Interview mit Jean-François Dagenais von Kataklysm

Ein Vierteljahrhundert ist ein stolzes Jubiläum für eine Band. Entsprechend ausgiebig feiern KATAKLYSM ihren Geburtstag mit einer kurzen Europatour mit Special-Set. Vor der DVD-Aufzeichnung in München haben wir uns mit Jean-François Dagenais getroffen und über die Höhe- und Tiefpunkte in 25 Jahren KATAKLYSM und das nächste Album gesprochen.

Willkommen in München! Wie geht es dir?
Sehr gut! Wir sind heute Morgen in München angekommen, aber ich bin erst um drei aufgestanden. Etwas Kaffee, der Soundcheck … ich bin bereit, das heute zu rocken! (lacht)

Also kein Sight-Seeing in München heute?
Nein, heute nicht. Aber ich war früher schon ein paar Mal im Urlaub in München, ich habe ein paar Freunde hier. Es ist eine sehr schöne Stadt. Gestern hatten wir einen sehr schönen Tag, wir waren in der Schweiz. Ein Freund von uns kam zur Show und hat uns zu sich nach Hause mitgenommen, einem wirklich schönen Haus in einer sehr abgelegenen Gegend. Wir haben dort dann einiges getrunken, und die Jungs von Graveworm sind auch vorbeigekommen.

Heute ist der letzte Gig der Show – freust du dich auf die Show?
Ja, schon. Für mich ist das sehr aufregend, die Tour lief sehr gut, München ist eine unserer Lieblingsstädte in der Welt – insofern freue ich mich sehr darauf, diese Songs hier zu spielen. Es ist ja eine ganz besondere Tour. Einige der Songs spielen wir vermutlich zum letzten Mal live, nachdem wir nach dieser Tour wieder zu normalen Shows zurückkehren werden. Aber es hat Spaß gemacht, ich freue mich, dass die Fans gekommen sind, um sich das anzuschauen, und genauso viel Spaß hatten wie wir. Ich habe mich auch wieder jung gefühlt, nachdem wir ja 15 Jahre in der Zeit zurückgegangen sind, das bringt Erinnerungen aus dieser Zeit zurück. Das war cool.

Ist die Tour also gut gelaufen, seid ihr zufrieden?
Ja, auf jeden Fall. Die Show heute ist auch schon fast ausverkauft, es gibt nur noch ein paar Tickets an der Abendkasse. Das ist cool. Aber ich freue mich natürlich auch darauf, heimzukommen: Ich habe ein drei Jahre alte Tochter, die auf mich wartet. Da ist es natürlich schwer, lange Zeit von Zuhause weg zu sein. Andererseits habe ich so viel Spaß auf Tour, ich wüsste nicht, was ich mit meinem Leben sonst anfangen sollte, wenn ich nicht Musik machen könnte – es ist immer noch meine große Leidenschaft.

Hast du schon irgendeine witzige Anekdote für uns?
Diese eine witzige Geschichte habe ich leider nicht, aber es gab viele gute Momente. Einer der Jungs von Graveworm ist am Anfang der Tour im Bus eingeschlafen. Und das ist etwas, das darfst du nie tun. Geh ins Bett und schlaf da, aber schlaf nicht in der Lounge. Aber er ist in der Launch eingeschlafen, also haben wir mit Klopapier eine Mumie aus ihm gemacht, haben ihm Bananen in die Hand und in den Mund gesteckt, sein Gesicht mit Marker vollgeschmiert und ein Foto davon online gestellt. Solche Sachen halt… (lacht) Als er aufgewacht ist, hat er sich ziemlich erschreckt.

