Das kam überraschend: Wenige Wochen vor der Veröffentlichung des neuen Albums kündigte Tom Angelripper an, dass er aufhören wolle und SODOM in eine Pause auf unbestimmte Zeit gehen werden (Metal1.info berichtete). Böse Zungen würden behaupten, das sei nur ein Marketing-Gag des Gelsenkirchner Originals gewesen, um sich vor dem anstehenden Albumzyklus stärker ins Gespräch zu bringen. Doch ein Blick in den nach wie vor weitgehend leerstehenden Konzertkalender der Thrash-Veteranen aus dem Ruhrpott zeigt: Onkel Tom meint es zumindest im Live-Sektor ernst.
Während andere Bands also auf ausgedehnte Abschiedstour gehen, bringen SODOM zum (vorläufigen?) Abschied ein neues Studioalbum heraus. „The Arsonist“ kommt mit netto zwölf neuen Songs – der Titeltrack ist nur ein gut einminütiges Intro – daher und geht in knapp unter 50 Minuten über die Ziellinie. Die Tracks bewegen sich allesamt grob im Drei- bis Fünf-Minuten-Bereich – ein Hinweis darauf, dass die Nummern im Songwriting aufs Wesentliche reduziert wurden und kompakt ausgefallen sind; auf Ausflüge über die Sieben-Minuten-Marke wie auf dem Vorgängeralbum „Genesis XIX“ wurde verzichtet.
Ebenso verzichtet hat der Vierer auf einen Sound, der selbst dem einen oder anderen wohlwollenden Fan auf der 2020er-Platte, trotz aller authentischen Rückbesinnung, etwas aufgesetzt oldschool vorkam: Die Gitarren – wenngleich erneut analog mit Mikrofon vorm Marshall-Amp aufgenommen – klingen deutlich vitaler, bissiger und muskulöser als noch auf der vorherigen LP. Und wenn wir schon von analog sprechen: Bereits im Voraus wurde verraten, dass man für die Drum-Recordings die gute, alte 24-Spur-Maschine herangezogen hat – und das hört man natürlich. Der Album-Sound bei SODOM – stets von Platte zu Platte eine Wundertüte – bleibt also erdig und rau, und wer modernen Hochglanz sucht, wird auf dem charmant-schmutzigen „The Arsonist“ sicher nicht fündig.
Entgegen den rahmenbildenden Überraschungen zeigen sich SODOM in den Tracks selbst allerdings, wie man sie kennt – und liefern kompromiss- und schnörkellosen Thrash, der die Grundzutaten des Genres verinnerlicht hat, ohne die gelegentlichen Abstecher in rockige bis punkige Gefilde sowie extremere Metal-Bereiche missen zu lassen. Schon der Quasi-Opener „Battle Of Harvest Moon“ tönt mit einem absoluten Signature-Riff aus den Boxen, um dann mit Skank-Beat und Gang-Shouts weitere Charakteristika des Genres abzuhaken, während die Spannung mit Tempowechseln aufrechterhalten wird. Obendrein deckt der Track mit der Vietnamkriegsthematik eins von Angelrippers Lieblingssujets ab.
Derlei Nummern finden sich mehrere auf „The Arsonist“ (etwa „The Spirits That I Called“ oder „Gun Without Groom“). Stürmischer wird es etwa mit dem Uptempo-Knüppler „Trigger Dislipline“, in dem der Frontmann giftig am oberen Ende seiner Range screamt, oder dem Tribute-Song an den stilprägenden verstorbenen Ex-Drummer Chris „Witchhunter“. Demgegenüber stehen Stücke wie „Scavenger“, „Twilight Void“ oder „Obliteration Of The Aeons“, die mit ihren schleppenden Einstiegen und dem stampfenden Midtempo den Riffs mehr Luft zum Atmen geben und so teilweise auch schon vor über 30 Jahren auf einer SODOM-Platte hätten vertreten sein können. Für kurzes Aufblicken sorgen Momente wie die abrupten Wechsel zwischen Rock, Punk und Thrash in „Taphephobia“, die offensichtliche SLAYER-Hommage in „Sane Insanity“ (SLAYEResk auch die letzte Hälfte des Album-Closers „Return To God In Parts“) oder das mysteriös betitelte „A.W.T.F.“, das mit seinem von Doublebass begleiteten Hard-Rock-Riffing rotziges Speed-Metal-Flair versprüht.
Die Songs haben, wie zuvor angedeutet, alle gemein, dass an ihnen kein Gramm Fett zu viel hängt: Sie kommen ohne Umwege auf den Punkt. Die Gemeinsamkeiten im Songwriting gehen aber noch weiter: So greifen SODOM auf „The Arsonist“ durchweg auf traditionelle, ja manchmal sogar sehr vorhersehbare Songstrukturen zurück. Das muss nichts Schlechtes sein, sorgt es doch in der Regel für Eingängigkeit – theoretisch. Doch bleiben die Tracks auch nach mehreren Durchläufen zurückhaltend hinsichtlich ihres Wiedererkennungswerts. Ohne ihn zu ruinieren, schmälert das den Hörgenuss doch unvermeidlich.
Es steht außer Frage, die großen Hits sind bei SODOM schon lange geschrieben und Angelripper & Co. müssen niemandem mehr etwas beweisen. „The Arsonist“ bietet im Lichte dessen unterhaltsame und handwerklich über jegliche Zweifel erhabene SODOM-Kost, die ohne Ausfälle, jedoch auch ohne eindrucksvolle Gänsehautmomente serviert wird. Sollte dies wirklich das letzte Album der Gelsenkirchener Szene-Institution sein, mag es kein fulminantes Abschlussfeuerwerk sein, aber ein mehr als solider Schwanengesang. Ob sich doch noch ein „Arsonist“-Track als Stück für die Ewigkeit erweist und wie es mit der Band weitergeht: Die Zukunft wird es zeigen.
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Wertung: 7.5 / 10


