Archives

Hymn – Breach Us

„Wir wollen nichts aufnehmen, was wir nicht auch live spielen können. Einen Marshall JCM 800 und einen Simms Watts 120, einen Ampeg-810-Turm auf Anschlag, eine Les Paul mit extra dicken Saiten und einen Haufen Effektpedale – mehr brauchen wir nicht“, gibt das norwegische Sludge-Duo HYMN zu Protokoll, wenn man nach der Produktion des zweiten Albums „Breach Us“ fragt – welches übrigens in nur rund 48 Stunden Studiozeit aufgenommen wurde. Reicht das, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen?

Das Ergebnis ist erst einmal ein ziemlich räudiges und hartes Brett: „Breach Us“ bietet überraschend gute Riffs und kommt für Sludge-Verhältnisse ausgesprochen variabel und vor allem groovy daher. Das Zusammenspiel von Gitarrist und Sänger Ole Ulvik Rokseth und Schlagzeuger Markus Støle ist hervorragend – kein Wunder, kennen sich die beiden ja auch durch ihre musikalische Zusammenarbeit beim (ebenfalls Sludge-)Trio Sâver, das mit „They Came With Sunlight“ vor zwei Jahren einen kleinen Genre-Überraschungshit gelandet hat.

Der Opener und Titeltrack kommt auf jeden Fall ziemlich fett daher, bietet aber bereits nach einer Minute die erste kleine Überraschung in Form von melodisch-noisigen Gitarrenparts à la Godflesh und dem beinahe hypnotischen Ohrwurm-Gitarrengeschrabbel im zweiten Songdrittel. Alles sehr rifforientiert, wodurch „Breach Us“ auch hin und wieder an eine Sludge-Version von Prong in den Neunzigern erinnert. Aufs Wesentliche reduziert und auf eine angenehme Weise kompromisslos stumpf und doch einfallsreich arrangiert, macht HYMNs zweites Album auf Anhieb richtig Spaß.

Der zweite Song „Exit Through Fire“ behält die eingeschlagene Marschrichtung grundsätzlich bei, variiert allerdings das Tempo und kommt im letzten Drittel sogar gesanglich in die Nähe von so etwas wie einer Melodie. Überzeugend ist auch die elektronische Soundeffektcollage am Ende des Songs. Dabei haben HYMN durch die produktionstechnische Kälte und dem ausgesprochen metallischen Gitarrensound aber auch ein klein bisschen was von ganz frühen Strapping Young Lad oder sogar Meshuggah auf Methadon. Quasi Sludge-Djent.

„Crimson“ wirkt dann durch die Vocals von Gastsänger David Johansson mal richtig oldschool-doomig, Ozzy lässt grüßen. Apropos Stimme: Ein weiteres Highlight ist definitiv Sängerin Guro Moe, die dem längsten und mit seinem ausladenden noisy Effekt-Outro experimentellsten Song „Can I Carry You“ zum absolut gelungenen Albumcloser machen. Beide Daumen hoch!

„Breach Us“ hat für eine Sludge-Platte überraschend viel zu bieten: Groove, Härte, Atmosphäre, Abwechslung – alles keine Selbstverständlichkeiten in dieser Schublade. Mit knapp unter 40 Minuten ist der neueste HYMNs-Output kurz, aber gut – keine Filler, hier passt alles zusammen. Ein Geheimtipp, den man sich als Freund genannter Bands, aber auch als puristischer Neurosis-Hörer nicht entgehen lassen sollte.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Neànder – Eremit

Irgendwann vor ein paar Jahren muss es gewesen sein, dass ein paar fesche Hardcore-Hipster in einer düsteren Ecke des Metal den Sludge gefunden haben. Der hat zwar eher nach Schweiß als nach Bartöl gerochen und ihnen dann auch erst einmal ordentlich ins Gesicht gerülpst, sie in seiner langsamen, aber kraftvollen Art dennoch irgendwie beeindruckt. Also haben sie sich angefreundet, und seitdem gehen sie gemeinsam durch die Welt (und zum Barbershop und danach zum Vietnamesen).