Für solche Albernheiten seid ihr also noch nicht zu „alt“ geworden?
Das muss schon sein. Ein paar Regeln müssen eingehalten werden. (lacht)

Wie kam es eigentlich dazu, dass Graveworm den Support-Slot für diese Tour bekommen haben?
Wir haben Graveworm ausgewählt weil sie damals, als wir mit diesen beiden Alben auf Tour waren, auch schon unser Support waren. Also haben wir sie gefragt: Wollt ihr das jetzt, 15 Jahre später, wieder mit uns machen? Und sie waren sofort begeistert. Wir sind alle älter jetzt, aber wir sind immer noch gute Freunde, insofern war das Wiedersehen auf Tour eine sehr coole Sache.

Ihr nehmt heute eine DVD auf – bist du nervös?
Ein bisschen, ja. Wenn du eine DVD aufnimmst, bleiben alle Fehler, die du machst, für immer dokumentiert. Das erhöht das Nervositätslevel natürlich schon. Normal sind wir nicht nervös, wir fühlen uns auf jeder Bühne wohl und haben unseren Spaß. Aber bei einer DVD denkt man dann immer darüber nach, dass man gut aussehen muss, sich nicht verspielen darf und all das. Andererseits denke ich, ist es besser, sich da ganz natürlich zu geben und nicht viel drüber nachzudenken. Dann geht am wenigsten schief.

Du machst dir also keine besonderen Gedanken darüber, wie du auf der Bühne für die Aufzeichnung rüberkommen willst?
Nein, ich denke, es macht den Fans mehr Spaß, sich das anzuschauen, wenn wir einfach ganz normal sind – kein großes Rockstar-Ding, sondern einfach eine ganz normale KATAKLYSM-Show.

Und warum ausgerechnet in München?
Das Setup ist aber auch perfekt, wir lieben das Backstage, wir lieben die Fans hier in München … die Entscheidung, hier in München zu filmen, ist uns insofern wirklich leicht gefallen.

Schaust du denn selbst Musik-DVDs?
Wenn ich ehrlich bin, nicht.

Aber ihr nehmt heute eine auf!
Ja, ich weiß. Das ist witzig … aber wir sind viel auf Tour. Wenn ich heimkomme, arbeite ich viel im Studio. In meiner Freizeit läuft dann keine Musik. Ich schaue mir die Nachrichten im Fernsehen an, oder schaue mit meiner Tochter Zeichentrickfilme. (lacht) Da will ich einfach den Kopf frei bekommen, und nicht viel hören. Das gilt auch für meine Frau: Sie bekommt die ganze Zeit das Zeug aus dem Studio zu hören und will dann auch mal einfach Ruhe haben. (lacht)

Kaufen die Leute denn noch DVDs? Die Produktion ist ja nicht gerade billig …
Ich glaube, da geht es mehr um das Streaming des Materials. Das Label wird damit finanziell schon auch etwas rein bekommen, durch das Streaming eben auch. Aber eigentlich reicht es, wenn man die Produktionskosten deckt; das ist nichts, womit du einen echten Profit machst. So etwas ist einfach für die Fans. Und für dich selbst. Ich sehe das so: In 20 Jahren kann ich meiner Tochter zeigen: Schau, ich habe in München gespielt und wir haben da eine DVD aufgenommen. (lacht) So etwas. Aber für den Profit macht man das definitiv nicht.

Wie schon angesprochen, spielt ihr heute ein Special-Set, bestehend aus den beiden Alben „Shadows & Dust“ und „Serenity In Fire“. Warum genau diese beiden Alben?
In unseren Augen ergab das Sinn, als wir über das Jubiläum und eine Tour dazu nachgedacht haben. Auf diesen Alben sind viele Songs, die die Fans immer wieder hören wollten. Wir haben das nie gemacht – wenn du zwölf Alben hast, es ist schwer, solche Exoten im Set unterzubringen. Diese beiden Alben stehen auch für die Zeit, als KATAKLYSM eine neue Stufe erreicht hatte. Sie kamen direkt hintereinander, schlagen in die gleiche Kerbe, lassen sich gut kombinieren. Ich finde, „Shadows & Dust“ ist eher atmosphärisch, düster – „Serenity In Fire“ hingegen ein direkter Schlag ins Gesicht, Song für Song. Insofern ist das eine gute Kombination.

