Festival-Mediaval VI – Tag 2

  • Goldberg, Selb
  • 06. September 2013 - 08. September 2013

Der Samstag in Selb beginnt beim FESTIVAL-MEDIAVAL traditionell mit einem Bandcontest, dieses Jahr wieder in der Rubrik „Spielleute“. Die Gewinner der letzten Jahre spielten in den Festivalplanungen abseits des zugesicherten Spots für das Folgejahr keine Rolle mehr. 2013 liegt es an TANZEBOM, BRIGANDU und SAITENWEISE dies zu ändern. Für Hörer mittelalterlicher Marktmusik offenbaren alle drei Gruppen ein solides Programm, welches abseits der einzig etwas bekannteren Band SAITENWEISE allerdings ohne nennenswerte Highlights auskommt. Erwartungsgemäß setzen sich dann auch die Favoriten durch, wenngleich knapper als vermutet. Für den gediegenen Tageseinstieg mit Dudelsack und Co. finden sich eine Hand voll Zuhörer sein.

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Wer es etwas schneller und härter braucht, kommt an der Burgbühne bereits um 12 Uhr auf seine Kosten. Dort rocken die hessischen ELMSFEUER die Festivalschar ordentlich durch und beweisen, dass sie den Goldenen Zwerg 2012 nicht zu unrecht gewonnen haben. Käpt’n Wirti und seine Crew präsentieren ihren ersten Longplayer „Schatzsuche“ und besonders Szenekenner werden darin Melodieführungen a la Nachtgeschrei wiedererkennen. So wechseln sich am vorderen Bühnenrand Gitarrist Dargon und die charimatische Akkordeonspielerin Anni ab – was gleichzeitig den Klang des Piratenrocks widerspiegelt, der von den einzelnen Musikern entsprechend inszeniert wird und dadurch buchstäblich lebt. Einzig an die wenig raubeinige, dafür melodische Stimme des Käpt’ns werden sich Piratenkundige gewöhnen müssen. Für die kommenden Jahre sind ELMSFEUER hierzulande aber eine der wenigen Hoffnungen im klassischen Folkrock. Arrrr!

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Als erster Tagesordnungspunkt auf der Hauptbühne steht mit KAUNA ein auf den ersten Blick namenloses Projekt auf dem Billing. Dahinter verbirgt sich jedoch das Duo um Nyckelharpa-Spieler Boris Koller (Estampie, Poeta Magica) und Faun-Mastermind Oliver Sa Tyr an der Laute. Die beiden Musiker nehmen zu Beginn des Auftritts im Rahmen des Nordic-Specials in der Bühnenmitte Platz und verweilen dort für die kommenden 60 Minuten. Ab und an präsentieren sie einen zusätzlichen Gastmusiker. Was das Duo bzw. temporäre Trio musikalisch präsentiert, ist schwere Kost, die trotz vorhandenem Abwechslungsreichtum auch mit der Hälfte der Zeit ausgekommen wäre. So nimmt sich Oli zwischenzeitlich ein paar Minuten, um den Festivalbesuchern zu erklären, dass die vermeindlich schiefen Töne aus der Nyckelharpa durch die spezielle Bauweise bedingt sind und so klingen sollen. Ob es das besser macht? Das Publikum honoriert die Polskas und anderen Kompositionen aus Nordeuropa jedenfalls mit höflichem Applaus, der KAUNA als Duett sichtlich freut.

Während die beiden Schwestern Leonora und Gabria aka Judith und Christine alias PURPUR anschließend auf der kleinen Theaterbühne ihr neues Werk „ZwillingsFolk“ vorstellen und damit für Gänsehautmomente sorgen, erweisen sich SATOLSTELAMANDERFANZ nicht nur namenstechnisch als schwieriges Unterfangen. Die multikulturelle Mischung aus mittelalterlichen Rhythmen und Melodien weiß nur schwer zu begeistern und entsprechend nutzen viele diese Darbietung, um das weitläufige Gelände nebst Lagerleben mit 20 Gruppen aus verschiedenen Zeitaltern genauer unter die Lupe zu nehmen. Musikalisch verpasste man an dieser Stelle auf der Burgbühne nichts.

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DANDELION WINE aus Australien erweisen sich auf der Schlossbühne wiederum nicht nur auf Grund ihrer Herkunft als echte Exoten auf dem diesjährigen Festival-Mediaval. Das Duo finanzierte seinen ersten Trip nach Deutschland mit Hilfe von Crowd-Funding, was unter anderem Sängerin Naomi Henderson eine blaue Haarpracht einbrachte. Diese nimmt ihr ungewöhnliches Haarkleid mit Humor und zusammen mit Nicholas Albanis präsentieren die beiden ein buntes Potpourri unterschiedlicher Genres. Darin mischen sich sanfter weiblicher Gesang mit teils treibenden Synthesizersounds und druckvollen Gitarren. Dies ist nun nicht zwangsläufig mittelalterlich oder folkig, qualitativ aber auf einem beachtlichen Standard – wenngleich Gitarrist Nicholas optisch leichte Assoziationen zu längst vergangenen Zeiten weckt.

