Interview mit Chen Balbus von Orphaned Land

Neues Mitglied, neues Album, neue Ideen: Bei Orphaned Land, der bekanntesten Metalband Israels, tut sich im Moment so einiges. Eine Tour steht nach dem Albumrelease an und es gab einen großen Wechsel in der Bandbesetzung:  Nach dem Ausstieg des Gründungsmitglieds Matti Svatizky steht uns ein sehr selbstbewußter Chen Balbus, ehemaliger Schüler Svatizkys und langjähriger Live-Gitarrist der Band, Rede und Antwort zum neuen Album „All Is One“:

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Hey, vielen Dank, für die Interviewmöglichkeit. Wie läuft’s denn so bei Orphaned Land?
Hallo, ist mir ein Vergnügen. Es ist jetzt etwa eine Weile, seitdem „All Is One“ erschienen ist.  Bisher sind die Kritiken hervorragend und wir werden mit positiven Reaktionen regelrecht überhäuft. Es ist wirklich großartig, wenn etwas, wofür man so hart gearbeitet hat, auf der ganzen Welt so geschätzt wird. Wir sind währenddessen dabei, die neuen Songs für die Release-Show in Israel zu proben. Die meisten Songs werden bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal live gespielt werden.

Ihr habt sechs Jahre gebraucht, um „The Neverending Way of ORwarriOR“ zu schreiben und aufzunehmen. Nun habt ihr während dem touren in nur drei Jahren ein neues Album fertig gemacht. Wie kam es dazu?
Als ich nach Mattis Ausstieg zu der Band stieß, war Yossi gerade mit seinem Solo-Projekt auf Tour. Kobi und Uri kamen mit dem Material, das bereits fertig komponiert war auf mich zu. Als neues Bandmitglied und als Jüngster war ich sofort voll und ganz motiviert. Kobi, Uri und ich haben dieses Album komplett selbst in meinem Home Studio aufgenommen. Wir haben Tag und Nacht an den Entwürfen gearbeitet, meine Gitarren aufgenommen, das Schlagzeug programmiert, Keyboards eingefügt usw. Da wir drei alle 110% gaben, um dieses Album zu realisieren, ging alles viel schneller als bei den vorangegangenen Alben.

Matty Svatitzky hat die Band vor kurzem erst verlassen. Hatte sein Ausstieg Konsequenzen für das Songwriting oder die grundsätzliche Ausrichtung der Band?
Es war ein sehr trauriger Moment für uns, als Matti die Band verließ. 22 Jahre lang hat er mit der Band Alben aufgenommen und getourt. Er war nun einfach müde und will sich auf seine Familie und seine berufliche Karriere konzentrieren. Obwohl es natürlich traurig ist, glaube ich, dass es für ihn das Beste ist, da er nicht mehr sonderlich motiviert war. Die Band ist aber auf Kurs geblieben und mit meinem Einstieg haben wir es geschafft, unser bestes Album schneller als alle davor zu veröffentlichen. Ich glaube, Orphaned Land sind gerade auf ihrem Zenith.

Press_Photo_06Wie ist denn die Arbeit so als ganz neues Bandmitglied?
Teil meiner Lieblingsband zu werden war für mich, als junger Kerl, wie ein Traum, der wahr wird. Ich kenne die Jungs seit Jahren und bewundere ihre Musik. Es war für mich auch irgendwie naheliegend, dass ich ein Mitglied der Band werde, schließlich habe ich mit den anderen Touren in Israel und auf der ganzen Welt gespielt. Sie sind wie große Brüder für mich. Als ich in die Band kam, begrüßten die Jungs meine Motivation und dass ich frisches Blut in die Band bringe. Ich bin sehr glücklich und mit jedem Schritt, den ich mit der Band machen, möchte ich sie weiter voran bringen.

Warst du sehr in das Songwriting zu dem neuen Album involviert?
Ja, „All Is One“ wurde hauptsächlich von Kobi, Uri und mir geschrieben. Wir haben das Album mit meinen Kompositionen um ein paar Ideen von Yossi herum aufgebaut. Ein paar Tracks wurden für uns von berühmten Künstlern geschrieben. Ich habe das ganze zusammengesetzt und die Instrumente arrangiert. Kobi und Uri haben dann kommentiert und noch mehr Ideen mit eingebracht, bis wir ein ganzes, selbst produziertes Album hatten. Wir haben zu jedem Song bis zu 150 E-Mails ausgetauscht und von jedem existierten mindestens 15 Versionen, bis wird bereit fürs Studio waren.

Das Aufnehmen ging ja dann richtig schnell…
Ehrlich gesagt, hatten wir eine Woche veranschlagt. Aber damit lagen wir falsch. Die Aufnahmen in den Fascinaton Street Studios zu machen war definitiv die besten Entscheidung, die wir je getroffen haben. In Israel sind Metalaufnahmen in Studios eher ungewöhnlich und noch etwas relativ neues. In Schweden sind sie da sehr professionell und achten auf jeden Details, das nicht mal wir am Ende heraushören. Unser Toningenieur Johan Ornborg war den ganzen Aufnahmezeitraum über mit uns in Schweden dabei und sorgte dafür, dass jeder Take nicht anders als fantastisch klang.