So oder so ähnlich geht das Märchen vom modernen Sludge – aber (wie so oft) hat es einen wahren Kern: War Sludge dereinst die Musik der dicken, (unironisch) vollbärtigen, biertrinkenden Kerle aus den Südstaaten, prägen ihn heute Bands, die aus der so jungen wie kessen Post-Hardcore-Szene kommen und Sludge einfach noch langsamer, noch heavier und damit eben: sludgiger spielen wollen. Eine solche Band sind NEÀNDER aus Berlin. Erst 2017 gegründet, brachte das Quartett bereits mit dem selbstbetitelten Debüt ein düsteres und kraftvolles Album heraus: ganz ohne Gesang, dafür mit schönen Arrangements und gefühlvoller Melodik – dem Element, das diese jungen Bands am meisten vom klassischen, dreckigen Sludge der Vorgängergeneration unterscheidet. Nun lassen NEÀNDER mit „Eremit“ bereits ein zweites Album folgen.

„Eremit“ ist mit knapp 40 Minuten etwas länger als der Vorgänger, bleibt aber im leicht konsumierbaren Bereich – zumal NEÀNDER das Album durchaus abwechslungsreich zu gestalten wissen: Zweieinhalb Minuten gehen für ein Atmosphäre kreierendes Intro drauf, ehe „Purpur“ mit sehr klassischem Stoner-/Sludge-Riffing loslegt. Vielleicht verweilt der Song sogar etwas zu lange im Traditionellen, ehe die Band nach etwa der Hälfte einen Ausbruch in fast schwarzmetallene Härte wagt. Spannender machen NEÀNDER es da in den folgenden zwei Nummern, dem Titeltrack sowie „Ora“, das dank der viel früher erwarteten Post-Hardcore-Elemente tatsächlich klingt, wie moderner Sludge eben klingt: im Wechsel wuchtig, eruptiv und melodisch.

Während „Clivina“ – ein Zwischenspiel auf unverzerrter E-Gitarre – zwar stilistisch Abwechslung bringt, zugleich jedoch etwas unmotiviert und ziellos vor sich hin klimpert, wird das finale „Atlas“ seiner tragenden Rolle durchaus gerecht: In stolzen 11:50 Minuten kommt hier alles zusammen, was NEÀNDER ausmacht, Motoröl-Sludge aus New Orleans und Bartöl-Melodik aus Berlin. Was fehlt, ist eigentlich nur Gesang. Warum eigentlich, möchte man NEÀNDER fragen (haben wir getan!). Denn natürlich funktioniert „Eremit“ auch prima ohne, wie auch die Instrumentaleditionen der Platten von The Ocean ohne Gesang funktionieren. Mit wären die Songs aber vielleicht trotzdem noch etwas emotionaler und dynamischer.

„Eremit“ bietet Sludge, wie er 2020 gespielt wird – wenngleich NEÀNDER dabei nicht ganz so forsch auf Modernisierung dringen wie andere Post-Hardcore-Sludge-Bands. Das dürfte Genrefans ohne Hardcore-Hintergrund den Einstieg erleichtern, macht aber noch weniger nachvollziehbar, warum sich die Band komplett gegen Gesang entschieden hat. In Sachen Melodik und Intensität verlieren NEÀNDER mit „Eremit“ gegenüber dem Vorgängeralbum leider etwas Boden. Damit ist „Eremit“ für Fans der Band zwar immer noch die Anschaffung wert, Neueinsteigern sei jedoch eher das Debüt empfohlen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Witching – Vernal

Während traditioneller Black Metal in den nachkommenden Band-Generationen immer seltener nennenswerte Alben hervorbringt, sind die davon beeinflussten Untergenres extrem vital: Neben progressiven Black-Metal-Spielarten finden sich gerade im Black Thrash und Black Sludge aktuell extrem viele spannende Newcomer. WITCHING aus Philadelphia und letzterer Kategorie sind eine davon: In Eigenregie haben diese soeben ihr Debüt „Vernal“ produziert und herausgebracht – einen wundervoll hässlichen Bastard aus Black Metal, Sludge und Southern Metal.

Neben dem extrem lebendigen, direkten Gitarrensound und dem – typisch Sludge – im Gesamtsound extrem markanten Bass zeichnet sich das Album durch extreme stilistische Vielfalt aus. Einen nicht unerheblichen Anteil daran hat Sängerin Jacqui Powell, die abwechselnd schreit wie ein angestochener Elch und dann wieder zwar tief, aber doch so lieblich singt, als könne sie kein Wässerchen trüben („Lividity“). Darin erinnert sie an Wielebna von Obscure Sphinx – ein Vergleich, der auch bei der Musik nicht in die Irre führt. So wechseln auch WITCHING immer wieder zwischen kraftvollen, langsamen Sludge-/Doom-Passagen und schwarzmetallischem Uptempo-Riffing hin und her; mitunter innerhalb eines Songs.

