Interview mit Ella Zlotos von Ella Zlotos

Die roten Haare und Flöten zählen zu ihren Markenzeichen – dass ELISABETH „ELLA“ ZLOTOS noch weit mehr zu bieten hat, beweist sie mit ihren ausführlichen Antworten in unserer Interview-Reihe „Frauen im Folk“. Die Musikerin spricht erstmals über ihren Ausstieg bei Fuchsteufelswild, wie sie ihre Zukunft sieht und warum auch Straßenmusik in ihrer Welt dazugehört.

Hallo Ella! Willkommen bei „Frauen im Folk“. Was ist das erste, das dir zu diesem Thema einfällt?
Hallo Sigi und lieben Dank für die Einladung! Ich habe die letzten Interviews mit Interesse verfolgt und freue mich, nun selber Teil dieser Reihe sein zu dürfen. Was mir als erstes dazu einfällt ist, dass es im Folk doch eigentlich im Vergleich zu anderen Musik-Genres recht viele Frauen gibt… Dennoch ist auch hier natürlich immer noch viel Spielraum nach oben. Meiner Meinung nach sollten sich generell mehr Damen auf die Bühne trauen!

Du bist vor einiger Zeit überraschend bei Fuchsteufelswild ausgestiegen. Wie geht es dir inzwischen mit dieser Entscheidung?
Ich fühle mich befreit. Ich war mit einigen, vor allem organisatorischen aber auch künstlerischen Entwicklungen der Band nicht einverstanden und die daraus entstehenden Konflikte hatten mich die ganze Zeit über mehr belastet als ich es mir selbst eingestehen wollte. Gerade wenn man mit ganzem Herzen an einem Projekt hängt, Unmengen von Zeit und Energie investiert und bereits das eine oder andere Opfer gebracht hat – immerhin bin ich vor zwei Jahren für Fuchsteufelswild bei meiner damaligen Band Tir Nan Og ausgestiegen – redet man sich oft Dinge schön, die einem in Wahrheit doch sehr zusetzen und einen dadurch nicht zuletzt auch kreativ hemmen. Die Trennung war zwar weder für mich noch für die Kollegen leicht, aber dennoch ein nötiger Schritt und auf jeden Fall für beide Seiten das Beste.

(c) Bernd Sonntag / Konzertreport.de

Wie sehen deine musikalischen Zukunftspläne aus? Bei Facebook hast du erste Andeutungen gemacht… dürfen wir hier bereits mehr erfahren?
Auch wenn es momentan – abgesehen von gelegentlichen Gastauftritten mit Freunden – recht ruhig um mich zu sein scheint, passiert im Hintergrund so einiges: Zum einen bastele ich gerade mit der Unterstützung befreundeter Musiker an den Arrangements meiner eigenen Songs, die im Laufe der letzten Jahre entstanden sind. Ich habe mir vorgenommen, einen davon noch dieses Jahr zu veröffentlichen. Zu viel verraten möchte ich an dieser Stelle noch nicht, aber es wird folkig, natürlich sehr flöten-lastig und auch mein geliebtes Harmonium kommt wieder zum Einsatz! Und wer weiß, vielleicht erwächst aus der einen oder anderen Zusammenarbeit irgendwann auch wieder eine Band. Ich möchte mir diesbezüglich aber alle Zeit nehmen, die es braucht. Was langsam wächst, wächst stabil.
Ich kann außerdem bereits verraten, dass ich mich mit einem weiteren Projekt erstmals über die Grenzen des Mittelalter- und Irish Folk hinauswagen werde: Ich arbeite sein ein paar Monaten unter anderem mit Marco, dem Gitarristen von Bloodflowerz, an einem Dark Folk/Ambient-Projekt, in dem wir Folk-, Metal-, Neoklassik- und Gothic-Elemente zu einem sehr stimmungsvollen, düster-romantischen Ganzen vereinen. Wegen der recht aufwendigen Instrumentierung war die Sache ursprünglich als reines Studioprojekt geplant – aber je intensiver wir uns mit der Materie beschäftigen, umso mehr bekommen wir Lust, die Songs vielleicht auch mal in einem entsprechenden Rahmen und mit ein paar Gastmusikern auf die Bühne zu bringen… Aber alles zu seiner Zeit.

