Interview mit Nicolai Sabottka - Pyrotechnics & Production Director von Rammstein

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Als Kind hat er mit „Weltkriegsmunition, selbstgebauten Rohrbomben und anderen abenteuerlichen Konstruktionen“ experimentiert. Heute ist Nicolai Sabottka nicht etwa Invalide, sondern Pyrotechnik-Entwickler für RAMMSTEIN – und ihr Tourmanager. Im vierten Teil unserer Serie „RAMMSTEIN – Hinter den Kulissen der Stadiontour“ verrät er seinen Lieblingseffekt der Stadiontour, die Hürden bei der Effektentwicklung und wie er überhaupt Pyrotechniker wurde.

Du bist als Tourmanager der Hauptverantwortliche für diese Tour. Hast du eine Zahl für uns, wie viele Leute sind insgesamt involviert sind, vom Trucker bis zum Musiker?
Es sind insgesamt 265 Personen.

Bei kleinen Touren ist man als Tourmanager ja der Ansprechpartner für alles und jeden – bei einer Tour dieser Größe ist das vermutlich gar nicht mehr möglich. Worauf liegt dein Hauptfokus während, aber auch im Vorlauf einer solchen Tour?
Das schimpft sich jetzt „Production Director“ und beinhaltet die gesamte technische und personelle Planung im Vorlauf und nachfolgend die Koordination auf Tournee. Im Prinzip ändert sich daran, dass man der Ansprechpartner für alles und jeden ist, auch bei größeren Tourneen nicht sehr viel. Mein Team ist natürlich größer und Aufgaben werden entsprechend verteilt.

Generell fällt sicher ein großer Teil deiner Arbeit in die Zeit vor Beginn der Tour – was frisst da am meisten Zeit, worum musst du dich am dringlichsten kümmern?
Ja, da sagst du was. Die Zeit der Vorbereitung ist immer die mit Abstand intensivste. Das Produktionsteam ist dann in der Regel noch nicht vollzählig am Start und ich bin zu Beginn erst einmal damit beschäftigt, die Grundlagen zu schaffen. Also das vom Promoter vorgeschlagene Routing mit der Trucking-Firma zu prüfen, Hotels anzufragen und zu buchen, bevor der Ticket-Vorverkauf startet, sowie Busse und Trucks bestätigen.

Dann geht es an die Hauptarbeit, nämlich das Design mit Band und Designteam abzustimmen und die entsprechenden Dienstleister auszuwählen, die dieses dann umsetzen sollen. Während oder auch vor dem eigentlichen Umsetzen des Designs müssen alle Spielstätten besucht werden, um vor Ort zu prüfen, ob sich alles so durchführen lässt. So sehr man manchmal des Nachts auch den Computer an die Wand werfen möchte, weil es viele Situationen gibt, die einen an den Rand des Wahnsinns treiben, ist das trotzdem die spannendste Zeit – weil sich die manchmal nur auf Bierdeckeln, Servietten oder kleinen Selbstbau-Modellen festgehaltenen Vorschläge der Band in Zusammenarbeit mit dem Designteam Stück um Stück manifestieren.

Im aktuellen Fall haben wir das Design noch einmal komplett revidieren müssen, während wir bereits auf Besichtigungstour in den Stadien waren und Zulieferer auf Auftragsbestätigungen warteten. Da wächst dann das eine oder andere graue Haar. Aber es ist auch eine sehr befriedigende Aufgabe, wenn man das Ergebnis wenige Monate später sieht und in die zufriedenen Gesichter der Band schaut.

Durch RAMMSTEINs aufwändige Pyro-Show bedarf es sicher zahlreicher Genehmigungen – wurde das über die Jahre leichter, dank steigendem Bekanntheitsgrad, oder schwieriger, weil ihr immer abgefahrenere, größere Pyroeffekte nutzt?
Als ich vor über 24 Jahren bei der Band angefangen habe, war es fast unmöglich, eine Genehmigung zu bekommen, weil die Kollegen sich nicht immer ganz an die Regeln gehalten haben. Es hat dann viele Jahre gedauert, sich bei den Behörden und Veranstaltern wieder einen Vertrauensvorschuss zu erarbeiten. Dadurch, dass wir unsere Effekte immer auch mit einem Sicherheitskonzept versehen und Unmengen Geld dafür ausgeben, immer auf dem allerneuesten Stand der Technik zu sein, hat sich meine Firma ffp Spezialeffekte in den zurückliegenden Jahren eine Position erarbeitet, die es uns nun ermöglicht, auch solche teils exzentrische Shows genehmigt zu bekommen. Der Schlüssel dazu liegt, denke ich, darin, dass wir immer offen mit allen Fragen der Behörden umgehen und mit Engelsgeduld allen möglichen Bedenken nachgehen und diese ausräumen. Manchmal hilft der Name der Band und manchmal ist genau das Gegenteil der Fall. Ich kann mit einem anderen Künstler in der Stadt X ähnliche Effekte machen und es scheint niemanden besonders zu interessieren … steht aber RAMMSTEIN drauf, kommen gleich dutzende von Nachfragen.

