Wiedersehen macht Feinde. Oder: Der Mötley-Coüp

MÖTLEY CRÜE sind zurück. Eine kleine Sensation und allemal eine gute Nachricht für alle Fans der Band, die Nikki Sixx, Tommy Lee,  Mick Mars und Vince Neil am 31. Dezember 2015 nach einer Abschiedstour mit Alice Cooper im Vorprogramm und drei Abschlusskonzerten im Staples Center in Los Angeles aufgelöst hatten. In einem aufwendigen Video inszenieren die Rocker ihre Rückkehr: Der ursprünglich geschlossene Vertrag, der besiegeln sollte, dass MÖTLEY CRUE nie wieder unter diesem Namen auftreten werden, wird wortwörtlich gesprengt und schon 2020 soll es dann auf großer Reunion-Tour mit Poison und Def Leppard durch die USA gehen.

Statt eines Jubelsturms weht eher ein Shitstorm durch das Internet. Fans auf der ganzen Welt fühlen sich betrogen um das einmalige Erlebnis, die Band nochmal live gesehen zu haben – und um das Geld, das sie sich das haben kosten lassen: für Flüge, Hotels und sonstige Unkosten, um ihre CRÜE nochmal live zu sehen. Ihre Lüge hielt 5 Jahre“ titelt die Bild, und wenn man davon absieht, dass es von Vertragsunterzeichnung bis Vertragssprengung genau genommen sogar nicht einmal vier Jahre waren, und so eine Amerikatour ja auch ihren Vorlauf braucht, ist die Überschrift recht treffend.

Ihr habt es nicht anders gewollt!

Die Gründe für ihre Entscheidung erklären MÖTLEY CRÜE in einem Video-Statement mit dem „enormen Erfolg des Netflix-Biopics ‚The Dirt‘“: Die Band sehe sich „mit einem massiven Zuwachs ihres Publikums konfrontiert“, da dank dem Film „eine ganz neue Generation von Crüeheads“ herangewachsen sei, welche „unnachgiebig eine Wiedervereinigung der Band fordert.“ Wie glaubwürdig diese Geschichte ist, mag jeder selbst beurteilen. Fakt ist: Von kreativem Drang, etwas zu erschaffen, von der Freude an der eigenen Musik, von der simplen Lust am Musikerleben ist hier keine Rede. Und sollten nicht das die Gründe sein, warum man – wenn es schon so sein soll – das Ende einer Band revidiert?

So jedoch liegt der Verdacht nahe, dass einmal mehr der Fan zum vorgeschobenen Grund wird – für etwas, das eigentlich rein pekuniär bedingt ist. Denn machen wir uns nichts vor: Im Musikgeschäft geht es in erster Linie ums Geschäft – sonst hieße es ja nur Musik, und die machen bestenfalls noch Underground-Bands um ihrer selbst willen. Wie viel Geld für MÖTLEY CRÜE am Ende herausspringt, lässt sich natürlich nicht beziffern – aber ein bisschen dürfte schon hängenbleiben. Und hier kommen wir zum moralischen Konflikt, um nicht zu sagen: Vergehen. Denn dieses Geld bezahlen die Fans. Sie zahlen es, weil ihnen dafür etwas Besonderes versprochen wird – und das gleich zweimal: Bei den Reunion-Shows – sei es im Rahmen einer Reunion-Tour oder auf den entsprechenden Festivals, die ihr Billing gerne mit exklusiven Reunion-Shows schmücken. Vor allem aber bei den Abschiedstouren und -shows auf ebendiesen Festivals. An dieser Stelle sei nur kurz auf die deutschen Meister der Split-Reunion-Choreografie verwiesen: Die Scorpions.

Ihr wart einfach schlecht informiert!

Deren Abschiedstour (von 2010-2012) war noch kaum durch den, wie es in der Ankündigung hieß, „letzten Open-Air-Auftritt in Deutschland“ gekrönt, da ging es auch schon weiter – mit Alben, Touren und Festivals – auch in Deutschland. „Verarschen wollen wir niemanden und haben das auch nie getan. Die Leute waren einfach schlecht informiert, wenn sie gedacht haben, dass wir endgültig mit allem aufhören. Ich weiß, dass auch einige Medien den Sachverhalt falsch dargestellt und geschrieben haben: ‚Die Scorpions lösen sich auf'“, klärt Scorpions-Gitarrist Matthias Jabs dann im Februar 2013 im Metal Hammer auf. Falsch verstanden von den Fans und von der Presse sowieso. Das initiale Statement vom 24. Januar 2010 las sich allerdings eigentlich recht unmissverständlich: „[…] We agree we have reached the end of the road. We finish our career with an album we consider to be one of the best we have ever recorded and with a tour that will start in our home country Germany and take us to five different continents over the next few years.“