War es ein besonderes Gefühl, diese Songs wieder im Proberaum zu spielen?
Ja, wir haben die Songs zum Teil richtiggehend wiederentdeckt: Einige der Stücke haben wir lange nicht gespielt und uns jetzt gedacht, dass wir die wirklich mal wieder ins reguläre Set nehmen sollten. Das Material hat uns aber auch Ideen für das neue Album gegeben. Das ist auch cool.
Für diese Tour mussten wir wirklich mal wieder proben. Wir leben alle in verschiedenen Städten, insofern sehen wir uns nicht sehr oft. Bei uns sind „Proben“ meist Skype-Meetings oder laufen über Facetime oder so. Oder wir fliegen zur ersten Show einer Tour, der Soundcheck ist dann die Probe. Aber diesmal mussten wir uns treffen, also sind wir alle nach Kanada gefahren, das ist ja unsere Homebase. Aber ich lebe mittlerweile in Dallas, Texas, und unser Sänger in Chicago. Die anderen beiden leben zwar noch in Kanada, aber sehr weit voneinander entfernt. Also sind wir diesmal alle nach Montreal geflogen, haben dort einen Proberaum gemietet und für die Tour geübt. Ich glaube, das hat viel ausgemacht – hätten wir das nicht gemacht hätten, wäre die erste Show ein Desaster geworden. (lacht)

Wie macht ihr das dann beim Songwriting, geht das alles über das Internet?
Bei den letzten Alben haben wir das alles so gemacht, online, ja. Aber aktuell arbeiten wir an einem neuen Album, es ist sogar schon fast fertig aufgenommen. Die neuen Songs haben wir aber tatsächlich wieder zusammen geschrieben – wir haben uns zwischen den Touren wochenweise Räume gemietet und es auf die ganz klassische Art gemacht. Ich glaube, das gibt dem Material wieder etwas mehr Vitalität und Energie, die wir früher hatten. Wenn du so schreibst und jemand eine Idee vorbringt, kannst du damit direkt arbeiten, diskutieren, Ideen hinzufügen … das geht schneller und ist natürlicher, als wenn ich etwas in ProTools schreibe, es dem Schlagzeuger schicke, der ein bisschen am Arrangement rumspielt, es dem Sänger weiterschickt, der wieder etwas ändert, damit seine Texte passen … so bekommt man auch einen Song, der vernünftig klingt. Aber das ist einfach nicht die gleiche Interaktion, wie wenn alle im gleichen Raum sind. Das macht für den Song schon einen Unterschied – es ist natürlicher und spontaner und trifft deswegen besser den Kern dessen, was wir mit den Stücken erreichen wollen.

Wie haben die Fans an den letzten Abenden auf das Special-Set reagiert?
Jeder Abend war vollkommen verrückt! Das witzige ist: Für uns ist das ein wirklich langes Set, wir spielen 20 Songs, das sind wir nicht gewohnt. Deswegen haben wir uns entschieden, das Set zu teilen: Wir spielen das eine Album, gehen für 15 Minuten von der Bühne und spielen dann das andere Album. Es ist also wirklich eine lange Show. Aber am Ende wollen die Fans trotzdem noch mehr hören, schreien „Noch einen! Noch einen!“ … und ich denke mir „Nicht noch einen!“ und sterbe hinter der Bühne fast. (lacht) Aber das hat uns schon überrascht – es war wirklich jeden Abend der Wahnsinn, von der ersten Minute an, bis ganz zum Schluss. Und dann wollen sie wirklich noch mehr. Ich würde ja auch gerne noch mehr spielen, aber …

Und welche Show war bisher die beste?
Das ist schwer, es waren wirklich viele gute Shows. Stuttgart hat mir gut gefallen, ich mag die Location. Leipzig war auch so verrückt wie immer … Wien war auch der Hammer. Prag ebenso … es waren wirklich viele Highlights für mich bisher. Wir spielen auf der Tour aber auch nur in 15 Städten, und wir haben uns dafür gezielt Städte ausgesucht, in denen wir besonders gerne auftreten. Insofern war wirklich jeder Abend großartig.