Du bist nicht nur Tourmanager, sondern als Pyrotechniker ja auch der Entwickler sämtlicher Pyroeffekte. Pyrotechnik für RAMMSTEIN entwickeln klingt nach dem Traum eines jeden kleinen Jungen. Fühlst du dich manchmal genau so, wenn du mal wieder alles in die Luft jagen und anzünden darfst?
Ja, genau so ist das. Ich kann mich nicht beschweren – ich mache genau das, was ich immer machen wollte und davon leben mittlerweile gut 20 Festangestellte an den Standorten Berlin und Los Angeles. Jetzt bekomme ich sogar Geld für etwas, für das ich als Bub noch in Jugendarrest gekommen wäre. Als Junge habe ich immer davon geträumt, einmal Pyrotechniker zu werden. Zum Missfallen meiner Eltern habe ich – ohne das fundierte Wissen von heute – unzählige Experimente mit Weltkriegsmunition, selbstgebauten Rohrbomben, Rauchkörpern und anderen abenteuerlichen Konstruktionen gemacht. Dass da noch alle Finger dran sind ist ein schieres Wunder. Meine berufliche Laufbahn hat mich dann aber erst mal in ein Bergwerk geführt, danach kam der Zivildienst. Dann habe ich angefangen, für die Konzertagentur meines Bruders zu arbeiten. Das hatte mit Pyrotechnik nichts mehr zu tun. Erst als ich das Angebot bekam, für RAMMSTEIN zu arbeiten, hat sich der Kreis wieder geschlossen.

Allerdings zahlt man eben auch einen gewissen Preis – nämlich den, dass es im Prinzip nie mehr einen Moment gibt, an dem nicht das Telefon klingeln könnte und ein Mitarbeiter von einem Zwischenfall berichtet. Zum Glück sind wir von größeren Unfällen bisher verschont geblieben, aber das Risiko steigt natürlich mit der zunehmenden Anzahl von Veranstaltungen und den immer extremer werdenden Forderungen der Künstler. Es bedarf einer ungeheuren Energie, allen Mitarbeitern immer und immer wieder vor Augen zu führen, wie wichtig die Sicherheit im Tourneebetrieb und auch bei Einzelshows ist. Unser größter Feind ist die „Routine“.

Till Lindemann hat selbst ja auch eine Ausbildung zum Pyrotechniker gemacht. Wie darf man sich eure Zusammenarbeit vorstellen? Überlegt ihr euch mögliche Effekte zusammen oder unterbreitest du Vorschläge?
Arbeiten mit Till macht einfach Spaß. Manche Vorschläge kommen von ihm und manche von uns, manchmal kommen Ideen aber auch von den anderen Bandmitgliedern. In den Anfangsjahren haben wir noch stundenlange Creative-Meetings gehabt, wohingegen wir uns heute fast ohne Worte verstehen. Uns hat immer genervt, dass wir nicht die Pyroeffekte haben konnten, die wir uns vorgestellt haben.

Ein glücklicher Umstand hat mich dann mit einem der führenden Chemiker in der Pyroindustrie zusammengebracht: Russ Nickel hatte sich gerade von seiner früheren Firma getrennt und war auf der Suche nach einem neuen Partner in Europa. Wir haben dann den Vertrieb und die Zulassung seines neuen Labels Evolution Pyrotechnics in Europa übernommen. Ich war also sehr häufig in der Fabrik in Montana und habe einen direkten Draht zur Produktion und Entwicklung aller von uns benutzten Effekte. Es ist ein unschätzbarer Vorteil, dass wir Effekte nach unseren Vorstellungen produzieren lassen können. Das Gleiche gilt für die Hardware. Wir haben uns schon früh mit der Entwicklung unserer eigenen Flammensysteme beschäftigt und haben mittlerweile eine eigene „Research and Development“-Abteilung, in der so hübsche Sachen wie Tills Flammenrucksack entwickelt und gebaut werden.

Mir wird sehr schnell langweilig und ich habe immer den Ansporn, dass unsere Shows anders aussehen als die anderer Firmen … dafür braucht man aber eben auch immer etwas, das andere nicht haben. In der Regel hat man ein, maximal zwei Jahre Vorsprung, bis uns die Mitbewerber einholen. Und es braucht natürlich auch die entsprechende Klientel – wobei RAMMSTEIN natürlich ein Glücksfall sind, weil man hier auch mit noch so bekloppten Ideen immer ein offenes Ohr findet.

Wie gehst du das an, wie läuft der Kreativprozess ab – und wie geht es dann bis zum fertigen Effekt weiter? Viele Effekte, auch aus früheren Shows, sind ja so noch nie dagewesen und mussten vermutlich von Grund auf neu entwickelt werden?
Wir bauen immer erst mal auf dem Grundstock der bestehenden Effekte auf. Viele Songs haben fest zugeordnete Pyrotechnik oder Flammen – dafür bedarf es aber erst mal einer Vorauswahl, welche Songs denn auf der Tournee gespielt werden … und das ist manchmal gar nicht so einfach.