Was hast du in letzter Zeit musikalisch noch unternommen?
Abgesehen davon habe ich vor einigen Wochen meinen instrumentalen Horizont um eine Uilleann Pipe erweitert – ein irischer Dudelsack, der nicht mit dem Mund geblasen wird, sondern mit einem Blasebalg, den man mit dem rechten Ellbogen bedient. Die Uilleann Pipe ist bekanntlich eines der schwierigsten Instrumente und stellt zugegeben auch wirklich eine große Herausforderung dar, der ich mich aber sehr gerne stelle. Ich über jeden Tag mindestens eine Stunde und komme soweit gut voran. Mein Ziel ist übrigens, irgendwann auch noch dazu zu singen! Aber das wird vermutlich noch ein paar Jahre dauern.

(c) Tobias Obermayr / Zouberi Photography

Du warst Mitglied von Fuchsteufelswild und Tir Nan Og, hast dazu u.a. mit Versengold und der Kilkenny Band gespielt. Was vielleicht wenige wissen: In Berlin warst du auch in einem klassischen Orchester aktiv. Wie hat sich dies alles für dich unterschieden, sowohl menschlich als auch musikalisch?
Sowohl bei Fuchsteufelswild als auch bei Tir Nan Og war ich festes Mitglied, in beiden Bands hatte ich eine klare Frontposition und habe unter anderem auch gesungen. Die größte Herausforderung für mich war dabei, dass es neben der Beherrschung meiner Instrumente immer auch darum ging, eine gute Show abzuliefern und das Publikum zu animieren – dies war teilweise sogar wichtiger als musikalische Perfektion. Ich weiß noch genau, dass mir das anfangs überhaupt nicht leicht gefallen ist und ich erst Stück für Stück in meine Position „reinwachsen“ musste. Bei meinen Gastauftritten spitzte sich das Ganze sogar noch zu – bei Versengold beispielsweise habe ich bisher immer nur einen Song mitgeflötet und dabei all meine Energie in eine nicht mal fünfminütige Bühnenshow gesteckt, um diese maximal zu bereichern. Wegen ihrer Kürze empfinde ich Gastauftritte oft als sehr intensiv – wie ein starker Whisky im Vergleich zu einem schwächeren Glas Wein, von dem man dafür aber länger etwas hat. Und ja, genau – ich bin letztes Jahr im Berliner Dom bereits zum zweiten Mal mit dem Staatsorchester Braunschweig aufgetreten. Als Solistin in einem klassischen Orchester zu spielen war für mich nochmal eine ganz neue Erfahrung. Hier gab es keine Show, sondern es ging allein um meine Fähigkeiten und meinen musikalischen Ausdruck an den Whistles. Ich muss sagen, dass ich es sehr genossen habe, mich wirklich mal nur auf mein Flötenspiel konzentrieren zu „dürfen“. Dennoch war ich natürlich auch sehr aufgeregt, eben weil in den Solo-Parts dann auch tatsächlich die ganze Aufmerksamkeit des Publikums darauf gerichtet war. Grundsätzlich hatte ich aber sowohl auf Festival-Bühnen als auch im Orchester immer sehr viel Spaß und hoffe, dass die Zukunft diesbezüglich noch einiges für mich bereithält.

Hast du dich in deinen bisherigen Bands gleichberechtigt gefühlt oder hattest du als Frau eine gewisse Sonderstellung? Wenn ja, wie hat sich die geäußert?
Ich habe mich innerhalb meiner Bands immer absolut gleichberechtigt gefühlt und hatte nie den Eindruck, als Frau beispielsweise weniger ernst genommen zu werden als meine männlichen Kollegen. Die einzige Sonderstellung hatte ich vielleicht beim Beladen des Sprinters und beim Auf- und Abbau, da ich keine schweren Kisten tragen musste.

Beschäftigen sich Frauen in Bands mit anderen Themen als Männer und liegt darin mehr Konfliktpotential als in gleichgeschlechtlichen Combos?
Das kann ich insoweit schwer beurteilen, als dass ich selber nie in einer gleichgeschlechtlichen Combo gespielt habe – denn weder bin ich ein Mann noch war ich jemals Teil einer reinen Frauen-Band.

