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Sunn O))) – Pyroclasts

Dass der letzte SUNN O)))-Output „Life Metal“ durch ein Schwesteralbum ergänzt werden sollte, war nie ein Geheimnis – und so zogen nur knapp sechs Monate nach dem Release des Erstgeborenen ins Land, bis schließlich „Pyroclasts“ veröffentlicht wurde. Ob die Drone-Institution nach dem großartigen „Life Metal“ die hohen Erwartungen erfüllen kann oder ob „Pyroclasts“ eine Ansammlung von Ausschussware oder bestenfalls B-Seiten ist – man darf gespannt sein.

Im Gegensatz zu SUNN O)))s letztem Output sind auf „Pyroclasts“ keine komponierten Songs zu finden, sondern vielmehr die Ergebnisse der täglichen „Aufwärmübungen“ während der Produktion in Steve Albinis „Electrical Audio“-Studio: Alle am jeweiligen Aufnahmetag anwesenden (Gast-)Musiker haben vor den eigentlichen Aufnahmen um die zwölf Minuten lang zusammengespielt – völlig improvisiert, ohne jegliche Vorabsprache und Berichten zufolge mehr meditatives Ritual als musikalische Probe. Neben Stephen O‘Malley und Greg Anderson sind die ebenfalls auf „Life Metal“ vertretenen Musiker Tos Nieuwenhuizen, Tim Midyett und Hildur Guðnadóttir (Oscar-Gewinnerin in der Kategorie „Musik“ für den „Joker“-Soundtrack) auf „Pyroclast“ zu hören.

Die nicht weiter editierten, sondern lediglich gemischten und gemasterten Mitschnitte knüpfen soundtechnisch direkt an den Vorgänger an. Dies ist hauptsächlich durch die charakteristische und (auch diesmal) vollständig analoge Produktion von Albini bedingt, denn musikalisch kommen die vier Stücke wesentlich minimalistischer und puristischer als auf „Life Metal“ daher. Im Gegensatz zum Schwesteralbum gibt es auf „Pyroclasts“ beinahe noch repetitivere Strukturen auf die Ohren, als dies in diesem Genre ohnehin schon der Fall ist – auf den ersten Blick ein wenig unspektakulär, sogar für Drone-Verhältnisse.

Basis der Improvisationen von SUNN O))) und Konsorten sind Gitarrendrones, die sich nicht notwendigerweise an einer klassischen, musikalischen Tonskala orientieren und damit auch nicht unbedingt dem typischen Harmonieverständnis entsprechen. Der Musikwissenschaftler spricht hier von „modaler“ Musik, und das Ergebnis hat sogar ein wenig sakralen und Live-Charakter. Trotzdem und auch unter Berücksichtigung des unkonventionellen Entstehungsprozesses einfach etwas zu eintönig und langweilig, wenn auch bedingt meditativ.

„Pyroclasts“ kann qualitativ nicht an „Life Metal“ anknüpfen, ist aber konzeptionell und produktionell auch nicht wirklich mit dem Vorgänger vergleichbar. Ohrwürmer wie „Between Sleipnir‘s Breaths“ sucht man definitiv vergeblich und vermutlich dürfte „Pyroclasts“ auch niemals das SUNN O)))-Album werden, mit Hilfe dessen der geneigte SUNN O)))-Fan versuchen wird, andere Mitmenschen für die Band zu gewinnen. Für Komplettisten sicher ein Muss, für alle anderen eher optional.

Kirk Windstein – Dream In Motion

Kirk Windstein ist eine Legende. Seit nunmehr 30 Jahren prägt der Mann den „NOLA-Sound“ im Southern Metal: Denn obwohl er in Middlesex, England, geboren ist, gilt er als Metal-Ikone seiner eigentlichen Heimat New Orleans. Elf Alben hat er über die Jahre mit Crowbar herausgebracht, dazu drei Alben und diverse Kurzveröffentlichungen mit Down. Mit „Dream In Motion“ erfüllt sich der „Riff-Lord“ nun einen großen Traum: sein erstes Solo-Album.

