Mit ihrem zwölften Studioalbum „Hex“ tauchen FAUN thematisch tief in die Sagenwelt rund um Hexen, weise Frauen und Heilerinnen verschiedener Kulturen ein. Das Album erscheint drei Jahre nach der Veröffentlichung von „Pagan“ (2022) und führt die Weiterentwicklung des Sounds konsequent fort. „Hex“ ist ein abwechslungsreiches, fantastisch produziertes Gesamtkunstwerk geworden, das die Herzen jedes Genre-Fans höherschlagen lässt.
Mit sieben vorab erschienenen Singles war die atmosphärische Ausrichtung des neuen Materials sicherlich keine Überraschung mehr. Und dennoch: Es ist nun sechs Studioalben her, dass FAUN mit „Von den Elben“ eine neue Richtung ausprobiert und eingeschlagen haben. „Hex“ ist das erste Werk dieser Reihe, das auch fernab der Singles völlig frei bleibt vom Schlager-Pop-Stampf, den man der neuen Fans zuliebe selbst nach der Befreiung vom Major-Label in einzelnen Stücken mitgezogen hat. Es ist gleichzeitig eine Rückbesinnung und eine Weiterentwicklung und schafft den Spagat zwischen Authentizität und Fan-Service: ein mystisches, gut recherchiertes und durchgängiges Thema mit Texten in verschiedenen, auch für westliche Ohren ungewohnten Sprachen. Dazu verwobene, neu interpretierte Traditionals, mitreißende Instrumentalpassagen und -stücke auf faszinierenden Instrumenten sowie ein verträumt-romantisches, von Drehleierspieler Stefan gesungenes Lied und nicht zuletzt harmonisierende Frauenstimmen. Das alles ist typisch FAUN, und dennoch hat die Pagan-Folk-Formation 14 Jahre Findungsphase und mehrere Musiker*innenwechsel gebraucht, um sich wieder in dieser Form präsentieren zu können. Selbstbewusst schaffen sie detailreiche und facettenreiche Klangwände, die jedes musikalische Suchen vermissen lassen.
Welche Songs von „Hex“ als Singles vorab ausgekoppelt wurden, haben sich die FAUNE ebenfalls klug ausgesucht. „Ylfa Spere“ in alter angelsächsischer Sprache beschreibt einen alten Zauberspruch aus dem 11. Jahrhundert und ist, für eine erste Single, angenehm nischig – und damit unheimlich interessant. Es folgen weitere Songs mit genrefremden Gastsängerinnen, die abseits ihrer eigenen Nische nicht allzu bekannt sind („UMAY“ mit FATMA TURGUT und „Nimue“ mit CHELSEA WOLFE) und sich somit abgrenzen von den sich langsam, aber sicher wiederholenden Features der deutschen Folk-Bands untereinander. Das Signal nach außen ist klar: Das werden vielleicht keine 20 Millionen Aufrufe bei Spotify mehr, aber dafür machen wir genau, was wir wollen und mit wem wir es wollen. Und das Ergebnis zu hören, macht große Freude.
Das Album steigt ein mit „Belladonna“, das irische Volksweisen mit verschiedenen Elementen wie südamerikanischen Cumbia-Rhythmen und Hard-Rock-Gitarren kombiniert. In Summe klingt es beschwörerisch nach einem singenden Hexenzirkel und leitet so perfekt ins Thema ein. Besonders hervorzuheben sind Songs wie „Blot“ und „Lament“, die einen vielschichtigen Klangteppich ausbreiten und eine tiefe Sogwirkung erzeugen. Man spürt bei ersterem wie auch in weiteren Liedern den größer werdenden Einfluss des modernen Nordic Folk, ohne dass man das Gefühl hat, dass FAUN WARDRUNA und Co. kopieren möchten. „Nimue“ und „Zauberin“ sind die eingängigeren Ohrwürmer des Albums, die sich in die Liste der Songs einreihen, die Fans jeder Schaffensphase abholen können. „Lady Isobel“ gleitet dagegen ein wenig in den Kitsch ab, dürfte aber gerade durch die reduzierte Machart Romantiker*innen ansprechen. Mit dem letzten Track „Alfar“ ist auch wieder ein erzählendes Stück auf dem Album, das erst märchenhaft beginnt und damit etwas zu trivial wirkt, um zu den anderen Stücken zu passen. Doch schon nach dem ersten Refrain schlägt es um und wartet mit einem der besten Instrumentalteile von „Hex“ auf – eine Überraschung auf der Zielgeraden.
„Hex“ ist ohne Frage das beste Album von FAUN seit „Eden“ und ein Highlight nicht nur der eigenen Diskografie, sondern auch innerhalb des ganzen Genres. Ohne Frage steckt unendlich viel Herzblut in jedem einzelnen Stück. Und auch wenn vielleicht nicht jeder Track bei jedem Hörenden zündet, so ist doch kein einziger objektiv schwacher dabei. Die kommende „World Hex Tour“ wird sicherlich zeigen, welche Stücke zu Dauerbrennern werden – es stehen jedenfalls gleich zwölf passende Songs zur Auswahl.
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Wertung: 10 / 10