(c) Nadine Ringler / dark-pictures.org

Wie sehr trägt deine Optik zu deinem Wiedererkennungswert bei? Fühlst du dich manchmal reduziert oder unterschätzt bzw. nicht genug anerkannt für deine Musik im Vergleich zu deinem Äußeren oder männlichen Kollegen?
Ich denke schon, dass meine Optik eine Rolle spielt, zum einen sicherlich die auffällige Haarfarbe, zum anderen aber auch die Art wie ich mich beim Flöte spielen auf der Bühne bewege – zumindest bekomme ich oft gesagt, dass das einen gewissen Wiedererkennungswert hätte. Das schmeichelt mir natürlich und ich setze mich damit teilweise auch bewusst in Szene, allerdings sehe ich mich trotzdem in erster Linie als Musikerin und möchte auch als solche wahrgenommen und anerkannt und nicht etwa auf mein äußeres Erscheinungsbild oder gar auf mehr oder weniger knappe oder enganliegende Kleidung reduziert werden. Gerade Frauen haben es diesbezüglich aber echt nicht leicht – die Kolleginnen von Feuerschwanz könnten zu dem Thema mittlerweile wahrscheinlich Romane verfassen… Ich habe vor Kurzem auch eine Erfahrung gemacht, von der ich an dieser Stelle berichten möchte: Eine Freundin hatte mir einen neuen Rock für die Bühne geschneidert, den ich gemeinsam mit ihr entworfen hatte und kurz darauf auf einem Konzert mit Fuchsteufelswild einweihte. Als die ersten Konzert-Fotos auf Facebook erschienen, kommentierte ein Fan, dass er den Rock „furchtbar“ finde und begründete seine Meinung folgendermaßen: „Ella in Hosen: super! Ella im Rock: no go!“ Diese Aussage hat mich damals wirklich getroffen. Nicht, weil der Person der Rock nicht gefiel – sowas ist Geschmackssache und natürlich hat jeder das Recht auf eine eigene Meinung – sondern weil ich mich durch diese Aussage in meinem künstlerischen Schaffen und Wirken auf ein Kleidungsstück reduziert sah. Meine männlichen Bandkollegen hatten sich während meiner Zeit bei Fuchsteufelswild in knallroten Turnschuhen, übergroßen Filzhüten oder viel zu engen Girlie-Tanktops auf die Bühne gestellt, was nicht weiter beachtet oder kommentiert wurde. Kaum aber „erlaube“ ich als Frau mir, etwas an meiner gewohnten äußeren Erscheinung zu verändern – in diesem Fall konkret meine enge Bühnenhose durch einen etwas weiteren Rock auszutauschen, in dem ich mich einfach wohler fühle – wird der diesbezügliche Unmut mit einer Vehemenz vertreten, die meiner Meinung nach zu weit geht. Dass ich wegen einer reinen Äußerlichkeit als Musikerin und Mensch („Ella mit Rock: no go!“) abgelehnt werde, steht für mich in keinem nachvollziehbaren Verhältnis. Ich habe damals für mich beschlossen, den Kommentar zu ignorieren und einfach nicht mehr darüber nachzudenken. Vielleicht hätte ich das aber damals schon in irgendeiner Weise öffentlich machen sollen. Ich glaube nämlich, dass einige Künstlerinnen solche oder ähnliche Erfahrungen machen – und das nicht nur in sozialen Medien, auch wenn dort die Hemmschwelle für solche Äußerungen weitaus niedriger zu sein scheint als im persönlichen Gespräch.

(c) ML Photography

Wie ist es für dich, mit männlichen Kollegen eine Umkleide zu teilen und weniger vertrauten Menschen mehr zu offenbaren, als sie vielleicht auf Anhieb wissen sollen?
Eine Umkleide mit Männern zu teilen oder sich in einem engen Backstage-Raum gemeinsam umziehen zu müssen gehört genauso zum Touralltag wie kurze Nächte oder lange Autofahrten und war für mich noch nie ein Problem. Das liegt aber sicherlich mit daran, dass meine bisherigen Bandkollegen sich diesbezüglich immer sehr respekt- und rücksichtsvoll verhalten haben.

