
Feste muss man feiern wie sie fallen, Hauptsache es wird gefeiert. Ein prächtiger Anlass für ein Fest sind immer Geburtstage, dachten sich auch PLACEBO, die in diesem Jahr in 20-jähriges Bandjubiläum begehen und aus diesem Anlass touren. Mit von der Partie sind wechselnde Vorbands, in Stuttgart geben sich THE JOY FORMIDABLE die Ehre.
Das Trio scheint allerdings mit seiner Musik eher für kleine, verrauchte Klubs denn für Bühnen solchen Ausmaßes wie die der Schleyer-Halle gemacht zu sein. Spannenderweise spielt allerdings gerade dieses Fehl-am-Platz-Wirken THE JOY FORMIDABLE in die Hände, da es wunderbar mit dem Gefühl der Verlorenheit, das die Band mit ihrer Musik transportiert, einhergeht. Getragen wird die Musik der Band vom kraftvollen Schlagzeugspiel, das allerdings etwas arg laut abgemischt ist, sonst aber gemeinsam mit dem Bass für ein solides Fundament sorgt, auf dem sich Rhiannon Bryan mit ihrem Gitarrenspiel und kraftvollen Klargesang austoben kann. Definitiv eine coole Band, die mit ihrer Quirkyness zum heutigen Hauptact passt und eine halbe Stunde lang kraftvolle Energie mit zarter Zerbrechlichkeit verbindet.
PLACEBO beginnen ihre Show nach einem Leonard-Cohen-Gedenkmoment mit ihrem wahrscheinlich größten Hit „Every You, Ever Me“, allerdings in Form des Musikvideos, das über die Rückseite der Bühne flimmert. Allerdings wirkt dies am heutigen Abend nicht wie ein verschenkter Moment, sondern peitscht die Anwesenden total auf, sodass als Brian Molko und Stefan Olsdal die Bühne betreten die Stimmung schon am Kochen ist.
Dass PLACEBO eine Band ist, die primär aus zwei Menschen besteht, wird – so nicht ohnehin klar – allein durch den Bühnenaufbau klar. Denn während Bass bzw. zweite Gitarre, Schlagzeug, und Keyboard im Hintergrund aufgebaut sind, gehören Vordergrund und Scheinwerferlicht den beiden Protagonisten. Zudem finden sich auf der Bühne multiple Screens, auf denen im Wechsel das Geschehen auf der Bühne und Videountermalungen bzw. –animationen zu sehen sind, die die Musik begleiten. Musikalisch präsentieren sich PLACEBO zu ihrer Geburtstagsfeier in Bestform, was sich auch in den begeisterten Reaktionen der Zuschauer widerspiegelt. Klar, PLACEBO sind eine Band, die primär für ihre melancholische Düsterheit bekannt ist, was „Too Many Friends“ mit seiner Pianountermalung exemplarisch zum Ausdruck bringt – ein Song, der die einsame Verlorenheit im digitalen Zeitalter praktisch definiert.
Allerdings können die Briten auch anders, sei es mit schwerer Industrial-Schlagseite („Space Monkey“) oder auch ganz offiziell spaßig, denn nach rund 80 Minuten wird der melancholische Teil von Brian Molko als beendet erklärt und es beginnt mit „For What It’s Worth“ der Partyteil der Geburtstagsfeier. Dementsprechend springen sämtliche Anwesenden auch im Takt des Songs, während die Beats aus den Boxen hämmern. Mit „Song To Say Goodbye“ und „The Bitter End“ beenden PLACEBO ihr Hauptset mit zwei absoluten Krachern, nur um nach gut fünf (vom Publikum mit Applaus überbrückten) Minuten auf die Bühne zurückzukehren. „Nancy Boy“ wird dabei zum Statement für Toleranz und Offenheit, sei es aufgrund der vorangestellten Ansage oder auch des Regenbogen-Basses von Stefan Olsdal. Mit „Infra-Red“ und „Running Up That Hill“ schließen zwei Songs das Set ab, die sämtliche Trademarks der Band noch einmal aufgreifen und den Abend gelungen abrunden.
- Pure Morning
- Loud Like Love
- Jesus‘ Son
- Soulmates
- Special Needs
- Lazarus
- Too Many Friends
- Twenty Years
- I Know
- Devil in the Details
- Space Monkey
- Exit Wounds
- Protect Me from What I Want
- Without You I’m Nothing
- 36 Degrees
- Lady of the Flowers
- For What It’s Worth
- Slave to the Wage
- Special K
- Song to Say Goodbye
- The Bitter End
- Teenage Angst
- Nancy Boy
- Infra-red
- Running Up That Hill (A Deal with God)
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War schon die Vorband wirklich unterhaltsam, so war die Show des Headliners etwas wirklich beeindruckendes. Auch nach zwanzig Jahren Bandgeschichte haben PLACEBO nichts von ihrer Relevanz eingebüßt, begeistern ihre Fans mit genialen Kompositionen und mitreißenden weil authentischen Emotionen. Ganz großes Kino und sicher eines der Konzerthighlights 2016.

Ja, gab es – die Videos, den Applaus und Molkos Emotionalität. Das war ein echter Gänsehautmoment, da stimme ich dir zu,
Absoluter Gänsehautmoment auch die Videos von Placebo mit David Bowie bei Without You I’m Nothing. In Antwerpen gab es danach minutenlange Standing Ovations für Bowie bzw das Tribut an ihn. DER Moment wenn ich an die Show zurück denke, Molko war auch sichtlich bewegt. Gabs das in Stuttgart auch?