Kreator - Hate Über Alles Cover

Review Kreator – Hate über alles

  • Label: Nuclear Blast
  • Veröffentlicht: 2022
  • Spielart: Thrash Metal

Mit zunehmendem Alter reflektierter auf die Welt zu blicken ist gemeinhin von Vorteil. Als Sänger einer Metal-Band steht man damit aber auch vor einem Problem: Irgendwann passen die Texte des früheren Ich, etwa über endlose Schmerzen, die Freude am Töten oder die Flagge des Hasses, nicht mehr zum gereiften Weltbild. Und da Mille Petrozza mit Fug und Recht als reflektiert und gereift bezeichnet werden kann, hat der Fronter von KREATOR mittlerweile nicht nur den Spagat zwischen den Inhalten seiner alten Texte und seinen heutigen Ansichten zu meistern, sondern auch den zwischen seinen Ansichten und der Musik. Denn wenngleich Thrash Metal seit jeher das vielleicht politischste Metal-Genre war, kam er doch selten ohne Hass aus.

Doch „Hate is the virus of the world“, versucht Mille im Titeltrack (Thema: Social-Media-Hass) klarzustellen. Auch sonst schlägt er auf dem unverkennbar ironisch mit „Hate über alles“ betitelten Album oft sozialkritische Töne an – sei es im Hinblick auf patriarchale Machtstrukturen („Strongest Of The Strong“) oder den Klimawandel („Dying Planet“). Und doch, so scheint es, wollen KREATOR auch nicht ganz von ihren Wurzeln ablassen: Zwischen besagten Songs finden sich Tracks mit Titeln wie „Killer Of Jesus“, „Conquer And Destroy“ (beide Texte liegen nicht vor) oder „Midnight Sun“ mit seinem so kitschigen wie inhaltsleeren Refrain Would you kill? Would you kill for me? Would you die for me? Would you join me under midnight sun?“ Und auf dem Cover erhängt, erstickt und ersticht das Bandmaskottchen munter alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist. So ganz konsequent wirkt das nicht.

Ähnliches lässt sich über die Musik sagen, die KREATOR auf ihrem nunmehr 15. Album in sagenhaften 40 Jahren Bandgeschichte (ab Bandgründung als Metal Militia gerechnet) zusammengetragen haben. Nachdem sich die Band stilistisch seit dem herrlich rohen „Hordes Of Chaos“ mit „Phantom Antichrist“ und „Gods Of Violence“ immer weiter in Richtung Heavy Thrash entwickelt hatte, setzen die Essener bei „Hate über alles“ mehr denn je auf Eingängigkeit: „Musikalisch wollte ich ein bisschen greifbarer und kompakter werden“, wird Mille im Begleittext zum Album zitiert. „Wir wollten eingängige Songs schreiben, die die Leute live feiern können. Im Thrash oder generell im Metal sind vermeintliche Genre-Regeln bisweilen wichtiger als die Qualität der Songs. Mir persönlich ist das Genre im Grunde aber egal, es gibt nur gute und schlechte Songs.“ Das alles trifft auf „Hate über alles“ zu. Das Album ist eingängig, hat Songs, die live gefeiert werden können und bricht mit vermeintlichen Genre-Regeln. Aber es hat eben auch gute und schlechte Songs.

Übergeht man das sehr verzichtbare Intro „Sergio Corbucci Is Dead“, das in Zusammenarbeit mit Fleshgod Apocalypse als Hommage an den in Bildungsbürgerkreisen mittlerweile en vogue gewordenen Italo-Western geschrieben wurde, startet das Album extrem stark: Der Titeltrack „Hate über alles“ ist eine so schmissige wie klassische KREATOR-Nummer im bestem „Coma Of Souls“-Stil, an die „Killer Of Jesus“ nicht minder flott anschließt. Für „Crush The Tyrants“ nehmen KREATOR dann etwas Tempo raus – da dies anderweitig nicht kompensiert wird, geht damit leider jeglicher Biss verloren. Und auch das folgende „Strongest Of The Strong“ ist längst nicht der stärkste aller starken KREATOR-Songs.

Suggeriert die Songanordnung bis hierhin schon, Mille hätte nach einem hochmotivierten Beginn im Verlauf der ersten fünf Songs zusehens die Lust am thrashen verloren, verstärkt die zweite Albumhälfte diesen Eindruck nochmals. Just ab der Albummitte werden KREATOR nämlich experimentierfreudig, was positiver klingt, als es gemeint ist. Denn anders als auf „Endorama“, das zweifelsohne ein von überbordender Kreativität getriebener Vorstoß in neue Gefilde war, arbeiten sich KREATOR im weiteren Verlauf von „Hate über alles“ an diversen derzeit im Metal „angesagten“ Genres und Elementen ab. „Become Immortal“ startet rockig und gipfelt in einem schwülstigen „Oh-Oh-Chor“, der einer Band wie Ensiferum besser zu Gesicht gestanden hätte. Auch „Conquer And Destroy“ – als melodischer Thrasher gestartet – verläuft sich nach einigen Gitarrensoli in an Pagan Metal erinnernden Chören. Dass daran der deutsche Indie-Popstar Drangsal mitwirkt, mag Mille ein verschmitztes Lächeln ins Gesicht zaubern, dürfte das Stück für KREATOR-Fans aber auch nicht retten. Noch ärger hat es „Midnight Sun“ erwischt: Das Metal-Riffing wird hier von einem Duett zwischen Mille und Indie-Pop-Sängerin Sofia Portanet konterkariert, das musikalisch und – wie eingangs erwähnt – auch textlich kitschiger kaum sein könnte.

Nach dem straighten Ohrenputzer „Demonic Future“ zeigt „Pride Comes Before The Fall“, wie stilistisch aufgeschlossener Thrash Metal auch klingen kann: melodiös und trotzdem hart, mit einem ruhigen Mittelteil inklusive Klargesang und einem wuchtigen Abschluss. Gemessen daran fehlt es „Dying Planet“ als Rausschmeißer zwischen Cleangitarren-Intro und -Outro zwar etwas an Innovation – gegenüber manch anderem Song der zweiten Albumhälfte ist der Track aber zumindest in sich stimmig.

Mit dem durchweg gelungenen Sound des amerikanischen Produzenten Arthur Rizk (u. a. Ghostemane, Power Trip, Cavalera Conspiracy) und einem Artwork des derzeit so angesagten Cover-Künstlers Eliran Kantor (u. a. Bloodbath, Crowbar, Heaven Shall Burn, Soulfly, Testament) wären die Rahmenbedingungen für ein im besten Sinne zeitgemäßes Thrash-Album gegeben gewesen. KREATOR aber wollten mit „Hate über alles“ offensichtlich mehr – etwa gleichzeitig traditionell und hip klingen, gleichzeitig brutal und woke sein, gleichzeitig Thrash Metal spielen und nicht als tumbe Thrash-Metal-Band wahrgenommen werden. So ein Spagat kann klappen oder nach Verrenkung klingen. Oder, wie hier, beides gleichzeitig.

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Wertung: 7 / 10

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Ein Kommentar zu “Kreator – Hate über alles

  1. Ich besitze das Album leider noch nicht (da die neue BELPHEGOR ebenfalls in den Startlöchern steht), hörte es aber nebenbei bereits auf Youtube.
    Geht ab wie ein Zäpfchen, die beschriebene Eingängigkeit kennt (liebt oder hasst) man bereits von den Vorgängern, welche mir ausgesprochen sehr gut gefielen.
    Pendelt bei mir auch so zwischen 7 und 8 Punkten.

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