Interview mit TV Smith

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Mit The Adverts stand Timothy Smith im Mittelpunkt der britischen Punkbewegung. Dann waren die 1970er-Jahre vorbei und The Adverts schon wieder Geschichte. Doch Smith machte weiter, veröffentlichte als TV SMITH Soloalben und tourte unablässig durch die Clubs der Welt, bis die Corona-Pandemie und eine persönliche COVID-19-Erkrankung ihn stoppten.

Ein Interview über das daraus erwachsene Album „Lockdown Holidays“, die Überlegung, wie schlecht Zeiten sein müssen, damit man gut darüber texten kann, und natürlich die ewige Frage: Ist Punk wirklich noch nicht tot?

Hallo und vielen Dank, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast! Wie geht es dir?
Mir geht es gut. Danke, dass du mich eingeladen hast.

Diese Einstiegsfrage ist in der Corona-Zeit – und speziell für dieses Interview – sehr wichtig: Du warst ja selbst an Covid-19 erkrankt – bist du wieder fit?
Ich bin wieder bei 90%, würde ich sagen. Es war ein langer Weg, mit vielen Erschöpfungsphasen zwischendurch, und es erwischt mich immer noch ab und zu, dann breche ich einfach zusammen. Aber im Großen und Ganzen geht es mir wieder gut.

Du warst in den letzten Jahren ständig auf Tour – fällt es dir schwer, jetzt zu Hause zu bleiben, oder kannst du es auch genießen, nicht „on the road“ zu sein?
Am Anfang war es schon komisch. Das Ding war, dass ich zu der Zeit, als alle Gigs abgesagt wurden, selbst Covid-19 hatte. Also hätte ich die Auftritte sowieso nicht spielen können. Ich konnte nicht einmal aus dem Bett aufstehen. Als es mir dann besser ging, hatte sich die ganze Welt verändert. Ich musste – wie alle anderen auch – einsehen, dass von nun an alles anders sein würde. Sobald man gelernt hat, das zu akzeptieren, kann man auch lernen, sich in der neuen Umgebung wohlzufühlen. In meinem Fall bedeutete das, neue Dinge auszuprobieren: Online-Auftritte beispielsweise, oder zu Hause Videos zu drehen. Aber ich hoffe immer noch, dass ich irgendwann zu Auftritten im echten Leben vor echten Menschen zurückkehren kann.

Demnächst wirst du 65 Jahre alt, in einem „normalen“ Job würdest du dich dem Rentenalter nähern.  Trotzdem standest du bis zum Beginn der Pandemie unermüdlich auf der Bühne. Was macht für dich den Reiz des Tourens aus, was treibt dich an?
Der Reiz ist zu sehen, dass die Leute Spaß an dem haben, was ich mache. Das ist, was es lohnenswert macht. Die Reaktion des Publikums gibt mir die Gewissheit, dass ich das Richtige getan habe, indem ich die Songs geschrieben und mir die Mühe gemacht habe, rauszugehen und sie zu spielen.

Was ist dein Trick, um die Strapazen des Unterwegssein erträglicher zu machen?
Ich habe mir über die Jahre eine Menge Tricks angeeignet. Ich habe meine Tour-Tagebücher veröffentlicht, um Druck abzulassen und meine Erfahrungen zu teilen. Alkohol hat natürlich auch geholfen! (lacht) Heutzutage habe ich eine einfache Strategie: Ich versuche, die physischen Bedingungen des Tourens so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich gönne mir beispielsweise Übernachtungen in anständigen Hotels statt in den Bandräumen der Clubs zu schlafen – auch wenn ich den Aufpreis selbst zahlen muss. Und ich versuche, die Tour-Route sinnvoll zu planen, damit ich nicht immer den ganzen Tag zum Gig fahre und schon erschöpft ankomme.

Hast du jemals ans Aufhören gedacht – oder wartest du nur darauf, nach der Pandemie wieder aufzubrechen?
Ich hatte immer die Sorge, dass es mir schwer fallen würde, wieder anzufangen, wenn ich erst einmal aus dem Tritt bin und für längere Zeit nicht auf Tour war. Und tatsächlich: Als der Corona-Shutdown mich gezwungen hat, innezuhalten und auf die Intensität meines ständigen Tourens zurückzublicken, sah es wie eine Form von Wahnsinn aus; ich war mir nicht sicher, ob ich dazu wirklich zurückkehren sollte. Aber die Wahrheit ist, dass ich unbedingt wieder live spielen möchte, wenn die Zeit reif ist und es wieder sicher ist, das zu tun.

