Festival-Mediaval VI – Tag 3

  • Goldberg, Selb
  • 06. September 2013 - 08. September 2013

SONY DSCDer dritte Tag beginnt in Selb wie vor zwei Jahren – mit Metal um 10 Uhr morgens. Alle Besucher des Zeltplatzes, die zu dieser Zeit noch nicht auf den Beinen sind, werden von THE PRIVATEER aus ihren Luftmatrazen und Schlafsäcken gehoben. Die Freiburger stellen in Selb ihr Erstlingswerk „Facing The Tempest“ sowie den Nachfolger „Monolith“ vor, welcher ab November in den Läden stehen wird. Dies kommt durchaus an, würde aber bei einem Deutschaufsatz unter der Rubrik „Themaverfehlung“ laufen, da die Metalparts in Stücken rund um verborgene Schätze, ferne Welten, altes Seemannsgarn und die Mythen der See deutlich ausgeprägter sind als der Folk. Dieser besteht bei THE PRIVATEER im Grunde nur aus einer Geige. Konsequenterweise reicht es für die Südwestdeutschen auch nicht zum Sieg. Diesen fahren wiederum die nicht minder überzeugenden IMPIUS MUNDI aus nördlichen Gefilden ein, bei denen besonders „Fahr zur Hölle“ mit unglaublicher Eingängigkeit punktet. Außerdem beherrschen die Musiker ihr folkrockiges Handwerk und geben sich dabei erfrischend charmant und witzig. Dagegen verblassen SACRED SILENCE als dritte Band völlig. Diese kündigen ihr mögliches Comeback 2014 damit an, dass sie dann in Selb ihr Zehnjähriges feiern würden und blicken daraufhin in verdutzte Gesichter. Im Zuge dessen (und auch mit der Erfahrung der vergangenen Jahre) sollte der Newcomer-Wettbewerb eher zu einem Talentwettbewerb umgemodelt werden.

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Die Letten OBSCURUS ORBIS eröffnen das Hauptprogramm des Sonntags auf der großen Bühne. Zwar sind die Musiker als Teil des Nordic Specials angekündigt, doch diesen Bezug bei der traditionellen Marktmusik herzustellen, fällt schwer. Die Osteuropäer wissen mit der trommellastigen Darbietung durchaus zu überzeugen. Besonders der muskelbepackte Trommler mit seinem entsprechenden Instrument hinterlässt optisch und akustisch einen bleibenden Eindruck. Bei OBSCURUS ORBIS steckt ordentlich Bums drin, so viel steht nach diesem Auftritt fest.

 

 

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Jenen vermisste man bei der deutsch-schwedischen Combo STRÖMKARLEN hingegen vollends. Benannt nach einem nordischen Wassergeist, der seine Opfer mit böterendem Geigenspiel in die Tiefe lockt, verzaubert das Trio hingegen durch harmonische Melodien aus ihren heimischen Gefilden. Dazu legen die drei Musiker die nötige Ausstrahlung an den Tag, um ihre bezaubernden Klänge sowie den mehrstimmigen Gesang mit einem gewissen Charme zu kombinieren. So flogen STRÖMKARLEN die sonntäglichen Herzen zu, obwohl die Bühnenshow wie gewöhnlich bei dieser Form von Musik bestenfalls rudimentär vorhanden ist.

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Corvus Corax meets Seeed? Oder: Wenn der Dudelsack mit der Trompete korpuliert, entsteht BERLINSKIBEAT. Im Mittelalter eine Musik der Zukunft, in Selb 2014 ein Phänomen der Gegenwart. Die Balkansounds der Blechbläser und die traditionellen Sackpfeifen vereinen sich zu feiertauglichen und tanzbaren Gassenhauern, gekrönt mit einer kollektiven Forderung nach „Champagner für alle“ – für „ein-euro-zehn“. Dass Sänger und Fronter Castus die Berliner Schnauze dabei sowohl im Deutschen als auch im Englischen durchzieht, ist basierend auf dem BERLINSKIBEAT-Konzept nur konsequent und sorgt für Unterhaltung. Dazu präsentiert sich der Kolkrabe äußerst charmant und wortgewandt. Diese „Berliner Pflanze“ könnte noch richtig erblühen.

Hatte der Sonntag bis dahin auf vielfältige Art überzeugt, so setzen die russischen WOLFMARE diesem Trend ein jähes Ende. Der Folkmetal im Stile von Korpiklaani leidet unter wenig überzeugendem männlich/weiblichem Gesang, sowie horrendem Geigenspiel und zu guter letzt einem Schlagzeuger, der keine Doublebass halten kann. Da hilft auch das knappe Outfit von Sängerin und Geigerin Lena Chikulaeva wenig. Sex „sellt“ eben nicht immer alles.

