Mit „Hex“ haben FAUN ihr stärkstes Album seit „Eden“ hingelegt. Vom Ausflug in die Welt des Ethno-Schlagers ist hier nun endgültig nichts mehr übrig – und so freut sich die Band laut eigener Aussage sehr darüber, dass trotz dieser „nerdigen Songs“ immer noch so viele zu ihren Shows kommen wollen. Der bestuhlte Circus Krone in München ist auch tatsächlich gut gefüllt. Mit zwei sehr unterschiedlichen Vorbands ergibt sich ein für manche sicher unnötig umfangreiches, aber abwechslungsreiches und qualitativ hochwertiges Programm.

Über die einzigartige Location freuen sich auch PETTERSSON AND FREDRIKSSON, ein in sich ruhendes Duo aus Schweden, das sich dem traditionellen Folk seiner Heimat verschrieben hat. Mit lässiger Präzision zupfen und streichen sie sich an traditionellen Instrumenten wie der Nyckelharpa, Strakharpa oder der Nordic Mandola in atmosphärische Klangwelten. „Modern Reinvention“ nennen sie das und nehmen sich auch die Zeit, die Historie hinter den Melodien kurz zu skizzieren, wie beispielsweise altertümliche Signale der Schäfer oder die Polska als Tanz der Ehe, Liebe und Mystik. Mit „Diger Jankes Vals“ spielen PETTERSSON AND FREDRIKSSON auch den Song, den sie zusammen mit FAUN unter dem Namen „Vals“ auf „Hex“ vertont haben. Diger Janke, ein berüchtigter Bandit, Räuber und Mörder, aber eben auch großartiger Fiddler, schlägt damit die Brücke nicht nur zum Headliner des Abends, sondern auch zu den Freibeutern, die kurz nach dem schwedischen Zweiergespann mit unzähligen Charakteren die Bühne entern.