Du hast jedenfalls auch in Lockdown keinen Urlaub gemacht, sondern ein Album geschrieben und aufgenommen: „Lockdown Holiday“. Was ich daran mag, ist, dass es simpel gehalten ist: Es klingt sehr ehrlich. Ist es das, was Punk ausmacht – und siehst du deine Musik überhaupt noch als Punk?
In diesem Sinne, definitiv ja. Es ist schwer zu sagen, was Punk heutzutage ist, so viele Bands behaupten, „Punk“ zu sein. Für mich bedeutet es einfach, ehrlich und aufrichtig zu sein. Der tatsächliche Musikstil ist dabei nicht so wichtig, es geht nur um den Inhalt.

Eine Band, mit der du viel zusammengearbeitet hast und die dich auch schon oft unterstützt hat, sind Die Toten Hosen. Mal ehrlich: Ist das noch Punk oder eher Mainstream-Rock?
Ich denke, sie haben immer noch eine Punk-Attitüde. Sie sind immer noch sehr authentisch in dem, was sie tun, was ungewöhnlich ist für so berühmte Musiker wie sie es sind. Aus den Gründen, die ich dir gerade genannt habe, kann ich nicht wirklich sagen, ob ihre Musik Punk ist oder nicht. Aber ich glaube auch nicht, dass das sie oder irgendjemand anderes wirklich interessiert.

Ganz allgemein: Ist Punk nicht doch schon tot? Oder was hat das, was heute als Punk verkauft wird, noch mit euren Idealen und Ideen aus den 1970er Jahren zu tun?
Ich denke, Punk ist noch am Leben, aber mittlerweile finde ich die ganze Frage „ist das Punk oder nicht?“ ziemlich langweilig. Das lässt Punk wie einen elitären Club wirken, dem nur einige Leute beitreten können. Dabei war Punk ursprünglich genau das Gegenteil von elitär: Der Punkt war ja gerade, dass jeder ein Punk sein konnte. Die eigentliche Frage ist: „Ist es gut oder nicht?“

Es gibt immer noch Bands aus dieser Zeit – The Addicts etwa, die euren Adverts musikalisch recht ähnlich sind. Ist diese Art von Musik für dich heute noch interessant, oder bist du diesem Sound – auch als Musikhörer – entwachsen?
Ich würde nicht sagen, dass ich da rausgewachsen bin, aber ich war dieser Musik in den letzten vierzig Jahren so übermäßig ausgesetzt und habe alle diese Lieder so oft gehört, dass ich daheim nie eine Punkplatte auflegen würde.

Findest du es manchmal schade, dass deine Reise mit The Adverts so kurz war?
Nein, ich glaube, diese paar Jahre waren genug. Ich musste wirklich weiterziehen und neue Dinge ausprobieren.

Aber 40 Jahre später kommen Interviewer wie ich immer noch auf The Adverts zu sprechen. Wie fühlt es sich an, ständig darauf reduziert zu werden – empfindest du da Stolz, oder kränkt es dich auch, weil es deine Solokarriere abwertet?
Ich bin immer noch stolz darauf, dass die Band so viel Einfluss hat – aber ich denke, das liegt auch daran, dass diese Epoche selbst so bahnbrechend war. Es gibt nicht viele Zeiten, in denen die ganze Gesellschaft durch ein paar Kids in Bands so aufgerüttelt wird. Ich muss zugeben, dass ich es eine Zeit lang satt hatte, ständig von den Adverts zu hören, aber inzwischen ist das ein so kleiner Teil von dem, was ich gemacht habe, dass es mir nichts mehr ausmacht. Wenn ich live spiele, stellt das alles in den richtigen Kontext – ich spiele ein Set von, sagen wir, dreißig Songs und vier oder fünf davon sind Adverts-Songs – der Rest ist von meinen Soloalben. Das ist ein vernünftiges Verhältnis.

Du spielst Musik, die eigentlich recht massentauglich ist, tourst als Vorband von Die Toten Hosen durch die Welt – und doch hat es nie für den großen Durchbruch, für große Headlinershows gereicht. Wie erklärst du dir das?
Ich kann es wirklich nicht erklären. Ich würde gerne glauben, dass meine Musik massentauglich ist, aber wenn ich mir anhöre, was tatsächlich populär ist, dann hat das nichts mit mir zu tun oder mit den Menschen, die zu meinen Gigs kommen. Um die geht es mir. Ich werde sicher nicht auf der Suche nach einem möglichen Durchbruch Kompromisse bei dem, was ich mache, eingehen.

Textlich bist du immer noch bissig: Die Texte auf „Lockdown Holiday“ sind nochmal ein bisschen kritischer, vielleicht sogar düsterer. Ist das richtig?
Nun, ich habe mich in einer sehr finsteren Lage wiedergefunden, mitten in einer Zeit des Umbruchs, die anders war als alles, was unsere Generation zuvor erlebt hatte. Das hat mich sehr beschäftigt und macht die Texte noch wichtiger als sonst. Wenn man sich an einem dunklen Ort befindet, muss man etwas Licht hineinbringen. Die Texte mussten dieser Situation einen Sinn geben und sie mussten Biss haben.