Wie sehr beschäftigen dich Themen wie Gleichberechtigung, Rollenbilder, Vorurteile und „Sex sells“ als Stigmata für ein weibliches Bandmitglied?
Gleichberechtigung war für mich bisher kein großes Thema, da ich mich wie bereits gesagt innerhalb meiner Bands immer absolut gleichberechtigt gefühlt habe. Rollenbilder haben für mich da schon eine größere Relevanz. Bei Fuchsteufelswild zum Beispiel gibt es klare Vorstellungen davon, wie die Band als Ganzes und somit auch die Mitglieder im Einzelnen wirken sollen. Das gilt natürlich besonders für die Frontleute. Mir wurde diesbezüglich ständig gesagt, ich würde zu elfenmäßig und verträumt wirken – gewollt war nämlich eher eine rockige Sängerin, die sich sexy gibt. Das wurde dann leider zu einem immer wiederkehrenden Konfliktthema, womit die Frage zum Thema „Sex sells“ auch beantwortet wäre: Ich hatte zunehmend das Gefühl, dass es bei meiner Einstellung viel weniger um musikalische Fähigkeiten als um ein Image bzw. meine vermeintliche Anpassungsfähigkeit an eine bestimmte stereotype Rollenerwartung ging, der ich letztendlich nie gerecht werden konnte und irgendwann auch nicht mehr wollte. Mit Vorurteilen gegenüber Frauen im Bandumfeld wurde ich auch schon mehrmals konfrontiert. Ich kann mich zum Beispiel an eine Situation auf einem Festival erinnern, in denen ich bei meinem eigenen Konzert hinter der Bühne beim Aufbau allen Ernstes gefragt wurde, wessen Groupie ich denn sei… Solche Fragen amüsieren mich aber tatsächlich mehr, als dass sie mich ärgern oder belasten.

Borkh Photography

Wann und wie hast du zuletzt deine weiblichen Reize erfolgreich eingesetzt?
Das bleibt mein Geheimnis, lieber Sigi.

Viele deiner Kolleginnen haben uns von dreisten Fans berichtet, die z.B. unter den Rock fotografiert haben oder zu aufdringlich geworden sind. Ist dir ähnliches passiert und wenn ja, wie bist du damit umgegangen bzw. wie hast du das für dich verarbeitet?
Ich wurde einmal nach einem Konzert von einer Gruppe männlicher Fans umringt und um ein paar Fotos gebeten. Normalerweise mache ich sowas gerne und habe auch kein Problem damit, wenn jemand für ein Foto seinen Arm um mich legt. In diesem Fall ging mir das Ganze aber ein bisschen zu weit, da einer von ihnen mich gar nicht mehr loslassen wollte und immer enger an sich drückte. Die meisten anderen Konzertbesucher waren bereits gegangen und auch meine Kollegen waren schon mit dem Abbau beschäftigt, ich hatte also niemanden um mich herum, an den ich mich hätte wenden können. Anfangs habe ich mir mein Unbehagen nicht anmerken lassen, weil ich nicht unhöflich sein wollte, aber irgendwann wurden die Männer so aufdringlich, dass ich mich richtig losreißen musste und schnell davongelaufen bin. Das war aber zum Glück das einzige Mal, dass ich ein ungutes Gefühl hatte. Die meisten anderen Fans, mit denen ich bisher zu tun hatten, waren sehr nett und respektvoll. An sich genieße ich es auch immer, nach Konzerten mit den Leuten zu plaudern und auf diesem Weg oftmals auch direktes Feedback zum Auftritt zu bekommen. Auch die Nachrichten, die ich von Fans über Facebook oder per Mail bekomme, gingen bisher noch nie unter die Gürtellinie.

Auf dem Festival-Mediaval gibst du bereits seit einigen Jahren Workshops an der Tin Whistle. Wie würdest du deine Erfahrungen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zusammenfassen?
Meine Erfahrungen als Workshopleiterin auf dem Festival-Mediaval waren bisher durchweg positiv. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie schnell gerade die Anfänger, die noch nie eine Whistle oder gar ein Instrument in der Hand hatten, Fortschritte machen. Natürlich habe ich auch oft Teilnehmer, die bereits Vorkenntnisse haben oder andere Instrumente spielen und deswegen schneller vorankommen. Ich halte die Gruppen aber relativ klein und es bleibt immer auch genug Zeit für ein bisschen Einzelbetreuung, sodass ich denjenigen dann ein paar zusätzliche Techniken zeigen kann. Grundsätzlich versuche ich immer, die Leute möglichst da abzuholen wo sie stehen und allen die Möglichkeit zu geben, auf ihrem individuellen Niveau zu arbeiten. Die Workshops kamen bisher auch immer sehr gut an und dieses Jahr gab es sogar so viele Anfragen, dass wir einen zusätzlichen Anfängerkurs einrichten mussten.

(c) Tobias Obermayr / Zouberi Photography

Kannst du dir vorstellen, an anderen Stellen weitere Workshops anzubieten?
Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen und es macht mir großen Spaß, meine Begeisterung für die Whistle an andere weiterzugeben. Von daher kann ich mir sehr gut vorstellen, auch an anderen Stellen, zum Beispiel auf anderen Festivals, an der Volkshochschule oder auch privat Workshops anzubieten. Bisher waren meine Bands bzw. die wenige Freizeit, die ich abgesehen davon hatte, diesbezüglich immer ein limitierender Faktor. Aber jetzt kann ich mir die Zeit dafür nehmen und habe tatsächlich auch vor, das in Zukunft auszubauen.