Habt ihr euch die Städte wirklich selbst ausgesucht, oder macht das der Booker?
Nein, wir haben diese Städte ausgesucht. Wir haben der Booking-Agentur gesagt: Das sind die Orte, wo wir das machen wollen. Diese Tour ist unser Dankeschön an all die Fans und Unterstützer aus all den Jahren – das wollten wir an Orten machen, in denen wir wirklich gerne spielen. Orten, wo wir das Gefühl haben, dass es den Leuten etwas bedeutet, die uns in all den Jahren unterstützt haben. Ohne diese Leute hätten wir diese Karriere nicht gemacht und könnten unsere Rechnungen nicht zahlen. Niemand von uns bei KATAKLYSM ist reich durch das, was wir hier machen, aber immerhin müssen wir keine anderen Jobs nebenbei machen. Wir verdienen alle unseren Lebensunterhalt mit der Band. Deswegen schulden wir allen, die uns dabei helfen, unseren Dank. Und gerade die ausgewählten Städte waren für unsere Karriere wichtig und immer gut zu uns – deswegen haben wir das so arrangiert.

Eine relativ neue Art, als Band Geld zu verdienen, ist das Verkaufen von „VIP-Tickets“, die ein Meet&Greet mit der Band enthalten …
Nein, nicht wirklich. Das war mehr eine Idee unserer Agenten. Viele Bands machen das heutzutage und natürlich wurden wir auch gefragt, ob wir das machen wollen. Und wir dachten uns „nein, nein, nein, das machen wir nicht“, weil wir uns dabei schlecht gefühlt haben. Aber auf dieser Tour haben wir es doch gemacht und ich habe gesehen, wie glücklich die Fans damit waren, uns mal persönlich kennenzulernen. Wir haben das sehr klein gehalten, fünf bis zehn Leute am Tag, so dass wir wirklich mit jedem auf einem sehr persönlichen Level interagieren konnten … ein bisschen reden, ein Bier zusammen trinken. Ich glaube, es war eine gute Erfahrung, aber ich glaube nicht, dass wir das nochmal machen werden. Das hat einen ganz einfachen Grund: Auf Tour wachst du auf, machst Soundcheck und hast am Nachmittag normalerweise etwas Freizeit, für Sightseeing, oder um mit Freunden irgendwo ein Bier trinken zu gehen. Dieses VIP-Ding nimmt dir genau diese Zeit. Man macht das, dann Interviews, Abendessen, dann ist Show-Time, etwas relaxen und ab ins Bett. Und dann alles von vorne. Auf dieser Tour jetzt fehlen diese zwei Stunden zur freien Verfügung, in denen man auch mal was in der Stadt erledigen kann oder so, schon. Auch wenn ich unsere Fans liebe und das auch Spaß macht, halte ich es für keine gute Idee, das nochmal so zu handhaben. Ich glaube, das sehen aber alle in der Band ähnlich. Aber wir sind alle froh, dass wir das ausprobiert haben. Und ich freue mich, dass wir das nicht umsonst gemacht haben, weil es die Leute wirklich glücklich gemacht hat – die sind alle mit einem Lachen im Gesicht gegangen, waren wirklich dankbar, haben Fotos mit allen, ihre CDs unterschrieben bekommen und so weiter.

Funktioniert das System in Europa genauso gut wie in den USA, ist das Interesse da?
Ja, ja, definitiv. Von außen gesehen wirkt das natürlich so aus, als würde die Band nur etwas Extra-Geld verdienen wollen und so weiter. Aber wenn du es dir aus der Sicht der Fans anschaust … die sind so happy, dass sie die Band treffen dürfen! Ich meine, wir sind alle sehr sozial veranlagt und hängen in der Location rum. Aber da kannst du nicht jeden treffen und mit ihm reden.

