CD-Review: Unexpect - In A Flesh Aquarium

Besetzung

Syriak - Gesang, Gitarre
Artagoth - Gesang, Gitarre
Le Bateleur - Violine
Leilindel - Weiblicher Gesang
ExoD - Keyboard
ChaotH - Bass
Landryx - Schlagzeug

Tracklist

01. Chromatic Chimera
02. Feasting Fools
03. Desert Urbania
04. Summoning Scenes
05. Silence_011010701
06. Megalomaniac Trees
07. The Shiver - Another Dissonant Chord
08. The Shiver - Meet Me at the Carrousel
09. The Shiver - A Clown's Mindtrap
10. Psychic Jugglers


Ich möchte nicht wissen, wie oft ich mich bereits daran versuchte, ein Review zu UNEXPECTs „In A Flesh Aquarium“ zu erstellen. Dennoch ließ es mich nicht rasten und nicht ruhen, denn die Welt muss doch von diesem Werk erfahren! Dabei wäre es doch so einfach, denn im Prinzip beschreiben UNEXPECT in ihren Texten die Musik und das Album selber so gut, wie es wohl niemand andres zu vermögen mag. Kein Wunder, wer sich mit solchen Querköpfen beschäftigt, muss schon selbst ein gewisses Maß an Verrücktheit mit sich bringen, um nicht nach den ersten Takten kopfschüttelnd den Stop-Knopf aufzusuchen. Die Frage lautet nun also, ob man dem Schaffen des kanadischen Septetts überhaupt jemals mit einem Review gerecht werden kann? Wahrscheinlich nicht, aber die Menschheit hat ja den Tick an seine Grenzen stoßen zu wollen. Genug des Geschwafels, auf ins koordinierte Chaos!

Wem UNEXPECT gänzlich unbekannt sein sollte, der bekommt mit „Chromatic Chimera“ als Auftakt des Albums einen Crashkurs bezüglich der Frage „Was spielen die überhaupt so?“. Verschont wird man hier nicht einmal am Anfang, so dass sich schon nach einigen Sekunden die Spreu vom Weizen trennt, in diesem Fall also der entnervte Hörer vom verzückten Genießer. Wer UNEXPECT bereits kennt, der wird wissen, dass es sich bei „Chromatic Chimera“ ursprünglich um ein Instrumental auf der EP „We, Invaders“ handelt, welches man inzwischen in einen vollwertigen Song transformiert hat, der durch seinen Aufbau jedoch immer noch als Intro mit Überlänge durchgeht.

So langsam wäre es ja eigentlich Zeit, mal auf die Musik einzugehen. Wie gerne würde ich diesen Teil überspringen. Denn so wirklich beschreibbar, ohne dabei in Doktor-Arbeit-ähnliche Ausmaße abzutreiben, ist diese einfach nicht. Da ich mit der Beschreibung vom Label, dass es sich um eine Mischung aus Mr.Bungle, Cirque du Soleil und The Jesus Lizard handeln soll, nichts anfangen kann, habe ich versucht ein paar mir nahe liegende Vergleiche zu finden, so wirklich viel dabei herausgekommen ist jedoch nicht. Und selbst wenn man Vergleiche anstellt, dann ist die Musik von UNEXPECT doch so vielfältig, dass der Vergleich höchstens für einen Bruchteil zutrifft. Das klingt vielleicht übertrieben, aber ich halte UNEXPECT für eine der eigenständigsten, innovativsten Bands, die es seit der Jahrtausendwende gab. Wenn man es doch irgendwie beschreiben soll, dann würde ich sagen, es handelt sich um ein Gebräu aus progressivem Death-Metal, symphonischem (Black)-Metal, Broadway-Musical, klassischem Konzert und einem großen Schuss Irrenhaus, natürlich alles in unterschiedlichem Maße vorhanden; dazu gesellen sich noch einige Musikrichtungen mehr, aber ein grober Umriss reicht wohl. Diese zunächst übel riechende und wenig bekömmliche Mischung entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einem lieblichen Wein, oder sagen wir doch besser zu einem sowohl gerührt, als auch geschüttelten Cocktail, den man in großen Mengen konsumieren möchte.

