
Zwanzig Jahre sind vielleicht noch keine Ewigkeit – ein Grund zum Feiern aber allemal. Kein Wunder also, dass die britischen Alternative-Rocker PLACEBO ihr Bandjubiläum und die damit einhergehende Veröffentlichung der Best-Of „A Place For Us To Dream“ zum Anlass für eine umfangreiche Welt-Tournee nehmen.
Pünktlich um 20:00 Uhr eröffnen DEAF HAVANA den Abend in der Münchner Olympiahalle. Obwohl die weiten Ränge noch lange nicht bis auf den letzten Platz gefüllt sind, können die Briten mit den Rahmenbedingungen zufrieden sein: Zuletzt gastierte die Band 2014 in München, vor einigen hundert Fans im Feierwerk. Doch mag die Musik der Band in solch kleinem Rahmen auch gut funktionieren – auf dem großen Parkett und ins enge Korsett einer 30-Minuten-Show gepresst bleiben DEAF HAVANA musikalisch wie auch vom Auftreten her blass: Während der Emopop der Truppe etwas aus der Mode gekommen wirkt, liefern DEAF HAVANA eine ermüdend austauschbare Show, die vom Publikum mit in Achtungsapplaus gepackter Gleichgültigkeit quittiert wird.
Um 20:55 Uhr erlischt das Licht erneut und über die Videoleinwand flimmert der Clip zu „Every You Every Me“, dem vielleicht größten Hit der Londoner Alternative-Rocker, in voller Länge. Arrogant? Abgeklärt? Schwer zu sagen. Irgendwie jedenfalls überflüssig und unnötig verschossenes Pulver – folgt anschließend doch noch ein Retrospec-Clip über die bisherige Bandkarriere, der als Konzert-Intro eigentlich vollkommen ausgereicht hätte. Punkt Neun betreten Brian Molko und Stefan Olsdal schließlich unter lautem Jubel in Persona die Bühne – begleitet von fünf Musikern, die das Duo heute wahlweise an Geige, Piano, Bass und dritter Gitarre unterstützen.
Statt eines furiosen Einstiegs wählen PLACEBO eher den besinnlichen: Über gut 80 Minuten hinweg zeigt sich die Band vornehmlich von ihrer düsteren, melancholischen Seite. Die feinen Nuancen, die die Stücke auf Album so vielseitig machen, gehen dabei durch die bisweilen fast überladene Instrumentierung leider oftmals verloren. Der Sound undifferenziert, die Stimmung gedämpft – einen ersten echten, emotionalen Höhepunkt erlebt die Show erst mit „Without You I’m Nothing“ vom gleichnamigen Album (1998), den PLACEBO über die Videoleinwand als Hommage an den verstorbenen David Bowie inszenieren. Das Publikum auf den Rängen erhebt sich zu Szenenapplaus – und auf einmal ist die Gänsehaut da.
Generell spielen die Videoleinwände eine tragende Rolle im Showkonzept: Hinter, neben und im kleinen Format zudem sechsfach schwenkbar über der Bühne drapiert, mal retro-mäßig schwarz-weiß, mal psychedelisch bunt, geben diese dem Auftritt die Optik einer großen Show, den Glanz des großen Jubiläums, das hier heute gefeiert werden soll.
Gerade noch rechtzeitig erinnern sich auch die selbsternannten „Masters of Melancholy“ des eigentlich freudigen Anlasses der heutigen Zusammenkunft und switchen nach 80 Minuten voller Weltschmerzlieder in den Jubiläumsparty-Modus: „No Spaß without dancing“ lautet die Devise, die Fronter Molko nun gleich mehrfach ausgibt. Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten: Wie entfesselt kommen die rund 8500 Fans in der gut, aber doch sichtlich weit unter ihren Kapazitäten gefüllten Olympiahalle allen Mitmach-Wünschen der Band nach, klatschen, springen und tanzen, bis die Show nach drei Zugaben und dem finalen Kate-Bush-Cover „Running Up That Hill (A Deal With God)“ nach exakt zwei Stunden nicht zu früh, aber auch nicht zu spät ihr Ende findet.
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Every You Every Me (Video-Intro)
- Pure Morning
- Loud Like Love
- Jesus‘ Son
- Soulmates
- Special Needs
- Lazarus
- Too Many Friends
- Twenty Years
- I Know
- Devil In The Details
- Space Monkey
- Exit Wounds
- Protect Me From What I Want
- Without You I’m Nothing
- 36 Degrees
- Lady Of The Flowers
- For What It’s Worth
- Slave To The Wage
- Special K
- Song To Say Goodbye
- The Bitter End
- Teenage Angst
- Nancy Boy
- Infra-red
- Running Up That Hill (A Deal with God) (Kate-Bush-Cover)
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„20 Years of PLACEBO“ lautet das Motto der Tour. Und in der Tat verwandeln PLACEBO – passend zu ihrer zuletzt veröffentlichten Best-Of-Album „A Place For Us To Dream“ – die Olympiahalle heute mit einem umfangreichen Rückblick auf ihre ohne Frage große Karriere zeitweise in genau das: In einen Ort zum Träumen. Doch auch der nicht immer ausgewogene Sound, die mitunter zu gleichförmige Inszenierung sowie eine Solgfolge, deren Konzept leider nur auf dem Papier aufgeht, lassen PLACEBO-Fans träumen – von der perfekten, mitreißenden und emotionalen Jubiläumsshow, die das heutige Konzert leider nicht war.
