Interview mit Konstantin Frick von Unsoul

Fauliger Fisch in Mecklenburg-Vorpommern, Tanzen mit dem Kopf unter dem Arm oder asiatische Diktatoren in Berlin, das Gespräch mit dem Raumfahrtsministerium aka UNSOUL – der progressivsten Death Metal Band aus Berlin – vermittelt interessante Einblicke zum Debutalbum „Magnatic Mountain“ und einen sympathischen Eindruck von der Band.

Hey Konstantin, schön, dass du dir die Zeit für ein Interview mit Metal1.info nimmst! Wie geht es dir?
Danke der Nachfrage, eigentlich sehr gut. Ich hab ein paar Tage frei und weiß noch nicht so genau, womit ich sie rumbringen werde, aber schlecht wird es nicht werden…

Ihr seid zwar bereits seit 1999 in der Metalszene unterwegs, da mit „Magnetic Mountain“ jetzt aber erst euer erstes volles Album erschienen ist, wäre es schön, wenn du euch noch mal kurz vorstellen könntest.
Ja, die Band gibt es tatsächlich schon eine ganze Weile, allerdings sprechen wir in der Regel von 2003 als unserem Gründungsjahr, da wir seitdem in der aktuellen Besetzung mit Synthesizer und neuer stilistischer Ausrichtung spielen. Das davor war musikalisch einfach eine andere Sache, die sich mit einigen jetzigen Unsoulmitgliedern überschnitt. Wenn wir also Unsoul sagen, dann meinen wir die Typen, sie seit 2003 miteinander Musik machen.

Euren Musikstil zu beschreiben fand ich relativ schwierig. Klar gibt es den Death Metal als Basis, aber dass was bei euch dann raus kommt hat damit ja nicht mehr so viel zu tun. Wie würdest du euch einordnen?
Dass man diesen Klassiker aller Bandinterviewfragen auch nie überspringen kann ;-)
Naja, Du sagst es ja selbst, es ist relativ schwierig, auch für uns. Wir kommen schon ursprünglich aus dem Death Metal, der ja auch immer noch als, sagen wir mal, Trägerrauschen dient. Was nicht abwertend gemeint ist. Aber damit hat es sich dann auch schon, ansonsten sind wir deutlich schmerzfrei, was das Einbinden anderer Stilistiken angeht, und heraus kommt halt das Kind, dem man besser keinen Namen gibt, denn er wäre allenfalls unaussprechlich.

Na gut, wenn das Kind schon keinen Namen bekommen soll, kannst Du uns vielleicht was über die Eltern erzählen. Wo siehst Du eure Haupteinflüsse auf die Musik, bzw. was für Musik hört ihr privat?
Na erstmal hören wir alle täglich mindestens eine halbe Stunde Metal, wir müssen ja schließlich unsere Hausaufgaben machen. Und dann fängt der Spaß auch schon an. Hmmm. Vielleicht lässt sich das, was auf den Fahrten zu oder von Konzerten im Bandbus läuft, ganz gut als Querschnitt sehen. Da läuft sehr herrlicher Stonerrock, gesellschaftlich nicht vertretbarer Hip Hop, chillige Instrumentalmusik, Frank Zappa, Michael Jackson, Nevermore, selbstverständlich reichlich Dillinger und Meshuggah, Moritz quält uns gelegentlich mit perversestem Jazz usw usf. Und außerdem hören wir natürlich noch ganz gern mal ne Bach’sche Kantate und son Krams…
Anm. d. Gitarristen: Ich möchte an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, dass Konstantin kürzlich auf einem Philipp Boa Konzert gewesen ist, und zwar im Ernst. Mehr muss man eigentlich gar nicht über seinen Musikgeschmack wissen. Das ist leider nur eine der Geschmacksverwirrungen, die in dieser Band existieren, aber hey.

