Interview mit Kurt Jason Kelderer von Aspidium

Mit „Harmagedon“ hat die Blackened-Death-Metal-Band ASPIDIUM kürzlich ihr zweites Studioalbum veröffentlicht. Frontmann Kurt Jason Kelderer erzählte uns, was einen richtig guten Song ausmacht, wieso er nichts von den zahlreichen Genre-Kategorisierungen hält, welche Gesellschaftsentwicklungen ihn anwidern und was seine Band mit der Pflanzengattung der Farne gemeinsam hat.

Hallo und danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Alles gut bei dir?
Ja, bei uns ist alles soweit gut. Social Distancing bleibt natürlich auch für unser Release des zweiten Studioalbums bzw. geplante Release-Shows nicht ohne Folgen, aber so bleibt wenigstens ausreichend Zeit sich um Promotion und Pressearbeit wie dieses Interview zu kümmern. Wir versuchen einfach das Beste aus der Situation zu machen.

Mit „Harmagedon“ ist seit kurzem dein zweites Album als ASPIDIUM erhältlich. Wie waren die ersten Reaktionen von Fans und Pressevertretern?
Obwohl unsere Musik sicherlich eher unkonventionell ist und sich dadurch nicht einfach in eine der Schublade pressen lässt, haben wir bislang sowohl von Fans als auch von den Medien für das neue Album durchweg positives Feedback bekommen und wir freuen uns über den Support, den wir unter den Metalheads genießen.

Das Artwork von Daniel Hofer (Archetype Design) versprüht durchaus apokalyptischen Charme. Wie kam die Zusammenarbeit mit ihm zustande? Was soll das Cover deiner Meinung nach ausdrücken?
Dani Hofer kenne ich noch aus meiner Südtiroler Heimat und ich schätze dessen Arbeiten sehr. Auch nach meinem Umzug nach Deutschland habe ich seine Arbeit weiter verfolgt. Als es dann ans Artwork für mein erstes Album „Manifestum“ ging, war er selbstverständlich meine erste Wahl. Das Ergebnis hat mich absolut überzeugt, deshalb habe ich mich gefreut, dass ich ihn auch fürs zweite Album „Harmagedon“ gewinnen konnte. Das Cover soll die apokalyptische Atmosphäre der Songs widerspiegeln, die Endzeitstimmung und die drohende Apokalypse und es führt das Thema des Covers von „Manifestum“ in gewisser Weise fort.

Neben dem durchaus kompromisslosen Blackened Death Metal höre ich auch Anteile symphonischen Metals heraus, wie z.B. beim Titelsong „Harmagedon“. Wie würdest du den Stil von ASPIDIUM beschreiben oder kategorisieren?
Puh, das ist wieder so eine Frage… Ich bin tatsächlich kein großer Fan dieser Unterscheidungen, aber das erste was du gefragt wirst, wenn jemand hört du machst Metal-Musik, ist: Welche Art von Metal? Vielen reicht dann nicht einmal mehr die Antwort Black Metal oder Death Metal. Bei der Vielzahl der Unterkategorien bin ich oft selbst ratlos. Im Endeffekt gibt es Musik, die einen persönlich anspricht oder weniger gefällt. Ich will mich von diesen Unterscheidungen in meiner Kreativität einfach nicht einengen lassen.

Positiv ist mir aufgefallen, dass deine Texte weitgehend verständlich gehalten wurden und das Release trotzdem keinesfalls einen hochpolierten Mainstream-Klang aufweist. War das so gewollt? Wer war denn für die Produktion zuständig?
Ja klar! Wenn ein Song richtig gut sein soll, muss Text und Musik zusammen passen. Der Text muss die Atmosphäre der Musik widerspiegeln und umgekehrt. Die Texte sind mir wichtig und wenn die Songs im Studio gut abgemischt sind, sollte der Text auch verständlich sein. Bei Lukas Flarer im Sound Control Studio Meran, Italien habe ich schon die erste CD „Manifestum“ aufgenommen. Lukas versteht genau, was ich mit meinen Songs ausdrücken möchte, wie die spezielle Atmosphäre der Songs sein soll und schafft es immer die letzten zehn Prozent aus mir und den Songs rauszukitzeln.


Du verwendest für ASPIDIUM ja ausschließlich deutsche Texte, die auch gesellschaftskritische Statements beinhalten. Ist es dir wichtig mit der Musik auch tiefgreifendere Aussagen an den Hörer zu richten? Wieviel deiner persönlichen Meinung steckt in den Lyrics?

Wie bereits gesagt, ist es mir wichtig, dass Musik und Text eine Einheit bilden. Ich bin der Meinung, dass zurzeit so einiges in unserer Gesellschaft schief läuft und das möchte ich mit den Texten aufgreifen. Natürlich steckt in den Lyrics auch meine eigene Meinung.

