Das Cover von "Hell Is A State Of Mind" von Lost Society

Review Lost Society – Hell Is A State Of Mind

LOST SOCIETY gehören gewiss zu den erfolgreichsten finnischen Metalbands des letzten Jahrzehnts. Gerade mal dem Knabenalter entwachsen konnte sich die Band um Frontmann Samy Elbanna schon für ihr Debüt „Fast Loud Death“ einen Vertrag mit dem Label-Riesen Nuclear Blast sichern und begeisterte schon damals das weltweite Publikum mit der rohen, ungestümen Energie ihrer Live-Shows und technischer Finesse, von der sich manch voll Profi eine Scheibe abschneiden konnte. Obwohl Herr Elbanna zuletzt vor allem Schlagzeilen machte, weil er bei der kurzen Reunion der Genre-Innovatoren CHILDREN OF BODOM für den verstorbenen Alexi Laiho übernehmen durfte, liegen auch LOST SOCIETY nicht auf Eis. Mit „Hell Is A State Of Mind“ hat die Truppe gerade ihr sechstes Album veröffentlicht.

Dass LOST SOCIETY ihre thrashigen Anfangstage lange hinter sich gelassen haben, ist spätestens seit ihrem vierten Album offensichtlich. Entsprechend eröffnet „Afterlife“ ihr neuestes Werk zwar mit dichter Atmosphäre, verortet die Band mit gerappter Strophe und non-existenten Gitarrensoli aber auch unüberhörbar im Nu Metal. Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem durchaus schiebenden „Blood Diamond“ sowie dem abschließenden Titeltrack, die neben modern groovenden Riffs mit theatralischen Synthie-Streichern überraschen, womit die Finnen an epische Momente von MACHINE HEAD heran reichen. In „Synthetic“ paaren sich schließlich von CHILDREN OF BODOM inspirierte Gitarren mit aufdringlichen Keyboards, Electro-Beat und Scratchings, womit sich das volle Ausmaß der Experimentierfreude der Formation offenbart.

Überhaupt haben sich LOST SOCIETY auf „Hell Is A State Of Mind“ gänzlich von jeglichen stilistischen Scheuklappen befreit, weshalb die Platte auch nichts für festgefahrene Hörer ist. Neben den bereits erwähnten Nummern gibt es mit „Dead People Scare Me (But The Living Make Me Sick)“ noch eine unverhohlene Hommage an WEDNESDAY 13, „Personal Judas“ flirtet mit dem Sound der DEATHSTARS und das ziemlich amerikanische „No Longer Human“ rückt die Burschen in die Nähe zu LINKIN PARK. Als sei das noch nicht genug, machen sie im starken „Kill The Light“ noch einen Ausflug in den moderneren Power Metal ihres Heimatlandes und auch eine balladeske, fast poppige Nummer wie „Is This What You Wanted“ gehört zu den Highlights der Platte.

„Hell Is A State Of Mind“ ist also ein musikalische ebenso vielfältiges wie niveauvolles Album, das zeigt, wie wohl sich LOST SOCIETY inzwischen in den unterschiedlichsten Stilrichtungen fühlen. Allerdings ist es fraglich, ob die Band ihr Profil mit diesem Genre-Potpourri wirklich schärft, denn letztendlich steckt in der Platte nur wenig persönliche Note – in wirklich jedem der Songs lässt sich eine bestimmte Band als Vorbild ausmachen, zum Teil wird deren Sound sogar 1:1 kopiert. Hinzu kommt, dass Samy Elbanna zwar ein hervorragender Gitarrist ist, das auf „Hell Is A State Of Mind“ aber wirklich gut versteckt. Klar, Gitarrensoli gibt es auch hier, aber sie  finden eher als Randnotiz statt. Man kann diesen Fokus auf die Songs als Ganzes als kompositorische Reife betrachten, aber dennoch ist es schade – wer die ersten drei Alben der Band – und den Instagram-Auftritt des Bandkopfs – kennt, weiß, wozu dieser Gitarrist eigentlich fähig ist.

Zynisch könnte man urteilen: Waren LOST SOCIETY früher „nur“ eine weitere Crossover-Thrash-Band (obwohl ihnen dieses Label zu keiner Zeit gerechte wurde), sind sie heute eine irgendwie im Nu Metal beheimatete Band, die nicht so recht weiß, was sie stilistisch will. Doch auch das würde den Finnen nicht gerecht. Das Quartett ist seit ihren anarchischen Anfangstagen zu einer musikalisch ziemlich beweglichen, modernen Metalband herangewachsen. Ja, die Songs auf „Hell Is A State Of Mind“ wirken kalkulierter, aber auch durchdachter und in ihren besten Momenten ist die Platte an Atmosphäre kaum zu überbieten. Die breite Streuung an Stilrichtungen mag nicht jedermanns Sache sein und Gitarrenfans bekommen bei LOST SOCIETY lange nicht mehr so viel geboten wie früher, aber „Hell Is A State Of Mind“ lässt den Reifeprozess einer unfassbar talentierten Band hautnah miterleben und das ist verflucht spannend.

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Wertung: 7 / 10

Thomas Meyns

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