Doch wo Obscure Sphinx alles auf Schwarz setzen, gehen WITCHING auch mal auf Rot – wie Wüstensand: „This Is What You Deserve“ hat deutlich mehr Stoner-/Desert-Rock-Feeling, als man der Band nach dem düsteren Albumeinstieg zugetraut hätte – eine weitere Facette, die WITCHING ausgesprochen gut zu Gesicht steht. Auch „False Martyr“ kann mit viel Southern-Groove überzeugen, der durch die dunkle Stimme von Jacqui Powell im ruhigen Part nur verstärkt wird, ehe WITCHING im folgenden Titeltrack in bester Black-Sludge-Manier à la Black Tusk auf die Kacke hauen.

Dass der Gesang im finalen „Eschaton“ vielleicht einen Tick zu viel heult, dass die Gitarren an vereinzelten Stellen etwas „lässiger“ als nötig klingen – geschenkt. „Vernal“ ist nicht nur für ein Debüt ein beeindruckend starkes Album, sondern gerade deswegen: Wer es schon bei seinem ersten, gänzlich in Eigenregie produzierten und veröffentlichten Longplayer schafft, so starke Songs in einen so fetten Sound zu packen, verdient Respekt und Aufmerksamkeit.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Sunn O))) – Pyroclasts

Dass der letzte SUNN O)))-Output „Life Metal“ durch ein Schwesteralbum ergänzt werden sollte, war nie ein Geheimnis – und so zogen nur knapp sechs Monate nach dem Release des Erstgeborenen ins Land, bis schließlich „Pyroclasts“ veröffentlicht wurde. Ob die Drone-Institution nach dem großartigen „Life Metal“ die hohen Erwartungen erfüllen kann oder ob „Pyroclasts“ eine Ansammlung von Ausschussware oder bestenfalls B-Seiten ist – man darf gespannt sein.

Im Gegensatz zu SUNN O)))s letztem Output sind auf „Pyroclasts“ keine komponierten Songs zu finden, sondern vielmehr die Ergebnisse der täglichen „Aufwärmübungen“ während der Produktion in Steve Albinis „Electrical Audio“-Studio: Alle am jeweiligen Aufnahmetag anwesenden (Gast-)Musiker haben vor den eigentlichen Aufnahmen um die zwölf Minuten lang zusammengespielt – völlig improvisiert, ohne jegliche Vorabsprache und Berichten zufolge mehr meditatives Ritual als musikalische Probe. Neben Stephen O‘Malley und Greg Anderson sind die ebenfalls auf „Life Metal“ vertretenen Musiker Tos Nieuwenhuizen, Tim Midyett und Hildur Guðnadóttir (Oscar-Gewinnerin in der Kategorie „Musik“ für den „Joker“-Soundtrack) auf „Pyroclast“ zu hören.

Die nicht weiter editierten, sondern lediglich gemischten und gemasterten Mitschnitte knüpfen soundtechnisch direkt an den Vorgänger an. Dies ist hauptsächlich durch die charakteristische und (auch diesmal) vollständig analoge Produktion von Albini bedingt, denn musikalisch kommen die vier Stücke wesentlich minimalistischer und puristischer als auf „Life Metal“ daher. Im Gegensatz zum Schwesteralbum gibt es auf „Pyroclasts“ beinahe noch repetitivere Strukturen auf die Ohren, als dies in diesem Genre ohnehin schon der Fall ist – auf den ersten Blick ein wenig unspektakulär, sogar für Drone-Verhältnisse.

Basis der Improvisationen von SUNN O))) und Konsorten sind Gitarrendrones, die sich nicht notwendigerweise an einer klassischen, musikalischen Tonskala orientieren und damit auch nicht unbedingt dem typischen Harmonieverständnis entsprechen. Der Musikwissenschaftler spricht hier von „modaler“ Musik, und das Ergebnis hat sogar ein wenig sakralen und Live-Charakter. Trotzdem und auch unter Berücksichtigung des unkonventionellen Entstehungsprozesses einfach etwas zu eintönig und langweilig, wenn auch bedingt meditativ.

