Zwei Jahre hat „Die Urkatastrophe“ auf dem Buckel – und die meisten Bands würden „erst zwei Jahre“ denken und sich so langsam an Songwriting machen. KANONENFIEBER sind da anders, und das ist ohne Zweifel einer der Gründe, warum die Band aus Bamberg heute steht, wo sie steht – nämlich an der Spitze des deutschen Extreme-Metals, mit ernsthaften Ambitionen auf einen Platz in der Weltrangliste. Als Experten in Sachen Kriegsführung wissen KANONENFIEBER nämlich ganz genau, dass diese Schlacht nicht allein auf dem Schlachtfeld, also den Bühnen der Welt, gewonnen werden kann. Entscheidend ist, dass kontinuierlich für Nachschub gesorgt ist, um die Maschinerie am Laufen zu halten. Womit wir bei „Soldatenschicksale“ wären.
Zwei Alben haben KANONENFIEBER seit dem Start des Projektes 2020 veröffentlicht – aber eben auch drei EPs und zwei Live-Alben, sowie acht (rein digital veröffentlichte) Singles. So war 2023 mit „nur“ einer EP und einem Live-Album das bislang veröffentlichungsschwächste Jahr der Bandgeschichte – und damit das auch so bleibt, starten KANONENFIEBER mit einer Art Compilation in ihr nunmehr siebtes Jahr – oder sollte man es B-Seiten-Sammlung nennen?
Vorangestellt sind dem Werk zwar zwei bislang ungehörte Songs, den Rest der insgesamt neun Songs umfassenden Tracklist dürfte der treu ergebene KANONENFIEBER-Fan im Original schon im heimischen Magazin haben – auf den EPs „Yankee Division“, „Der Füsilier“ und „U-Bootsmann“. Für die Neuveröffentlichung wurden diese Tracks an den druckvollen Sound, dessen sich KANONENFIEBER mittlerweile bedienen, angepasst. Das merkt man bei den neueren Songs von „U-Bootsmann“ kaum, bei den beiden 2022er-EPs hingegen deutlich. Während die Anpassung im Kontext dieser Compilation unausweichlich war, um das Werk einigermaßen kohärent klingen zu lassen, lässt sich über die Vorzüge beider Versionen trefflich streiten, geht das hinzugewonnene Volumen doch naturgemäß auf Kosten von Schärfe und Biss: Dass die Band zunächst mit Black Metal assoziiert wurde, ist im neuen Sound kaum mehr nachvollziehbar.
Die beiden neuen Songs sind in bestem Sinen „klassisches“ KANONENFIEBER-Material: Eine Ansprache, untermalt von Marsch-Trommeln und dezenten Gitarren begrüßen die Hörenden, ehe „Z-Vor!“ mit Macht losbricht. Wie auch beim darauffolgenden „Heizer Tenner“ bedient Noise dabei elegant alle Trademarks seiner Band. Zugleich wirken beide Songs etwas ausgefeilter und weniger auf Ohrwurm getrimmt als die Songs von „Menschenmühle“ oder auch „U-Bootsmann“. Eingängig bleiben KANONENFIEBER auch diesmal – aber eher im Sinne griffiger Death-Metal-Riffs als durch Schunkelmelodien à la (heutiger) AMON AMARTH.
Textlich thematisieren beide Songs den Untergang des Kleinen Kreuzers SMS Wiesbaden, erzählt aus der Sicht eines Marinemelders und eines Heizers. Das hätte Potenzial für Dramatik und Tragik – durch die sprachlich wie erzählerisch extrem vereinfachte Darstellung wirken die Texte aber, wie so oft, distanziert und unterkühlt. Emotionale nähe zu den Menschen, deren Schicksale hier erzählt werden, kommt dabei höchstens einmal rüber – wenn Noise nämlich in bester Seuche-Manier in einen Break hinein röchelt. Ansonsten wirkt das Thema vor allem pragmatisch aufgearbeitet – wie eben auch der ganze Release vornehmlich pragmatisch konzipiert wirkt: Natürlich geht es in jedem der Songs um ein Soldatenschicksal – das ist bei vielen anderen Songs von KANONENFIEBER aber nicht anders. Und natürlich ist nicht diese Gemeinsamkeit der Songs Grund dafür, dass sie nun auf einem Release versammelt wurden, sondern die Tatsache, dass Century Media sich freuen, neben „Menschenmühle“ fix einen weiteren KANONENFIEBER-Titel im Programm zu haben.
Fast schon ironisch ist, dass sich kaum ein Fanlager gleichzeitig weniger und mehr für einen solchen Release eignet als das von KANONENFIEBER: Der Band treu ergeben, haben die meisten Fans wohl alle drei EPs im Schrank stehen – und werden, aus ebendieser Treue heraus, trotzdem auch „Soldatenschicksale“ in die Sammlung eingliedern. Angesichts der Qualität der beiden neuen Songs ist das sogar irgendwo verständlich. Ob die Re-Mixes aber wirklich einen zum Album aufgeblasenen Release im Mediabook beziehungsweise in sechs verschiedenen Vinyl-Varianten rechtfertigen, steht auf einem anderen Blatt. An sich hätte es eine weitere EP auch getan – und so schnell, wie Noise arbeitet, wäre dann vielleicht sogar noch ein dritter neuer Song drin gewesen.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Keine Wertung


