CD-Review: Sigh - In Somniphobia

Besetzung

Mirai Kawashima – Gesang, Keyboards, Programmierung, Samples
Shinichi Ishikawa – Gitarre
Satoshi Fujinami – Bass
Junichi Harashima – Schlagzeug
Dr. Mikannibal – Saxophon, Gesang

Tracklist

01. Purgatorium
02. The Transfiguration Fear
Lucid Nightmares
03 i) Opening Theme: Lucid Nightmare
04 ii) Somniphobia
05 iii) L'excommunication a Minuit
06 iv) Amnesia
07 v) Far Beneath the In-Between
08 vi) Amongst the Phantoms of Abandoned Tumbrils
09 vii) Ending Theme: Continuum
10. Fall to the Thrall
11. Equale
i) Prelude
ii) Fugato
iii) Coda


SIGH ist wohl eine der größten Wundertüten der metallischen Jetztzeit. Man kann sich nie wirklich auf das neue Album einstellen, egal was man sich vorstellt, diese verrückten Japaner können doch wieder überraschen. Ob nun die alten Black-Metal-Tage, das poppige „Gallow’s Gallery“, das thrashig-orchestrale „Hangman’s Hymn / Musikalische Exequiem“… Oder das bis 2012 aktuelle angeschwärzte Album „Scenes From Hell“, das durch seinen gewollt rohen und primitiven Sound polarisierte.

„Scenes From Hell“ fanden viele geil, dank dem dumpfen Klang und der zurückgekehrten Horroratmosphäre der alten Tage konnten einige damit aber auch wenig anfangen, zugänglich ist halt anders. „In Somniphobia“ geht zumindest soundtechnisch wieder andere Wege; druckvoll, klar und differenziert ist hier alles. Völlig egal sind alle Gedanken an Vergangenheit und Technik aber, wenn einem die ersten beiden Tracks „Purgatorium“ und „The Transfiguration Fear“ entgegenschallen. Mit gewohnter Unkonventionalität werden klassische Heavy-Metal-Riffs, spacige Keyboards, hymnische Melodien, instrumental und orchestral überwältigende Wucht und fieses Gekeife miteinander verbunden, als gäbe es trotz all dem Chaos und Durcheinander nichts Logischeres. Da sitzt jeder Ton, jede Wendung und jedes Element passt perfekt an seine Stelle. Ob verstörende Chöre, hyperfröhliche Gitarrenleads, Elektrospielereien, rhythmisches Klatschen, Morricone-esques Pfeifen oder ein Saxophonsolo – Irrsinn und Wahnsinn sind Programm.

Doch wer sich nun in trügerischer Sicherheit wiegt, der Rest des Albums würde in halbwegs geordneten Bahnen – für SIGH-Verhältnisse, versteht sich – verlaufen, der bekommt nun den zwei Drittel des Albums einnehmenden „Lucid Nightmare“-Konzeptabschnitt vor den Latz geknallt. 42 Minuten lang dauert der Mittel- und Hauptteil von „In Somniphobia“ und aufgrund der wahnsinnigen Vielseitigkeit fehlen mir schlicht die adäquaten Worte. Das Orchester weicht einer Vielzahl an exotischen Instrumenten, die zum Teil Geräusche erzeugen, die ich so kaum oder noch nie gehört habe. Oder die Kombination macht die Einzigartigkeit aus, ich weiß es nicht. Saxophon, Trompete, Akkordeon, Maultrommel, Sitar, die indische Sarangi, Synthesizer… Ach ja, Gitarre, Bass und Schlagzeug sind auch noch dabei und wohl noch so viel mehr. Selten hat mich Musik so heftig in seinen Bann gezogen, so hypnotisiert, so eingenommen und in sich gesogen. SIGH waren ja schon immer berühmt und berüchtigt für ihre Abwechslung, hier setzen sie dem ganzen aber noch die Krone auf und hieven ihr eigenes Schaffen auf ein neues, höheres Level.

Ich höre „Amnesia“, werde von diesem Elektro-Saxophon-Stoner-Doom in Trance versetzt. „Far Beneath the In-Between” setzt danach alles daran, mit schleppendem Grim-Akkorden-Black-Metal diesen Zustand zu festigen. Es gelingt. SIGH ziehen mich in ihre eigene kranke, wahnsinnige Welt hinein. Ich bin verstört, paralysiert. Es ist faszinierend, wie wohlig sich diese Unbehaglichkeit anfühlt. Ein lautes Klingeln, ein sanftes Klavierspiel – ich erwache langsam aus einem wachtraumähnlichen Zustand. Haben mich SIGH rein mit ihrer Musik unter Drogen gesetzt? Setzen sich die auf den ersten Blick losen instrumentalen Enden nur in meinem Kopf zusammen, oder ist es tatsächlich das geniale und auf alle Konventionen pfeifende Songwriting?

„Lucid Nightmares“ findet nach dem „Ending Theme“ sein Ende, durch das nun sehr unerwartete „Fall To The Thrall“ kehrt die musikalische Realität wieder zurück in den Raum, es schließt nämlich direkt an die ersten beiden Tracks an, das dreiteilige „Equale“ lässt das neunte Album der Japaner dann perfekt ausklingen.
„In Somniphobia“ ist so mächtig und vielseitig, dass es anfangs nur schwer zu umfassen ist. Ungeteilte Aufmerksamkeit vorausgesetzt ist es dann wie bei jedem SIGH-Album: Allzu leicht kommt man da nicht rein, hat man aber Zugang zum sperrigen Material gefunden, offenbaren sich intelligente Strukturen und wahre Genialität. Ein Meisterwerk in eigenen Sphären, ein klarer Anwärter auf die Toplisten 2012 und wohl die bisher beste SIGH-Veröffentlichung.

Bewertung: 10 / 10

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