„Pyroclasts“ kann qualitativ nicht an „Life Metal“ anknüpfen, ist aber konzeptionell und produktionell auch nicht wirklich mit dem Vorgänger vergleichbar. Ohrwürmer wie „Between Sleipnir‘s Breaths“ sucht man definitiv vergeblich und vermutlich dürfte „Pyroclasts“ auch niemals das SUNN O)))-Album werden, mit Hilfe dessen der geneigte SUNN O)))-Fan versuchen wird, andere Mitmenschen für die Band zu gewinnen. Für Komplettisten sicher ein Muss, für alle anderen eher optional.

Kirk Windstein – Dream In Motion

Kirk Windstein ist eine Legende. Seit nunmehr 30 Jahren prägt der Mann den „NOLA-Sound“ im Southern Metal: Denn obwohl er in Middlesex, England, geboren ist, gilt er als Metal-Ikone seiner eigentlichen Heimat New Orleans. Elf Alben hat er über die Jahre mit Crowbar herausgebracht, dazu drei Alben und diverse Kurzveröffentlichungen mit Down. Mit „Dream In Motion“ erfüllt sich der „Riff-Lord“ nun einen großen Traum: sein erstes Solo-Album.

Dass ein Kirk Windstein nicht aus seiner Haut kann, wird schon beim Titeltrack klar, der das knapp 45-minütige Album eröffnet: Zwar ist der Song insgesamt etwas sanfter und ruhiger, als man es von Crowbar kennt – stilistisch ist das Material aber nicht weit von Kirks Stammband entfernt. Und tatsächlich steht „Dream In Motion“ im Ganzen den letzten Crowbar-Alben in Sachen Heavyness in nichts nach. Allerdings bringt Windstein diese anders zum Ausdruck.

So darf sich der Hörer zwar auch bei Windsteins Soloalbum auf massenweise unverkennbare Windstein-Riffs freuen – diese fallen aber deutlich bedächtiger aus, ruhiger und reduzierter. Dazwischen finden immer wieder Cleangitarren Raum und auch der Gesang ist etwas melodiöser, als man das von Crowbar gewohnt ist. Ein Beispiel dafür ist „Enemy In Disguise“: Obwohl der Song komplett ohne Zerrgitarren auskommt, ist er weit davon entfernt, als Ballade durchzugehen. Ein weiteres Beispiel ist „The Healing“, das ruhig beginnt und sich bis zu brachialem Doom steigert, Härte und Zartheit vereint – und dabei ganz ohne Gesang auskommt.

So ist „Dream In Motion“ stilistisch zwar etwas anders ausgerichtet als Windsteins sonstiges Schaffen, darin aber sehr konstant: Mit „Necropolis“ und „The Ugly Truth“ schließt er „Dream In Motion“ mit zwei Songs ab, die alle Qualitäten des Albums auf den Punkt bringen – aber nach einer knappen halben Stunde auch nicht mehr wirklich überraschen können. Das gelingt erst dem letzten Song wieder: einer spannenden Sludge-Version des Klassikers „Aqualung“ von Jethro Tull.

„Dream In Motion“ ist die für Fans wohl angenehmste Version eines Solo-Albums: Stilistisch zwar anders als das Hauptwerk des Künstlers, aber nicht so anders, dass es schwerfällt, Zugang zu finden. Crowbar-Fans kann das Album damit guten Gewissens empfohlen werden – wie generell allen NOLA-Sludge-Hörern, die es auch mal etwas – die Betonung liegt auf etwas – ruhiger mögen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Gloson – Mara (EP)

Zwei Jahre ist es her, dass die schwedischen GLOSON mit „Grimen“ debütierten – einem atmosphärischen Sludge-Album zwischen Neurosis und Obscure Sphinx, das rundum zu begeistern wusste. Über ein zweites Album darf man sich zwar noch nicht freuen – mit „Mara“ zumindest jedoch über eine 2-Track-EP.