Der Anlass der Tour ist euer 25. Geburtstag – gab es einen Punkt in eurer Karriere, als ihr gemerkt habt: Wir können das schaffen, wir können mit der Band unser Leben bestreiten?
Tatsächlich, als diese beiden Alben herauskamen – „Shadows & Dust“ und „Serenity In Fire“. Ich erinnere mich noch daran, als ich von der ersten Tour zu „Shadows & Dust“ mit einem dicken Packen Geld in der Hand Heim gekommen bin. Da dachte ich mir schon „Wow!“. So etwas hatte ich davor noch nie gesehen. Da habe ich gemerkt, dass wir vielleicht etwas reißen könnten. Dann haben wir miteinander geredet und uns darauf verständigt, dass wir es versuchen … der Band noch mehr Aufmerksamkeit widmen, alles noch etwas professioneller anzugehen. Vorher war es halt alles sehr „selbstgebastelt“ und „Punk-Rock“. Wir haben mit der Band in der Highschool angefangen, aus Liebe zur Musik. Aber wir hätten nie damit gerechnet, dass wir damit Erfolg haben könnten. Wir haben das einfach aus Leidenschaft gemacht, wie das halt so ist. Aber dann ging es damit los, dass etwas Geld reingekommen ist. Das hat natürlich alles geändert. Natürlich nichts an der Liebe und Hingabe zur Musik – aber wir waren dann angefixt, wollten alles auf ein neues Level bringen. Ich denke, das ist, was wir von da ab mit jedem Album gemacht haben: Uns selbst immer mehr gepusht … immer weiter. Ich freue mich schon auf das nächste Album!

Hast du aus eurer Diskographie ein persönliches Lieblingsalbum?
Ich mag die Richtung sehr, in die wir jetzt gehen. Das ist ein kontinuierlicher Prozess. Du lernst dein Instrument, du findest mit der Band deinen Stil und dann baust du darauf auf. Mir hat diese ganze Reise Spaß gemacht, aber ich mag das, was wir heute machen, wirklich sehr – unser letztes Album, „Of Ghosts And Gods“, taugt mir wirklich. Wir sind jetzt alle junge Erwachsene, Anfang 40, und ich habe das Gefühl, das, was wir jetzt machen, ist relevante, gute Musik, die mir selbst Freude bereitet, wenn ich sie spiele. Ich bin sehr stolz darauf, was wir jetzt machen. Deswegen mag ich diese neuen Sachen momentan am liebsten. Aber wenn ich in unserer Diskographie zurückgehe, ist da natürlich auch extrem viel cooles Zeug dabei: „Shadows & Dust“ ist für mich ein Klassiker, da ist wirklich jeder Song cool. Oder „In The Arms Of Devastation“ … auch ein sehr gutes Album. Wir haben immer wieder mal ein paar Hits geschrieben. Aber ich mag wirklich, was wir jetzt machen – hoffentlich folgen uns die Fans da auch!

Gibt es auch ein Album, das du aus heutiger Sicht nicht mehr gut findest, oder nicht mehr so gerne magst?
Eine CD zu veröffentlichen ist ein bisschen wie ein Kind auf die Welt zu bringen: Das eine gedeiht besser als das andere, manche müssen sich immer noch beweisen … (lacht) Ehrlich gesagt liebe ich sie alle, ich stehe voll hinter jedem Album und jedem Stück, das wir geschrieben haben – wir haben es so gemacht, weil es zum jeweiligen Zeitpunkt das Bestmögliche war. Aber natürlich denke ich mir bei dem einen oder anderen, dass die Produktion aus heutiger Sicht Mist ist, dass ich meinen Gitarren-Sound nicht mag, oder finde, dass ich mein Zeug besser hätte einspielen können … solche Sachen. Andererseits ist eben genau das der Sound, den wir damals erschaffen haben, und deswegen einzigartig. Das lässt Erinnerungen hochkommen.

