„Stagnation ist das Einzige, was mir Angst macht“, gibt CULT-OF-LUNA-Frontmann Johannes Persson im Vorfeld der Veröffentlichung des neuen Albums „In The Shadow Of Your Shadow“ zu Protokoll. „Es ist mir egal, ob Leute denken, wir würden uns wiederholen. Solange wir das Gefühl haben, dass das nicht der Fall ist, werden wir weitermachen.“ Für den einen oder anderen gab es bereits beim letzten Album „The Long Road North“ erstmalig das Gefühl, dass sich das musikalische Konzept minimal abgenutzt hat – umso höher ist die Erwartungshaltung bei Longplayer Nummer zehn.
Der Opener und Titeltrack startet als typische CULT-OF-LUNA-Post-Metal-Walze, um in der zweiten Hälfte zum erstklassigen Post-Rock-Soundtrack zu mutieren. CULT OF LUNA doing CULT OF LUNA things, wäre da nicht Perssons kehliger Gesang, der spürbar böser und aggressiver daherkommt – eher wie zuletzt auf dem FINAL-LIGHT-Collabo-Album mit PERTUBATOR. Von diesem Detail mal abgesehen trotzdem eine ausgesprochen typische, wenn auch coole Nummer der Band ohne große Überraschungen. Ganz im Gegensatz zu „Sadness Will Reign“, welches mit um die fünf Minuten Länge am ehesten den Tatbestand der Single erfüllt – und so ganz nebenbei mit GOJIRAs Joe Duplantier einen spannenden Gast am Mikrofon bereithält, der für eine großartige weitere melodische Komponente sorgt.
Auch „The Rift“ weiß mehr als zu überzeugen, handelt es sich bei dem Achtminüter um eine straighte Uptempo-Nummer mit starker Hardcore-Schlagseite – was künftig auf Live-Konzerten zu den ersten Circle Pits auf CULT-OF-LUNA-Shows überhaupt sorgen könnte, so unvorstellbar es klingen mag. Natürlich wird auch hier nicht auf einen atmosphärisch ruhigen Zwischenpart verzichtet, aber auch danach kickt der Track immer noch ordentlich Arsch – und das prügelnde Finale ist einfach großes Kino. „A Way Back“ als hallgetränkte Strummed-Guitar-Ballade mit cleanem Gesang lässt einerseits an „Passing Through“ vom „Vertikal“-Album, andererseits an die Kollabo mit Mark Lanegan auf „The Raging River“ erinnern, gefällt ohne Einschränkungen und sorgt wie das ebenfalls akustische Interlude „Landby“ für Abwechslung.
„One More Day“ ist vielleicht das absolute Highlight auf „In The Shadow Of Your Shadow“. Ein Zwölf-Minuten-Mammut-Song, der mit einem weiteren unerwarteten Gastauftritt aufwartet: David Eugene Edwards, Sänger der ikonischen Dark-Folk-Mitbegründer „16 Horsepower“, veredelt den Song mit seiner charakteristischen und emotionalen Stimme auch in den härteren Passagen, während die Leadgitarre beinahe schon für Post-Punk-Vibes à la CRIPPLED BLACK PHOENIX sorgt, vom grandiosen Schlusspart mal ganz zu schweigen. Hat man so von CULT OF LUNA noch nicht gehört, Stichwort Repetition.
In nackten Zahlen bedeutet das, dass rund 40 der insgesamt 70 Minuten von „In The Shadow Of Your Shadow“ eine Menge Spaß machen und hier und da sogar wirklich Neues oder zumindest länger nicht Gehörtes bieten. Die restliche halbe Stunde ist auf Grundlage dieser Betrachtung nicht wirklich schlecht – sondern einfach CULT OF LUNA im klassischen Sinn. CULT OF LUNA doing CULT OF LUNA things. „Breach“, „From Grey To Black“ und „Burial“ sind ausschweifender, atmosphärischer Post-Metal auf hohem Niveau dargeboten, aber (vor allem für Fans, die mit der Diskografie vertraut sind) hier und da ein wenig vorhersehbar und, so hart es klingen mag, zumindest im Fall von „Breach“ mit deutlichem Kürzungspotential.
Trotzdem ist „In The Shadow Of Your Shadow“ unterm Strich eine gelungene Mischung aus allem, was das Septett aus Schweden seit inzwischen Jahrzehnten ausmacht: charakteristischer, atmosphärischer Post-Metal mit stark cineastischem Einschlag, ein gewisses Maß an Innovationsbereitschaft, die eine oder andere echte Überraschung und ein mächtiger Albumsound, für den sich abermals Schlagzeuger und Tontechnik-Koryphäe Magnus Lindberg verantwortlich zeigt. Trotz kleinerer Abnutzungserscheinungen in Form der einen oder anderen Länge gilt somit nach wie vor: Mit CULT OF LUNA muss man auch nach zehn Alben rechnen, wenn es um anspruchsvollen Post-Metal geht.
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Wertung: 8.5 / 10


