Review Xasthur – Victims Of The Times

Obwohl der Kapitalismus uns vorgaukelt, der gesamten Gesellschaft als treibende Kraft der Innovation Wohlstand zu bringen, sieht die Realität für viele ganz anders aus. Während massenweise Wohnraum aus blanker Gewinnsucht unter Verschluss gehalten wird, müssen zahlreiche Menschen ihr Dasein ohne Zuhause auf der Straße fristen. Und machen wir uns nichts vor: Es könnte nahezu jede*n von uns treffen. Ein Unfall, eine psychische Erkrankung, ein Bruch mit der Familie, ein (womöglich pandemiebedingter) Jobverlust – oft braucht es nur ein einziges Unglück und man findet sich auf kaltem Asphalt gestrandet wieder. Auf ihrem zehnten Album „Victims Of The Times“ lenken XASTHUR den Blick schonungslos auf diese hässliche Wahrheit.

Mit Obdachlosigkeit, aber auch mit oft damit verknüpften Themen wie Drogensucht und Depressionen, hat Bandkopf Scott Connor, der XASTHUR nach „Portal Of Sorrow“ (2010) von einem Depressive-Black-Metal-Soloprojekt in eine Acid-Folk-Band umfunktioniert hat, sich zuvor bereits auseinandergesetzt. Dennoch unterscheidet „Victims Of The Times“ sich gravierend von seinen Veröffentlichungen unter dem zwischenzeitlich angenommenen Namen Nocturnal Poisoning wie auch von der Vorgängerplatte „Subject To Change“ (2016). Denn Connor hat während der Entstehung des Albums selbst den Albtraum, den unsere Wegschau-Gesellschaft zu verdrängen sucht, durchlebt und seinen Wohnsitz verloren.

So kreierte er die Platte über Jahre hinweg als Vagabund, nahm sie stückweise an seinen kurzfristigen Aufenthaltsorten auf. Den Luxus ausgiebiger Recording-Sessions in einem gut ausgestatteten Studio hatte Connor nicht, was man der Musik nur zu deutlich anhört. In unverblümten Worten: „Victims Of The Times“ klingt fürchterlich – und das muss es gewiss auch. Die melancholische Eleganz, mit der XASTHUR sich noch auf „Subject To Change“ mitteilten, ist hier vollkommen verschwunden.

Tatsächlich klingen die 22 teils rein instrumentalen Songs, die zusammen knapp 70 Minuten andauern, als seien sie mit der Hast eines ständig von der nächsten Delogierung Bedrohten geschrieben und aufgenommen worden. Den Komfort lyrischer Subtilität können XASTHUR sich inzwischen offenbar ebenso wenig leisten wie Feingefühl beim Arrangieren des teils weh-, teils anklagenden Gesangs. Borstige, verdreht klingende Akustik- und Bassgitarren irren in den Stücken ziellos umher („In Search Of Sanity“), unterlegt von ominösen Keyboards, die einer mahnenden Heimsuchung gleichen („Allegiance To The Meaningless“). Die Produktion grob und die Performances holprig zu nennen, wäre eine Untertreibung.

„Victims Of The Times“ ist beileibe kein gelungenes oder auch nur erträgliches Album. Es ist das ungeschönte Portrait eines Heimatlosen: aufgedunsen wie vor Schmutz starre Füße, schief sitzend wie zerschlissene, über Monate getragene Kleidung, ohne Ziel und ohne Hoffnung. Obwohl und vielleicht sogar gerade weil ihr zweites Americana-Album so miserabel ist, haben XASTHUR damit ein Werk geschaffen, das seiner angesichts seiner Umstände unabwendbar niedrigen Punkte-Wertung trotzt. Denn an einer Wirklichkeit, in der vorhandener Wohnraum Menschen absichtlich verwehrt wird, gibt es nichts zu beschönigen. Man kann „Victims Of The Times“ nicht guten Gewissens weiterempfehlen – gehört haben sollte man es trotzdem.

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Wertung: 3 / 10

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2 Kommentare zu “Xasthur – Victims Of The Times

  1. Bei allem respekt für ihre expertise, aber „die“ xasthur hat es nie gegeben-Scott CONNER (Walker??) aka Malefic stand / steht als (ehemals) „one-man-metal“ hinter xasthur (jetzt halt dark folk/americana). Einzigst mit nocturnal poisoning war er im verband als Musiker tätig.
    Gruß

    1. Hi Roland,

      oh weh, da hat sich der Fehlerteufel bei mir aber arg böse eingeschlichen. Dabei hatte ich beim Schreiben eigentlich nicht mal bewusst an Scott Walker (den anderen amerikanischen Solokünstler) gedacht – ich habe keine Erkärung dafür, wie es zu diesem Verschreiber kommen konnte. Er ist jetzt jedenfalls korrigiert.
      Dass Xasthur ein Soloprojekt ist (bzw war) habe ich im Text allerdings erwähnt. Das neue Album scheint Conner jedenfalls nicht allein aufgenommen zu haben – ob es sich da aber um ein festes Bandgefüge oder bloß um Sessionmusiker handelt, ist manchmal etwas schwer nachzuvollziehen. Da die besagten Musiker mit Conner aber zuvor bereits zusammengearbeitet haben, gehe ich davon aus, dass hier schon eine gewisse Kontinuität vorliegt.
      Auf meine Expertise bilde ich mir jedenfalls nicht viel ein – ich habe in dem Review lediglich meine Gedanken zu dem Album festgehalten und das hat freilich keinen Anspruch auf Objektivität. Flüchtigkeitsfehler wie die falsche Namensnennung sollten natürlich dennoch nicht passieren und ich hoffe, dass ich keine weiteren übersehen habe.

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