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Ebensowenig mittelalterlich, dafür irgendwo zwischen Steampunk, Elektro, Rock und Folk reizen die nordeuropäischen EUZEN das Klangspektrum des Nordic Specials in vielerlei Richtungen aus. Prägend für den innovativen, wenngleich anfangs nicht leicht zugänglichen Stilmix sind treibende Basselemente, die Stimme von Sängerin Maria sowie der wechselnde Fokus auf die unterschiedlichen Stilrichtungen. Die Band liefert mit Bass und Schlagwerk stets die perfekte Basis für die markante Stimme der Frontfrau mit ihren roten Dreadlocks. Als Anspieltipp für Neugierige empfiehlt sich „Judged By“ – eine Nummer, die sich mit gesellschaftlichen Vorurteilen gegen Menschen mit Federn oder anderen optischen Besonderheiten auseinandersetzt. Oder wie Maria es ausdrückt: „You know…when you get the looks.“
„The Looks“ bekommen EUZEN auch, allerdings im positiven Sinne, steigert sich der Auftritt doch kontinuierlich und begeistert eine stetig wachsende Schar vor der Bühne, nicht nur weil sich Steve und Jenny von OMNIA die Ehre geben und sich für Marias Gastauftritt am Vortag revanchieren.

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Nach einer – milde ausgedrückt – sehr traditionellen Darbietung der dänischen GNY nebst Tanzanleitung zum Ringelpietz mit Anfassen, erhält mit den Berlinern THE SANDSACKS der Irish Folk einen stürmischen Einzug beim Festival-Mediaval. Das Sextett war bereits vor einigen Jahren zu Gast in Selb, doch in der Zwischenzeit hat sich das Bandkonzept der Ostdeutschen geändert: Der traditionelle Irish Folk der ist auf ihrem 2012er Werk „Far Away” handfestem Folkrock gewichen, bei dem Geiger Christoph nun als waschechter Frontmann agiert. Passend zur neuen musikalischen Ausrichtung geraten auch die Bühnenoutfits der sechs Musiker: So haben THE SANDSACKS ihre Zimmermannskluft früherer Tage u.a. gegen schwarze Shirts eingetauscht. Darüber hinaus wurde das Live-Ensemble passenderweise um ein Schlagzeug und eine E-Gitarre erweitert, die für den nötigen Rock zum Folk sorgen. Auf dem Festival-Mediaval wirkt der generalüberholte Stilmix ebenso passend und gelungen wie beim Shamrock Castle 2013. Die neuen Kompositionen wie „Life Ain’t Nice” strotzen zwar noch nicht vor musikalischer Selbständigkeit, doch die Menge in Selb stört das wenig und das Gesamtpaket als großer Kontrast zum restlichen Programm. Zusammen mit Elmsfeuer bieten THE SANDSACKS das folkrockige Highlight des Wochenendes.

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Gut Ding will Weile haben – im Falle des Edda-Projekts von POETA MAGICA genau genommen zwei Jahre. Im Jahr 2011 musste die damalige Headliner-Show am Sonntag wegen eines plötzlichen Unwetters frühzeitig abgebrochen werden. Nun versammelte 2013 der Kopf des Projekts, Holger Funke, erneut eine Vielzahl an Musikern und anderen Gästen, um im Rahmen des Nordic Specials den verpassten Auftritt von damals nachzuholen. Neben Boris Koller an der Nyckelharpa und Göran Hallmarken an der Drehleier fungiert Prof. Dr. Ulrich Mehler als Erzähler. Von seinem Holzthron aus las der Literaturwissenschaftler aus den alten Edda-Texten. So ensteht beinahe ein mittelalterliches Livehörspiel, welches für Interessierte eine mystische Stimmung voller Farben in der Musik und auf der Bühne entstehen lässt. Atmosphärisch bieten POETA MAGICA für Freunde der Symbiose aus Text und ruhigen Melodien ein Highlight. Alle anderen dürften sich bereits frühzeitig für den Samstagsheadliner auf der Burgbühne umorientieren.

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Dort läuten die fränkischen WINTERSTORM das „Metalavial“ ein. So lautet zumindest der Name jenes Stücks, welches die Musiker nach eigener Aussage extra über bzw. für dieses Festival geschrieben haben. Der Name bzw. die damit verbundenen Assoziationen sind in den folgenden 75 Minuten Programm. Der Power Metal erobert Selb und lockt eine beträchtliche Menge vor die kleinere der beiden Bühnen. Dort rufen WINTERSTORM früh die „Stormsons“ aus, holen die Menge „Into The Light“ und überzeugen mit eben jenem Programm, welches sie in den letzten beiden Jahren über den Newcomer-Contest und einen Mittags-Slot zum samstäglichen Headliner gemacht hat. Dass diese Musik rund um krachende Gitarrenriffs, treibende Drums und einer Vielzahl an Synthesizern beim größten Mittelalterfestival Europas nicht unbedingt zum erwarteten Programm zählt, darf an anderer Stelle diskutiert werden. Zwar gelingt es dem Quintett nicht über die ganze Zeit zu unterhalten, doch insgesamt beweisen die Jungs, dass sie nicht zu Unrecht das Vertrauen von Veranstalter Bläcky genießen und konsequenterweise kommendes Jahr mit Van Canto durch Europa touren. Sänger Alex nutzt die dritte Gelegenheit in Selb auch direkt, um WINTERSTORM für 2014 mit einem neuen Album im Gepäck ins Gespräch zu bringen, nachdem er sich erkundigt hatte, wer denn aller die Band aus den Vorjahren kenne. Und die Reaktionen sind deutlich, so dass vielleicht aller guten Dinge nicht drei, sondern vier sind. Zwar gibt es zwischen den einzelnen Stücken kleinere Längen bei Ansagen nebst zu gewollt lustigen Danksagungen mit ellenlangen Papierrollen, doch insgesamt sind die Metaler ein Paradebeispiel, wie sich auch szenefremde Gruppen auf einem toleranten Festival vom Tagesopener zum -endpunkt entwickeln können. Und der winterliche Sturm dürfte erst am Aufziehen sein…