Sind die Texte zu „Join The Mainstream“ oder „Let’s Go Back To The Good Old Days“ noch Ironie – oder schon Sarkasmus?
Ironie, würde ich sagen. Es ist aber manchmal ein schmaler Grat. Vielleicht kommt „Send In The Clown“ näher an Sarkasmus heran.

Andererseits schreibst du in „Bounce Back“: „Looks bad now but it won’t last“ [„Es sieht jetzt schlecht aus, aber es wird nicht andauern“]. Bist du trotz allem ein Optimist?
Ich weigere mich, in Verzweiflung oder Selbstmitleid zu schwelgen. Wenn die Lage schlecht ist, muss man sie akzeptieren und dann anfangen, daran zu arbeiten, die Situation zu ändern und besser zu machen.

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Du schreibst seit über 40 Jahren kritische Punkrock-Texte. Ist das im Hinblick auf die Gesellschaft und die Weltpolitik einfacher oder schwieriger geworden?
Es kann schwierig sein, immer wieder mit etwas Relevantem und Neuem aufzuwarten, aber bei „Lockdown Holiday“ hat sich das alles wie von selbst ergeben. Ich hatte gar nicht vor, ein neues Album zu schreiben. Ich wollte einen Song über die Art und Weise schreiben, wie Corona die Welt im Allgemeinen und mein Leben im Besonderen beeinflusst. Sobald ich den fertig hatte, wurde mir klar, dass es noch mehr zu sagen gab. Ich habe einfach weitergemacht und plötzlich hatte ich elf neue Songs beisammen.

Apropos Politik: Was ist deine Meinung zum nun vollzogenen Brexit?
Er ist eine Katastrophe. Gerade jetzt, wo wir alle an einem Strang ziehen sollten, um zu versuchen, eine Krise zu lösen, entscheiden einige populistische nationalistische Idioten in Großbritannien, dass wir alleine besser dran wären. Es gab eine Menge Manipulation und Marketing, um eine Mehrheit davon zu überzeugen, dass dies die richtige Entscheidung ist. Ich denke, viele Leute, die für den Brexit gestimmt haben, werden es in den nächsten Jahren bereuen.

Das Motto, unter dem „Lockdown Holiday“ steht, lautet: „Stay safe. Think dangerous“ – was genau heißt „think dangerous“ eigentlich für dich?
Ganz grundsätzlich: Bilde dir deine eigene Meinung.

Heute glauben manche Leute, schon „gefährlich“ zu denken und sich eine eigene Meinung bilden, wenn sie wirren Thesen aus dem Internet mehr Glauben schenken als Experten und den etablierten Medien. Was ist deine Botschaft an Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker?
Ich finde nicht, dass sie gefährlich denken. Ganz im Gegenteil. Es ist eine ziemlich einfache Option, zu glauben, dass alles eine große Verschwörung ist. Aber wenn man wirklich darüber nachdenkt, ergibt das überhaupt keinen Sinn. Das Ganze ist eine Katastrophe für alle, für große Unternehmen, Reiche und Arme gleichermaßen. Es zerstört Volkswirtschaften und schwächt Regierungen und das Establishment, also genau die Leute, die laut den Verschwörungstheoretikern davon profitieren sollen. Ich mag es nicht, meine Freiheit zu verlieren, und ich mag es auch nicht, von der Regierung gesagt zu bekommen, was ich tun soll – aber diesmal gibt es dafür einen guten Grund. Wichtig ist nur, dass wir, wenn dieses Virus endlich verschwunden ist, unsere Freiheit zurückbekommen müssen.

Vielen Dank für das Gespräch. Zum Abschluss unser traditionelles Brainstorming:
Donald Trump:
unhöflicher, lügender Betrüger
Was hast du aus dem Lockdown gelernt: Man kann das Leben auch genießen, wenn man nicht auf Achse ist.
Die letzte echte Punkband: hat sich noch nicht gegründet.
„An Tagen wie diesen“: schöner Song
Das Lustigste, was dir je auf Tour passiert ist: Fällt mir gerade nicht ein, es ist unter vielen nicht so lustigen Dingen begraben.
Deine Hoffnung für 2021: Dass wir das Beste von dem nehmen, was vor Corona passiert ist, und das Beste von dem, was wir während Corona gelernt haben, und nach Corona zu einer neuen und besseren Lebensweise übergehen.

Nochmals vielen Dank für deine Zeit. Die letzten Worte gehören dir!
Ich möchte nur sagen, dass ich hoffe, dich irgendwo, irgendwann, irgendwie bei einem Gig zu sehen. Im Moment ist es schwer vorstellbar, dass wieder richtige Shows stattfinden werden, aber ich glaube daran, dass das wieder passieren wird.

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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