Da find ich den Bach im Bandbus aber ehrlich gesagt deutlich perverser, aber gut… schweifen wir ab in euer Privatleben. Da ihr von der Musik nicht leben werdet, womit verdient ihr euch die Brötchen?
Wir sind allesamt Probanden für Pharmakonzerne. Daher auch unsere reine Haut und seelische Ausgeglichenheit.Da das aber nicht reicht, macht Chris gerade noch sein Abitur, Dennis studiert Psychologie, aber wahrscheinlich auch nur, um seine Erlebnisse als Altenpfleger verarbeiten zu können, Stephan studiert Wirtschaftsrecht – was sehr klug von ihm ist, da er uns dann wertvolle Tipps geben kann, wie wir unsere immensen Einnahmen am besten verteilen, Moritz studiert Jazzgitarre und ich hab das Studieren hinter mir und programmiere Computerspiele. Gewaltverherrlichende, falls das hier jemanden interessiert.

Das interessiert natürlich niemanden, deshalb schnell zur nächsten Frage: Auch eher ungewöhnlich für eine so junge Band ist die Konstanz des Line-ups über eine doch schon recht lange Zeit. Geht ihr euch nicht langsam auf die Nerven?
Selbstverständlich! Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie sehr wir uns gegenseitig ankotzen! Die meiste Zeit reden wir nicht miteinander und wir versuchen es so gut es geht, uns außerhalb der Proben und Konzerte nicht zu sehen. Wir hätten uns auch schon längst getrennt, nur sind drei von uns aber schon so alt, dass wir Angst haben, nichts anderes mehr zu finden, und dann lassen wir das lieber. Lieber die Katze im Sack als den Spanier auf dem Dach, wie der Bäcker so schön sagt.

Jaja, der Bäcker… In dem Fall scheint der Dennis offensichtlich noch nicht sehr weit mit seinem Studium zu sein, ihr wärt doch ein herrliches Versuchsfeld für die Gruppentherapie. Vielleicht möchte er mit seinen Kommilitonen ja mal ne Exkursion zu euch machen: Gruppendynamische Körpertherapie zur Überwindung des freudschen Penisneides? Egal, wir schweifen schon wieder ab. Wie sind die bisherigen Reaktionen auf das Album ausgefallen, die vorangegangenen Demos fanden ja bereits schon guten Anklang?
Ausgesprochen gut! Also ja, tatsächlich. Bisher gab es eigentlich nur positive Reaktionen. Das könnte daran liegen, dass die Leute, die uns mal ein schlechtes Review geschrieben haben, von vorneherein nicht bemustert werden (das hat bei Euch ja auch ne ganze Weile gedauert, wie Du weißt, wir waren uns da noch nicht so ganz sicher), aber das werde ich hier an dieser Stelle besser nicht verraten.

Könnt ihr etwa nicht mit negativer Kritik umgehen?
Nein, kein bisschen! Aber ganz im Ernst, wir können einfach keine Acht darauf geben, wie irgendwer außer uns die Musik findet. Wir geben uns in der Band schon genug Wiederworte. Wenn wir all die gut gemeinten Ratschläge der letzten Monate beherzigt hätten, wäre dabei ein mittelmäßiges Abum entstanden. Man muss bei seiner eigenen Musik bis zu einem bestimmten Punkt beratungsresistent sein. Unser Teil ist die Musik, der Teil der Hörer ist die Meinung dazu.

Da die Lieder ja sehr komplex arrangiert sind, werden sie wohl kaum durch jammen im Proberaum entstanden sein. Wie läuft das Songwriting bei euch ab?
Die meisten Ideen stammen schon von Moritz‘ Feder. Meistens hat er einen Song als Skizze fertig, wir schauen uns das an und spielen es ein wenig und dann wird erstmal gemeckert. Das hat nichts mit der Qualität der Skizze zu tun, es geht da eher um’s Prinzip. Und nach einer ganzen Reihe von Gesprächen, in denen wir unsere jeweiligen Standpunkte darlegen und Argumentativ untermauern, wird der Mist halt so lange umgestellt, bis er der Mehrheit gefällt. Dahingehend ist es sehr vorteilhaft, dass wir zu fünft sind!