Steht dann die Setlist so einigermaßen, setzen wir uns mit Till hin und besprechen, welche Effekte wir behalten, welche weiterentwickelt werden sollen und welche wir sterben lassen. Danach wird das Ganze der Band vorgestellt und dann gegebenenfalls noch mehrmals geändert. Soweit die Theorie. Das Ganze muss dann natürlich ausgiebig erprobt werden. Da gibt es immer wieder Überraschungen, weil oft eben bei weitem nicht alles so funktioniert, wie wir uns das vorstellen. Das kann manchmal sehr frustrierend und vor allem recht kostspielig sein. Wir haben schon das eine oder andere Einfamilienhaus versenkt, nur um festzustellen, dass bestimmte Effekte so, wie wir sie wollten, nicht umsetzbar sind. Das birgt halt immer auch das Risiko, dass man in eine finanzielle Schieflage kommt, die man nicht mehr unter Kontrolle hat. Aber wie sagen die angelsächsischen Kollegen immer: „No risk, no fun!“

Bei der aktuellen Show setzt ihr auf eine fast schon ironische Überspitzung des Flammenwerfer-Effekts: Drei verschiedene Größen packt Till aus, bis er schlussendlich auf einem fahrbaren Flammenwerfer Flake im Schutzanzug brutzelt. Hast du ein paar technische Details zu diesem Flammenwerfer … Größe, Reichweite, Verbrauch, Temperatur in der Flamme sowie im Schutzanzug und dergleichen?
Detailfragen zu den Effekten finde ich immer langweilig, beziehungsweise möchten wir technische Details nicht unbedingt in die Öffentlichkeit tragen. Die Kanone basiert aber auf unserem Standard-Flammensystem und die Idee mit dem Schutzanzug kam mir vor ein paar Jahren bei einer Folge der Serie „Dexter“. Dort gab es einen Irren, der in einen Linienbus stieg, sich einen solchen Anzug überzog und danach alle Insassen mit Benzin übergossen und angezündet hat. Tja, und da stehen wir nun mit unserer Kanone, Till und Flake …

Damit dürftet ihr, was diesen Effekt angeht, am Limit angekommen sein. Ist das in gewisser Weise auch ein Druck – immer mehr und größer liefern zu müssen, um die Fans zufriedenzustellen?
Ja, da hast du recht. Es wird jedes Mal etwas schwieriger, noch eins draufzusetzen. Aber das macht ja auch den Reiz aus. Beim aktuellen Showdesign war unsere größte Sorge, dass wir mit Flammen und Effekten nicht mehr angemessen proportional zum massiven Bühnenaufbau sein könnten. Um angemessene Systeme zu entwickeln und zu bauen, muss man schon handeln, bevor klar wird, wie die Show aussehen soll. Es bedarf also einer gewissen Risikobereitschaft, Systeme zu produzieren, von denen man nicht weiß, ob sie denn überhaupt von der Band abgesegnet werden.

Die Open-Air-Stadiontour hat ja zudem noch ganz andere, gigantische Pyros auf den Speakertürmen ermöglicht. Wie werden die betrieben und wie viel Brennstoff geht da im Rahmen einer Show durch?
Wie gesagt: Technische Details ersparen wir dem Leser gerne, aber wir verbrauchen rund 1000 Liter Testbenzin pro Show.

Und was erzeugt den dichten, schwarzen Rauch bei „Was ich liebe“? Können solche Rußschwaden nicht sogar ungesund sein?
Auch hier möchte ich mich zu den Einzelheiten nicht äußern. Man kann aber davon ausgehen, dass der Effekt nicht gesundheitsschädlich ist, wenn er so eingesetzt wird, wie wir das tun, da er einerseits von der Bundesanstalt für Materialprüfung zugelassen und andererseits von den örtlichen Behörden abgenommen ist.

Welcher Effekt war in der Entwicklung am kompliziertesten – und warum?
Die großen Flammensysteme sind sehr komplexe Gerätschaften. Da wir uns relativ kurzfristig entschlossen hatten, mehrere so vorher nicht existente Anlagen zu entwickeln, mussten wir ziemlich Gas geben, um alles termingerecht bis zum Probenbeginn in Berlin fertigzustellen. Im Lager sah es über Monate aus wie in einer geheimen Raketenfabrik. Techniker mit angespannten Gesichtszügen und tiefen Ringen unter den Augen … und eine nicht enden wollende Bestellflut an Einzelteilen und Funktionstests. Der Erfolg gibt uns nun recht – aber das war schon sehr intensiv.

Und was ist aus Pyrotechniker-Sicht der spektakulärste Moment, dein Lieblings-Pyro-Moment der aktuellen Show?
Ganz klare, einfache Antwort: „Sonne“!

 

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