Dass ein Kirk Windstein nicht aus seiner Haut kann, wird schon beim Titeltrack klar, der das knapp 45-minütige Album eröffnet: Zwar ist der Song insgesamt etwas sanfter und ruhiger, als man es von Crowbar kennt – stilistisch ist das Material aber nicht weit von Kirks Stammband entfernt. Und tatsächlich steht „Dream In Motion“ im Ganzen den letzten Crowbar-Alben in Sachen Heavyness in nichts nach. Allerdings bringt Windstein diese anders zum Ausdruck.

So darf sich der Hörer zwar auch bei Windsteins Soloalbum auf massenweise unverkennbare Windstein-Riffs freuen – diese fallen aber deutlich bedächtiger aus, ruhiger und reduzierter. Dazwischen finden immer wieder Cleangitarren Raum und auch der Gesang ist etwas melodiöser, als man das von Crowbar gewohnt ist. Ein Beispiel dafür ist „Enemy In Disguise“: Obwohl der Song komplett ohne Zerrgitarren auskommt, ist er weit davon entfernt, als Ballade durchzugehen. Ein weiteres Beispiel ist „The Healing“, das ruhig beginnt und sich bis zu brachialem Doom steigert, Härte und Zartheit vereint – und dabei ganz ohne Gesang auskommt.

So ist „Dream In Motion“ stilistisch zwar etwas anders ausgerichtet als Windsteins sonstiges Schaffen, darin aber sehr konstant: Mit „Necropolis“ und „The Ugly Truth“ schließt er „Dream In Motion“ mit zwei Songs ab, die alle Qualitäten des Albums auf den Punkt bringen – aber nach einer knappen halben Stunde auch nicht mehr wirklich überraschen können. Das gelingt erst dem letzten Song wieder: einer spannenden Sludge-Version des Klassikers „Aqualung“ von Jethro Tull.

„Dream In Motion“ ist die für Fans wohl angenehmste Version eines Solo-Albums: Stilistisch zwar anders als das Hauptwerk des Künstlers, aber nicht so anders, dass es schwerfällt, Zugang zu finden. Crowbar-Fans kann das Album damit guten Gewissens empfohlen werden – wie generell allen NOLA-Sludge-Hörern, die es auch mal etwas – die Betonung liegt auf etwas – ruhiger mögen.

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Gloson – Mara (EP)

Zwei Jahre ist es her, dass die schwedischen GLOSON mit „Grimen“ debütierten – einem atmosphärischen Sludge-Album zwischen Neurosis und Obscure Sphinx, das rundum zu begeistern wusste. Über ein zweites Album darf man sich zwar noch nicht freuen – mit „Mara“ zumindest jedoch über eine 2-Track-EP.

Auf dieser bleiben sich GLOSON treu – stilistisch wie auch qualitativ: Die Songs, „Usurper“ und „Equinox“ betitelt, sind zwei düstere Siebenminüter, in denen GLOSON an schleppenden Riffs ebenso wenig sparen wie an atmosphärischen Elementen: Dazu zählen einmal mehr der kratzige, aber ruhige Gesang und ein extrem dichtes, druckvoll produziertes Arrangement. Auf der anderen Seite aber auch das feine Gefühl für das richtige Maß an Melodik, mit welchem GLOSON bereits auf „Grimen“ zu begeistern wussten und das man von Christian Larsson schon von Svart kennt, seinem mittlerweile zur Ruhe gelegten Melodic-Black-Metal-Projekt.

Gerade „Equinox“ weiß dahingehend nach dem eher rauen „Usurper“ zu begeistern: Fast liebliche Gitarren- und Gesangsmelodien finden hier immer wieder zwischen den Sludge-typischen, schweren Riffs ihren Weg ans Ohr des Hörers. Und auch, wie GLOSON den Song nach hinten hin öffnen, immer leichter werden lassen, ehe er verklingt, ist große Kunst.