Wer so ein Statement veröffentlicht oder gar mit viel Trubel – wie im Fall von MÖTLEY CRUE – einen Vertrag unterzeichnet, setzt genau darauf: dass sich ein „echter Fan“ die letzte Chance, seine Lieblingsband zu sehen, nicht entgehen lassen wird. Selbst wenn dafür ein tiefer Griff in den Geldbeutel nötig ist – für Reisen in andere Städte, andere Länder oder eben auf große Festivals, die sie ansonsten gar nicht besuchen würden.

Ihr werdet es schon sehen!

Nicht das Ende einer Band, nicht die Reunion ist deswegen das eigentliche Problem – sondern dass beides zum Event hochgejazzt wird, als „Selling Point“ vermarktet und bis aufs Letzte ausgeschlachtet. Und der nächste ähnlich gelagerte Fall scheint sich bereits am Horizont abzuzeichnen. Slayer-Manager Rick Sales hat unlängst dem Magazin masslive.com ein Interview gegeben. Darin wird er wie folgt zitiert: „Es gibt ein paar Dinge, die weitergehen. Ich verstehe total, dass sie eine Entscheidung getroffen haben, mit den Tourneen aufzuhören. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Band. Es ist nur das Ende des Tourens. Ich habe es immer als ‚am höchsten Punkt aufhören‘ verstanden. Sie haben diese Entscheidung getroffen. Sie melken Slayer nicht. Von diesem Standpunkt aus gesehen verstehe ich es und haben sie die richtige Wahl getroffen.“

Nach dem angekündigten Ende der Band klingt das nicht unbedingt – dafür aber nach einem gigantischen Betrug an den eigenen Fans, die aus aller Welt zu den letzten Shows anreisen. Aber vielleicht waren die ja auch hier nur schlecht informiert, oder der Tourname „Slayer Farewell Tour“ wurde von den Medien falsch interpretiert. Man darf jedenfalls gespannt sein, für wie lange die Show im The Forum, Inglewood, am 30. November 2019 als die „letzte Slayer-Show“ ihren Platz in den Geschichtsbüchern inne hat.

2 Kommentare zu “Wiedersehen macht Feinde. Oder: Der Mötley-Coüp”

  1. Sebastian Goetz

    Hallo Moritz!
    Wie immer eine schön zu lesende Kolumne!! Danke erstmal!!
    Im Prinzip hast Du natürlich vollkommen recht, daß dieses ganze Farewell-Reunion Gedöns eine mega Verarsche der Fans ist. Allerdings gehören zum Verarschen auch immer Zwei und nach der 27 Reunion-Farewell Lüge sollte der Konsument langsam etwas daraus lernen. Das sollte besonders für bewusst konsumierende Musikhörer gelten, wie es Metalheads in der Regel auch sind.
    Im Falle der Mötley Crue Reunion konnte ich mir ein Schmunzeln nich verkneifen, handelt es sich doch schliesslich um die “Badest Boys of Rock’n Roll ever”, bei denen jede Form von “Uncorrectness” seit der Gründung zum guten Ton gehört. Insofern: “erstmal gut gemacht”.
    Sollten Herr Sixx und Konsorten dann aber im Met Life Stadium vor nur 3000 Leuten spielen sei den Fans applaudiert: “gut gemacht”.
    Sebastian

    1. Moritz Grütz Post Author

      Tja, schlussendlich werden sie damit vermutlich trotzdem erfolg haben, man geht ja dann doch hin, auch wenns einen ärgert. Wobei ja nicht die Reunion das ärgerliche ist (so sie aus den richtigen – hier natürlich anzuzweifelnden Gründen geschieht) – sondern eben das riesen TamTam um die Auflösung, in der Intention, Ticketpreise für Farewellshows hochzutreiben und die Sensation der Reunion noch zu steigern. DAS ist das ärgerliche. Wenn Slayer jetzt drei Jahre Abschied feiern, und jeder rennt hin, aus Angst, die letzte Chance zu verpassen – und dann plaudert der Manager aus, dass es vermutlich doch weitergehen wird. Da beginnt doch die Abzocke.

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