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GARMARNA? Ja. Wer sich je die Frage gestellt hat, wer in aller Welt (bzw. konreterweise Schweden) dafür verantwortlich ist, dass der traditionelle Folk Ende der 90er ein Revival in weiten Teilen Europas feierte, der stolpert früher oder später über diesen Namen. Um die Jahrtausendwende wurde es plötzlich still um die Combo, während In Extremo und Co. hierzulande die Märkte eroberten. Über zwölf Jahre waren Sängerin Emma Härdelin und Co. inzwischen nicht in Deutschland zu sehen. Doch von Bühnenrost keine Spur. Wo ein Alan Stivell mit seiner Harfe an gleicher Stelle damit scheiterte, die Menge vor der Bühne in den Bann zu ziehen, gelingt dies GARMARNA im wahrsten Sinne des Wortes spielend. Und nicht nur das zahlende Publikum, sondern auch viele Bands und weite Teile des Veranstalters finden sich unter den Zuschauern, um dieser mitreißenden Darbietung des traditionellen Folks zu lauschen. Sängerin Emma hatte bereits im Vorjahr mit ihrem anderen Projekt Triakel angedeutet, wozu sie musikalisch und gesanglich in der Lage ist. Flankiert von Stefan Brisland-Ferner an der Drehleier und Violine sowie Gitarrist Gotte Ringqvist lebt ihre Stimme in Liedern wie „Herr Mannelig“ oder „Vänner Och Fränder“ noch einmal komplett neu auf. Besonders Brisland-Ferner an seinen beiden Instrumenten erweist sich als einziger Genuss. Solche Drehleiertöne hatte man hierzulande schätzungsweise noch nie gehört – und eine solche Haltung des Instruments nie gesehen. Trotz tosenden Beifalls, besonders beim instrumentalen Finale, spielt der Multiinstrumentalist seine Akkorde völlig unaufgeregt bis zum letzten Takt fehlerfrei zu Ende. Jede, aber auch wirklich jede Band, die sich nach dieser Aufführung noch einmal traditionellem schwedischem Liedgut wie „Herr Mannelig“ annimmt, sollte sich dies verdammt gut überlegen. Die Referenz stand in Selb 2013 auf der Bühne. Ohne Wenn und Aber. Bleibt zu wünschen, dass die beiden neuen Kompositionen ein Indiz dafür sind, dass es nicht wieder mehr als ein Duzend Jahre dauert, bis GARMARNA erneut auf einer deutschen Bühne zu sehen sind.

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Zum Tagesabschluss gibt es in Selb ein Schauspiel, dem Worte kaum gerecht werden können: Was passiert, wenn mehrere Musiker unvorbereitet auf eine Bühne losgelassen werden? Kurzum: eine Menge. Neben Marcus Van Langen versammeln sich u.a. Dandelion Wine, Teile von Poeta Magica sowie viele weitere Spielmänner und Spielfrauen zur großen NACHT DER SPIELLEUTE. Dass im Rahmen von mehreren „Whiskey In The Jar“s sowie einigen Traditionals bis in die tiefste Nacht auch einmal Musiker angekündigt von der Bühne verschwinden, um angeblich ein Instrument zu holen, ohne danach wieder aufzutauchen – geschenkt. Es herrscht ausgelassenste Feierstimmung rund um die völlig überfüllte Bühne, bei der man ab und an das Gefühl hatte, dass gleich einer der Musiker vorne über in den Fotografengraben kippen müsste. Ein wundervoller, stimmungsgeladener Tagesabschluss rund um mittelalterliche Marktmusik, vielleicht der beste in Selb bis dato überhaupt. Ein bisschen hat diese Darbietung etwas von einem Nachtkonzert beim MPS. Nur mit mehr Gesichtern – und vor allem improvisierter.

So schließt ein musikalisch sehr überzeugender Festivalsamstag, der mit Gny und Satolstelamanderfanz lediglich zwei wenig massenkompatible Acts bot. Alles andere zeigte das Festival-Mediaval in seiner größtmöglichen Vielfalt und vor allem Qualität.

So war der erste Tag…
Und so der dritte…

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