„Mara“ ist die Form von EP, die einen glücklich und traurig zugleich zurücklässt: Glücklich, weil GLOSON hier zwei Songs und damit 15:19 Minuten grandiose Musik liefern, die man lieber früher als später gehört hat. Traurig, weil es eben nur zwei Songs und damit 15:19 Minuten sind – wo man doch so gerne mehr davon gehört hätte. Als Appetizer für das nächste Album eignet sich „Mara“ damit auf alle Fälle – bleibt nur zu hoffen, dass man darauf nicht mehr allzu lange warten muss.

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Cranial – Alternate Endings

Dass CRANIAL (wie auch Phantom Winter) aus den aufgelösten Omega Massif hervorgegangen sind, ist allseits bekannt. Dass eine solch edle Abstammung nicht unter den Teppich gekehrt wird, zumal CRANIAL (anders als Phantom Winter) musikalisch durchaus auf ähnlichen Pfaden wandeln, ist klar. Und doch wirkt ein Satz wie „Auferstanden aus der Asche der geradezu allmächtigen Omega Massif, nahmen sich CRANIAL die besten Bestandteile jener, kreierten ihren eigenen Sound daraus und entwickelten ihn weiter“, wie er im Presse-Begleitschreiben zu „Alternate Endings“ zu lesen ist, etwas vermessen. Nicht zuletzt, weil dem Debüt „Dark Towers / Bright Lights“ (2017) durchaus noch ein Bisschen gefehlt hatte, um wirklich auf einem Level mit Omega Massif zu rangieren.

Nun lassen CRANIAL mit besagtem „Alternate Endings“ ihr zweites Album folgen. War „Dark Towers / Bright Lights“ optisch noch Doom-Sludge-typisch düster gehalten, weiß „Alternate Endings“ direkt durch ein schickes, modernes Design aus gelb-grauer Kunst und Glanz-Effekten auf dem Digipak zu gefallen. Musikalisch hat sich bei CRANIAL hingegen nicht so viel geändert: Auch das zweite Album bietet atmosphärischen Sludge, mal schleppend, mal stampfend, stets atmosphärisch – und mit noch längeren Songs als zuvor. Zwischen 8:33 und stolzen 15:41 Minuten rangieren die vier Songs diesmal.

Viel Zeit für Entwicklung – doch genau daran hapert es: Zwar passiert etwa in „Holistic Figure“ allerhand, ruhige Parts kommen und gehen, tonnenschwere Riffs walzen vorbei, es wird sogar mal gesungen. Wirkliche Dynamik oder kompositorische Spannung ist dabei jedoch nicht zu spüren. Das ist beim Opener noch anders: In immerhin noch 12:30 Minuten führen CRANIAL den Hörer von gefühlvoll eingeblendeten Gitarre in ein brachiales Gemetzel, das nach hinten hin beständig ausdünnt und Raum für Melodik öffnet – ehe es zum Ende eine letzte düster-rohe Eruption folgt.

Während gerade die ruhigen Parts über alle vier Songs hinweg gefallen, wirkt das harte Riffing bisweilen einen Tick zu genrekonform. Das kommt gerade in „Burning Bridges“ zum Tragen, dem vergleichsweise „kurzen“ Achtminüter, der quasi durchgängig auf das typisch akzentuierte Gitarrenspiel setzt. Fett klingt das alles, ohne Frage – wirklich eigenständig, charakteristisch, fortschrittlich? Nun ja. Da waren CRANIAL mit „Dark Towers – Bright Lights“ eigentlich schon weiter. Wirklich gelungen hingegen ist der Sound: Von Magnus Lindberg (Cult Of Luna) etwas weniger auf Lautstärke gemastert, brüllt „Alternate Endings“ zwar im ersten Moment nicht so aus den Boxen, weiß dafür mit mehr Dynamik zu begeistern.