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Weniger Sex, dafür viel Charme und Natürlichkeit gibt es anschließend bei den britisch-deutsche Kapelle CARA zu sehen. Im Ausland längst kein unbeschriebenes Blatt mehr, feiern die beiden Frontfrauen Jeana Leslie und Gudrun Walther mit ihrem Projekt ihr umjubeltes Debüt in Selb. So tanzen weite Teile vor der großen Bühne zu den fröhlichen Melodien, die stets mit einem Lächeln an der Geige versüßt werden. Kein Wunder, dass CARA bereits jetzt für das Irland-Schottland-Special 2014 angekündigt sind. Besonders schön und erwähnenswert ist bei diesem Projekt die konsequente Folk-Linie, die sich wie ein angenehmer roter Faden durch den Auftritt zieht. Prädikat: musikalisch wertvoll und niedlich!

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Nach dem musikalischen Volldebakel beim Feuertanz Festival 2012 finden sich anschließend die dänischen Elektronik-Folker VALRAVN für ihr großes Abschiedskonzert ein. Die Besetzung gleicht dabei jener reduzierten Formation, die man bereits auf Burg Abenberg sehen konnte. Die Umsetzung aus elektronischen Sounds, Percussion und Streichern überzeugt beim Festival-Mediaval hingegen weit mehr als im fränkischen Burgenland. So feiern mit Sängerin Anna Katrin Øssursdóttir Egilstrøð und Juan Pino die letzten beiden verbliebenen Mitglieder der Originalbesetzung zusammen mit ihren treuesten Fans einen würdigen Abschied voller Emotionen. Nach den Auftritten 2009 und 2010 sind für alle Mediaval-Anhänger trotz des Endes von VALRAVNs letztlich aller guten Dinge drei: Obwohl sowohl die Musiker auf als auch die Anhängerschaft mit ihren Emotionen zu kämpfen hatten, zeichnen sich neue Projekte ab. Getreu dem Motto: Jedes Ende ist immer auch ein Neuanfang. So beenden VALRAVN auf dem Festival-Mediaval 2013 zunächst ihren gemeinsamen Weg sowie das Nordic Special, um vielleicht irgendwann in anderer Form zum Goldberg zurückzukehren.

SONY DSCJenen Schritt wagen CORVUS CORAX anno 2013. Unterstützt vom Düsseldorfer Percussion-Ensemble WADOKYO, das die alte japanische Kunst des Taiko-Trommelns berrscht, feiert das Festival-Mediaval in diesem Jahr einen lautstarken Abschluss. Insgesamt zehn zusätzliche Trommeln sorgen dafür, dass der Sound der selbsternannten Könige der Spielleute selten eindringlicher und martialischer zu vernehmen gewesen ist. Mag die Show nicht unbedingt durch Abwechslung geprägt sein, so überzeugt die schiere Gewalt der Instrumente, die vereinzelt durch Flöten und andere Melodieinstrumente angenehm abgeschwächt wird. Lässt sich über die Musik von CORVUS CORAX vortrefflich streiten, so muss man den Bandmitgliedern neidlos anerkennen, dass vier Dudelsäcke zusammen selten so harmonisch klingen. Wenn Feuerschwanz Dudelsack lieben, so leben ihn die Kolkraben auch nach über 20 Jahren noch wie kaum eine zweite Kapelle. Dazu kommen weitere selbstgebaute Instrumente wie eine der weltweit größten Drehleiern, die neben neuen Masken und einer bemerkenswerten Lichtshow für den ein oder anderen Hingucker sorgen. Dabei wird im Laufe des Auftritts rund um Venus, Vina und Musica – nebst zugehörigem Song – deutlich, dass die Berliner ihre Sackpfeifenparade mehrheitlich als Schlachtenmusik verstehen, die das Heer mitreißen sollen. Dazu tun WADOKYO ihr übriges und das Festival-Mediaval 2013 feiert somit ein gelungenes Ende.

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Galerie Corvus Corax / Wadokyo

Dass dieses Ende nur bis 2014 sein wird und das Festival an sich noch viele Jahre bestehen wird, daran gibt es keine Zweifel mehr. So schloss Veranstalter Bläcky Schwarz einen Anschlussvertrag mit dem neuen Bürgermeister von Selb über die kommenden Jahre. Die Idee der jährlichen Specials soll dabei fortgesetzt werden. So steht kommendes Jahr das Thema Irland und Schottland im Mittelpunkt. Bestätigt hierfür sind unter anderem bereits: Niamh Ní Charra, Cara, The Fretless und The Rapparees. Außerdem werden die Szeneaufsteiger Versengold ihr Comeback geben.
Wer immer noch nicht auf den Geschmack gekommen ist, möge sich neben diesem Bericht einige weitere durchlesen. Es gibt jedenfalls sehr viele gute Gründe, warum sich das Festival-Mediaval über die Jahre hinweg dermaßen etabliert hat – und fast ein jeder Jahr für Jahre gerne in das beschauliche Städtchen Selb nahe der deutsch-tschechischen Grenze zurückkehrt. Die Musik ist ein Teil der Faszination, der Rest muss erlebt werden. Und auch bei der siebten Auflage sind Neuankömmlinge genauso willkommen wie altbekannte Gesichter – sowohl im Publikum als auch auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Was an Tag 1 geschah…
…und wie der zweite Tag lief…

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