Heavens Venom“ hat damals beispielsweise nicht die besten Kritiken bekommen …
Ja. Ich fand das immer komisch – auf dem Album sind so viele coole Songs, der Sound war nicht schlecht … eigentlich hat alles gepasst. Ich glaube, was die Leute damals kritisiert haben, war, dass dass wir mit dem Album stehengeblieben sind, weil es seinem Vorgänger so ähnlich war und wir uns nicht wirklich weiterentwickelt haben. Sie waren von uns einfach größere Unterschiede zwischen den einzelnen CDs gewohnt, „Heavens Venom“ war das erste, das seinem Vorgänger sehr ähnlich war. Das war aber keine Absicht, das ist einfach so passiert. Aber wir spielen immer noch viele Songs von diesem Album, weil die Leute ausrasten würden, wenn wir die aus dem Set nehmen würden … „At The Edge Of The World“ beispielsweise, das wollen die Fans einfach hören.

Wie geht ihr mit solchem negativen Feedback um?
Manchmal lese ich Kritiken und sammle die verschiedenen Ansichten, weil ich wissen will, was die Leute denken – das interessiert mich schon. Gleichzeitig will ich Musik für mich selbst machen – so, wie ich sie mag. Manchmal stimme ich dann mit den Rezensenten überhaupt nicht überein, denke mir: „Was? Warum?“, und manchmal kann ich ihren Punkt nachvollziehen, aus ihrem Blickwinkel.

Ist es schwieriger, Songs zu schreiben, wenn man damit seinen Lebensunterhalt bestreitet, denkst du da manchmal drüber nach, dass das neue Album erfolgreich sein muss?
Nein … das versuchen wir auszublenden, versuchen, nicht so zu denken. Es gibt bestimmte Bands da draußen, von denen man wirklich sagen kann, dass sie für ihren Gehaltsscheck arbeiten. Die machen immer und immer wieder das gleiche Album, live fehlt ihnen komplett die Hingabe … das wollen wir nicht. Das ist eine Regel bei uns: Wenn wir irgendwann an den Punkt kommen, dass das bei uns so läuft, hören wir auf und machen etwas anderes. Wir lieben immer noch, was wir tun, uns ist jedes Detail wichtig, die Show, der Sound, das Setup, unsere Performance … jeden Abend, wenn wir unsere Show beendet haben, reden wir zehn Minuten darüber, wie alles gelaufen ist und so weiter. Wir versuchen immer, uns selbst zu verbessern. Wenn dieses Feuer mal weg ist, sowohl, was Konzerte, aber auch das Schreiben und Aufnehmen von Musik angeht, dann gibt es meiner Ansicht nach kein Argument mehr, eine Band weiter am Leben zu halten.

Wart ihr jemals an einem solchen Punkt, oder hattest du das Gefühl, ihr könntet an einen solchen Punkt kommen?
Nein … aber eine Sache, die ich sehe, ist: Wir werden alle nicht jünger. Ich weiß nicht, bis in welches Alter wir extreme Musik wie die unsere noch live spielen können, und uns dabei auf der Bühne noch wohlfühlen. Noch fühlen wir uns gut und jung, aber vielleicht werden wir das Ganze in zehn Jahren etwas ruhiger angehen, weniger Shows spielen, oder vielleicht nur ein paar Open Airs – momentan geht das noch, aber ich merke schon, dass man müder ist als vor zehn Jahren. In zehn Jahren wird das nochmal schlimmer sein. (lacht) Ich denke, die Leute können von uns noch zehn oder vielleicht 15 Jahre erwarten – danach … keine Ahnung. Ehrlich gesagt will ich auch nicht mit 55 und Glatze auf der Bühne stehen und „Shadows & Dust“ spielen. Ich glaube, das ist nichts für uns. Wir werden alles zu 100 Prozent machen, bis wir irgendwann sagen, Ok, lasst uns vielleicht nicht die Band auflösen, aber zumindest nicht mehr so weitermachen. Vielleicht gelegentlich mal, für eine Show auf dem Wacken oder so … aber bis dahin ist es, wie gesagt, sicher noch zehn, 15 Jahre hin.