Nebenbei bist du auch noch als Straßenmusikerin unterwegs. Welche Bedeutung hat Straßenmusik ganz allgemein für dich?
Genau, ich habe schon mehrmals und in unterschiedlichen Besetzungen Straßenmusik gemacht. Aktuell bin ich viel mit Maria, einer befreundeten Harfenistin unterwegs. Was mich an Straßenmusik am meisten reizt, ist die Unmittelbarkeit im Vergleich zu beispielsweise einem Festival-Auftritt – einfach die Flöten rausholen, kurz warmspielen und loslegen. Kein Aufbau, kein Soundcheck, kein Stress. Man bekommt außerdem die Reaktionen der Zuhörer viel direkter und dadurch auch intensiver mit als auf einer großen Bühne. Oft bleiben die Leute sogar für längere Zeit stehen, stellen zwischendurch Fragen zu unseren Instrumenten oder erzählen uns von Erinnerungen, die unsere Musik in ihnen weckt. Es macht mich immer sehr glücklich zu sehen, dass wir mit dem was wir tun offensichtlich andere Menschen berühren und – wenn auch nur für einen kurzen Moment – einen positiven Unterschied machen.

(c) Jens Wessel

Inzwischen hast du auch deinen Uni-Abschluss in der Tasche. Wie soll es nun weitergehen und welche Rolle spielt die Musik in deinen Zukunftsplänen?
Die Musik ist mir im Laufe meines Lebens so wichtig geworden, dass ich mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen kann. Allerdings bin ich realistisch genug um zu wissen, dass es unglaublich schwierig ist, wirklich alleine davon zu leben – vor allem, wenn man keine klassische Ausbildung hat. Da ich mich neben der Musik aber auch sehr für Literatur und Sprachen interessiere und wie gesagt gerne mit Menschen arbeite, kann ich mir gut vorstellen eine mit meinem Germanistik- und Anglistik-Abschluss verbundene Teilzeit-Arbeit als beispielsweise Lehrerin mit meinen Tätigkeiten als Live- und Studiomusikerin, Songwriterin und Workshopleiterin zu verbinden. Ich glaube sogar, dass sich der Druck von meiner Kunst leben zu müssen am Ende nur negativ darauf auswirken würde. Unter Stress kann ich nicht kreativ sein. Außerdem braucht meiner Meinung nach Qualität immer auch genügend Zeit – und diese kann man sich für jede Art von kreativer Arbeit besser gewähren, wenn man eben nicht existentiell davon abhängig ist. Ich möchte mit der Musik meine Berufung ausleben, meine Ideen verwirklichen und andere Menschen berühren. Das ist mir persönlich viel wichtiger, als das gerade in der Mittelalterszene von einigen Kollegen sehr verkrampft verfolgte Ziel, „nur davon“ leben zu wollen.

Hast du weibliche Vorbilder, die so wahrgenommen werden wie du es dir für dich selbst wünschst?
Meine Vorbilder speziell an den Whistles sind tatsächlich alle männlich. Es gibt aber natürlich auch ein paar Frauen, die mich inspiriert haben – allen voran die Sängerin Anne-Marie Hynes, die ich während meiner Zeit in Irland persönlich kennenlernen durfte und die mich zum Einsatz eines indischen Koffer-Harmoniums in der europäischen Folkmusik inspirierte. Was die Ausstrahlung auf der Bühne betrifft, bewundere ich beispielsweise Fiona von Faun sehr für ihre bodenständige und natürliche Art. Sie transportiert damit eine sehr sympathische und authentische Spielfreude, die ich beim Flöte spielen auch empfinde und gerne auch so rüberbringen würde.

(c) Der Blitzdings

Du bist bei Facebook relativ aktiv. Wieviele Zuschriften von Fans erhältst du im Schnitt pro Woche und beantwortest du alle persönlich? Wie würdest du das Niveau der Nachrichten insgesamt zusammenfassen?
Da ich Facebook neben der Vernetzung mit anderen Künstlern vor allem für die Verbreitung meiner musikalischen Projekte nutze, nehme ich alle Anfragen an. Das führt natürlich auch dazu, dass ich vergleichsweise viele Zuschriften bekomme – im Schnitt würde ich sagen vielleicht 20 pro Woche. Nachrichten à la „hi“ oder „nice pictures“ fallen da zugegeben manchmal einfach unter den Tisch. Wenn jemand allerdings ein konkretes Anliegen hat oder mir eine nette Nachricht schreibt, die aus mehr als zwei Wörtern besteht, antworte ich grundsätzlich gerne und natürlich persönlich. Das Niveau der Nachrichten war bisher eigentlich immer in Ordnung – ich habe zum Glück auch noch kein anstößiges Bildmaterial oder Ähnliches bekommen.