„Alternate Endings“ ist ein starkes Album, keine Frage. Es ist (und soll es wohl auch nicht sein) allerdings kein neues Omega-Massif-Album unter neuem Namen. Und musikalisch (leider) auch keine wirkliche Weiterentwicklung im Vergleich mit dem deutlich experimentelleren Vorgänger. Dennoch hat auch „Alternate Endings“ seine klaren Vorzüge: Der rundum schöne Sound gehört ebenso dazu wie die gelungenen atmosphärischen Parts. Damit ist „Alternate Endings“ vielleicht nicht das Album, das man sich auf Basis des Vorgängers erhofft hatte, aber doch ein Album, auf das sich Fans freuen können.

Morast – Il Nostro Silenzio

Gefühlt im Minutentakt erscheinen heute Alben aus dem weiten Feld irgendwo zwischen Sludge und Post-Metal, Doom und Death. Damit ist diese Szene, was lange Zeit der „trve“ Black Metal war: Das Genre der Stunde mit dem vielleicht aktivsten Underground. Ein Beipsiel für diese vergleichsweise jungen, extrem aktiven Bands sind MORAST: Erst 2015 gegründet, kann das Quartett schon auf ein Demo, zwei Splits (eine davon mit Ultha) und ein Album zurückblicken – und legt nun mit „Il Nostro Silenzio“ bereits nach.

Von Underground oder Newcomer hat das zweite Album der Truppe aus dem Nordrhein-Westfälischen reichlich wenig: Hinter dem stimmigen Artwork des Italieners Raoul Mazzero (View From The Coffin) versteckt sich eine gewaltige Soundwand, produziert von die Michael Zech ( The Source Studio, Mix) und Victor Santura (Woodshed Studio, Master).

Visuell und klanglich so in Szene gesetzt, kann die Musik von MORAST schnell ihre Wirkung entfalten: Ob schleppend-stampfend mit einer gewissen Ähnlichkeit zu Valborg, wie im Opener „A Farwell“, mit cleanen Gitarren durchsetzt, ehe erneut das kraftvolle Riffing einsetzt („Cut“) oder atmosphärisch-getragen („RLS“): MORAST haben das nötige Gespür dafür, wie sie ihre Songs spannend halten. Dazwischen verlassen sich MORAST (zu Recht) voll auf ihre eigentlichen Qualitäten: Brüllende, tiefschwarze Riffs und die Reibeisen-Stimme von F.

Zwar sind die Texte verhältnismäßig verständlich vorgetragen – das aber kein Bisschen sanft, sondern in bester Post-Metal/Sludge-Manier hasserfüllt herausgepresst. Das verhilft MORAST zu einer herrlich hässlichen Seite, welche etwa die post-punkig angehauchte, fast liebliche Atmosphäre in „Cut“ perfekt konterkariert.

Auch das „Gaspedal“ nutzen MORAST gefühlvoll: Aus dem treibenden Einstieg zum Titeltrack machen MORAST durch doomiges Schlagzeugspiel trotzdem einen insgesamt überraschend ruhigen Song – und aus dem rohen, wütenden „Nachtluft“ erwächst zwar eine gewaltige Raserei, allerdings auch allenfalls im Midtempo. Ihre stärksten Momente haben MORAST ohnehin, wenn sie das Tempo komplett drosseln: Im finalen „November“ etwa, oder im atmosphärischen „RLS“, das zwar das „restless leg syndrom“ beschreibt, bei dem zumindest Drummer L. die Füße ziemlich still hält.

Musikalisch wuchtig, aber atmosphärisch düster und kalt wie die Polarnacht: „Il Nostro Silenzio“ ist, was man ein „in sich stimmiges Album“ nennt. Nicht nur durch den charakteristischen Gesang, auch durch den stimmigen Mix aus heavy und melancholisch gelingt MORAST hier ein durchaus bemerkenswertes zweites Album. Über den eher klischeehaft-pagan anmutenden Bandnamen sieht man da gerne hinweg.