Wie, so richtig demokratisch? Normalerweise gibt es doch immer den tyrannischen Gitarristen! Und apropos Gitarre: Ich war wirklich beeindruckt vom musikalischen Können eurer Instrumentalisten. Wie lange beschäftigt ihr euch schon mit Musik?
Das ist schon eine ganze Weile, Stephan und Dennis machen das seit 14 Jahren, Moritz seit ca. 10, Chris seit 6 oder 7 (meine Güte, wie alt ist der denn eigentlich!?). Und ich gehöre zu diesen schicksalsgeprüften Kindern, die im Grundschulalter Klavier lernen durften. Naja, da ich aber nie so richtig fleißig war, hat’s jetzt auch nur zur Rockmusik gereicht.

Wirklich schade, aber es ist nie zu spät noch mal von vorne anzufangen! Eurem Sänger konnte ich nicht zu ausnahmslos applaudieren. Habt ihr selbst gemerkt, dass die Growls auf Dauer zu eintönig für eine so vielschichtige Musik sind und deshalb schon erste Gastsänger eingearbeitet?
Die Growls bilden ein sehr schönes stimmliches Fundament, sind sozusagen eine der wenigen Brücken, die wir noch direkt zum Deathmetalufer haben. Aber ebenso wie wir musikalisch instrumental eine Stilsoljanka kochen, muss das auch im Gesang passieren. Damit haben wir auf dem Album angefangen und es wird auch definitiv stark weiter ausgebaut werden. Da ist noch sehr viel Potential, das wir nicht ungenutzt lassen wollen und dürfen. Ich meine, wir werden uns jetzt nicht wie Prince auf nem Rocknroll-Trip anhören, aber – hey, warum eigentlich nicht?

Wie geht ihr als Band mit der Situation um? Ich bin ja sicher nicht der Einzige der euch lobt und ihn kritisiert.
Richtig. Wie gesagt, sehen wir, was die Zukunft so bringt!

Ertappt! Also gibt es doch negative Reaktionen… ätsch…Funktionieren die Stücke – vom genialen „Dance Your Legs Off“ mal abgesehen – auch live oder ist euer Publikum öfters mal überfordert?
Das geht eigentlich ganz gut. Natürlich ist es bei einigen Songs nicht ganz einfach, beim ersten Hören durchzusteigen, aber oft muss auch nur erstmal die Denkmauer in den Köpfen eingerissen werden, und dann kann der Kahn schon mal ablegen. Die meisten Songs sind ja eigentlich auch von vorn bis hinten tanzbar, man muss sich da nur drauf einlassen. In jedem Fall aber ist „Dance Your Legs Off“ ein gutes Beispiel, in welche Richtung wir uns auch mit neuem Material bewegen. Metal, aber klischeefrei und diskokugelfähig.

Dann freut es euch sicherlich zu hören, dass das gute Stück auch in ner Frankfurter Metal-Disco des Öfteren dargeboten wird, wie man mir berichtete! Habt ihr dahingehend öfters anfragen von DJ’s?
Oh ja, das freut uns. Genau für solche Gelegenheiten ist das Stück gemacht worden. Tanzen, mit dem Kopf unter dem Arm allerdings.

Musikalisch konnte ich an vielen Ecken eine gewisse Ironie heraushören. Findet sich diese auch in den Texten wieder? Von was handelt den die Scheibe?
Es gibt kein direktes Konzept oder sowas wie eine Handlung, aber die Platte hat einen ästhetischen Faden. Ausgangspunkt waren alte Bilder aus Russland, welche eine total dysfunktionale industialisierte Welt zeigen. Einige davon kann man auch im Booklet sehen. Wir wollten dieses Absurde oder Kaputte in die Musik transportieren. Hässliche Dinge sind häufig doch viel anziehender als etwas total ebenmäßiges. Genauso wie die Songs sind auch die Texte absurd und dysfunktional. Wenn irgendjemand in ihnen einen Sinn erkennt, kann er sich ja bei uns melden und uns die mal erklären, haha. Aber mal im Ernst, Songtexte haben eigentlich schon immer von gescheiterter Liebe gehandelt, und das tun unsere selbstverständlich auch.

