Welle:Erdball w/ The Sexorcist

  • München, Technikum
  • 25. Mai 2017

Pettycoat angezogen und Sonnenbrille aufgesetzt: WELLE:ERDBALL sendeten ihre Musik wieder im schönen München. Wer ein Faible sowohl für EBM, als auch für die 50er Jahre und die Geräusche der ersten Computer und Spielekonsolen übrig hat, pilgerte Ende Mai ins Technikum zum Radioprogramm der Sonderklasse. Mit ihrem cleveren und jahrelang erprobten Konzept lockt der Sender selbst das schwierige Münchener Szenepublikum aus der Reserve.

Als Vorhut der Welle darf sich THE SEXORCIST beweisen. Chris L. und Gunnar Kreuz halten es minimalistisch mit Keyboard und projiziertem Bandnamen, und versuchen mit ihren sehr ohrwurmstarken Melodien für Stimmung zu sorgen. Hier lässt sich der Großteil der Zuhörer aber nur widerwillig bitten. Mit einprägsamen Texten, die sich hauptsächlich um Arschlöcher, Klugscheißer und den eigenen Sexappeal drehen, trifft THE SEXORCIST vielleicht nicht unbedingt den Nerv des Publikums, das von WELLE:ERDBALL durchaus vielschichtigere und satirischere Texte gewohnt ist. Zwar sind die Texte laut Aussage des Duos durchaus schwarzhumorig zu verstehen, doch wenn es in “Tokio” japanische Klischees wie “Hello Kitty”, “Hentai”, “Karaoke” und Co. schlicht aneinanderreiht, kann man auch nicht gerade von inhaltsschwangerer, cleverer Lyrik mit breitem Interpretationsspielraum sprechen. Dafür punkten die EBM-ler mit ihren Covern von “Relax, don’t do it” und, in München natürlich selbstverständlich, “Skandal im Sperrbezirk” – auch wenn man sich als Zuschauer, der THE SEXORCIST zum ersten Mal hört, zurecht fragen kann, ob “Skandal im Sperrbezirk” wirklich ein EBM-Cover gebraucht hat.

Ob es das wirklich gebraucht hat fragt auch Sänger Honey in die Runde, nachdem WELLE:ERDBALL mit “Funkbereit!” ihren Auftritt eingeleitet haben: “In München darf man … nix”, beschwert sich der Stadthagener mit einem zwinkernden Auge bei seinem Publikum. Die zwei Vespas, mit denen die Ladys traditionell auf die Bühne fahren, mussten in der Landeshauptstadt bereits auf der Bühne stehen. “Sogar den Tank mussten wir leeren”, lacht Honey und schüttelt den Kopf. Zum Glück sind die Vespas nicht das einzige Accessoire, mit dem das Publikum neben der Musik bespaßt werden kann. So sorgen mehrere Kostümwechsel, LED-Reifen, riesige Luftballons, aufblasbare Flügel und Beamer-Projektionen für die optischem Schmankerl.
Musikalisch sorgt WELLE:ERDBALL mit Sounds aus dem Commodore 64, Nintendo DS und anderen technischen Geräten gewohnt für nostalgisches Feeling. Dass kein Bandmitglied ein/e gebohrene/r Sänger/in ist, spielt bei diesem Genre sowieso nur eine untergeordnete Rolle, und wird vom selbsternannten Sender mit Style und Attitüde kompensiert. Stück für Stück taut das münchener Publikum auf und beweist den Willen zur guten Laune und seine Feiertauglichkeit. In der ersten Hälfte des Konzerts sind ausschließlich neuere Stücke aus den vergangenen Jahren zu finden, so auch diverse Lieder aus dem neuen Album “Gaudeamus Igitur”, das erst Ende April 2017 erschienen ist. Als besonderes Highlight präsentieren die Musiker sogar ein Stück, das beim Amphi-Festival 2016 zusammen mit dem Publikum entstanden ist: Bei “Stirb mir nicht weg” konnte via Applauslautstärke zwischen verschiedenen Melodie-Parts gewählt und so der Song interaktiv zusammengestellt werden.

Dafür, dass sie zu Beginn kaum Bekanntes hören, sind die Zuhörer bereits bemerkenswert aufmerksam, doch spätestens bei den großen Hits wie “23” oder “Arbeit Adelt!” in der zweiten Hälfte steht kaum ein Tanzbein mehr still. Lautstark und abwechslungsreich können WELLE:ERDBALL ihr buntes Programm präsentieren. Mit viel Elan sowohl auf als auch vor der Bühne will der Abend gar kein Ende finden, und zurecht spielt der Sender eine Zugabe nach der anderen, bis nicht einmal über zweieinhalb Stunden Spielzeit das Publikum zum Gehen bewegen können. Mag diese Art Musik durch die penetranten 8bit-Töne auch für den einen oder anderen irgendwann dann mal genug sein, so haben sich WELLE:ERDBALL an diesem Abend ein gut gelauntes, nimmermüdes Publikum erspielt. Wer hätte gedacht, dass ein Radiosender noch etwas sein kann, was stundenlang Spaß macht.

Fotos freundlicherweise bereitgestellt von Helge Roewer.

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