Kannst du noch in Ruhe privat ein Konzert oder einen Markt besuchen bzw. willst du das überhaupt oder ist es ok für dich, wenn Fans auch in deiner Freizeit den direkten Kontakt zu dir suchen?
Ich gehe immer noch sehr gerne privat auf Festivals und Konzerte und kann diese auch genießen. Klar treffe ich hin und wieder auf Menschen, die mich von der Bühne kennen und deswegen auch ansprechen, aber das war bisher noch nie ein Problem für mich.

Wo ziehst du die Grenze zwischen deinem Bühnen- und Privatleben?
Am deutlichsten ziehe ich diese Grenze wahrscheinlich optisch, indem ich je nach Auftritt bzw. Band ein möglichst passendes Bühnenoutfit anziehe und auch etwas mehr Make-Up trage als privat. Davon abgesehen ist das aber gar nicht so leicht zu beantworten, da ich bei einem Konzert ja nicht plötzlich eine andere Identität annehme. Ich war noch nie eine gute Schauspielerin und versuche deswegen auch gar nicht erst, auf der Bühne irgendetwas darzustellen was ich im „normalen Leben“ nicht bin – und umgekehrt.

(c) Floh Hessler

Mit welchen Musikern würdest du gerne einmal zusammenarbeiten? Und was würdet ihr vertonen?
Ich bin diesbezüglich sehr offen und lasse mich gerne überraschen! Obwohl ich den Folk ganz klar als meine musikalische Heimat bezeichnen würde, habe ich auch großen Spaß an stilübergreifenden Kooperationen abseits der Folk- und Mittelalterszene. Ich wüsste da beispielsweise Singer-Songwriter, Rock- oder auch Black Metal-Bands, mit denen ich sehr gerne einmal zusammenarbeiten würde. Außerdem gibt es auch einige wunderschöne klassische Stücke und Soundtracks mit Flöten und speziell auch mit Whistles, an denen ich meine Freude hätte. Es muss mich auf irgendeine Art berühren, das ist das wichtigste.

Wie sähe deine Traumband in der Folk- und Mittelalterszene aus, die nur aus Frauen besteht?
Die Kriterien für meine „Traumband“ haben nichts mit dem Geschlecht der Mitglieder zu tun. Ich bin bisher mit männlichen Kollegen genauso gut ausgekommen wie mit weiblichen und wenn es Schwierigkeiten gab, hatte das nie etwas mit dem Geschlecht zu tun. Für mich ist in einer Band gegenseitige Anerkennung, Wertschätzung und Loyalität wichtig – wobei letzteres für mich nicht bedeutet, zu allem Ja und Amen sagen und sich bedingungslos anpassen zu müssen, sondern eben trotz Unterschiede und gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten an einem Strang zu ziehen und füreinander und das gemeinsame Projekt einzustehen.

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten. Zum Abschluss noch ein paar Stichworte für ein freies Assoziieren. Was fällt dir als erstes zu den folgenden Begriffen ein?

#metoo – #metoo
Vorurteile gegenüber Rothaarigen – finde ich spannend. Ich sammele sie mittlerweile sogar, also immer her damit!
Saltatio Mortis – eine wirklich liebe Truppe. Viele Grüße an dieser Stelle!
Bastian Brenner – versteht unter Loyalität etwas anderes als ich.
Männliche Groupies – müssen Männer mit Bärten sein! ;-)

Die letzten Worte gehören dir …
Ich danke dir, Sigi, für das ausführliche Interview und natürlich auch allen interessierten Menschen, die es bis hierher gelesen haben. Ich hoffe, dass ich darin unter anderem auch einige Fragen beantworten konnte, die seit meinem Ausstieg bei Fuchsteufelswild häufig an mich herangetragen wurden. Vielleicht kann der eine oder andere diesen Schritt nun etwas besser nachvollziehen. Mein musikalischer Weg ist damit noch lange nicht vorbei – er hat in gewisser Hinsicht gerade erst begonnen.

 

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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