Da es nichts bringt auf jeden Song einzeln einzugehen, hebe ich einfach mal einige hervor:
„Megalomaniac Trees“ darf man sich bereits auf der Myspace-Seite der Band anhören, und wer sich hier bereits überfordert fühlt, der sollte die Finger vom Album lassen, denn insgesamt ist das wohl noch einer der eingängigeren Songs auf „In A Flesh Aquarium“. Faszinierend ist immer wieder die Fähigkeit trotz überschaubarem Tempo Hektik zu vermitteln, man muss sich zunächst doch erst einmal durcharbeiten um Spaß an der Musik zu bekommen, aber wie bereits erwähnt, nach kurzer Zeit entwickelt es sich zu einem Suchtmittel. Beneidenswert auch die Selbstverständlichkeit mit der man jedes Mal ohne Mühe eine 180°-Wendung während eines Songs vollführen kann, ohne dass es einem so absurd scheint, dass man die Lust verliert weiterzuhören.

Neben der Fähigkeit an ihren Instrumenten und ihren Stimmbändern beweisen UNEXPECT vor allem durch den Track „Silence_011010701“ eindrucksvoll, dass sie scheinbar keine Grenzen kennen. Dieses Instrumental kann mühelos mit jedem Song der neueren Werke von Ulver Schritt halten, ist eine willkommene Pause im metallischen Kosmos der Kanadier und baut gleichzeitig doch wieder genügend Atmosphäre auf um nicht als Fehlplatzierung auf dem Album zu gelten. Wer das Album besitzt, der kann übrigens mal nach der Beschreibung zu dem Track suchen.
An dieser Stelle möchte ich mal auf Gestaltung von Cover und Booklet eingehen: Der Bandname ist Programm, und so passen diese wie die Faust aufs Auge. „In A Flesh Aquarium“ ist so verquer, dass man manche Textpassagen schon mal rückwärts lesen muss, um ihnen Sinn zu entlocken, dabei empfiehlt es sich Französischkenntnisse zu haben. Bei „The Shiver – Another Dissonant Chord“ gibt es zudem noch einige Zeilen auf Ungarisch. Das Schönste dabei: Es klingt zu keiner Sekunde gezwungen und pseudomäßig.
An allen Ecken und Enden wird konsequent der Grundtenor des Albums ausgelebt: Erwarte nichts, denn es ist dir nicht möglich etwas zu erwarten.

Aufgrund der Länge von fast genau einer Stunde Spielzeit, könnte man bei „In A Flesh Aquarium“ in Versuchung geraten, den Untertitel „A Symphony Of Sickness“ zu vergeben. Da die einzelnen Stücke jedoch nicht immer inhaltlich im Zusammenhang stehen ist dies nicht möglich. Ohne Zweifel muss man jedoch attestieren, dass der Höhepunkt der Vorstellung an den Schluss gesetzt wurde, denn bei „Psychic Jugglers“ handelt es sich um ein 11-minütiges Monstrum, welches mir wieder mal einen Vergleich ermöglicht. Musikalisch zwar teilweise meilenweit auseinander, aber aufgrund der „Obskurität“, die hier auch in der Thematik des Songs zelebriert wird – es handelt sich um einen Dialog zwischen der Vernunft und dem Unterbewusstsein, für mich der letzte Beweis, dass diese Truppe von allen Geistern geschieden ist – kamen mir dabei direkt die Landeskollegen von Gorguts in den Sinn, die in ihren Texten und Musik ja auch, vor allem auf „Obscura“, einen Hang zum Geisteskranken hatten.

Ich erspare mir ein großes Fazit und bin schon froh, wenn die Leserschaft nicht nach der Hälfte des Textes bereits keine Lust mehr hat weiterzulesen. Im Grunde genommen ist das oben alles nur der erbärmliche Versuch auf die Band aufmerksam zu machen ohne auch nur im Ansatz ausdrücken zu können, welch ein Meisterwerk man hier aufgenommen hat. In diesem Sinne: „Are you frightened of free Brains? May I borrow your head for the evening?“

(Sebastian S. aka Scylth)

Bewertung: 10 / 10

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