Konzertbericht: Heilung w/ The Hu

01.07.2025 München, Tollwood

Bevor HEILUNG eine längere Schaffenspause einlegen, sind sie noch einmal auf den deutschen Bühnen zu sehen – und ziehen dabei wie gewohnt zahlreiche Fans in ihren Bann. So ist auch das Münchener Tollwood-Zelt brechend voll mit Menschen aller Altersklassen und szenischen Zugehörigkeiten, die dem schamanischen Ritual beiwohnen wollen. Einen Strich durch die Rechnung macht einzig das Wetter: Bei über 30 Grad Außentemperatur herrschen im Zelt tropische Zustände, die ein gedankliches Abtauchen in nordische, sternklare Nächte deutlich erschweren.

THE HU im Juni 2025 in Nürnberg
THE HU im Juni 2025 in Nürnberg

Als Vorband haben sich HEILUNG diesmal niemand Geringeren als THE HU mit ins Boot geholt. Die während der Pandemie viral gegangene mongolische Rockband sorgt mit ihrem einzigartigen Mix aus traditioneller mongolischer Musik, Kehlkopfgesang und modernen Metal-Elementen international für Aufsehen. Mittlerweile füllen sie weltweit Hallen und gelten als Botschafter einer ganz eigenen musikalischen Fusion: „Hunnu Rock“, wie sie selbst ihren Stil nennen. Auch wenn HEILUNG stilistisch so aus dem Rahmen fallen, dass es schwer ist, einen passenden „Vorheizer“ zu finden, scheinen sich im Tollwood-Zelt auch viele Fans der härteren Klänge zu befinden.

Die Stimmung ist von Anfang an sehr gut, und das, obwohl THE HU sich ihre Hits für die zweite Hälfte des Sets aufheben. Technisch beeindruckend und musikalisch bemerkenswert erspielen sich die Mongolen trotz der Sprachbarriere ein aufmerksames, begeistertes Publikum. Mit dem IRON-MAIDEN-Cover „The Trooper“ haben sie auch einen Tribut an ihre Kollegen eingebaut, mit denen sie im Vorjahr noch getourt sind. Auch wenn durch den Bühnenaufbau und die wundervoll anzusehenden alten Instrumente wenig Bewegung auf der Bühne möglich ist, bleibt der Auftritt dennoch abwechslungsreich. Nach 45 Minuten ist dann aber auch für den letzten Headbanger die Luft im Zelt zu dünn geworden. THE HU geben die Bühne frei für HEILUNG.

HEILUNG 2025 auf dem Tollwood in München
HEILUNG 2025 auf dem Tollwood in München

Wie üblich beginnen HEILUNG – nach einer überraschend kurzen Umbaupause – mit einem Reinigungsritual: In dichten Weihrauchschwaden betritt Kai Uwe Faust als Erster die Bühne und bereitet diese, ganz in der Tradition schamanischer Zeremonien, auf das bevorstehende Spektakel vor. Die folgenden Minuten gehören allein dem atmosphärischen Aufbau: Eingebettet in ein Bühnenbild aus Moos, Zweigen und Tierschädeln entfaltet sich ein langsames, spirituell aufgeladenes Intro, das sowohl Einstimmung als auch Einladung ist. Eine Einladung, der leider nicht alle Zuhörenden folgen möchten, die über die gesamte Show den Versuch, Atmosphäre zu kreieren, mit unaufhörlichem Geschnatter erschweren.

HEILUNG 2025 auf dem Tollwood in München

Wer das Geplapper und die furchtbar schlechte Zeltluft ausblenden kann, lässt sich von HEILUNG knapp zwei Stunden lang in eine Welt zwischen archaischem Klang und musikalischer Zeremonie entführen. Musikalisch bleibt man dem Erfolgsrezept der vergangenen Touren weitgehend treu. Titel wie „Asja“ und „Anoana“ setzen auf mehrstimmigen Gesang und filigrane Instrumentierung, während bei „Hakkerskaldyr“ massive Trommelschläge für rituelle Wucht sorgen. Performance und Musik bilden ein rundes, ausgeklügeltes Gesamtkonzept. Sobald Sängerin Maria Franz in den Vordergrund tritt, dominiert ihr klarer Gesang, begleitet von zwei weiteren Sängerinnen. In schnelleren Passagen übernehmen Krieger:innen und Kai Uwe Faust das Geschehen – choreografiert bis ins Detail, aber mit genug Raum für organische Dynamik. Eine perfekt abgestimmte Lichtshow verstärkt die jeweiligen Stimmungen – von gleißendem Gelb über dunkles Grün bis hin zu dramatischen Stroboskop-Blitzen.

HEILUNG 2025 auf dem Tollwood in München

Wer nicht spirituell veranlagt ist, wird bei HEILUNG stets auf eine harte Probe gestellt. Dennoch kann man sich selbst dann der visuellen Kraft der kreierten Bilder, dem wummernden Rhythmus und dem gekonnten Aufbau der Show schlicht nicht entziehen. Mit der traditionellen Abschlusszeremonie schließt die Gruppe den thematischen Kreis des Rituals und lässt das Publikum in einer Mischung aus Ergriffenheit und Bewunderung zurück.

Auch 2025 bleibt ein Besuch bei HEILUNG ein audiovisuelles Erlebnis der besonderen Art – irgendwo zwischen spirituellem Ritual, Performancekunst und Konzert. Indoor, bei dünner Luft und Hitze, verpufft nur leider ein Teil der Wirkung. Wer noch Gelegenheit dazu hat, sollte sich das Ritual unter freiem Himmel ansehen, wo die Show erst richtig zum immersiven Erlebnis wird. Doch auch nach der längeren Schaffenspause bleibt zu erwarten, dass sich an der aktuellen Erfolgsformel nichts allzu viel ändern wird, und man HEILUNG in wenigen Jahren wieder auf liebevoll geschmückten Bühnen bei einzigartiger Inszenierung sehen und hören wird.

HEILUNG 2025 auf dem Tollwood in München
HEILUNG 2025 auf dem Tollwood in München

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