Sunn O))) – Life Metal

2019 ist alles ein bisschen anders im Hause SUNN O))): Greg Anderson ist Papa geworden, was seine Sichtweise auf Musik, das Leben, das Universum und den ganzen Rest grundlegend geändert hat, das neue Album wurde von Producer-Legende Steve Albini ausschließlich analog produziert, auf Mayhem-Frontmann Attila Csihars eindringlichen Gesang wurde verzichtet und das Ding heißt auch noch „Life Metal“ (in Anlehnung an den angeblichen Ausverkauf des Genres „Death Metal“ in den 1990er Jahren – natürlich mit einem Augenzwinkern). Ist das Drone-Duo nun doch im Hipster-Pop-Kosmos angekommen oder ist SUNN O))) 2019 genauso böse und intensiv wie eh und je?

Auch wenn „Life Metal“ für SUNN O)))-Verhältnisse beinahe positiv klingt (Andersons erklärtes Ziel war es, harte, aber nicht zu düstere Musik zu schreiben), kann von wirklicher Zugänglichkeit oder gar Pop-Attitüde selbstverständlich keine Rede sein: Das Album bietet rund 70 Minuten feinsten Drone-Metal, der sich aber hier und da durchaus von den vorangegangenen Releases der Band unterscheidet. Auffällig ist schon mal das beinahe songorientierte Arrangement im Opener „Between Sleipnir’s Breaths“, welcher eine eindeutig erkennbare Strophe-Chorus-Struktur hat und nicht zuletzt durch die Vocal-Performance der Isländerin Hildur Guðnadóttir so etwas wie Ohrwurmcharakter bekommt.

Ähnlich intensiv und fast schon catchy ist das mit Orgelklängen des australischen Komponisten Anthony Pateras aufgepeppte „Troubled Air“ – manchen Passagen auf Anna von Hauswolffs letztem Longplayer „Dead Magic“ oder Hans Zimmers dronigem „Interstellar“-Soundtrack nicht ganz unähnlich. Auf Vocals verzichten SUNN O))) im weiteren Albumverlauf allerdings, auch die letzten beiden Titel sind instrumental und bestehen größtenteils aus den ausufernden Gitarrenwänden von Stephen O’Malley und Greg Anderson sowie dem obligatorischen Moog-Bass-Synthesizer von Langzeitkollaborator Tos Nieuwenhuizen plus Bassspuren von Tim Midyett – lediglich der Schlusstrack „Novæ“ hat noch Cello- und Haldorophone-Parts (das ist ein Cello-ähnliches Saiteninstrument) von Guðnadóttir in petto.

Erwähnung verdienen noch das durchaus bunte und damit quasi lebensbejahende Artwork der Künstlerin Samantha Keely Smith und die zuvor erwähnte Produktionsweise: „Life Metal“ wurde unter den wachsamen und erfahrenen Ohren von Steve Albini (der unter anderem auch Nirvana, Neurosis und Godspeed You! Black Emporer produziert hat) in dessen „Electrical Audio“ Studio in Chicago ausschließlich auf analogem Band aufgenommen, mit einer analogen Mixkonsole gemischt und anschließend (zumindest die LP-Version) von Matt Colton entsprechend gemastert. Resultat ist ein ausgesprochen warmer Sound, der die… nennen wir es scherzeshalber: „positive“ Energie des neuen SUNN O)))-Albums definitiv verstärkt.

Dass „Life Metal“ im Gegensatz zum rund zweijährigen Produktionszeitraums des 2009er Albums „Monolith & Dimensions“ in nur zwei Wochen aufgenommen wurde, tut der Qualität keinen Abbruch – man kann der Band sogar eine (in diesem Genre nicht selbstverständliche) Weiterentwicklung attestieren. SUNN O))) bleiben ihrem Grundprinzip der repetitiven „Wall Of Sound“ treu, glänzen dabei nicht unbedingt durch extrem abwechslungsreiche Songstrukturen (wir sprechen ja immer noch von Drone-Metal), ergänzen die Rezeptur allerdings um neue Klangfarben, Texturen und Details, die durch die Bank Freude bereiten – zumindest, wenn man mit dieser Musikrichtung überhaupt etwas anfangen kann. Im weiteren Verlauf des Jahres 2019 soll „Life Metal“ übrigens noch durch ein „Schwesteralbum“ namens „Pyroclasts“ ergänzt werden – man darf also gespannt sein, was die Röhrenfetischisten noch im Köcher haben.

