Review Rome – The Hierophant

Ein ereignisreiches Jahr 2025 liegt hinter Jérôme Reuter alias ROME. Es gibt nicht nur 20 Jahre des Bestehens zu feiern, im April erschien mit „Civitas Solis“ auch ein neues Album. Mit „Aster und Edelweiß“ brachte er zudem seinen Material-Ambient-Zyklus zum Abschluss. Neben zwei Compilations und dem aufgearbeiteten „Flowers From Exile“ absolvierte ROME ausgiebige Touren, bevor zum Jahresende mit „The Hierophant“ und „The Tower“ gleich zwei weitere Alben folgten. Angesichts dieses Outputs stellt sich unweigerlich die Frage, woher Reuter Zeit und Inspiration für derart konstante Veröffentlichungen nimmt – und ob dies zu Lasten der Qualität geht.

Mit „The Hierophant“ und „The Tower“ bringt ROME zwei sehr introspektive Alben parallel heraus, die trotz ähnlicher Instrumentierung und musikalischer Parallelen deutlich unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Während „The Tower“ stärker auf Atmosphäre und Abstraktion baut, entfaltet „The Hierophant“ seine Wirkung vor allem über Erzählung, Symbolik und eine spürbar persönlichere Ansprache. Der Opener „Secret Harbour“ zieht den Hörer sofort in eine unruhige, beinahe rituelle Klangwelt. Neofolk-Elemente, sanfte Perkussion und dezente Klangfarben erzeugen cineastische Spannung, bevor Reuter mit akustischer Gitarre und eindringlichem Gesang für Wärme sorgt. Die wiederkehrenden, fast beschwörenden Textzeilen verleihen dem Stück eine sakrale Aura – irgendwo zwischen Predigt und dunklem Gleichnis. Inhaltlich bewegt sich das Album häufig im Spannungsfeld zwischen Scheitern, Berufung und Erneuerung und bedient sich dabei einer stellenweise religiös aufgeladenen Bildsprache.

Musikalisch wird es mit „The Harvest Is Not Here“ nach dem Opener bekömmlicher. Das Stück schlägt einen offeneren Ton an, bleibt inhaltlich jedoch schwer. Reflexive Americana-Anleihen treffen auf resignative Bilder, die dennoch eine eigentümliche Strahlkraft entwickeln. Mit „Days Of Assembly“ nähert sich ROME klassischem Neofolk, ergänzt durch zurückhaltende Bläser, die Hoffnung andeuten, ohne die Grundmelancholie zu verdrängen. Düsterer wird es erneut mit „On Sorrow’s Embarkement“, das durch chorartige Passagen, fragmentierte Vocals und bedrohliche Motive fast schon albtraumhafte Züge annimmt. Hier zeigt sich Reuter als Geschichtenerzähler, der Unbehagen gezielt einsetzt. Seine Stimme fungiert dabei weniger als klassisches Gesangsinstrument, sondern vielmehr als beschwörendes, führendes Element. „The Chalice And The Blade“ kontert diese Schwere mit einer nachdenklichen, beinahe tröstenden Note und thematisiert Neubeginn im Angesicht von Verlust.

„When Light Is Gone“ punktet mit direkter Emotionalität, während „The Great White Hopeless“ maritime Bilder aufgreift und eine zeitlose, balladenhafte Stimmung erzeugt. Besonders eindringlich fällt „My Frail Ambassador“ aus, dessen flüsternde Vocals und existenzielle Fragen lange nachwirken. Statt auf einzelne Höhepunkte setzt „The Hierophant“ insgesamt auf einen geschlossenen Spannungsbogen, der sich vor allem im Albumkontext vollständig erschließt.

„The Hierophant“ ist kein leicht zugängliches Album, aber ein konsequentes und intensives Werk. Es erreicht vielleicht nicht die universelle Größe, die es thematisch anstrebt, überzeugt jedoch durch Tiefe, Atmosphäre und eine bemerkenswerte literarische Ambition. Für ROME-Fans ist es ein essenzieller Bestandteil eines außergewöhnlichen Veröffentlichungsjahres – für alle anderen wohl nicht der am besten geeignete Einstieg, aber ein eindrucksvoller Beleg für Jérôme Reuters künstlerische Konstanz nach zwei Jahrzehnten.

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Wertung: 7 / 10

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