Wenn du auf deine Karriere mit KATAKLYSM zurückschaust: Gibt es einen konkreten Moment, in dem du realisiert hast, dass ihr es geschafft habt?
Einer davon war definitiv das allererste Open Air, das wir gespielt haben. Ich glaube, es war das With Full Force 2001 [eigentlich: 2002, A. d. Red.] … das war das erste Mal, dass ich auf die Bühne gekommen bin, und vor uns ein Menschenmeer lag. Da stand ich erst einmal eine Sekunde da und dachte mir „Wow“. Wenn du als Junge in deinem Zimmer Gitarre spielst, denkst du nicht, dass so etwas möglich wäre. Wir haben uns alle angegrinst und gedacht: Was ist denn da los? Daran werde ich mich immer erinnern. Jetzt sind wir das gewohnt, wir spielen ja viele Open Airs. Aber das hat uns damals wirklich beeindruckt.

Und gab es einen konkreten Tiefpunkt?
Es gibt immer solche Punkte, wenn du etwas veröffentlichst und nicht die erhoffte Resonanz bekommst, beispielsweise. Dann fragt man sich schon: Hat das eine Daseinsberechtigung? Auch wenn man es selbst mag. Oder wenn ein Bandmitglied aussteigt, und man wieder jemand neuen finden muss, um die Lücke zu schließen. Wir sind wie Brüder in der Band – da ein „Familienmitglied“ zu ersetzen ist immer eine sehr schwere Sache für uns. Da kannst du nicht einfach jeden Schlagzeuger nehmen, oder jeden Bassisten – auch wenn die Leute technisch auf einem höheren Level spielen oder bessere Musiker sind. Das ist für uns nicht so wichtig – es geht um die Verbindung zwischen uns als Menschen, dass wir jemanden finden, mit dem wir gut auskommen, mit dem wir viele Shows spielen und auf beengtem Raum zusammenleben können. Denn das ist, was du als Band machst: Du sitzt teilweise über Monate in einem engen Bus. Wenn du da nicht miteinander kannst, ist das ein großes Problem. (lacht)

Zurück in die Gegenwart: Was ist für die Zeit nach dieser Tour geplant?
Nun, wir haben ein neues Album gemacht! Wenn wir zurückkommen, werden wir es mit unserem Produzenten Jay Ruston in Los Angeles abmischen – der hat übrigens auch die aktuelle Stone Sour gemacht und anderes Rock-Zeug. Das ist mal etwas ganz anderes, das wir da ausprobieren, um unseren Sound weiterentwickeln. Das nächste Mal, dass ihr von uns hören werdet, werden dann die Sommer-Festivals sein, da werden wir viele spielen. Und später im Jahr, im Herbst oder vielleicht auch erst im Januar, Februar 2018 werden wir dann mit dem neuen Album wieder auf Tour gehen.

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten! Zum Abschluss ein Brainstorming:
Donald Trump:
Zirkus, Mist. (lacht) Da fällt mir nicht viel Gutes ein. Ich lebe in Texas, aber ich mag nicht, wie er die Sachen angeht. Ich hoffe, er ist da möglichst schnell wieder raus.
Festivals: Ich freue mich, im Sommer viele zu spielen. Da ist noch nichts bestätigt, was ich hier ankündigen könnte, aber wir werden sicher zehn oder zwölf spielen. Das wird gerade alles verhandelt.
Deutschland: Gutes Bier, schöne Frauen und eine sehr coole Metal-Crowd. Ein schöner Platz zum Leben – ich mag das Land!
Dein Lieblingsalbum 2017: Ich habe neulich etwas Neues von A Perfect Circle gehört – das hat mir sehr gefallen, ich mag die Band. Insofern freue ich mich, das ganze Album zu hören, das müsste bald rauskommen.