Vor allem sind mir die Thematiken des Rechtsrucks unserer Gesellschaft („Gleischritt Marsch“) und das kritische Beäugen des unaufhörlichen Strebens nach mehr („Scheinwelt“) aufgefallen. Würdest du dem zustimmen? Welche Songs würdest du hinsichtlich der Message noch hervorheben?
Gut zugehört… der Rechtsruck und die Intoleranz gewisser Teile der Gesellschaft widern mich an. Ich schätze mich glücklich, in einem toleranten, offenen und freien Land zu leben und die Musik machen zu können, die mir gefällt. Ein weiteres Thema, das mich sehr beschäftigt, ist der grenzenlose Egoismus, die Ellenbogen und Geiz-ist-geil-Mentalität. Leute, die den Hals nicht vollkriegen und ohne Rücksicht auf Verluste ihren eigenen Arsch retten. Sehr am Herzen liegt mir auch „Falscher Prophet“. Die Scheinheiligkeit, die Instrumentalisierung von Glauben und Religion.

Die Texte und die bedrückende, teils bedrohliche Atmosphäre von „Harmagedon“ bilden für mich ein sehr stimmiges Gesamtbild. Wie viel Wert legst du auf diese schlüssige Zusammensetzung deiner Musik?
Gute Songs entstehen nur, wenn alles passt. Da entwickle ich mich dann auch mal zum Erbsenzähler und Pedant bis ich mit dem Ergebnis zu 100 Prozent zufrieden bin.

Am Debüt „Manifestum“ war noch der Südtiroler Gitarrist Benni Leiter (Organic) beteiligt. Wie war die Zusammenarbeit? Wieso haben sich eure Wege wieder getrennt?
Als die Songs für „Manifestum“ entstanden sind war ASPIDIUM als Soloprojekt gedacht. Benni kenne ich aus meiner Jugendzeit und wir sind immer noch befreundet, trotz der großen Entfernung. Ursprünglich sollte Benni mich bei ein paar Songs unterstützen, daraus wurde dann mehr. Leider ist Benni musikalisch und privat zu sehr eingespannt und die Entfernung Aalen – Südtirol ist auch nicht zu unterschätzen.

Mit Susi Hartmann am Bass und Schlagzeuger Emil Herrmann hast du zwei neue Mitstreiter an deiner Seite. Inwiefern waren sie in die Entstehung und Aufnahmen von „Harmagedon“ involviert? Werden sie dich auch live unterstützen?
Sowohl Susi als auch Emil sind erst zu ASPIDIUM gestoßen, als die Songs zu „Harmagedon“ bereits fertig waren. Selbstverständlich werden sie bei unseren Live-Auftritten mit dabei sein. Die gemeinsamen Sessions im Proberaum machen richtig Spaß und sowohl Susi als auch Emil sind eine echte Bereicherung.

Wie bist du denn auf den Bandnamen ASPIDIUM gekommen? Welche Bedeutung steht dahinter?
Den Namen Aspidium habe ich für meine Band gewählt, weil es sich dabei um ein Farn handelt, das ohne farbenfrohe Blüten oder besondere Früchte auskommt, es besticht einfach durch seine Größe. Auch wir von ASPIDIUM wollen mit unserer Musik ohne viel Tamtam überzeugen. Die Farne sind eine sehr alte Pflanzengattung, die es schon ewig gibt und auch noch lange geben wird, genauso wie Metal-Musik. Aspidium ist auch eine Heilpflanze, sie wird bei Gicht oder Rheuma und als Wurmkur eingesetzt. Für viele, auch für uns, ist Musik eine Art Heilmittel. Musik hilft uns durch schlechte Zeiten, hilft uns bestimmte Dinge zu verarbeiten und in gewisser Weise war der Entstehungsprozess der Songs meine Wurmkur, meine Art mit bestimmten negativen Dingen in unserem Umfeld fertig zu werden.

Wie wird es mit ASPIDIUM weitergehen? Hast du eine Tour geplant oder schon Ideen für das nächste Album?
Leider sind auch unsere Pläne durch den Ausbruch der Corona-Pandemie ziemlich durcheinander geraten. Eigentlich hatten wir gemeinsam mit anderen Bands diverse Auftritte im Mai und Juni geplant, die nun leider erst einmal auf Eis liegen. Natürlich gibt es auch bereits wieder erste Ideen für ein neues Album, aber zunächst möchten wir natürlich erst einmal mit unserem aktuellen Album die Bühnen entern.

Ok, dann danke ich dir an dieser Stelle. Ich würde das Interview an dieser Stelle gern mit dem traditionellen Metal1.info-Brainstorming beenden. Was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein:
Winfried Kretschmann: Einer der wenigen integren Politiker unserer Zeit
Behemoth: Großartige Band mit großartigen Songs und Live-Shows
Poetry Slam: nicht wirklich was für mich
Coronavirus: Die Auswirkungen werden wir noch lange spüren und letztendlich müssen wir damit leben.
Wayne’s World: Meine Jugend, das waren noch Zeiten.
ASPIDIUM in zehn Jahren: Etwas älter und grauer und vielleicht etwas kahler.

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Momentan ist das kulturelle und öffentliche Leben aufgrund der Corona-Krise fast vollständig zum Erliegen gekommen und viele Clubs und kleine Einzelhändler kämpfen um ihre Existenz. Zeigt Solidarität, kauft lokal und helft mit, dass unsere Kulturlandschaft nach dieser Krise nicht um vieles ärmer und eintöniger ist. Bleibt gesund!

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