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Sâver – They Came With Sunlight

Wenn eine bisher unbekannte Band ihr Debüt auf Pelagic Records veröffentlicht, darf man aufhorchen: Das Berliner Label ist bekannt für hochwertigen Output in den Bereichen Post-Metal, Sludge und Artverwandtes. Vollausfälle in Form von musikalischen Belanglosigkeiten gibt es faktisch nicht zu verzeichnen. SÂVER sind ein Trio aus Norwegen, das sich dem Sludge-Metal verschrieben hat und „They Came With Sunlight“ ist ihr erstes, rund 50 Minuten langes Lebenszeichen.

Dieses startet ausgeprochen verhalten und irritiert so erst einmal: Bass und Hi-Hat spielen leise ein monotones Pattern vor sich hin, bis sich nach ungefähr einer halben Minute ein klassischer Moog-Synthesizer-Sound dazugesellt. Auf der Bassgitarre scheint kein einziger Effekt, nicht einmal ein Hauch von Kompression zu liegen. Man bekommt ein wenig Angst und fragt sich, ob SÂVERs neues Album möglicherweise eine akustisch recht dünne Angelegenheit werden könnte. Doch weitere anderthalb Minuten später zeigt sich, dass diese Angst unbegründet ist: Ein tonnenschweres Riffgewitter bricht über den Zuhörer herein und macht den Opener „Distant Path“ zu einem schleppenden und knurrenden Sludge-Ungetüm. Wohl denjenigen, die ihre Anlage in Anbetracht des leisen Intros nicht volle Kanne aufgerissen haben.

In Sachen Vocals gibt es genretypisches, etwas dezenter gemischtes Gekeife auf die Ohren. Das bietet zwar auf den ersten Blick kein hohes Maß an Abwechslung, nervt aber auch nicht durch Überpräsenz. Dass die Norweger wenig Berührungsängste in Bezug auf andere musikalische Einflüsse haben, zeigt sich bereits in der zweiten Hälfte des Openers: Black-Metal-Riffing auf schleppenden Beats, dronige Doom-Gitarren und noisige Feedbackorgien geben sich die Klinke in die Hand und sorgen dafür, dass „They Came With Sunlight“ eine abwechslungsreiche Nummer wird.

Damit ist das kreative Potential von SÂVER noch lange nicht ausgeschöpft: Der durchaus melodisch-groovige Zwischenpart von „I, Vanish“ hat schon fast so etwas wie Stoner- oder sogar Grunge-Atmosphäre und lässt aufhorchen. Das rund sechs Minuten lange „Influx“ ist mehr als eine Art Interlude zu verstehen: Mysteriöse, soundtrack-artige Flächen und lange ausklingende Gitarrenwände ergeben für den Zuhörer fast so etwas wie eine Atempause nach den ersten beiden Brettern mit rund 20 Minuten Laufzeit. Eine weitere Überraschung bieten SÂVER in „Dissolve To Ashes“ zu Anfang in Form von traurigen Clean-Gesang, ergänzt um eine ausgesprochen markante Moog-Synthesizer-Line. Für die Sounddesign- und Arrangementarbeit schon mal beide Daumen hoch.

Auch produktionstechnisch gibt es nichts zu beanstanden: „They Came With Sunlight“ ist sehr fett, sehr verzerrt und sehr kalt geworden. Gerade diese Kälte hebt SÂVERs neuestes Album von der oftmals analog-warmen, Stoner-Rock-beeinflussten Konkurrenz ab und erinnert (auch durch den immer wieder stark verzerrten und komprimierten Bass und die lange ausklingenden Gitarren in den ruhigeren Passagen) in seiner Klangästhetik und -atmosphäre an die Genre-Mitbegründer Godflesh. Auch nicht verkehrt.