635029690785585017Kannst du uns etwas über das Coverartwork erzählen? Das Design sieht ja etwas retro aus, fast Art-Deco-mässig …
Das unglaubliche Coverartwork von „All Is One“ stammt von dem französischen Künstler Metastazis, der schon für Paradise Lost, As I Lay Dying und Sonne Adam gearbeitet hat. Es verkörpert perfekt die Zeichen der drei größten Religionen in einem. So einfach das ist – es ist auch der beste Weg, „All Is One“ visuell darzustellen. Einfach alle Symbole als eins zusammenzufassen … manche werden vielleicht denken, dass das naiv ist, aber genau darauf hoffen wir auch. Schon eine kleine Änderung ist ein Anfang. Und mehr als unsere Politiker tun.

„All Is One“ ist viel direkter als seine Vorgänger. War dieser neue Ansatz geplant, oder hat er sich von selbst entwickelt?
Die Tatsache, dass „All Is One“ ein etwas direkteres Album ist, gab uns die Möglichkeit, viel neues auszuprobieren: Weniger ist mehr. Wir mussten erst herausfinden, was am besten wo hin passt. Wir wollten songdienlich spielen und nicht mit technischen Raffinessen oder Kompositionen angeben. Wir haben es geschafft, die Orphaned Land-Trademarks zu bewahren und in jeder Hinsicht puren Oriental Metal zu schreiben. Wir wollten, dass „All Is One“ einfach zu hören ist und direkter auf den Hörer zugeht. Deshalb ist das Album das beste geworden, dass wir je veröffentlicht haben. Wie wir immer sagen: Es wäre einfach, ein neues „Mabool“ zu schreiben. Aber wir wollen immer etwas neues machen, das nicht so klingt wie unsere anderen Alben.

Ihr behandelt sehr komplexe Themen, aber die Musik und die Texte sind, wie ich schon anmerkte, eher einfacher geworden. Denkst du, dass es möglich ist, diese Probleme angemessen in einem straighten Metal-Song zu verarbeiten?
Wir bei Orphaned Land glaube, dass Musik die stärkste Macht überhaupt ist. Das wurde uns mit Orphaned Land über die Jahre zu so vielen Gelegenheiten bewiesen. Wir sind eine israelische Band mit einer riesigen arabischen Fangemeinde. Laut den Medien und den Politikern müssen wir „Feinde“ sein, aber die Leute finden in unserer Musik den Willen, für den Frieden zu kämpfen. Ich glaube, dass das der beste Weg ist, um in den Köpfen der Leute wenigsten für kleine Änderungen zu sorgen. Durch Musik kann man unsere Botschaft und die Vernunft auf der ganzen Welt hören.

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Erwarest du irgendetwas davon, jetzt Mitglied bei Orphaned Land zu sein?
Nicht sehr viel. Ich habe schon alles, was ich von den Jungs brauche. Ich erwarte nur von uns allen, dass wir leben und zusammen Musik machen mit Verständnis und Anerkennung für jeden einzelnen von uns. Respekt ist das wichtigste. Zum Glück haben wir alle die selben Werteansichten und sind wie Brüder füreinander.

Bist du mit irgendetwas, was Orphaned Land in der Vergangenheit gemacht hat, nicht einverstanden?
Nie. Orphaned Land hat mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Als Gitarrist, wie als Mensch haben sie mich gelehrt, dass Licht und das Positive in all dem Krieg und Hass um uns herum im Mittleren Osten zu sehen.

Gibt es ein Land, in dem du noch nie gespielt hast, wo du aber unbedingt einmal auftreten möchtest?
Ja, Finnland! Es gibt so viele Metal- und Rock-Bands aus Finnland, die ich wirklich mag. Es wäre wirklich fantastisch, dort irgendwann einmal zu spielen. Ansonsten mag ich Länder mit kaltem Wetter. Ich habe die Zeit in Schweden im Studio wirklich genossen.

Habt ihr irgendwelche speziellen Pläne für die kommenden Live-Shows?
Wir spielen eine Show in Israel zur Veröffentlichung des Albums „All Is One“ mit jeder Menge Gäste. Das wird eine große Party, denn es ist schon eine ganze Weile her, dass wir zuhause gespielt haben. Danach geht es los zu den Sommerfestivals und wir haben jede Menge neue Songs im Gepäck. Es wird interessant werden, die Reaktionen darauf zu sehen.

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Gibt es irgendetwas, was du gerne mit Orphaned Land machen würdest, wozu du aber noch nicht die Gelegenheit hattest?
Mein Traum wäre es wirklich, einmal mit einem ganzen Orchester und einem Chor auf der Bühne aufzutreten. Im Moment ist das leider unmöglich. Aber ich glaube an uns, dass wir das eines Tages geschehen lassen werden. Wir sind sehr motiviert und werden immer größer. Ich bin sicher, dass es eines Tages möglich sein wird.Zum Schluss noch das traditionelle Metal1-Brainstorming:

World War Z: Freue mich darauf, den Film bald zu sehen!
Edward Snowden: Ich würde ihm keine Entwürfe unseres Albums schicken.
Ulver: Habe noch nie von denen gehört.
Messias: „Wir sind der Messias“
Sommer: Hau ab, mach Platz für den Winter.

Sonst noch eine Nachricht an unsere Leser?
Denkt immer daran: Egal welcher Religion wir angehören, woher wir kommen oder wer wir sind: Alles, was wir sind, ist eins. All Is One!

Vielen Dank für das Interview.