Review Jennifer Rostock – Genau in diesem Ton

  • Label: Four
  • Veröffentlicht: 2016
  • Spielart: Rock

JENNIFER ROSTOCK haben seit ihrer Gründung vor neun Jahren eine relativ steile Karriere abgeliefert. Die letzten beiden Alben landeten in den Top 10 der deutschen Albumcharts, trotz oder gerade wegen der polarisierenden Kraft von Frontfrau Jennifer Weist und den klaren Aussagen, die die Band auch politisch wiederholt tätigte. Von vielen wurde die Sängerin schon als neue Nina Hagen angesehen, was nicht zuletzt ihre markante Stimme und deutliche, aber doch immer sprachbegabte Aussagen begünstigten.

Der typische Stilmix aus Rock, einer Prise Punk und Electro-Elementen bleibt aber auch im Jahr 2016 erhalten, wie es bereits der Opener „Uns gehört die Nacht“ unter Beweis stellt. Mit den allgemeinen Klischees und hochnäsigen Verhaltensweisen unserer Gesellschaft gehen die fünf Musiker ohne Umschweife ins Gericht, wenn sie dabei auch nicht drohend den Zeigefinger schwingen, sondern vielmehr auf diese Themen aufmerksam machen. Als Beispiel ein Auszug aus „Irgendwas ist immer“: „Schön nach Abu Dhabi jetten, Partys checken. Socken in den Adiletten – irgendwas ist immer. Morgen schön den Pool umkreisen, Handtuch schmeißen, um die letzten Plätze reißen – irgendwas ist immer.“ Ein weiteres Beispiel für diese herausstechenden Titel ist die, mit einem von Nacktheit geprägten Musikvideo ausgestattete Single „Hengstin“. Der Song bewegt sich wohl am weitesten fernab des ursprünglichen Band-Sounds, bewegt er sich doch weitestgehend im deutschsprachigen Rap und zeigt  Flagge für alle unterdrückten Frauen dieser Gesellschaft, ist damit aber prädestiniert die Unkenrufe der üblichen Kritiker hervorzurufen. Die Texte sind mitunter weniger poetisch als man es von JENNIFER ROSTOCK in der Vergangenheit kannte, doch manche Themen müssen und sollten gerade heraus angesprochen werden. Eine große Klappe hatten die Berliner aber schon immer, das ist keine Neuerung und daher auch wenig überraschend.

Nach einem kurzweiligen instrumentalen Zwischenspiel („Ebbe & Flut“) liefert das Quintett mit „Deiche“ eine typische Ballade und doch ist sie auf ihre Art anders, setzt die Band doch auf spärliche Instrumentierung und mehr Emotion, die vor allem durch eine Fokussierung auf den Gesang entsteht. Insgesamt ist die zweite Hälfte des Longplayers so Indie-Rock-lastig, wie es in dieser Ausprägung doch überraschend wirkt. Dabei verfeinern sie ihre Kompositonen mit auflockernden Stilelementen, die von Funk („Silikon gegen Sexismus“) über Cold Wave bzw. Post-Punk („Wir sind alle nicht von hier“) bis zur von Melancholie geprägten Pop-Nummer „Jenga“ reichen. Zweiterer behandelt die anhaltende Flüchtlingsthematik und plädiert dabei für mehr Menschlichkeit auf allen Seiten. So minimalistisch wie das Cover ausfällt ist die Musik weitestgehend nicht, dafür besticht sie mit einigen Experimenten, ins Ohr gehenden Melodien und wachrüttelnden Statements. Außerdem hat das Label Four Music für eine qualitative Produktion gesorgt, dessen Zusammenarbeit mit der Band sicherlich noch spannende Früchte tragen wird.

JENNIFER ROSTOCK sind auf eine gewisse Art die Alten geblieben, aber wirken dennoch im Jahr 2016 etwas gereifter. Die Themen, die sie aufgreifen, werden ernster und gesellschaftsbezogen wichtiger als es auf den Vorgängern von „Genau in diesem Ton“ der Fall war. Die Wahl-Berliner verstehen sich sicherlich als Sprachrohr vieler junger Leute, wirken dabei zwar teilweise pathetisch, aber dennoch von Grund auf ehrlich und das macht die fünf Musiker, neben dem wiederkehrenden Gespür für zwei bis drei hartnäckigen Ohrwürmern pro Platte, auch nach fast zehn Jahren Bandgeschichte weiterhin aus.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Wertung: 8 / 10

Publiziert am von Christian Denner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert