Wirft man einen genaueren Blick auf die „Big Four“ des teutonischen Thrash Metal, werden SODOM oft in die Schublade für das Grobe und Rumpelige eingeordnet. Doch 1992, als der Rest der Welt gerade versuchte, in zerrissenen Flanellhemden nach Seattle zu klingen, traten Tom Angelripper und seine beiden Mitstreiter die Flucht nach vorne an – und zwar schwer bewaffnet. In einer Ära, in der Thrash eigentlich für tot erklärt wurde, lieferten die Gelsenkirchener mit „Tapping The Vein“ ihr wohl brutalstes Werk ab, das stellenweise mehr nach Florida Death Metal als nach Ruhrpott-Spelunke klingt. Dabei markierte das fünfte Album der Combo nicht nur den Einstand des damals blutjungen Andy Brings an der Gitarre, sondern war auch das letzte Studio-Statement von Schlagzeug-Legende Chris Witchhunter.
Der Einstieg in die Platte ist dabei alles andere als subtil: „Body Parts“ fegt mit einer Geschwindigkeit und einer Präzision über den Hörer hinweg, die man von SODOM nach dem vergleichsweise weniger bissigen „Better Off Dead“ kaum mehr erwartet hätte. Brings bringt eine punkige Rohheit ein, die den Songs gut zu Gesicht steht, ohne technische Finesse allzu sehr vermissen zu lassen. „Skinned Alive“ prügelt in bester SLAYER-Manier weiter, bevor mit „One Step Over The Line“ das erste Mal der Fuß vom Gaspedal genommen wird. Hier regiert der Groove und Onkel Tom beweist, dass seine Stimme auch im mittleren Tempobereich eine Durchschlagskraft besitzt, die so manchen Death-Metal-Frontmann der damaligen Zeit alt aussehen ließ.
Doch es bleibt nicht bei geradlinigem Gekloppe oder straightem Midtempo. „The Crippler“ walzt mit einem Riffing aus den Boxen, das weiter die Brücke zwischen klassischem Thrash und dem damals aufkeimenden Death-Metal-Hype schlägt. Auch „Bullet In The Head“ und der Titeltrack „Tapping The Vein“ zeigen beide, dass die Band komplexere Strukturen beherrschte, ohne ihren „Asi-Charme“ einzubüßen. Apropos: Für ein Schmunzeln sorgt damals wie heute das prollig-rockige „Wachturm“ – ein punkiger Mittelfinger, der sich tief in die Gehörgänge bohrt.
Den atmosphärischen Höhepunkt der Platte bildet schließlich das über siebenminütige „Reincarnation“. Hier ziehen SODOM alle Register, arbeiten mit Tempoverschleppungen und einer fast schon doomigen Schwere, die das Album auf einer düsteren, beinahe epischen Note enden lässt. Es ist dieser Mut zur Härte, der „Tapping The Vein“ von den genrefremden Experimenten der Szene-Kollegen jener Jahre abhebt.
Dass SODOM keine Gefangenen machen, verdeutlicht auch der Sound: Produzent Harris Johns hat den Songs eine Schärfe verpasst, die ihnen eine beinahe physische Präsenz verleiht. Man spürt förmlich die Reibung zwischen Brings’ jugendlicher Energie einerseits und Angelrippers polterndem Bass sowie Witchhunters nihilistischem Drumming andererseits. Das Spiel von Witchhunter auf dieser Aufnahme ist ein absolutes Monster – ungeschliffen, wuchtig und leider auch sein Schwanengesang, bevor der Alkohol und interne Querelen das Line-up zerfetzten.
„Tapping The Vein“ ist das hässliche, aggressive Stiefkind der SODOM-Diskografie, das man trotz oder gerade wegen dieser Attribute mögen muss. Es ist die perfekte Symbiose aus thrashiger Rohheit und todesmetallischer Härte. Wer die Platte bisher ignoriert hat, weil er nur „Agent Orange“ im Schrank stehen hat, kann seit Ende 2024 zu einer neu gemasterten Deluxe-Edition inklusive Redux-Version des Albums und Live-Aufnahmen greifen. Ein brutaler Meilenstein in der Band-Biografie, der zeigt: Wenn SODOM wütend sind, sind sie am besten.
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Wertung: 9 / 10



Für mich Heute noch das Zweitbeste Album von Sodom Brutal Hart Genial.
Ein Meilenstein in der Trash Geschichte.