Auf dieser bleiben sich GLOSON treu – stilistisch wie auch qualitativ: Die Songs, „Usurper“ und „Equinox“ betitelt, sind zwei düstere Siebenminüter, in denen GLOSON an schleppenden Riffs ebenso wenig sparen wie an atmosphärischen Elementen: Dazu zählen einmal mehr der kratzige, aber ruhige Gesang und ein extrem dichtes, druckvoll produziertes Arrangement. Auf der anderen Seite aber auch das feine Gefühl für das richtige Maß an Melodik, mit welchem GLOSON bereits auf „Grimen“ zu begeistern wussten und das man von Christian Larsson schon von Svart kennt, seinem mittlerweile zur Ruhe gelegten Melodic-Black-Metal-Projekt.

Gerade „Equinox“ weiß dahingehend nach dem eher rauen „Usurper“ zu begeistern: Fast liebliche Gitarren- und Gesangsmelodien finden hier immer wieder zwischen den Sludge-typischen, schweren Riffs ihren Weg ans Ohr des Hörers. Und auch, wie GLOSON den Song nach hinten hin öffnen, immer leichter werden lassen, ehe er verklingt, ist große Kunst.

„Mara“ ist die Form von EP, die einen glücklich und traurig zugleich zurücklässt: Glücklich, weil GLOSON hier zwei Songs und damit 15:19 Minuten grandiose Musik liefern, die man lieber früher als später gehört hat. Traurig, weil es eben nur zwei Songs und damit 15:19 Minuten sind – wo man doch so gerne mehr davon gehört hätte. Als Appetizer für das nächste Album eignet sich „Mara“ damit auf alle Fälle – bleibt nur zu hoffen, dass man darauf nicht mehr allzu lange warten muss.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Cranial – Alternate Endings

Dass CRANIAL (wie auch Phantom Winter) aus den aufgelösten Omega Massif hervorgegangen sind, ist allseits bekannt. Dass eine solch edle Abstammung nicht unter den Teppich gekehrt wird, zumal CRANIAL (anders als Phantom Winter) musikalisch durchaus auf ähnlichen Pfaden wandeln, ist klar. Und doch wirkt ein Satz wie „Auferstanden aus der Asche der geradezu allmächtigen Omega Massif, nahmen sich CRANIAL die besten Bestandteile jener, kreierten ihren eigenen Sound daraus und entwickelten ihn weiter“, wie er im Presse-Begleitschreiben zu „Alternate Endings“ zu lesen ist, etwas vermessen. Nicht zuletzt, weil dem Debüt „Dark Towers / Bright Lights“ (2017) durchaus noch ein Bisschen gefehlt hatte, um wirklich auf einem Level mit Omega Massif zu rangieren.

Nun lassen CRANIAL mit besagtem „Alternate Endings“ ihr zweites Album folgen. War „Dark Towers / Bright Lights“ optisch noch Doom-Sludge-typisch düster gehalten, weiß „Alternate Endings“ direkt durch ein schickes, modernes Design aus gelb-grauer Kunst und Glanz-Effekten auf dem Digipak zu gefallen. Musikalisch hat sich bei CRANIAL hingegen nicht so viel geändert: Auch das zweite Album bietet atmosphärischen Sludge, mal schleppend, mal stampfend, stets atmosphärisch – und mit noch längeren Songs als zuvor. Zwischen 8:33 und stolzen 15:41 Minuten rangieren die vier Songs diesmal.

Viel Zeit für Entwicklung – doch genau daran hapert es: Zwar passiert etwa in „Holistic Figure“ allerhand, ruhige Parts kommen und gehen, tonnenschwere Riffs walzen vorbei, es wird sogar mal gesungen. Wirkliche Dynamik oder kompositorische Spannung ist dabei jedoch nicht zu spüren. Das ist beim Opener noch anders: In immerhin noch 12:30 Minuten führen CRANIAL den Hörer von gefühlvoll eingeblendeten Gitarre in ein brachiales Gemetzel, das nach hinten hin beständig ausdünnt und Raum für Melodik öffnet – ehe es zum Ende eine letzte düster-rohe Eruption folgt.

Während gerade die ruhigen Parts über alle vier Songs hinweg gefallen, wirkt das harte Riffing bisweilen einen Tick zu genrekonform. Das kommt gerade in „Burning Bridges“ zum Tragen, dem vergleichsweise „kurzen“ Achtminüter, der quasi durchgängig auf das typisch akzentuierte Gitarrenspiel setzt. Fett klingt das alles, ohne Frage – wirklich eigenständig, charakteristisch, fortschrittlich? Nun ja. Da waren CRANIAL mit „Dark Towers – Bright Lights“ eigentlich schon weiter. Wirklich gelungen hingegen ist der Sound: Von Magnus Lindberg (Cult Of Luna) etwas weniger auf Lautstärke gemastert, brüllt „Alternate Endings“ zwar im ersten Moment nicht so aus den Boxen, weiß dafür mit mehr Dynamik zu begeistern.