YE BANISHED PRIVATEERS bleiben ein Phänomen für sich. Die kaum zu überblickende Menge an kostümierten Musiker*innen, Props und Instrumenten könnte so chaotisch wirken, beweist sich aber bei jedem Auftritt wieder als gut durchdachte Show, bei der überraschend wenig dem Zufall überlassen wird. Kraftvolle Stimmen und Fingerfertigkeit am Instrument gehören hier ebenso dazu wie die verlotterten Piratenkostüme und die dreckige Attitüde. Da haben auch die besten Tontechniker eine Handvoll Arbeit, das alles unter einen Hut zu kriegen, bevor der erste Song vorbei ist. An diesem Abend wird auch diese letzte Hürde genommen, und YE BANISHED PRIVATEERS können sich von ihrer besten schlechtesten Seite präsentieren. Entsprechend rennen ihnen die Zuschauer im Nachgang auch die (Merch-)Bude ein. So seltsam es auch ist, sie vor Sitzpublikum zu sehen: Songs wie „Annabel“ oder das „Capstan Shanty“ haben auch mal ein solches Setting verdient. Und die eine oder andere Obszönität, beispielsweise bei Wiegenliedern für eine Rumflasche, wirkt so gleich noch einmal verruchter.
Verrucht oder verplant, man weiß es nicht, als FAUN schließlich zehn Minuten früher als kommuniziert zu spielen anfangen. Auch der Circus Krone scheint auf dem falschen Fuß erwischt worden zu sein, denn auch der übliche vorwarnende Gong bleibt stumm, und viele Plätze im Innenraum sind noch nicht wieder besetzt. So herrscht einige Minuten lang eine seltsame Stimmung der Verwirrung, während FAUN mit „Belladonna“, der letzten Single-Auskopplung, in ihr Set einsteigen. Das legt sich aber spätestens mit den „People Pleasern“ „Alba“ und „Walpurgisnacht“, die seit Jahren fester Bestandteil der Live-Setlisten sind und entsprechende Publikumsreaktionen nach sich ziehen. Die ersten Tanzfreudigen machen sich auf zu den Zwischengängen – nur um dann nach wenigen Minuten wieder mit ein bisschen enttäuschter Miene zurück zu den Sitzplätzen zu huschen, denn mit den „Stimmungsmachern“ ist es vorerst vorbei. Mit Songs wie „Lament“ (inklusive großer beleuchteter Trommel) und „Gwydion“ (exklusive ELUVEITIE) zaubern FAUN stattdessen eine andächtige Schwere in den Raum. Sänger Oliver s. Tyr wird es später noch sagen: „Hex“ sei ein Album voll nerdiger Musik, und es sei ihnen eine Herzensangelegenheit gewesen, diese zu schreiben, auch wenn ihnen bewusst war, dass es sperrig ist und nicht mehr jeden Fan abholt. Davon ist vor zahlendem Publikum natürlich wenig zu spüren, hier wird auch ohne Schunkeltakt aufmerksam zugehört und mitgesungen. Sogar der Greifvogelschrei bei „Galdra“ wird von einem enthusiastischen Zuhörer mitgeschrien.
Sicherlich nicht unbeteiligt am Sound der neuen Songs ist der mittlerweile nicht mehr ganz so neue Percussionist Alex Schulz, der auch bei den vorherigen Alben bereits an der Produktion mitgearbeitet hat. Seinen Einfluss hört man live auch bei den älteren Titeln wie „Nacht des Nordens“, die alle ein bisschen angepasst klingen, etwas mystischer vielleicht, an den Sound der neueren und so die ganze Setlist wie aus einem Guss wirkt. Auch das Duo PETTERSSON AND FREDRIKSSON kann mit seinen besonderen Instrumenten noch seinen stilistischen Stempel aufdrücken: Für „Iduna“ und „Wind Und Geige“ sind sie als Special Guest mit auf der Bühne. Der Abend steht zwar ganz im Zeichen von „Hex“, doch es bleibt auch Zeit für die eine oder andere lieb gewonnene Tradition, wie beispielsweise ein Drehleier-Solo vom Virtuosen Stephan Groth oder augenzwinkernde Ansagen von Oli zu wilden Orgien, die gerne bei FAUN-Konzerten im Publikum gefeiert würden. Die passende Musik für ausgelassene Stimmung kommt allerdings erst ganz zum Schluss: Bei „Rhiannon“ wird noch einmal ausgelassen getanzt. Als Zugabe spielen die FAUNe schließlich noch „Diese kalte Nacht“ (mit einem kleinen, sympathischen Texthänger) und „Hare Spell“, einen echten, überlieferten Zauberspruch, der Menschen in Hasen verwandeln soll. Glücklicherweise funktioniert der Spruch an diesem Abend nicht, und so können alle Zuhörenden auf zwei Beinen nach Hause gehen.
„Magie ist Imagination und Manifestation, sie ist in jedem Schöpfungsakt, den wir vollbringen. KI möchte us zu stumpfen Endverbrauchern machen“, sagt Oli während des Auftritts. Es ist ein klares Statement gegen die Auswirkungen, die KI auf uns als Gesellschaft und uns als Menschen ausübt. So fühlt es sich schon wie ein Protestakt, eine Gegenbewegung an, auf ein Live-Konzert zu gehen. Von Hand geschriebene Musik mit echten Stimmen und echten Instrumenten, das ist echte Alltags-Magie – und sie stirbt hoffentlich noch lange nicht aus.


Spannend, ich habe das diesmal deutlich anders erlebt. Das war mein fünftes Faun-Konzert, davon das Dritte im Circus Krone und ich persönlich finde, dass diesmal kaum Stimmung aufkam. Klar, Faun werden wohl nie wieder Shows in Clubs vor stehendem Publikum spielen, aber ich finde, diesmal hat man schon deutlich gemerkt, dass das Publikum es sich auf den Sitzplätzen schon sehr bequem gemacht hat. Da wurden lautstark Fischsemmeln, Bratwürste, Popcorn und Chips gegessen. Nennt mich gerne einen Grantler oder Szene-Snob, aber muss das auf so einem Konzert sein? Und ein paar mehr oder wenige enge Gänge zum Tanzen oder auch allgemein sich nur zur Musik bewegen, sich reinfühlen, etc. können einfach keine wirklichen Tanzflächen ersetzen. Ich fand auch, dass man Faun die schon lange laufende Tour angemerkt hat. Aber freut mich für dich, dass du so viel Spaß an der Show hattest.