Da bin ich ja beruhigt, ich hatte schon befürchtet ihr hättet wirklich was zu sagen. Für die Scheibe habt ihr ein kleines Berliner Plattenlabel gewinnen können. Wie zufrieden seid ihr bisher mit der Zusammenarbeit?
Die Zusammenarbeit läuft ganz gut, wir müssen schauen, wie es weitergeht.

Wie geht es denn weiter? Was sind eure nächsten Ziele? Ist eine kleine Tour geplant? Ein Festivalauftritt oder arbeitet ihr schon wieder daran die Dauer bis zum nächsten Album deutlich zu verkürzen?
Es ist in nächster Zeit einiges geplant, am besten checkt ihr dafür mal unsere Myspaceseite aus, da stehen immer alle aktuellen Tourdaten. Dieses Jahr beehren wir Festivalmäßig auf jeden Fall noch ein feines Underground Open Air namens Filthrock in Mecklenburg Vorpommern. Also wer sich davon überzeugen will dass es in diesem Bundesland außer faulem Fisch und meiner Oma auch noch eine feine Metalsubkultur gibt, der komme vorbei und feiere mit uns.

Die Optik der Scheibe erinnert mich etwas an den Film „There Will Be Blood“. Zufall oder bewusste Entscheidung?
Da ich den Film nicht kenne, kann ich Dir diese Frage nicht beantworten. Was wiederum auch Unfug ist, da die Frage damit ja beantwortet ist. Verdammt.

Dann sei dir hiermit ein Filmtipp gegeben. Gibt es neben euch noch mehr Geheimtipps aus meiner Geburtsstadt? Wie ist die Berliner Metalszene grundsätzlich organisiert?
Ach ja, Berlin. Die herrliche Mathcoreband Cerebric Turmoil haben sich glaube ich vor einiger Zeit aufgelöst. Die waren ein Geheimtipp. Es gibt auf jeden Fall einige Bands, die gute Musik machen, sozusagen die Erdbeeren in der Scheiße, aber das ist ja wahrscheinlich überall ähnlich.
Was die Organisation angeht, funktioniert die Berliner Szene ungefähr so wie eine asiatische Militärdiktatur, alles ganz streng und autoritär. Das Regime wird vom Drogenhandel und den Amerikanern unterstützt, aber die Paraden sind sehr hübsch anzuschauen.

Da scheint ihr euch ja richtig wohl zu fühlen! Wie verhält es sich denn mit der deutschen Death Metal Szene und eurer Rolle darin?
Die deutsche Metalszene funktioniert natürlich ebenfalls wie eine Militärdiktatur, ganz klar.Unsoul bilden in diesem Unterdrückungstaat das Ministerium für Raumfahrt. So, da hast du deine Antwort, wir sind das Raumfahrtministerium!

Jetzt versteh ich auch warum ihr so hochfliegende Pläne habt. Bevor wir uns völlig im Ulk verlieren, gibt’s jetzt aber noch schnell unser traditionelles Wortspiel: Was fällt dir zu folgenden Bergriffen ein:

Erdanziehung: Unentbehrlich, aber im Flugverkehr ein wahres Biest!
Napalm Death: Es gibt schönere Todesarten.
Berliner Weisse: Zu süß.
Nürnberger Bratwurst: Thüringer Rostbratwurst.
Kreuzberg: Arbeit.
Frühling: Wird Zeit!
Metal1.info: Lesen, Leute! Lesen!

Vielen Dank für die ausführliche und sehr amüsante Beantwortung der Fragen! Noch viel Erfolg mit der neuen Platte und allen folgenden, die letzten Worte gehören dir.
Danke auch dir für das Interview. Leute, geht doch zur Abwechslung mal auf ein Unsoulkonzert oder ein Philipp Boa Konzert natürlich, und wenn ihr dann schon da seid, könnt ihr auch gleich unser Album und ein hübsches Leibchen kaufen. Ansonsten könnt ihr das auch auf unserer Myspaceseite tun. Viele Grüße und bis bald….

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