„Alternate Endings“ ist ein starkes Album, keine Frage. Es ist (und soll es wohl auch nicht sein) allerdings kein neues Omega-Massif-Album unter neuem Namen. Und musikalisch (leider) auch keine wirkliche Weiterentwicklung im Vergleich mit dem deutlich experimentelleren Vorgänger. Dennoch hat auch „Alternate Endings“ seine klaren Vorzüge: Der rundum schöne Sound gehört ebenso dazu wie die gelungenen atmosphärischen Parts. Damit ist „Alternate Endings“ vielleicht nicht das Album, das man sich auf Basis des Vorgängers erhofft hatte, aber doch ein Album, auf das sich Fans freuen können.

Morast – Il Nostro Silenzio

Gefühlt im Minutentakt erscheinen heute Alben aus dem weiten Feld irgendwo zwischen Sludge und Post-Metal, Doom und Death. Damit ist diese Szene, was lange Zeit der „trve“ Black Metal war: Das Genre der Stunde mit dem vielleicht aktivsten Underground. Ein Beipsiel für diese vergleichsweise jungen, extrem aktiven Bands sind MORAST: Erst 2015 gegründet, kann das Quartett schon auf ein Demo, zwei Splits (eine davon mit Ultha) und ein Album zurückblicken – und legt nun mit „Il Nostro Silenzio“ bereits nach.

Von Underground oder Newcomer hat das zweite Album der Truppe aus dem Nordrhein-Westfälischen reichlich wenig: Hinter dem stimmigen Artwork des Italieners Raoul Mazzero (View From The Coffin) versteckt sich eine gewaltige Soundwand, produziert von die Michael Zech ( The Source Studio, Mix) und Victor Santura (Woodshed Studio, Master).

Visuell und klanglich so in Szene gesetzt, kann die Musik von MORAST schnell ihre Wirkung entfalten: Ob schleppend-stampfend mit einer gewissen Ähnlichkeit zu Valborg, wie im Opener „A Farwell“, mit cleanen Gitarren durchsetzt, ehe erneut das kraftvolle Riffing einsetzt („Cut“) oder atmosphärisch-getragen („RLS“): MORAST haben das nötige Gespür dafür, wie sie ihre Songs spannend halten. Dazwischen verlassen sich MORAST (zu Recht) voll auf ihre eigentlichen Qualitäten: Brüllende, tiefschwarze Riffs und die Reibeisen-Stimme von F.

Zwar sind die Texte verhältnismäßig verständlich vorgetragen – das aber kein Bisschen sanft, sondern in bester Post-Metal/Sludge-Manier hasserfüllt herausgepresst. Das verhilft MORAST zu einer herrlich hässlichen Seite, welche etwa die post-punkig angehauchte, fast liebliche Atmosphäre in „Cut“ perfekt konterkariert.

Auch das „Gaspedal“ nutzen MORAST gefühlvoll: Aus dem treibenden Einstieg zum Titeltrack machen MORAST durch doomiges Schlagzeugspiel trotzdem einen insgesamt überraschend ruhigen Song – und aus dem rohen, wütenden „Nachtluft“ erwächst zwar eine gewaltige Raserei, allerdings auch allenfalls im Midtempo. Ihre stärksten Momente haben MORAST ohnehin, wenn sie das Tempo komplett drosseln: Im finalen „November“ etwa, oder im atmosphärischen „RLS“, das zwar das „restless leg syndrom“ beschreibt, bei dem zumindest Drummer L. die Füße ziemlich still hält.

Musikalisch wuchtig, aber atmosphärisch düster und kalt wie die Polarnacht: „Il Nostro Silenzio“ ist, was man ein „in sich stimmiges Album“ nennt. Nicht nur durch den charakteristischen Gesang, auch durch den stimmigen Mix aus heavy und melancholisch gelingt MORAST hier ein durchaus bemerkenswertes zweites Album. Über den eher klischeehaft-pagan anmutenden Bandnamen sieht man da gerne hinweg.