SÂVER haben ein in jeder Hinsicht äußerst ansprechendes Debüt veröffentlicht: Das Album bietet eine großartige Atmosphäre und in Sachen Kälte und Negativität durchaus auch Parallelen zu Kapellen wie Phantom Winter. Dazu bleibt „They Came With Sunlight“ wie ein Kaugummi unterm Schuh (besser gesagt: in den Gehörgängen) hängen – und das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit in dieser musikalischen Schublade. Überraschend großartig!

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Last Rizla – Mount Machine

Do It Yourself: Dass sich diese Philosophie im Zeitalter der sinkenden Erlöse auch in der Musik durchgesetzt hat, dürfte nicht überraschen. Zumal die technischen Möglichkeiten auch vieles erleichtert haben. Die Stoner-Sludge-Metal-Truppe LAST RIZLA aus Athen ist eine dieser Bands, die von Design und Druck des Artworks bis hin zum Booking das Meiste einfach selbst macht und dabei gerne kompakte EPs oder auch einzelne Tracks veröffentlicht. In die erste Kategorie gehört mit knapp über 20 Minuten Spielzeit auch das 2018er Release „Mount Machine“.

Mit der Bandinfo beweisen LAST RIZLA schon mal Humor: Gleich einer Krankenakte sind hier alle vergangenen oder aktuellen Wehwehchen der vier Bandmitglieder aufgelistet – von Gallensteinen und Hämorrhoiden bis zu Depressionen unterschiedlicher Stärke ist alles dabei, was den durchschnittlichen Metalhead so ausmacht. Gott sei Dank keine Leiden, die die Spielfreude oder -fertigkeiten beeinflussen und hier kann man den vier Griechen nichts vorwerfen: Klassische Sludge- und Stoner-Gitarrenarbeit wird spieltechnisch sauber mit dem für diese Musikrichtung typischen, kehligen Vocals, Post-Metal-Elementen und ausschweifenden, beinahe Jam-artigen ruhigen Passagen verknüpft. Dass die Musiker von Kapellen wie Old Man Gloom, Ufomammut oder den Melvins beeinflusst wurden, ist dabei offensichtlich. Und live zu ein paar Drinks kann man sich das ziemlich gut vorstellen – auf „Mount Machine“ funktioniert die Geschichte leider nur bedingt.

Das liegt einmal an der recht dünnen Produktion, die gerade in den ersten anderthalb, zwei Minuten des Openers „Dive“ den für diese Musikrichtung notwendigen Druck vermissen lässt. In besagten entspannteren Parts auf „Mount Machine“ stört das nicht wirklich – diese haben durch ihren repetetiven und improvisiert wirkenden Charakter (sogar garniert mit einigen Dub-Delays) schon fast etwas psychedelisches. Es sind die härteren Songabschnitte auf „Mount Machine“, die zumindest produktionstechnisch nicht mit der Genre-Konkurrenz mithalten können. Das geht auch im Zeitalter des Homerecordings mit begrenztem Budget besser.

Der zweite Punkt ist die leider etwas langweilige Arrangementarbeit über weite Strecken. Der Zuhörer wird gerade im ersten Song selten überrascht. Das nachfolgende „Rambo“ wäre vielleicht der bessere Opener gewesen und ist mit seinen doomigen Riffs schon wesentlich cooler und griffiger, hinterlässt aber auch keinen nachhaltigen Eindruck – ebensowenig wie die dritte und finale Nummer „Χάλυβας“.

Leider bleiben die 2009 gegründeten MOUNT RIZLA hinter ihren Möglichkeiten zurück: „Mount Machine“ enthält auf dem Papier viele schmackhafte Zutaten, leidet aber unter einer dünnen Produktion und einer gewissen Beliebigkeit. In Anbetracht des ausgesprochen fairen Preises im bandeigenen Bandcampshop können Fans der genannten Bands und Schubladen bedenkenlos zugreifen – dürfen aber auch nicht die Platte des Jahres erwarten.