CD-Review: Northlane - Alien

Besetzung

Marcus Bridge - Gesang
Jonathan Deiley - Gitarre
Josh Smith - Gitarre
Brendon Padjasek - Bass
Nic Pettersen - Schlagzeug

Tracklist

01. Details Matter
02. Bloodline
03. 4D
04. Talking Heads
05. Freefall
06. Jinn
07. Eclipse
08. Rift
09. Paradigm
10. Vultures
11. Sleepless


Stillstand – ein Wort, das im Hause NORTHLANE wohl niemand kennt. In ihrer erst zehnjährigen Bandgeschichte brachten die Australier bereits zwei EPs (eine davon als Split mit In Hearts Wake) sowie Anfang August ihr bereits fünftes Album auf den Markt. Nicht nur anhand der Produktivität lässt sich diese These beweisen. Auch die Band an sich entwickelte sich stetig weiter. Waren die ersten beiden Alben geprägt von aggressiven und djentigen Gitarren, so klangen die Nachfolger atmosphärischer und progressiver. Auch der Sängerwechsel im Jahre 2014 hinterließ seine Spuren: So ist Marcus Bridges Stimme deutlich weicher und klarer als die seines Vorgängers Adrian Fitipaldes. Nun brechen die fünf Jungs aus Sydney wieder einmal mit sich selbst, denn ihr neues Album „Alien“ erforscht Gefilde, in die sich die Band bislang nicht hervorgewagt hat.

Denn „Alien“ strotzt nur so vor elektronischen Spielereien. Zwar waren diese Elemente bereits Teil der gesamten Bandgeschichte, jedoch nie so offensichtlich und dominant in den Sound eingebaut. Spielen die Australier auf „Alien“ also Industrial Metal, Progessive Metal oder doch Metalcore? Und vor allem: Wie klingt dieser erneute Sprung ins Ungewisse? Mag diese Frage alteingesessene Fans zum zweiten Mal zum nervösen Rotieren animieren, so kann man diese beruhigen. Denn NORTHLANE klingen auf „Alien“ so frisch, unberechenbar und interessant wie seit ihrem zweiten Album „Singularity“ aus dem Jahre 2013 nicht mehr. Zwar mögen die ersten Durchläufe der Platte gewöhnungsbedürftig und befremdlich (pun intended) klingen, jedoch entfaltet sie nach und nach ihr volles Potential. Zusätzlich dazu kehrt auch die Härte zurück, die viele Fans auf den mehr auf Atmosphäre ausgelegten „Node“ und „Mesmer“ schmerzlich vermisst haben.

Die Devise lautet also: Schweißperlen abwischen und „Alien“ noch eine Chance geben. Und plötzlich wirken die ersten Töne von „Details Matter“ nicht mehr abschreckend, sondern höchst interessant. Die Strophen kommen gänzlich ohne Gitarren daher, während Marcus Bridge so leidenschaftlich wie noch nie über einen verzerrten, elektronischen Beat brüllt. Mit dem Refrain setzen auch die tiefer gestimmten Gitarren wieder ein und verleihen dem Song eine drückende Dynamik, die mit den prägnanten Techno-Elementen d’accord geht. In eine ähnliche Kerbe schlägt die Lead-Single „Bloodline“, in der jedoch vermehrt auf Clean-Vocals gesetzt wird. Die Saitenfraktion um Lead-Gitarrist Jonathan Deiley geht auf „Alien“ grundsätzlich weniger filigran vor als auf den bisherigen Werken und wirkt oft eher unterstützend als tonangebend. Auch Nic Pettersen hinter den Kesseln reagiert sich lieber auf seinen E-Drums ab, als auf das altbekannte Fell einzuknüppeln. Dennoch blitzen immer wieder die NORTHLANE auf, die sich über die Jahre eine treue Fanbase erarbeitet haben: Das atmosphärische „4D“ glänzt mit seinem eingängigen Refrain sowie einem kurzen, aber tollen Solo, „Vultures“ könnte als klassischer NORTHLANE-Song auch auf „Singularity“ oder „Discoveries“ stehen und das djentige „Paradigm“ dürfte auch entwicklungsresistenten Hörern Freude bereiten.

Überwiegend sind jedoch ohne Frage die Überraschungen. So kommt „Eclipse“ mit einem stark an Rammstein erinnernden Riff daher, während die Dissonanzen in „Talking Heads“ als weiteres Element in den Ring geworfen werden. Wurde zudem seit Bridges Einstieg als Sänger vermehrt auf Clean-Vocals gesetzt, darf er auf „Alien“ endlich seine Klasse als Shouter unter Beweis stellen. Zwar klingt sein gutturaler Gesang nicht so eigenständig wie der seines Vorgängers, jedoch druckvoller und aggressiver als bisher. Dass dies an den sehr persönlichen Themen der Platte liegt, scheint nicht weit hergeholt. Aufgewachsen mit zwei drogenabhängigen Eltern thematisiert Bridge seine Kindheit und sein Ausbrechen aus kriminellen und gewalttätigen Verhältnissen. Dass er sich diesen Frust mit beeindruckender Power von der Seele brüllt, lässt „Alien“ nicht nur instrumental, sondern auch gesangstechnisch neue Sphären erreichen.

Während viele Bands des Genres eher Rückschritte machen oder sich seit Jahren wiederholen, lösen sich NORTHLANE abermals von jeglichen Konventionen. Dabei verpassen sie nicht nur sich selbst einen rundum erneuerten Anstrich, sondern zeigen den Kollegen, wie Weiterentwicklung funktioniert. Denn „Alien“ ist anders, hart, emotional und eingängig. Um die verschiedenen Facetten und die ineinandergreifenden Zahnräder in voller Pracht genießen zu können, sollte man dem fünften NORTHLANE-Album jedoch ausreichend Raum und Zeit geben. Und die Frage nach dem Genre? Die dürfte bei einem Album dieser Qualität so irrelevant wie selten sein.

Bewertung: 8 / 10

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