre
Poison - Bass
Fleshtstigma - Schlagzeug

Tracklist

01. Serve
02. Genesis
03. Vanitas
04. Krieg
05. Hexis
06. Panem
07. Tyrant
08. Mors
09. Naturae


Mangelnde Ambition kann man den Franzosen BLISS OF FLESH wahrlich nicht vorwerfen: Nach einigen Demos, EPs und Splits nahmen sich die Black/Death-Metaller schon mit ihrem Debütalbum „Emaciated Deity“ von 2009 sogleich einem drei Platten umfassenden Konzept an, inspiriert von Dantes „Göttlicher Komödie“, die ihrerseits eine Trilogie darstellt. Die Resonanz auf die Werke war gut bis mäßig mit Tendenz nach oben. Während der Zyklus mit dem letzten Album „Empyrean“ von 2017 abgeschlossen wurde, hat sich der Fünfer offenbar an die Ausarbeitung von Konzepten für seine Longplayer gewöhnt: Für die nun erschienene Full-Length „Tyrant“ hat die Formation den Essay „Discours De La Servitude Volontaire“ (dt. Titel „Abhandlung über die freiwillige Knechtschaft“) von Étienne de La Boétie, einem einheimischen Richter und Autor des 16. Jahrhunderts, als Grundlage auserwählt. In dem Text stellt de la Boétie die These auf, dass ein Einzelherrscher nur solange Macht über eine Masse habe, solange diese sich aus freien Stücken zur Unterdrückung entscheide, indem sie nicht vereint dagegen aufbegehre.

Anspruchsvolle Kost also, und das spiegelt sich bei BLISS OF FLESH auch durchaus in der Musik wider: Bereits der unvermittelt brachial einsteigende Opener „Serve“ (gerade bei einer Konzeptplatte erwartet man ja eher ein in sonstigen Fällen oftmals unnötig wirkendes Album-Intro) bietet – allein in den ersten drei Minuten – melodisch-schwarzmetallisches Tremolo-Picking zu Blastbeat-Raserei im Auftakt, Offbeat-Midtempo-Gestampfe zu gedoppelten Death-Metal-Growls in der Strophe und weiblichen Hintergrundgesang sowie hymnische Arpeggio-Leads (klingt wie Amon Amarth auf Speed) im (Pre-)Chorus. Es folgt ein Break mit verträumten Cleangitarren und melancholischen Streichern, ehe die zuvor genannten Elemente wieder Einzug erhalten. Uff!

Der Track gibt die Marschroute von „Tyrant“ vor, denn auch im Folgenden machen es BLISS OF FLESH den Hörern nicht einfach. Die Dichte an Abzweigungen und Tempowechseln in den Songs ist beachtlich, manchmal jedoch auch schwer nachvollziehbar. Das mehrfach eingesetzte, kurze Alternieren von Blasts und Uptempo-Beats macht die Lieder noch hektischer, während die zusätzlich zu den tödlichen Growls und frostigen Screams dargebotenen klaren Shouts, wenn auch gekonnt schauerlich-verzweifelt ausgeführt, manche Nummern beinahe schon überladen.

Zugutekommt den Franzosen, dass sie in der zweiten Albumhälfte bei der Qualität eine gute Schippe drauflegen. Die Grenze stellt hier das erneut von Streichern unterstützte Akustikgitarren-Interlude „Hexis“ dar, denn alle Tracks auf „Tyrant“ gehen, wie bei Konzeptalben nicht unüblich, nahtlos ineinander über. Während selbst nach mehren Durchläufen nur einzelne Versatzstücke der ersten Tracks hängenbleiben (etwa der Frauenchor-Refrain von „Vanitas“, die auf Deutsch geblaffte Zeile „Krieg über alles“ im Refrain von „Krieg“ oder bestimmte Riff-Bausteine), sticht im hinteren Teil des Albums vor allem „Panem“ heraus: Der Song steigert sich vom Midtempo mit Stakkato-Riffs über Twin-Leads zu einem hymnischen Refrain, der sich schließlich kraftvoll im Uptempo entlädt. Großes Kino! Auch der Titeltrack besticht mal mit fetter Gitarrenwand, mal mit rockigem Riffing und stellt letztlich einfach eine vernichtende Abrissbirne dar. Der mit fast acht Minuten längste Song „Mors“ nimmt indes in der zweiten Hälfte zugunsten von etwas mehr Melodie auch mal den Fuß vom Gas und bleibt zudem durch die abgehackt gefauchten Zeilen „slash – crush – death – kill the tyrant“ im Ohr.

„Naturae“ zeigt mit seinen wilden Wechseln zum Schluss noch mal exemplarisch auf, was der Haken an „Tyrant“ ist: BLISS OF FLESH rasen mit 180 Sachen über die Autobahn und steigen dann in einem waghalsigen Manöver hart in die Eisen, um die nächste Ausfahrt noch zu erwischen, weil sie ja doch woanders hinwollten. Mag derlei fahrerisches Geschick auch noch so beeindruckend sein, im Beifahrersitz möchte man bei solchen Aktionen doch lieber nicht sitzen. Am Ende macht dieses schlicht überfordernde Songwriting und das Übermaß an instrumentaler Dichte den Genuss zur Anstrengung und schmälert somit das Hörerlebnis – genau wie das finale Urteil. Andererseits sorgen die druckvolle, glasklare und unterm Strich makellose Produktion sowie die wirklich beeindruckenden Darbietungen an Mikrofon und Instrumenten dafür, dass das vierte Werk von BLISS OF FLESH weit davon entfernt ist, ein durchwachsenes Album zu sein. Dass sich der Stil und das Songwriting bei dem Quintett nach vier Longplayern noch mal ändert, ist unwahrscheinlich, insofern bleibt zu sagen: Black/Death-Metal-Fans, die von ihrer Musik gerne gefordert werden – denen etwa Glorior Belli zu eingängig, Dimmu Borgir zu sinfonisch oder Behemoth zu stromlinienförmig sind –, dürften mit „Tyrant“ glücklich werden.

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Bewertung: 7 / 10

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